Ziegen knabbern die Landschaft frei
April 2011
 

 
Die Stiftung Bergwaldprojekt hat auf der Alp Puzzetta in einem Pilotversuch zusammen mit den Ziegen und den ÄlplerInnen gegen die Verwaldung gearbeitet. Dies den ganzen Sommer 2010 durch. Eine Herausforderung für alle. Diesen Sommer soll es weitergehen.
 

Text und Bilder Giorgio Hösli

 

 

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Für das Bergwaldprojekt ist es eine Ausweitung ihres Stiftungszwecks: Einmal nicht den Wald pflegen, sondern ihn zurückdrängen. Weil dies innerhalb der Stiftung nicht ganz unumstritten ist, erhält der das Projekt Pilotcharakter. Den ganzen Sommer durch arbeiten 5-6 Freiwillige pro Woche auf der Alp, sägen junge Tannen ab, machen Wege frei, helfen beim Ziegen hüten. Einmal wird die Ziege nicht als Feind des Waldes gesehen, sondern es wird mit ihr zusammen Landschaftspflege betrieben.
 

Zigen auf Alp Puzetta
   
  Die Alp Puzzetta ob Fuorns im Val Medelwurde bis 1987 mit über 400 Ziegen und 50 Kälber bestossen. Im Sommer 87 spülte ein Unwetter die Kälberweide weg. Dafür gabs im Jahr 2000 eine Strasse auf die Alp und eine Melkmaschine für die Älpler sowie einen provisorischen Melkstand. Fünf Jahre später wurde die Alp mit einem Neubau hygienetechnisch europatauglich gemacht. Soweit alles nach Plan, nur die Ziegenanzahl nimmt Jahr für Jahr ab. Waren es 2005 noch 340 Stück, wurde die Alp letztes Jahr mit 170 Stück bestossen. Die Gründe mögen vielfältig sein: CAE-Sanierung, weniger Bauern, dafür grössere, spezialisierte Betriebe. Die Geiss hat bei den Bauern immer noch den schlechten Ruf, die Kuh des armen Mannes zu sein. Und wenn im Tal wenig Ziegen gehalten werden, ist es auch schwierig, welche für die Alp zu bekommmen.
 
 
Kreiliger und Flepp
Projektleiter Martin Kreiliger (links) und Talförster Corsin Flepp,
im Hintergrund einwachsende Weidefläche.
   
Die Sömmerungsbeitragsverordnungschreibt vor, dass 75% der jeweiligen Bestossungszahl einer Alp erreicht werden muss, sonst werden die Beiträge gekürzt. Mit gekürzten Beiträgen zu alpen ist noch schlimmer als ohne Ziegen. Über den regionalen Förster Corsin Flepp fanden sich das Bergwaldprojekt und die Alpgenossenschaft zusammen, um gemeinsam ein Projekt zu starten, das der Alp Puzetta wieder Auftrieb verschaffen soll: Ziegen und BergwaldprojekthelferInnen gegen die Einwaldung der Alp.
Jedes Jahr hole sich der Wald im Val Medel die Fläche von vier Fussballfelder zurück, wie der Talförster Corsin Flepp erklärt. In der Höhe schreite die Verbuschung zwar langsamer voran, aber auch auf der Alp Puzetta wächsenn freie Weideflächen mit Erlen oder Tannen wieder zu. Die Alp bräuchte mehr Ziegen und Rinder, um die Weide offen zu halten. Oder eben Freiwilligen mit einer Säge in der Hand.
 
 

Und so ist es organisiert:Das Bergwaldprojekt stellt Koch und Hirt an, die Alpgenossenschaft den Senn. Die Stiftung subventioniert somit das Personal, was der Genossenschaft zugute kommt. Zudem organisiert sie die freiwilligen HelferInnen. Diese verpflichten sich für mindestens zwei Wochen. Für das Alppersonal ist die allseits volle Belegung eine Herausforderung. Die Freiwilligen helfen zwar bei der Alparbeit, sind aber mit ihrer Unerfahrenheit, ihren Fragen, ihrem Rumstehen auch eine Belastung und Behinderung. Wie der Geschäftsführer des Bergwalprojekts, Martin Kreiliger, erzählt, ist es für die Freiwilligen eine allseits intensive Erfahrung, den Alpbetrieb kennen zu lernen, und so fliesst beim Abschied manche Träne. Gut möglich, dass aus den alpschnuppernden HelferInnen für spätere Jahre ÄlplerInnen werden.
Gegen die Verbuschung arbeiten HelferInnen- und Ziegenherde zugleich. Die Ziege ist ein geniales Tier für Landschaftsbewirtschaftung. Knabbert an den frischen Trieben der jungen Tännlein und verhindert dadurch allzuschnelle Verwaldung. Die Borstgrashänge jedoch können mit den Ziegen kaum intensiv genutzt werden, dafür frisst die Ziege zu selektiv. Hier müssten wie vor dem Unwetter 1987 eingezäunte Rinder eingesetzt werden. Die Hoffnung und die Erwartung der Projektleiter ist das langfristige Offenhalten der Weiden.
 

