Ein gut ausgebildeter Hirtenhund arbeitet auf der Alp mindestens für zwei. Der Arbeitsstil ist je nach Hunderasse unterschiedlich und hängt auch davon ab, welche Tiere gehirtet werden. Während ein Appenzeller Hund lauthals bellt, wird ein Bergamasker zu einem lebenden Zaun, wenn er eine Linie absichert. Der Border Collie leistet Präzisionsarbeit, wenn er zum Dirigent wird und die Herde zu seinem Orchester.

Regula Wehrli

 



 

in langezogener Pfiff, der Hund startet in Richtung Schafherde, eine Abfolge kurzer Pfiffe, der Hund geht nach links, Pfiff, er geht nach rechts. Wie ferngesteuert, dirigiert der Schäfer den Hund, der ihm so die Schafherde genau dort hin bringt, wo er sie haben will. Der Arbeitsstil der Hunde sei von Rasse zu Rasse verschieden, erklärt Anton Marti von Wileroltigen (BE). Er weiss, wie wertvoll ein guter Hirtenhund ist, denn mit seinem Kollegen hält er gut 800 Schafe. Der Praktiker bildet Hirtenhunde aus und bietet Ausbildungskurse an. Entsprechend des Arbeitsauftrags seien bei den verschiedenen Zuchtrichtungen der Hirtenhunde unterschiedliche Eigenschaften ausgebildet und gefördert worden. Marti präzisiert: «In der Praxis gibt es grosse Unterschiede, je nach welche Tierart man hütet und unter welchen Bedingungen, entsprechend ist nicht für jede Hüteform jede Rasse gleich gut geeignet.» Marti spricht nicht von «Hirtenhunden», sondern von «Herdengebrauchshunden», dieser Begriff wird den verschiedenen Aufgabenbereichen eher gerecht.


 

 

Hirtenhund ist nicht gleich Hirtenhund

arti unterteilt den Einsatzbereich: «Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Treibhunden, Koppelhunden und Hütehunden. Diese Hunde werden direkt in der Arbeit mit den Herden gebraucht. Eine ganz andere Aufgabe haben die Herdenbewachungshunde, die mit der Rückkehr von Luchs und Wolf heute viel im Gespräch sind.»
       Er beschreibt die verschiedenen Grundtypen: «Der Treibhund bewegt sich gemeinsam mit dem Hirten hinter der Herde und treibt die Tiere vorwärts.» Dabei sei das Bellen ein wichtiges Arbeitsinstrument. Zu dieser Kategorie gehören Rassen wie der Appenzeller oder der Entlebucher Sennenhund.
       «Der Bergamasker gehört zu den Hütehunden. Hierbei ist typisch, dass die Herde ständig umkreist wird, um sie zusammenzuhalten. Eine Spezialität ist auch, dass diese Hunde das Weidegebiet genau absichern. So können sie einer unsichtbaren Linie entlang sicherstellen, dass keines der Weidetiere diese Grenze überschreitet», erklärt Anton Marti.
       «Die Koppelhunde schliesslich arbeiten absolut präzis. In weiten Bögen umkreisen sie die Herde, um sie zu sammeln. Der Hirte ist in der Regel an der Spitze der Herde und dirigiert den Hund, der hinter den Tieren positioniert ist mit Kommandos. Koppelhunde unterscheiden rechts und links und sie können einzelne Tiere oder Untergruppen aus der Herde separieren. Dabei müssen sie sehr ruhig arbeiten, ohne die ganze Herde auseinander zu treiben. Diese Ansprüche erfüllen vor allem Border Collies.»
        Auf Rassen wie den Deutschen Schäferhund, oder den als «Lassie» bekannt gewordenen Collie angesprochen, seufzt Marti. Es sei schade, diese ursprünglich wertvollen Herdengebrauchshunde seien im Allgemeinen zu blossen Begleithunden verkommen. «Es ist das Schicksal von Modehunden, dass bei der Zucht, eher äussere Merkmale gefördert werden als die Qualitäten als Arbeitstiere. Hinzu kommt die völlig andere Haltung im Haushalt ohne jeden Bezug zur verankerten Aufgabe.» Die genetische Prägung würde so über einige Generationen stark verlagert, und die Rasse sei kaum mehr in der Arbeit einsetzbar.


 

 
   

Herde ist nicht gleich Herde

pricht man von Hirtenhunden, denkt man automatisch an den Schäfer im langen dunklen Mantel mit seinem Hund bei der Herde. Lässt man die Gedanken etwas weiter schweifen, hört man vielleicht den Bäri kläffen und sieht, wie er um die Kühe tänzelt - klein, aber stink-frech. Es ist wie mit allen Themen, kaum beginnt man sich etwas zu vertiefen, tun sich wieder unermessliche Welten auf. Dies wird deutlich, wenn man Anton Marti zuhört. «Die Art wie Treibhunde, also zum Beispiel Appenzeller Sennenhunde, arbeiten, eignet sich besonders für Kühe. Mit dem Bellen halten sie die Kühe auf Trab. Sie weisen Kühe, die am Wegrand fressen wollen oder nicht zügig vorwärts gehen, zurecht. Diese Art Treiben setzt voraus, dass die Kühe den Weg kennen und genau wissen, was sie zu tun haben.»
       Die Ziegen mit ihrem vorwitzigen, herausfordernden Charakter lassen sich eher mit einem Hütehund in Schranken weisen. Zum Beispiel für den Bergamasker ist es typisch, dass er zwar ruhig wirkt, aber enorm temperamentvoll ist. «Bei Ziegen braucht ein Hund viel Selbstsicherheit, es kann auch von Vorteil sein, wenn er relativ viel bellt, um den Ziegen den Meister zu zeigen.» Für Schafe kann dagegen ein Bergamasker bereits wieder zu viel Druck bedeuten. Dann besteht die Gefahr, dass die Herde in Panik gerät. Für Schafe setzt sich heute der Border Collie immer mehr durch. Er arbeitet typischerweise praktisch lautlos, ohne zu bellen. Das kann er sich leisten, denn er schüchtert sein Gegenüber mit Blicken ein, indem er die Schafe mit den Augen so stark fixiert, bis sie seinen Willen befolgen.
         «Man kann nicht generell sagen, welche Rasse sich für welche Herdentierart am besten eignet. Das sind nur einige grobe Anhaltspunkte», warnt Marti vor Pauschalurteilen. Jeder Hund sei charakterlich wieder anders. Es komme auch darauf an, in welchem Umfeld sich ein Herdengebrauchshund entwickle. «Man empfiehlt zum Beispiel Border Collies nicht unbedingt, um mit Kühen zu arbeiten. Aber ein Border Collie mit viel Temperament wird bestens mit den Kühen arbeiten. Es ist interessant, an den Kühen beginnt auch ein Border Collie instinktiv zu bellen», relativiert Marti. Er weist auch darauf hin, dass nicht nur der Hund sein Arbeitsfeld kennen lernen müsse, auch die Tiere in der Herde müssten sich zuerst gewöhnen, bis ein reibungsloser Arbeitsablauf überhaupt möglich sei. «Die Hunde haben ihre Aufgabe im Blut, die einen mehr, die anderen weniger. Das grössere Problem sind meistens wir Menschen», erinnert Anton Marti.


 

 

Ein Border Collie ist ein Arbeitstier

iska, ein erst acht Monate alter Border Collie zittert am ganzen Leib. Jede Faser ist angespannt, vor dem Hund sind sechs Schafe in der Koppel. Endlich ist es so weit: Der Hund wird von der Leine gelassen und kann seine «Berufung» leben. Siska treibt die Schafe unter der Anleitung des Meisters. Es ist erstaunlich, wie gut der junge Border Collie sein Handwerk bereits bei seinen ersten Begegnungen mit den Schafen versteht. Und es fällt auf, wie enorm folgsam er ist, auch in hitzigsten Momenten an den Schafen gehorcht Siska aufs Wort, was angesichts des jugendlichen Alters noch mehr erstaunt. «Nein, nein, ich habe eigentlich noch gar nicht so viel gemacht», lacht Besitzer Roger Meier stolz, auf die Frage, ob er schon vor der Hirtenhundausbildung täglich stundenlang mit seinem Hund trainiert habe. «Ein Hund muss als Voraussetzung für die Ausbildung lediglich die Kommandos «Platz» und «Hier» beherrschen. Viel mehr konnte Siska noch nicht, als ich hier die Ausbildung für Hirtenhunde bei Anton Marti begonnen habe. Ich hatte als Bauer schon verschiedene Hunde, zum Beispiel ein Appenzeller oder ein Bergamasker, aber mich hat keine Rasse so überzeugt wie der Border Collie. Es ist unheimlich, wie schnell sie lernen und wie folgsam diese Rasse ist.»
        Anton Marti kann diese Beobachtungen nur bestätigen. Diese Rasse habe eine enorm starke genetische Veranlagung, auf die man bauen könne. «In Schottland, der Heimat der Border Collies, überleben nur die besten Tiere pro Wurf, die Selektion ist sehr streng. Deshalb ist die Genetik dieser Herdengebrauchshunde sehr gut.» Aber Marti schränkt ein, der Border Collie würde zunehmend zu einem Modehund. Entsprechend werde auch die Qualität dieser Rasse leiden. Dabei sei diese Rasse denkbar ungeeignet für ein Leben auf dem Sofa mit Spaziergang im Park. «Ein Border Collie muss arbeiten können. Es ist haarsträubend, welche Ticks sie oft entwickeln, wenn sie unterfordert sind», warnt Marti. Der eine versucht, Autos zusammenzutreiben, der andere treibt die Kinder vom Schulweg zurück nach Hause. Zu Hause eingesperrt verursacht ein unterforderter Border Collie unter Umständen die eine oder andere Bescherung, wenn er Möbel zerlegt und mit Teppichfetzen verziert. «Border Collies müssen arbeiten können. Ich betone diesen Aspekt so stark, weil man sonst seinen Hund regelrecht kaputt machen kann und langfristig der ganzen Rasse schadet», stellt Anton Marti klar.» Er ergänzt: «Aber das heisst nicht von früh bis spät mit dem Hund trainieren, bei einem jungen Hund genügen schon zehn bis 15 Minuten konzentriertes Arbeiten täglich. Er ist dann bereits müder als nach fünf Stunden wandern».


