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Gedeih und Verderben einander ausgeliefert, aufeinander angewiesen
ist man auf der Alp. Darüber also will ich schreiben. «Da
nehmen wir irgend eine nette psychologische Theorie über Konfliktbewältigung,
konstruktives Streitgespräch oder so, untermalen das ganze mit
einschlägigen Beispielen - fertig», hab ich mir gedacht.Aber
wenn ich an die Alpsommer zurückdenke und spüre, wie sich
mir die Nackenhaare sträuben. Wenn ich an die eine oder andere
Konfliktsituation denke, erscheinen mir theoretische Abhandlungen
viel zu flau. Da klammere ich mich an so unklare Begriffe wie «gesunder
Menschenverstand». |
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Ein Alpteam ist ein extrem enges Gefüge. Man
arbeitet Hand in Hand, wohnt gemeinsam auf engstem Raum und ist
während etwa 100 Tagen fast 24 Stunden täglich zusammen.
Hält man sich diese Situation vor Augen, relativiert das vieles.
Aber es macht auch deutlich, wie wichtig es ist, dass man dem Thema
«Zusammenleben» genügend Beachtung schenkt. Ein
gutes Alpteam erleichtert den Alpsommer enorm, aber es bedeutet
auch Arbeit, den «Team-Geist» entsprechend zu hegen
und pflegen.
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Ernst oder «nach der Wahl die Qual»
s
beginnt schon vor der Alp, denn meistens legt man sich das Kuckucksei
bei der Wahl der Alp, respektive des Alppersonals. «Ich habe
einfach niemanden gefunden, so war ich froh, als die Alpgenossenschaft
mir Max* (Name von der Redaktion geändert) vermittelt hat.
Ich hatte zwar ein komisches Gefühl, als ich ihn kennenlernte,
aber ich bin schliesslich offen und dachte, das geht schon»,
erinnert sich Ernst Ramseier, ehemaliger Älpler im Berner Oberland
an seinen menschlich gesehen schwierigsten Sommer. Er beschreibt
Max als einen alternativen Städter, der bereits ein Jahr Alperfahrung
als Zusenn mitbrachte. «In Konfliktsituationen gab Max durch,
dass ich seiner Meinung nach bloss Stunk mache, obwohl's nicht nötig
wäre, er zündete sich einen Joint an und alles blieb beim
Alten», seufzt Ernst. Ein riesiges Problem sei das Käsen
gewesen. Max habe sich dagegen gewehrt, das Käsen von ihm zu
lernen. Er wollte seine Erfahrungen auf eigene Faust machen und
verwies auf den letzten Alpsommer, wo er bereits einiges mitbekommen
hätte. «Ich habe schnell gemerkt, dass Max kaum Ahnung
hatte vom Käsen und vor allem absolut unsorgfältig arbeitete.
Das Ergebnis war geblähter Käse», Ernst schüttelt
den Kopf. «Ich wollte ihm zeigen wie man vorgehen muss, aber
Max liess kaum mit sich reden. Da ist mir der Geduldfaden gerissen,
ich hatte schliesslich die Verantwortung für die Alp.»
Die Atmosphäre sei dann entsprechend kühl gewesen, man
habe nebeneinander gelebt und miteinander gearbeitet, aber so habe
das keinen Spass gemacht. «In der zweiten Alphälfte haben
wir das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Ich war sehr erleichtert,
ich hatte zwar mehr zu tun, aber der ewig schwelende Konflikt vorher
war noch anstrengender», beschreibt Ernst die letzten Wochen
und betont, anfangs Sommer wäre es nicht möglich gewesen,
die Alp alleine nur mit Hilfe der Bauern zu machen. Älpler
Ernst schliesst aus diesen Erfahrungen: «Das A und O ist die
Auswahl. Wenn es irgendwie geht, würde ich nur noch mit jemandem
auf die Alp gehen, den ich bereits kenne. Weiter würde ich
so viel wie möglich bereits vor der Alp absprechen und regeln.
Dann sind die gegenseitigen Erwartungen viel klarer.» Darauf
angesprochen, wie man eine schwierige personelle Alpsituation entschärfen
könne, sagt Ernst: «Für mich war Besuch eine enorme
Hilfe. Ich habe mir regelrecht Visite organisiert, das hat jeweils
die Atmosphäre für beide Älpler gelockert und man
konnte zusammen am Tisch sitzen, ohne dass es knisterte.»