   
 

Das Pilotprojekt wird auch diesen Sommer weitergeführt.Wie lange, weiss Kreiliger noch nicht. Die Bauern müssen eben mitmachen. Es gibt auch Stimmen, die am Stammtisch wäffeln, das Bergwaldprojekt verheize ihnen die guten Sennen durch die vielen Leuten auf der Alp. Doch Kreiliger will weitermachen, hat seine Liebe zu den Ziegen gefunden, studiert an Verbesserungen bei der Organisation nach und möchte den Freiwilligen den Freitag streichen. Diese gewerkschaftliche Idee hat auf der Alp nichts zu suchen, wenn die Ziegen abhauen, Zäune zu flicken sind, dann gibt es keinen Freitag, dies sollen auch die Freiwilligen erfahren

   
 
Zigen im Netz
   
Eine kurze Bemerkungzu den Begriffen Pilotprojekt und Biodiversität. Auf vielen Pacht- und Privatalpen ist es Pflicht die Weide zu pflegen, also Blacken und Germer schneiden, aufkommenden Wald zu kappen. Weidepflege gehört zur Alparbeit und ist in vielen Kantonen im Pachtvertrag der Alp festgeschrieben, das ist weder Pilot noch Projekt noch primär Biodiversität.
In Graubünden herrschen die Genossenschaftsalpen vor. Hier sind für die Weidepflege nicht die ÄlplerInnen, sondern die Bauern zuständig. Der Strukturwandel wirkt sich negativ aus: Immer weniger Bauern haben immer mehr Tiere zu füttern und grössere Heuflächen zu bewirtschaften. Sie vermögen der Fronarbeit auf den Alpen kaum nachzukommen. Es scheint, dass hier die Öffentlichkeit mithelfen muss. Oder wie es Valentin Lutzi vom Amt für Landwirtschaft und Geoinformation ausdrückt: Wo der Manpower der Landwirtschaft nicht mehr ausreicht, ist die Landschaft auf Hilfe angewiesen. Bevölkerung und Touristen geniessen eine offene und vielfältige Landschaft mehr, als einen dunklen Wald.
 
Alp Puzetta
   
 

Kurzinterview mit Jürgen Scholz, letzten wie auch diesen Sommer Älpler auf Puzetta

zalp: Wie war das für dich mit den vielen Bergwaldprojekt-Teilnehmer während
des ganzen Sommers? Wie hast du die Leute erlebt?

Jürgen: Da ich nur kurze Zeit auf der Alp war konnte ich mir kein umfassendes Bild machen. Ich erlebte, dass die Leute mit voller Begeisterung an dem Projekt teilnahmen, mit Ideen und körperlichem Einsatz. Dadurch profitieren Alppersonal und Alpbetrieb voneinander.

Wo siehst du die Schwierigkeiten für das Alppersonal, für den Alpbetrieb, wenn so viele Leute den Sommer durch auf der Alp sind?
Für mich persönlich sehe ich keine Schwierigkeiten. (Anlehrphase und Stimmungswechel sind Herausforderungen).

Wo siehst du die Vorteile für die Alp und für das Alppersonal?
Die Entbuschung und Pflege wird zügig vorangetrieben und nach Anlernzeit gibt es eine Entlastung für das Alppersonal.

Könnte das Projekt deiner Meinung nach auch für andere Alpen Vorzeigecharakter haben?
Auf jeden Fall.

Ist die Entbuschung durch das Bergwaldprojekt effizient? Bringt sie was?
Die Teilnehmer ersetzen das Alpwerk und die Gemeinarbeit die früher üblich war und wo heute die Arbeitskräfte fehlen.

Ist es deiner Meinung nach sinnvoll auf dieser Alp Flächen zu entbuschen?
Die Weideflächen verkleinern sich sonst und alles verbuscht = Weniger Weidefläche.

