| Zwei Löcher im Grind |
Juni
2008
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Ich habe Freude an der Arbeit mit dem Körper und den Händen», sagt Chrigel Schläpfer. «Auf der Alp habe ich gemerkt, wie befriedigend das ist.» Seinen sehnigen Händen ist anzusehen, dass sie das Zupacken gewohnt sind. Den muskulösen, sommersprossigen Armen auch. Sein Haar ist dicht und rot. Er wird bald 43 und sieht aus wie Mitte dreissig. Zur körperlichen Arbeit kam Chrigel nicht selbstverständlich. Sein Vater war Lehrer in einem Dorf in Appenzell Ausserrhoden. Die Familie legte Wert auf Schulbildung, die Geschwister wurden ebenfalls Lehrer. Nur Chrigel, der Jüngste, scherte aus und lernte Steinmetz, einen Beruf, den er bald wieder aufgab, weil er sich keine Staublunge holen wollte. Er jobbte da und dort und landete schliesslich auf einer Alp. Plastik statt Tännli |
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| Kettenhemd und Jesusbild Es ist Freitagnachmittag. Das Resultat der Arbeit der letzten Wochen stapelt sich in der Werkstatt: an die 200 dünne Buchenholzbretter, zwischen 40 und 180 Zentimeter lang. Chrigel hatsie mit der Bandsäge zugeschnitten, gehobelt und geschliffen. An einem Ende ist das Holz dick, als wäre dort ein Klötzchen aufgeleimt. Aber das sieht nur so aus: Alles ist aus einem Stück. Chrigel bohrt zwei Löcher in den dickenTeil, den sogenannten Grind. Durch die Löcher werden die Schnüre laufen, die die Käseform fixieren. Aber noch ist das schindeldünne Brett, die «Zunge», gerade und steif. Hinter dem alten Haus stehen neue Einfamilienhäuser zwischen blühenden Apfelbäumen. Kerns wächst nach allen Seiten, ist schon fast ein Quartier von Sarnen geworden. Doch in der Werkstatt sieht es immer noch aus wie zu Fridolin Britschgis Zeiten. An den Wänden hängen Feilen, Bohrer, Zangen, Stricke und Schraubenschlüssel, von der Decke baumeln Bandsägeblätter. Bandschleifmaschine, Hobelbank und Bandsäge stehen im Raum. Auf einem Schrank hat der Familienvater die Geburtsdaten seiner fünf Kinder notiert, die zwischen 1951 und 1962 geboren sind. Daneben kleben Bildchen von Jesus und Maria. Auch der Zettel mit den Preisen hängt noch da: Für ein vier Zentimeter hohes Minijärb verlangte Britschgi nur gerade Fr. 9.50, das grösste, vierzehn Zen-timeter hoch, kostete 70 Franken. Noch grösser waren die Emmentalerjärbe aus dreieinhalb Meter langen Fichtenbrettern. Auch grosse, kunstvoll geschnitzte Rahmkellen aus Ahornholz stellte er her. Dafür trug er ein Kettenhemd, denn das Aushöhlen mit dem rotierenden Messerkopf ist gefährlich. Es hängt immer noch an der Wand. Als am Samstagmorgen die Schneefelder am Pilatus rot zu leuchten beginnen, ist Chrigel schon lange auf. Am Vorabend hat er noch mehrere Stunden gebraucht, um die Werkstatt zu putzen und vorzubereiten. Jetzt steht er im Unterhemd in der Werkstatt und heizt den Holzofen, der für den entscheidenden Schritt des Järbmachens nötig ist: das Biegen. Gerhard Britschgi, der statt Järbmacher Berufsberater geworden ist, kommt vor seiner samstäglichen Velotour vorbei und hilft bei der Feineinstellung. Die Wassermenge muss stimmen, die Hitze, der Druck dürfen nicht zu hoch sein. Chrigel stapelt zwei Dutzend Järbbretter ins lange Ofenrohr, dann wird Dampf hineingeleitet. Fridolin Britschgis selbst gebauter Dampfabzug speit dicke Wolken in den Garten hinaus, trotzdem beschlagen sich in der Werkstatt die Fenster. Es riecht nach Sauna, als Chrigel die ersten Hölzer aus dem Dampf holt. Jetzt sind sie heiss und biegsam. |
