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Können Sie kurz erläutern
was eine Aufhebung der Milchkontigentierung, wie es in der AP 2007 vorgesehen
ist, für die Alpwirtschaft bedeutet?
In einem früheren Interview habe ich einmal gesagt,
dass nach einer Aufhebung der Milchkontingentierung die Milch vereinzelter
Produzenten, das heisst in Gebieten mit ungenügender Milchdichte, nicht
mehr abgeholt werden dürfte. Dies wurde dann zur Aussage hochstilisiert,
die Milchkuh würde aus dem Berggebiet verschwinden. Das ist ein generelles
Problem, das ich mit den Journalisten habe. Oft versuchen sie, meinen vorsichtigen
Aussagen etwas konfliktuellen Pepp zu geben. Beim Gegenlesen führe ich
sie jeweils wieder auf den ursprünglichen Inhalt zurück. Dieses
eine Mal habe ich offensichtlich zu wenig aufgepasst, was in der agrarpolitischen
Szene für Wirbel gesorgt hat.
Sehen Sie trotz Auflösung
der Milchkontigentierung Möglichkeiten für das Berggebiet seine
Milchproduktion zu erhalten?
Selbstverständlich wird im Berggebiet weiterhin
Milch produziert werden. Eine Analyse von Professor Lehmann an der ETH Zürich
ergab eine Abnahme der Milchproduktion im Berggebiet um 18 %. Wir wissen
jedoch, dass die Bauern anders reagieren als ökonomische Modelle und
haben deshalb die ETH mit weiteren Untersuchungen beauftragt. Mit einer Befragung
der Bauern selbst wollen wir herausfinden, was sie nach einer Aufhebung der
Kontingentierung wirklich tun werden. Bis dahin gehen wir vom BLW davon aus,
dass im Berggebiet dort weiter Milch produziert wird, wo eine genügende
Milchdichte herrscht und vor allem auch dort, wo eine gute Verwertung mit
hoher Wertschöpfung besteht. Für hochwertigen Käse fallen
die Transportkosten kaum ins Gewicht, dies im Gegensatz zur Milch, in der
rund 87 Prozent Wasser mitgeführt werden.
Die Alpsennerei hat in der Schweiz
eine alte Tradition. Ohne Milchkühe kann aber kein Alpkäse produziert
werden. Wird die Tradition der Wirtschaftlichkeit bei der Milchproduktion
geopfert oder werden Milchkühe aus dem Unterland die jetzigen Milchkühe
des Berggebiets auf den Alpen ersetzen?
Damit ist auch gesagt, dass die Tradition der Kuhalpung
nicht verschwindet. Sie gehört zur Wirtschaftlichkeit einer Kuhhaltung
im Berggebiet, der Alpkäse ist in der Regel ja ein Produkt mit hoher
Wertschöpfung. Ausserdem besteht keine Gefahr, dass die Alpwirtschaft
durch eine Reduktion der Sömmerungsbeiträge gefährdet wird,
ist doch die dafür eingesetzte Summe vor zwei Jahren um 40 Prozent erhöht
worden. Dass künftig etwas mehr Kühe aus dem Unterland zAlp
gehen, ist wohl möglich, aber eigentlich lässt sich die Frage heute
nicht beantworten.
Alpkäse hat im Gegensatz zum
Talkäse keine Absatzprobleme. Müsste nicht mehr Alpkäse produziert
werden?
Tatsächlich kennen viele Alpkäse keine Absatzprobleme,
was eine grosse Chance für die Alpwirtschaft ist. Wo die Nachfrage wirklich
gross ist, besteht auch kein Anlass, die sinkende Tendenz beim Milchpreis
mit zu machen. Die Absatzmöglichkeiten und der Preis sollen jedoch in
erster Linie jene Anreize sein, welche allenfalls eine Mehrproduktion auslösen;
und nicht irgendwelche zusätzlichen staatlichen Massnahmen. Unterstützung
findet der Absatz natürlich, wenn der Name des Alpkäses als Ursprungsbezeichnung
geschützt werden kann, wie dies beispielsweise beim Etivaz aus dem Pays
dEnhaut im Kanton Waadt der Fall ist. Seit diesem Sommer hat auch der
Formaggio dalpe ticinese seine geschützte Ursprungsbezeichnung
(AOC) und der Berner Alpkäse ist auf dem besten Weg dazu.
Gemäss Forschungsresultaten
der FAM sind Produkte aus Alpenmilch infolge veränderten Fettsäuremustern
gesünder. Dieses Phänomen ist der Alpenvegetation als Futtergrundlage
zu verdanken. Müsste deswegen das Alpgebiet nicht erst recht zum Milchproduktionsgebiet
erklärt werden?
Es ist naheliegend, dass solche Vorteile unserer Naturprodukte
vermehrt als Verkaufsargument genutzt werden müssen.
Wo müsste Ihrer Meinung nach
rein ökologisch betrachtet Milch produziert werden, im Berg- oder/und
Talgebiet?
Kühe sind die schwersten Tiere, die bei uns auf
den Weiden grasen. An Steilhängen und bei Nässe verursachen sie
die grössten Schäden und den höchsten Aufwand zur Wiederherstellung.
Wahrscheinlich wäre es nicht falsch, wenn auf den steilsten heute mit
Milchkühen bewirtschafteten Betrieben künftig junge Rinder, Ziegen,
Schafe oder Lamas gehalten würden und die Milchproduktion andern Betrieben
im Berg- oder Talgebiet überlassen würde. Unter Einhaltung des
ökologischen Leistungsnachweises ist die Milchproduktion in beiden Regionen
unproblematisch. Der Kostenunterschied zwischen Berg und Talgebiet dagegen
dürfte bei der Milchproduktion grösser sein als bei der Viehaufzucht.
Deshalb galt früher die reine Milchproduktion im Tal- und die Aufzucht
im Berggebiet als traditionelle Arbeitsteilung, welche bei Einführung
der Milchkontingentierung als gefährdet deklariert wurde. Um sie zu
erhalten, wurden die Zusatzkontingente für aus dem Berggebiet zugekaufte
Tiere eingeführt. Beim Kontingentshandel wurde dann allerdings der Verkauf
von Kontingenten vom Berg- ins Talgebiet grundsätzlich verboten. Als
Ausnahme kann ein Bergbauer, der die Aufzucht von einem Talbauern übernimmt,
diesem sein Kontingent für die Dauer der Zusammenarbeit abtreten. Auch
hier gab es wieder Leute, die einen massiven Milchabfluss befürchteten.
Es zeigte sich, dass in den beiden ersten Jahren über diesen Kanal per
Saldo gleich viel Kontingent ins Tal floss wie durch normale Übertragungen
vom Tal- ins Berggebiet zurück kam. Innerhalb des Berggebietes gab es
allerdings Regionen mit Verlusten und solche mit Gewinnen. Meine Schlussfolgerung
ist die, dass die Bauern ohne komplizierte Regelungen auf ihren Betrieben
wahrscheinlich ökologisch und ökonomisch noch vernünftiger
produzieren würden.
Ein grosser Teil der Biobetriebe
liegt heute im Berggebiet. Könnte bei einer Verschiebung der Milchproduktion
ins Tal die Nachfrage nach Biomilch gesättigt werden? Würde dies
eine Ökologisierung des Talgebietes beschleunigen?
Die Nachfrage nach Biomilch ist eine Chance sowohl für
das Berg- als auch für das Talgebiet. Die biologische Produktion verursacht
auf Grünland weniger Zusatzaufwand als im Ackerbau. Der Grünlandbetrieb
hat diesbezüglich im Talgebiet kaum Nachteile gegenüber dem Bergbetrieb.
Die Nachfrage nach Biomilch wird deshalb befriedigt werden können, auch
wenn sie noch beträchtlich steigt, solange die Preisdifferenz zur normalen
Milch genügt. Über diese Differenz wird das Gleichgewicht zwischen
Angebot und Nachfrage nach Bioprodukten reguliert. Solange weder im Berg-
noch im Talgebiet alle Bauern biologisch produzieren, führt ein Nachfragewachstum
bei der Biomilch zu einem kleinen Ökologisierungseffekt in beiden Regionen.
War die industrielle Milchproduktion
in der Schweiz in den letzten zehn Jahren wirtschaftlich gesehen gewinnbringend?
Wird sie es in den kommenden Jahren sein?
In der Schweiz haben wir keine industrielle Milchproduktion.
Betriebe mit mehr als 100 Kühen sind selten. Alles sind bäuerliche
Betriebe, in denen eine Person oder Personengemeinschaft nicht nur das Kapital
investiert, sondern auch den Betrieb führt und darauf arbeitet. Ausnahmen
sind die Staats- und wenige andere Verwalterbetriebe. Das ist von der Verfassung
her so angelegt (Art. 104 Abs. 2 BV) und wird durch den Ausschluss nichtbäuerlicher
Betriebe von den Direktzahlungen und den Investitionshilfen sichergestellt.
Eine Industrialisierung mit einigen 100 oder einigen 1000 Kühen im selben
Betrieb - man hört, in den USA greife so etwas um sich - ist bei uns
nicht zu befürchten. Eine andere Frage ist, ob die Milchproduktion bei
uns in den letzten 10 Jahren gewinnbringend war oder nicht. Einerseits erreicht
ein sehr grosser Teil der Milchproduzenten ungenügende Einkommen. Das
hat unserer Auffassung nach etwas mit der Struktur zu tun. Die heute verfügbare
Technik erlaubt einer Person zum Beispiel 60 Kühe zu melken, während
heute im Durchschnitt drei Personen am Morgen und am Abend dafür im
Stall sind. Anderseits werden hohe Preise für den Kauf und die Miete
von Kontingenten bezahlt. Das zeigt, dass eine genügende Zahl der heutigen
Milchproduzenten ihre Zukunft in der Milchproduktion sieht.
Die Fleischproduktion im Talgebiet
nimmt zu. Die Fütterung mit eigenem Mais lässt die Rinder schneller
Rindfleisch werden. Wird die Fleischproduktion im Berggebiet längerfristig
eine Zukunft haben oder ebenfalls wegrationalisiert?
Nach der Verfassung leistet die Landwirtschaft einen
Beitrag nicht nur zur sicheren Versorgung der Bevölkerung, sondern auch
zur Pflege der Landschaft und zur dezentralen Besiedlung (Art. 104 Abs. 1
BV); und zwar durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion.
Es kann deshalb nicht in Frage kommen, das Berggebiet brachfallen zu lassen
oder das Land nur noch mit minimalem Aufwand ohne Produktion zu pflegen.
Das Landwirtschaftsgesetz sorgt dafür, dass die Produktion auch im Berggebiet
erhalten bleibt. Artikel 4 verlangt, dass die erschwerenden Produktionsbedingungen
berücksichtigt werden. Für den Bau von Ställen werden im Berggebiet
nicht nur Investitionskredite, sondern zusätzlich auch Beiträge
à fonds perdu bezahlt. Ausserdem ist ein grosser Teil der Direktzahlungen
für das Berggebiet an die Haltung von Tieren gebunden. Ob dann Milch
oder Fleisch produziert wird, soll ein unternehmerischer Entscheid des Bergbauern
bleiben.
Manche Bergregion (z.B. das Berner
Oberland) setzt bei seinen Tourismuskampagnen auf die Vermarktung von idyllischer
Alpkultur und natur- und tiernaher Milchprodukte. Machen diese Werbestrategien
einen Sinn?
Natürlich machen diese Strategien einen Sinn. Das
Berggebiet beginnt sich auch langsam dagegen zu wehren, dass die Alpkultur
als Argument für den Verkauf von Produkten aus dem Talgebiet missbraucht
wird.
Im Zuge der QS-Alp wurden Millionen
in den Umbau von Alpsennereien investiert. Werden diese Sennereien noch benutzt
werden in zehn Jahren? Wenn nein, wie werden diese Ausgaben gegenüber
den SteuerzahlerInnen gerechtfertigt?
Der grösste Teil der modernen Sennereien wird auch
in 10 Jahren noch benutzt werden. Da bin ich zuversichtlich. Einem vernünftigen
Strukturwandel wird man sich jedoch nicht verschliessen können. Wo es
sich geografisch machen lässt, sollten nicht drei Leute an drei Orten
am Kessi stehen, wenn es einer machen könnte. Ausschlaggebend für
einen solchen Rationalisierungsschritt wird jedenfalls der Absatz von Alpkäse
sein, für dessen Förderung hervorragende Argumente zur Verfügung
stehen. Diese werden schliesslich auch in der vom Bund mit 50 Prozent der
Kosten unterstützten Basiswerbung durch die Organisation der Schweizer
Milchproduzenten (SMP) und den Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband
(SAV) eingesetzt.
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