Meinst du, dass die Entbuschung für die Tiere Vorteile bringt?
Gibt es mehr Milch, mehr Käse?

Die Vielfalt der Kräuter werden durch die Verbuschung verdrängt. Wenn die Tiere zur Nahrungsaufnahme immer weitere Strecken zurücklegen müssen, geht auch die Milchleistung zurück.

Sollte die Öffentlichkeit sich vermehrt für die Alpen einsetzen oder sollen
die Alpen den Bauern und den Älpler vorbehalten bleiben?

Die Öffentlichkeit soll sich zwingend für die Erhaltung der Alpen einsetzen. Das fördert das Verständnis für natürliche Kreisläufe. Bauern und Alppersonal haben zuwenig Zeit und Arbeitskräfte hierzu. Die Öffentlichkeit als Konsument für Bergprodukte kann sich durch solche Arbeiten bewusst dafür engagieren.

   
 

Mehr Infos zu den Einsätzen auf der Alp Puzetta mit Filmen, Bildern und
Anmeldemöglichkeiten unter
http://www.bergwaldprojekt.ch/de/teilnehmen/alp-puzzetta/index.php

   
 
   
 

10 Kommentare zum Beitrag

  1. Vladimir Kurtz schreibt am 20.12.2011, 16.47 Uhr

    Das Bergwaldprojekt, entstanden zu Zeiten des Waldsterben, betreibt jetzt eine Geissenalp mit allem drum und dran, nur noch der Senn wird von den Bauern gestellt und bezahlt. Dass Geissenalpen welche in den letzten Jahrzehnten regelmässig beweidet wurden, unter Verbuschung leiden, ist schwer begreiflich. Die Freiwilligen sind also wohl eher dazu da den vierten Arbeitsplatz und das Gemeinwerk auszufüllen. Das nun wiederum zur Freude der Bauern. Hoffen wir nur, dass aus dieser architektonisch interessanten Wellblechalp nicht einmal, dann wenn es keine Geissen mehr gibt, weil die Bauern sowieso nicht rentieren, eine Ruine wird wie wir sie im ländlichen Sizilien und Griechenland öfters antreffen, also ich meine da nicht die antiken. Aber vielleicht werden ja aus Projektleitern Bauern.

  2. Waldschratt schreibt am 25.11.2011, 17.05 Uhr

    Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo die Förster (Forstingenieure) welche nun beim Bergwaldprojekt ihr Unwesen treiben jeden gebüsst hätten, wenn er dasselbe gemacht hätte Oh Zeiten, Oh Sitten

  3. Ronald Hörstmann schreibt am 31.07.2011, 18.06 Uhr

    Lieber "Waldhüter", in der Lündeburger Heide gibt es keine Ziegenherde, nur Heidschnucken. Die Heidschnucke ist absolut kein Milchschaf.Also auch kein Heischnucken-Käse.Der Boden besteht zum allergrößten Teile aus Sand (wegen der Nähe zum Meer) und Moore. Der Grundwasserspiegel ist sehr, sehr niedrig und glücklicherweise wird kein Torf mehr gestochen. Die Heidschnucken sind dazu da, um die Heide kurz zu halten und damit die neuen Triebe blüten treiben und damit die Bienen den Heidehonig liefern können. Dieser Honig ist bei uns eine Delikatesse. Ganz abgesehen davon bin ich auf die Berichte zur Alp Puzzetta 2011 gespannt. Eine Diskussion um die Alp ist für mich beendet, da mir der Sinn und der historische Bezug der Graubünder dazu erläutert wurde.

  4. Waldhüter schreibt am 21.06.2011, 22.33 Uhr

    Lieber Ronald Hörstmann, dann haben wahrscheinlich Ziegen auch die Lüneburger Heide abgeholzt. Somit gibt es wohl nur eine Lösung - Salami statt Käse!

  5. Ronald Hörstmann schreibt am 16.06.2011, 22.03 Uhr

    29.5. bis 4.6. Aufforstungsprojekt Großes Walsertal. Dort hat uns auch Martin der Leiter des Schweizer Bergwaldprojektes, Trin)besucht.Die Alp Puzzetta war auch Thema. Aus seiner Sicht ist das Projekt für das Tal um Curaglia herum schon wichtig. Das sehe ich ein. Klar, wir haben in Deutschland auch Kulturlandschaften die erhalten werden, z.B. die Lüneburger Heide von dorther ich stamme. Aber hin und wieder sollte man abwägen, ob eine Beweidung in einem empfindlichen Gebiet, wie am Medel-Gletscher nötig ist. Im Großen Walsertal (Österreich) wurde im Biosphärenreservat auf der Wangspitze eine ehemalige Weide auf der Bergkuppe total aufgeforstet. Der Wald braucht in dieser Höhe so seine Zeit, 100 Jahre sind da nichts. Aber das wissen Sie ja.