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| Jedes Stück ist anders Nun kommt eine der seltsameren Maschinen der Werkstatt zum Einsatz: die «Chrimpfi». Ein Elektromotor überträgt via einen Transmissionsriemen und zwei Ketten die Energie auf zwei Walzen, die sich gegeneinander drehen. Chrigel lässt die «Zunge» zwischen die beiden Walzen laufen und drückt sie dabei gegen einen gebogenen Holzblock. Rasch nimmt das dünne Brett die Form eines Reifens an. Wenn genug gebogen ist, fixiert Chrigel das Järb mit einer Klammer. Nach dem Abkühlen bleibt es rund. Wenn die Käsemasse in der Form gepresst wird, verliert sie noch stark an Volumen, weil Molke austritt. So wird ein Holzjärb im Verlauf der Käsetrocknung immer enger geschnürt. Am Schluss sind alle Käselaibe gleich dick, aber ihr Durchmesser ist verschieden. Wenn Plastikformen verwendet werden, ist es umgekehrt. Chrigel erzählt von einem Bekannten, einem Schreiner, der alle Maschinen ausser der Bandsäge verkauft hat und wieder fast alles von Hand macht, weil es ihm so einfach besser gefällt. Aber auch von vollautomatisierten Talkäsereien. Wo die Harfe, die die Käsemasse schneidet, automatisch läuft und eine Pumpe die Käsemasse in die Formen verteilt. Da ist es auch nicht mehr nötig, wie auf der Alp Neaza die Arme tief ins Kessi zu tauchen und die Käsemasse im Tuch einzufangen und herauszuziehen. Und es geht schneller. Aber der direkte Kontakt mit dem Material ist weg. «Die Arbeit ist entsinnlicht», sagt Chrigel. Dadurch wird sie das, was Arbeit für ihn früher überhaupt war: ein notwendiges Übel. Möglichst wenig arbei- ten, fand er damals. «Heute weiss ich, dass Arbeit auch guttun kann.» Solange er sie machen kann, wie er es für richtig hält. Er weiss, dass das nicht selbstverständlich ist. Mit dem Alplohn und den Winterjobs – Renovationen, Holzen, Ferienvertretungen in einer Käserei – kann er leben, aber er lebt einfach. Es macht ihm nichts aus, Kleider im Brockenhaus zu kaufen. Für eine Familie würde es kaum reichen. Im Alter könnte sich Chrigel vorstellen, Schindeln zu machen. Oder Böscheli, Holzbündel zum Heizen im Kacheloffen. Arbeiten, die als monoton, sogar stupid gelten: «Aber sie sind es nicht, denn das Material ist faszinierend. Jedes Holzstück ist anders.» Das Repetitive im Handwerk sei etwas ganz anderes als die Repetition in der Fabrik: «Am Fliessband kannst du nicht meditieren.» |
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Die Holzjärbe macht Chrigel Schläpfer in der Järbmacher-Werkstatt Britschgi in Kerns, Obwalden. Wer Grössen und Preise wissen will klickt hier: Holzjärbe Dieser Artikel erschien in der Wochenzeitung WoZ Nr. 20 vom 15. Mai 2008 www.woz.ch |
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Gruss Michael
Chrigel, mögen dir viele Sonnenstrahlen beim täglichen Arbeiten durch Fenster fallen und dich erfreuen, und gewiss wird sich auch bald wieder Nachwuchs in diesem schönen Handwerk finden?!! Wenn einer einen Weg geht, und die Sicht frei macht, sehen bald auch andere einen Horizont, dessen Farben sie vorher nicht denken vermochten.. Wir müssen die Vielfalt bewahren !! : )
Faszinierend deine Arbeit und hoffentlich werden viele Järbe wieder zum Einsatz kommen.
Gruess Stephan