 

 

Vom Wolf zum (Schoss)hund

an könnte denken, die typischen Schweizer Rassen wie Berner Sennenhund oder Bernhardiner seien ebenfalls Herdengebrauchshunde. Doch der Spezialist weiss es besser: «Nein, diese beiden Rassen wurden in den letzten hundert Jahren vorallem als Zughunde eingesetzt, um die Milch in die Molkerei zu transportieren.» Jean-Marc Landry von «Kora» (Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz) vermutet, dass diese Rassen noch früher als Herdenschutzhunde eingesetzt wurden, um die Wiederkäuer vor Raubtieren zu schützen.
       Bei diesen mannigfaltigen Aufgabenbereichen sieht man staunend auf die einzigartige Zuchtgeschichte von Hunden. Vergegenwärtigt man sich den Wolf, der Schafe reisst, und richtet dann den Blick auf Herdengebrauchshunde, wird deutlich, welch undenkbare züchterische Möglichkeiten gegeben sind. Oder stellen wir uns einen kleinen putzigen Yorkshire Terrier mit Regenmänteli und Schleifchen im Haar vor, der neben den eleganten Stöckelschuhen von seiner parfümierten Besitzerin herträppelt: Kaum zu glauben, aber auch er stammt vom Wolf ab.
       Ausgrabungen belegen, dass der Hund bereits in der Urzeit domestiziert wurde. Die Vielfalt der Rassen ist enorm. Je nach Region und den spezifischen Bedürfnissen an einen Hund wurden entsprechende Rassen gezüchtet mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. Der oben erwähnte York Shire Terrier zum Beispiel kommt ursprünglich buchstäblich aus der Gosse. Er wurde nämlich gezüchtet, um der Rattenplage in der Stadt York Shire Einhalt zu gebieten. So hatte ursprünglich jede Rasse eine klare Aufgabe und wurde diesbezüglich züchterisch gefördert. Ein Jagdhund braucht andere Eigenschaften als ein Wachhund oder ein Hirtenhund. Der Hund hatte als Begleiter der Menschen stets einen Arbeitsauftrag. Heute haben Hunde oft eher die Funktion des «treuen Freundes», zum Arbeiten werden sie immer weniger gebraucht.
       Angesichts der Top-Leistungen, die ein Hirtenhund zu bringen vermag, steht vielleicht trotzdem ein Comeback an. Der zunehmende Trend nach Freiland-Haltung und die hohen Lohnkosten bringen eventuell den einen Bauern oder die andere Bäuerin im positiven Sinn wieder «auf den Hund». Es gilt deshalb, die Arbeitshunde zu fördern und ihre einzigartige Genetik zu erhalten. «Gute Hirtenhunderassen sind ein wertvolles kulturelles Gut, aus generationenlangen Zuchtbemühungen hervorgegangen. Es gilt, das für den bäuerlichen Alltag zu retten und Gegensteuer zu geben, dass Hunde immer mehr in den Bereich der städtischen Freizeitkultur abdriften», gibt Marti zu bedenken.

 


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