  6. Ronald Hörstmann schreibt am 28.05.2011, 08.23 Uhr

    Deutscher Senn. Wenn man im Naturschutz tätig ist, dann sieht man so ziemlich auf Anhieb, wenn man in ein Gebiet reinkommt, was da los ist. Wenn z.B. Das Abfallwasser in die freie Natur gelassen wird, oder der Kot der Zeigen ebenfalls und ein enormer Wasserverbrauch für die Sauerkeit auf der Alpe jeden Tag in Anspruch genommen wird. willst Du mir dagen, da wird nichts gestört und ich kann mir kein Bild von der \"Störung\" machen? 260 Ziegen auf einen Haufen, is das normal? Und dann in einem ökologisch empfindlichen Gebiet? Mir hat mal ein Blinder gesagt: Blind sein und nicht sehen, ist nicht so schlimm, wie sehen können und nichts sehen wollen. In Freundschaft: Ronald

  7. Ronald Hörstmann schreibt am 10.05.2011, 15.32 Uhr

    Hallo \"Deutscher Senn\". Die Kollegen und die Ziegen sind mir auch ans Herz gewachsen. Es steht nicht umsonst meine geschriebene Tafel \"Ich liebe Ziegen\" in den Bildern der Alpe (Monat Juli) Auch bin ich mit Ueli abgelichtet. Aber was da oben passiert gilt meine Sorge, denjenigen, die sich nicht äußern können. Das sind die Pflanzen, Bäume und Sträucher und der Gletscher. Ich hoffe, Du hast mich verstsnden. Gruß, Ronald

  8. deutscher senn schreibt am 09.05.2011, 08.52 Uhr

    zum kommentar von ronald hörstmann: wir menschen neigen manchmal dazu zu glauben, in drei wochen würden wir ein komplexes system voll durchschauen und vermischen oft fakten mit persönlichen befindlichkeiten. ich habe als vertretung im sommer 2010 auf puzzetta gekäst und war trotz aller besonderheiten und problemen eines solchen projektes absolut begeistert- oder gerade deshalb! macht euch selbst ein bild!

  9. Ronald Hörstmann schreibt am 03.05.2011, 19.13 Uhr

    da nur 800 Buchstaben pro Kommentar gehen nochmals etwas. Das was wir als Freiwillige geleistet haben, kann ein Bauer mit diesen Tieren niemals schaffen. Die Erfahrung mit Ziegen mit Hörner und Ziegen ohne Hörner waren für mich ebenfalls insofern interessant, als daß ich für Kühe mit Hörner kämpfe. Ziegen ohne Hörner wurden auf der Puzzetta "Blödi" genannt. Im übrigen hält meine Freundschaft mit 2 schweizer Kameraden aus dieser Zeit, die sicher auch etwas zu der Alpe sagen können. Der deutsche Senn ab 5.8.2010 dürfte den Curagliern auch etwas sagen können. Sein Arbeitsablauf deckte sich mit dem meinigen zu 100%. Die Deutsche Bahn hat dem deutschen Bergwaldprojekt € 100.000 gestiftet und in Deutschland werde ich dieses Jahr für das BP arbeiten.

  10. Ronald Hörstmann schreibt am 03.05.2011, 19.03 Uhr

    July 2010,3 Wochen auf der Alpe Puzzetta.Für mich als Teilnehmer mit einer anderen Philosophie ist die Puzzetta konträr zum heutigen Wissensstand. Die Beweidung am Medel-Gletscher hat den Bergwald um ca. 300 Meter heruntergedrückt. Für den Gletscher gibt es keine Kühlung. Bäume, Sträucher würden das Wasser (Kühlung) halten und den Boden beschatten. Wenn am Medel auch keine Wüstenbildung zu befürchten ist, so ist die Beweidung trotzdem bedenklich. Auch die angestammte Tierwelt ist durch ca. 260 Ziegen total verstört. Das Schreien der Hüter tagsüber und morgens um die Tiere von der Nachtweide zu holen tun ihr übriges. Der Wasserverbrauch der Alpe ist immens.Das Abfallwasser,der Tierkot sowie Urin die in der freien Landschaft verschwinden. Unmöglich!

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