«Alpkäse können sie im Unterland nicht machen» |
Sept.
2005 |
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In einem Beruf, in dem es die meisten nur wenige Jahre aushalten, ist ein Vierteljahrhundert eine Ewigkeit. Genau so lange ist Martin Capaul Senn auf der Alp Selva in Vals. Martin Capaul tritt in den neuen Tag hinaus, aber es braucht schon sehr viel Zuversicht, um zu glauben, dass es heute mal noch tagen wird: Es schüttet wie aus Kübeln, das Thermometer turnt um die Schneefallgrenze herum, man sieht kaum die Hand vor den Augen und vor allem ist es gerade mal vier Uhr. Nicht am Nachmittag. Nachts. Doch dann geschieht etwas Seltsames: Capaul lacht. Nicht jenes bittere Lachen, das man angesichts der Situation erwarten könnte. Das Lachen des Senns tönt befreiend und versöhnlich. „Das Wetter ist wie es ist”, meint er. „Wenn man sich darüber aufregen würde, hätte man viel zu tun. Ändern wollen soll man nur das, was man ändern kann.” Dieser Satz sagt viel über den Menschen Martin Capaul aus, der seit 25 Jahren auf der Kuhalp Selva oberhalb Vals sennt. Irgendwie ist dort noch immer alles, wie es schon immer war: Das selbstverständliche Aufstehen mitten in der Nacht, das Käsen, das Buttern, das Zäunen, das Pflegen der Tiere, der Wetterwechesel… Aber ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit, darum ist auch vieles anders geworden. |
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Alp Selva: Alpmilchproduzenten |
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| Familienbande Capaul geht zurück in die Hütte, wo bereits seine Frau Hedwig (39), die Kinder Florian (18) und Michael (19), Franziska (14) und Kathrin (13) ebenfalls mit einer grossen Selbstverständlichkeit den Tag in Angriff nehmen: Florian verschwindet zusammen mit Michael in der Nacht, um die Kühe von der Nachtweide zu holen. Der Rest der Familie bereitet das Melken, das Käsen und das Buttern vor. So - oder so ähnlich - haben es die Capauls seit jeher gehalten. Jedes Familienmitglied war automatisch Teil des Alpbetriebs und hat schon im Kindergartenalter mitgeholfen. Und obwohl Florian und Michael in der Sportler-, respektive Elektrikerlehre sind, kommen sie an den Wochenenden zum Helfen auf die Selva. Wenn man mit den Kindern einzeln redet, kann sich keines vorstellen, einmal nicht mehr auf die Selva zu gehen. „Hier ist meine Familie, hier bin ich daheim”, sagt Florian etwa. „Hier bin ich gross geworden, hier habe ich gelernt, was arbeiten heisst – einen schöneren Ort kann ich mir gar nicht vorstellen.” Und wenn Franziska laut darüber nachdenkt, dass sie später die Alp übernehmen möchte, ist das nicht einfach so dahingeredet. Falls sich der Traum der Sek-Schülerin bewahrheitet, würde sie eine uralte Tradition fortsetzen. „Schon meine Grosseltern und meine Mutter gingen z’Alp. Irgendwie liegt uns das wohl im Blut”, erzählt Martin und läuft hinüber in den Stall, wo Florian und Michael mit den 70 Kühen eintreffen. Dann geht alles sehr schnell: Die Familienmitglieder arbeiten Hand-in-Hand und ohne viele Worte zu machen: Einstallen, anbinden, Euter putzen, anmelken, melken… jeder Handgriff sitzt. Ab und zu reicht es gar für einen Spruch, für eine Neckerei und entsprechendes Gelächter. Nach einer Stunde ist die Herde schon wieder draussen, die Milch via Absauganlage im Kupferchessi und bis zum Käsen bleibt Zeit für das Zmorgen in der vergleichsweise komfortablen Wohnküche mit Elektrokochherd, fliessendem Wasser und heimeliger Essecke. |
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Alp Selva: Alpmilchproduzenten-Betreuerin und Betreuer Hedwig und Martin Capaul
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Dunkles Loch |
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| Die ehrlichen Valser Die Selva wurde also 1991/92 für 400’000 Franken an- und umgebaut. „Den allergrössten Teil dieses Betrags brachte die Gemeinde Vals auf”, so Capaul. „Aber auch die Schweizerische Berghilfe steuerte 30’000 Franken bei. Und das irrtümlicherweise gleich zweimal”, erinnert er sich. „Aber ehrlich wie wir Valser nun mal sind, meldeten wir diesen Irrtum. Bei der Berghilfe waren sie über diese Ehrlichkeit so erfreut, dass wir auch die zweiten 30’000 Franken behalten durften.” Die Bauern hätten mit dem Geld am liebsten die leere Genossenschaftskasse aufgefüllt. Doch Capaul liess wieder einmal seine Überredungskünste spielen und zu guter Letzt wurde die Summe in eine neue Rohrmelkanlage investiert. Martin lächelt leise, während er die Geschichte erzählt. Die Valser Bauern mussten die Investitionen nie bereuen: Seit Capaul auf der Selva ist, hat er jährlich etwa 700 Käselaibe und in 25 Jahren rund 100 Tonnen Alpkäse hergestellt und keine einzige Produktion ging in die Hosen. Wer heute Selva-Käse will, muss sich früh bei den Valser Bauern oder auf der Selva melden: Spätestens gegen Ende Oktober ist in der Regel die ganze Jahresproduktion ausverkauft. |
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| Was bringt die Zukunft? „Solange Hedwig und ich gesund bleiben, solange wir von den Bauern geschätzt und getragen werden und vor allem auch solange wir immer wieder auf die Hilfe der Kinder zählen können, bleiben wir”, so Martin. „Nicht nochmals 25 Jahre, aber immerhin, wir bleiben.” Aber es gibt auch Umstände, die weder die Valser Bauern noch Hedwig und Martin Capaul gross beeinflussen können: Die Landwirtschaftspolitik, die Aufhebung der Milchkontingentierung, ein Umdenken der Bevölkerung, was die Unterstützung der Berggebiete betrifft. Doch die beiden sind Optimisten. „Die Valser Kühe produzieren hervorragende Milch, welche in der Dorfsennerei, aber auch auf den Alpen wertschöpfend weiterverarbeitet wird. Gerade Alpkäse ist sehr beliebt und den können sie im Unterland noch nicht selber machen.” Ausserdem zahlt es sich jetzt aus, dass Capaul weitsichtig war und die Bauern mit seinen Innovations- und Erneuerungswünschen manchmal sicher auch genervt hat. „Heute steht die Selva in Sachen Hygiene- und Qualitätsvorschriften makellos da. Wir erfüllen diesbezüglich alle Forderungen und grosse Investitionen stehen derzeit nicht mehr an.” Die Selva wird und muss es weiter geben. Schon wegen der Touristen, die gepflegte Kulturlandschaften und nicht vergandete Bergtäler erleben wollen oder eben wegen der Unterländer, die nicht auf Alpkäse verzichten möchten und ein bisschen sicher auch wegen jungen Menschen wie Franziska Capaul. Die 14-jährige Valserin bindet gerade einer Kuh das hintere Bein hoch, um eine Fusswunde zu behandeln. Sie redet dem Tier gut zu, versorgt die Wunde und macht einen neuen Verband. Vorher hat sie im Stall gemolken. Wo sie das alles gelernt hat? „Beim Zuschauen”, meint die junge Frau. „Und irgendwie liegt mir das Alpen halt auch im Blut.”
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