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Mirjam oder «Städterin auf dem
Berg»
ch
habe meine erste Alp aus der anderen Perspektive - eben als Städterin,
die mit einem «richtigen Bergler» z'Alp geht - erlebt»
berichtet Mirjam Walde aus Burgistein. Sie wirkt nachdenklich, wenn
sie versucht, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. «Ich möchte
die Gegensätze nicht werten, aber unsere Welten waren extrem
verschieden.» Das Positive zuerst: «Dadurch, dass ich
mit einem Bergbauern auf die Alp ging und nicht mit einem «Stadt-Cowboy»,
lernte ich neben dem Alpbetrieb auch eine ganz andere Weltanschauung
und alte Traditionen kennen. Das ist für mich gewissermassen
«Alp pur», aber es ist auch schwierig, darin einen gangbaren
Mittelweg zu finden.» Sie fügt Beispiele an, einerseits
seien da die wunderschönen traditionellen Feste mit geschmückten
Kühen, Tanz und Alppredigt. Anderseits auch einfach die Mentalität
des Älplers, der «in einem ganz anderen Film lebt»,
mit seiner lieben, ruhigen, aber zuweilen auch etwas engstirnigen
Mentalität. «Für mich war es eigentlich selbstverständlich,
dass ich bei organisatorischen Fragen mitdiskutieren und mitentscheiden
kann. Natürlich meine ich damit nicht fachliche Punkte, nur
die Dinge, die unseren gemeinsamen Alltag auf der Alp betrafen.
Aber ich musste merken, dass dabei meine Meinung wenig gefragt war.»
Da verbringen zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund
und unterschiedlichem Rollenverständnis gemeinsam einen Sommer.
Sie leben eine enorme Nähe, die sich aus den Lebensbedingungen
ergibt. Sie mögen sich zwar, aber es braucht täglich wieder
Energie auf einander zuzugehen und zu verstehen. «Ich bin
an den Punkt gekommen, dass ich entscheiden musste, ob ich bleiben
will, das heisst diese Spielregeln akzeptieren, oder ob ich gehe.»
Sie ist geblieben. Wenn Mirjam von diesem Alpsommer erzählt,
spürt man, er hat tiefe Spuren hinterlassen, im positiven Sinn.
«Es war gut, ein alternatives Leben nicht mit «alternativen»
Menschen zu führen. Vielleicht wäre es einfacher gewesen,
wenn ich noch jünger gewesen wäre. Als Jugendliche hätte
ich vermutlich weniger Mühe gehabt mit den autoritären
Strukturen», mutmasst sie. Es könne auch eine Chance
sein, wenn auf der Alp zwei so unterschiedliche Mentalitäten
aufeinandertreffen, überlegt Mirjam, auch der Bergbauer erhält
so einen Einblick in einen anderen Lebensstil.
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Daniel oder «die liebe Liebe»
unkto
«innig» musste Daniel Reichenbach, der mit seiner Freundin
den Alpsommer «bestritt», auf der Alp manchmal auch
bittersüsse Erfahrungen machen. Er fasst zusammen: «Man
ist extrem aufeinander angewiesen, arbeitet 100 Tage non stop zusammen,
der Raum ist meistens eng, beide sind müde und Krisensituationen
betreffen beide gleichzeitig. Da ist es klar, dass das nicht immer
nur romantisch zu und her gehen kann.» Er erklärt, zuhause
sei der Spielraum in der Beziehung grösser. Mal habe der eine
Stress bei der Arbeit, mal die andere. Man könne sich bei Bedarf
auch etwas ausweichen und es erlebten nicht täglich beide das
selbe. «Aber genau das ist ja auch so wunderschön auf
der Alp, endlich ´mal einfach zusammen sein und am selben Strick
ziehen», zeigt er die Sonnseite des gemeinsamen Alplebens.
Er erinnert daran, man müsse Konfliktsituationen auf der Alp
auch relativieren, da die Reizschwelle entsprechend der grossen
Arbeitsbelastung tief sei. «Wenn wir dann endlich Zeit gehabt
hätten, die Konflikte anzugehen, war ich meistens so müde,
dass ich nur noch schlafen wollte». Daniel sieht ein Hauptproblem
in der mangelnden Freizeit. Das sei natürlich ein finanzielles
Problem, aber es wäre ideal, wenn man die Alp zu dritt machen
könnte oder einmal Mitte Sommer ein Wochenende blau machen
könnte.» Er erinnert sich daran, wie er und seine Freundin
manchmal nach einem strengen Alptag am Abend müde in der Küche
standen und sich trotz Hunger wieder ´mal nur für Brot und
Käse entschieden. «Ich glaube, es wäre für
das Zusammenleben auf der Alp auch Gold wert, wenn zwischendurch
jemand Aussenstehendes kochen würde, und man einfach an den
Tisch sitzen und zusammen ein feines Abendessen geniessen könnte.»
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Markus oder «Der Berg und ich»
insam
habe ich mich eigentlich nie gefühlt, im Gegenteil, ich würde
eher von Geborgenheit sprechen, denn ich war eingebettet in die
Bergwelt», antwortet Markus Henauer auf die Frage, wie er
den Alpsommer erlebte. Er hat in Oberwil im Simmental eine kleinere
Alp alleine bewirtschaftet. «Ich war bei meinem ersten Alpsommer
21 jährig. