Mir Senne hei's luschtig
   



Auf der Alp dreht sich zwar alles um Tiere, aber ab und zu «mönschelet» es auch tierisch. Klar, ins «Zalp» gehört ein Artikel zum sozialen Zusammenleben. Denn Hand aufs Herz, was bedeuten schon Sauwetter, kranke Tiere, geblähter Käse, der immer zu frühe Wecker und all die anderen Mühseligkeiten, wenn man sich frisch verliebt hat, oder umgekehrt, wo bleibt das «Mir Senne hei's luschtig», wenn man Mitälpler und -älplerin ins Pfefferland wünscht?

Regula Wehrli

 

Diskussion unter der Stalltür   uf Gedeih und Verderben einander ausgeliefert, aufeinander angewiesen ist man auf der Alp. Darüber also will ich schreiben. «Da nehmen wir irgend eine nette psychologische Theorie über Konfliktbewältigung, konstruktives Streitgespräch oder so, untermalen das ganze mit einschlägigen Beispielen - fertig», hab ich mir gedacht.Aber wenn ich an die Alpsommer zurückdenke und spüre, wie sich mir die Nackenhaare sträuben. Wenn ich an die eine oder andere Konfliktsituation denke, erscheinen mir theoretische Abhandlungen viel zu flau. Da klammere ich mich an so unklare Begriffe wie «gesunder Menschenverstand».

Ein Alpteam ist ein extrem enges Gefüge. Man arbeitet Hand in Hand, wohnt gemeinsam auf engstem Raum und ist während etwa 100 Tagen fast 24 Stunden täglich zusammen. Hält man sich diese Situation vor Augen, relativiert das vieles. Aber es macht auch deutlich, wie wichtig es ist, dass man dem Thema «Zusammenleben» genügend Beachtung schenkt. Ein gutes Alpteam erleichtert den Alpsommer enorm, aber es bedeutet auch Arbeit, den «Team-Geist» entsprechend zu hegen und pflegen.

 

 

Ernst oder «nach der Wahl die Qual»

s beginnt schon vor der Alp, denn meistens legt man sich das Kuckucksei bei der Wahl der Alp, respektive des Alppersonals. «Ich habe einfach niemanden gefunden, so war ich froh, als die Alpgenossenschaft mir Max* (Name von der Redaktion geändert) vermittelt hat. Ich hatte zwar ein komisches Gefühl, als ich ihn kennenlernte, aber ich bin schliesslich offen und dachte, das geht schon», erinnert sich Ernst Ramseier, ehemaliger Älpler im Berner Oberland an seinen menschlich gesehen schwierigsten Sommer. Er beschreibt Max als einen alternativen Städter, der bereits ein Jahr Alperfahrung als Zusenn mitbrachte. «In Konfliktsituationen gab Max durch, dass ich seiner Meinung nach bloss Stunk mache, obwohl's nicht nötig wäre, er zündete sich einen Joint an und alles blieb beim Alten», seufzt Ernst. Ein riesiges Problem sei das Käsen gewesen. Max habe sich dagegen gewehrt, das Käsen von ihm zu lernen. Er wollte seine Erfahrungen auf eigene Faust machen und verwies auf den letzten Alpsommer, wo er bereits einiges mitbekommen hätte. «Ich habe schnell gemerkt, dass Max kaum Ahnung hatte vom Käsen und vor allem absolut unsorgfältig arbeitete. Das Ergebnis war geblähter Käse», Ernst schüttelt den Kopf. «Ich wollte ihm zeigen wie man vorgehen muss, aber Max liess kaum mit sich reden. Da ist mir der Geduldfaden gerissen, ich hatte schliesslich die Verantwortung für die Alp.» Die Atmosphäre sei dann entsprechend kühl gewesen, man habe nebeneinander gelebt und miteinander gearbeitet, aber so habe das keinen Spass gemacht. «In der zweiten Alphälfte haben wir das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Ich war sehr erleichtert, ich hatte zwar mehr zu tun, aber der ewig schwelende Konflikt vorher war noch anstrengender», beschreibt Ernst die letzten Wochen und betont, anfangs Sommer wäre es nicht möglich gewesen, die Alp alleine nur mit Hilfe der Bauern zu machen. Älpler Ernst schliesst aus diesen Erfahrungen: «Das A und O ist die Auswahl. Wenn es irgendwie geht, würde ich nur noch mit jemandem auf die Alp gehen, den ich bereits kenne. Weiter würde ich so viel wie möglich bereits vor der Alp absprechen und regeln. Dann sind die gegenseitigen Erwartungen viel klarer.» Darauf angesprochen, wie man eine schwierige personelle Alpsituation entschärfen könne, sagt Ernst: «Für mich war Besuch eine enorme Hilfe. Ich habe mir regelrecht Visite organisiert, das hat jeweils die Atmosphäre für beide Älpler gelockert und man konnte zusammen am Tisch sitzen, ohne dass es knisterte.»


 
   

Mirjam oder «Städterin auf dem Berg»

ch habe meine erste Alp aus der anderen Perspektive - eben als Städterin, die mit einem «richtigen Bergler» z'Alp geht - erlebt» berichtet Mirjam Walde aus Burgistein. Sie wirkt nachdenklich, wenn sie versucht, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. «Ich möchte die Gegensätze nicht werten, aber unsere Welten waren extrem verschieden.» Das Positive zuerst: «Dadurch, dass ich mit einem Bergbauern auf die Alp ging und nicht mit einem «Stadt-Cowboy», lernte ich neben dem Alpbetrieb auch eine ganz andere Weltanschauung und alte Traditionen kennen. Das ist für mich gewissermassen «Alp pur», aber es ist auch schwierig, darin einen gangbaren Mittelweg zu finden.» Sie fügt Beispiele an, einerseits seien da die wunderschönen traditionellen Feste mit geschmückten Kühen, Tanz und Alppredigt. Anderseits auch einfach die Mentalität des Älplers, der «in einem ganz anderen Film lebt», mit seiner lieben, ruhigen, aber zuweilen auch etwas engstirnigen Mentalität. «Für mich war es eigentlich selbstverständlich, dass ich bei organisatorischen Fragen mitdiskutieren und mitentscheiden kann. Natürlich meine ich damit nicht fachliche Punkte, nur die Dinge, die unseren gemeinsamen Alltag auf der Alp betrafen. Aber ich musste merken, dass dabei meine Meinung wenig gefragt war.» Da verbringen zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichem Rollenverständnis gemeinsam einen Sommer. Sie leben eine enorme Nähe, die sich aus den Lebensbedingungen ergibt. Sie mögen sich zwar, aber es braucht täglich wieder Energie auf einander zuzugehen und zu verstehen. «Ich bin an den Punkt gekommen, dass ich entscheiden musste, ob ich bleiben will, das heisst diese Spielregeln akzeptieren, oder ob ich gehe.» Sie ist geblieben. Wenn Mirjam von diesem Alpsommer erzählt, spürt man, er hat tiefe Spuren hinterlassen, im positiven Sinn. «Es war gut, ein alternatives Leben nicht mit «alternativen» Menschen zu führen. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich noch jünger gewesen wäre. Als Jugendliche hätte ich vermutlich weniger Mühe gehabt mit den autoritären Strukturen», mutmasst sie. Es könne auch eine Chance sein, wenn auf der Alp zwei so unterschiedliche Mentalitäten aufeinandertreffen, überlegt Mirjam, auch der Bergbauer erhält so einen Einblick in einen anderen Lebensstil.


 

Daniel oder «die liebe Liebe»

unkto «innig» musste Daniel Reichenbach, der mit seiner Freundin den Alpsommer «bestritt», auf der Alp manchmal auch bittersüsse Erfahrungen machen. Er fasst zusammen: «Man ist extrem aufeinander angewiesen, arbeitet 100 Tage non stop zusammen, der Raum ist meistens eng, beide sind müde und Krisensituationen betreffen beide gleichzeitig. Da ist es klar, dass das nicht immer nur romantisch zu und her gehen kann.» Er erklärt, zuhause sei der Spielraum in der Beziehung grösser. Mal habe der eine Stress bei der Arbeit, mal die andere. Man könne sich bei Bedarf auch etwas ausweichen und es erlebten nicht täglich beide das selbe. «Aber genau das ist ja auch so wunderschön auf der Alp, endlich ´mal einfach zusammen sein und am selben Strick ziehen», zeigt er die Sonnseite des gemeinsamen Alplebens. Er erinnert daran, man müsse Konfliktsituationen auf der Alp auch relativieren, da die Reizschwelle entsprechend der grossen Arbeitsbelastung tief sei. «Wenn wir dann endlich Zeit gehabt hätten, die Konflikte anzugehen, war ich meistens so müde, dass ich nur noch schlafen wollte». Daniel sieht ein Hauptproblem in der mangelnden Freizeit. Das sei natürlich ein finanzielles Problem, aber es wäre ideal, wenn man die Alp zu dritt machen könnte oder einmal Mitte Sommer ein Wochenende blau machen könnte.» Er erinnert sich daran, wie er und seine Freundin manchmal nach einem strengen Alptag am Abend müde in der Küche standen und sich trotz Hunger wieder ´mal nur für Brot und Käse entschieden. «Ich glaube, es wäre für das Zusammenleben auf der Alp auch Gold wert, wenn zwischendurch jemand Aussenstehendes kochen würde, und man einfach an den Tisch sitzen und zusammen ein feines Abendessen geniessen könnte.»


 

 

Markus oder «Der Berg und ich»

insam habe ich mich eigentlich nie gefühlt, im Gegenteil, ich würde eher von Geborgenheit sprechen, denn ich war eingebettet in die Bergwelt», antwortet Markus Henauer auf die Frage, wie er den Alpsommer erlebte. Er hat in Oberwil im Simmental eine kleinere Alp alleine bewirtschaftet. «Ich war bei meinem ersten Alpsommer 21 jährig. Es war ein bewusster Rückzug aus der Zivilisation. Ich habe das Alleinesein gesucht.» Er fügt an, mit Melken, Käsen und von Hand den Mist ausbringen seien die Tage reich ausgefüllt gewesen. Und eigentlich könne man nicht von «Einsamkeit» sprechen, denn da waren ja noch seine Schützlinge, eine Hand voll Kühe und Ziegen. Was, wenn er sich verletzen würde so alleine dort oben, und niemand merkt es? Markus überlegt: «Eigentlich hatte ich nie Angst, dass etwas passieren könnte. Auf der Alp ist man dem Himmel einfach irgendwie näher, ich fühlte mich immer beschützt.» Man spürt, er war eins mit der Natur auf dem Berg. Das heisst aber nicht, dass er die Verbindung mit der Aussenwelt nicht zu schätzen wusste: «Das Radio bekam einen ungeahnt hohen Stellenwert. Einmal pro Woche haben mir die Bauern Post gebracht. Das ist auch ein wichtiger Punkt, ich hatte ja kein Telephon, da habe ich wieder vermehrt Briefe geschrieben.» Heute würde Markus mit der ganzen Familie z'Alp gehen: «Das wäre wohl wieder eine ganz andere Erfahrung mit den beiden Töchterchen auf dem Berg», träumt er.

 


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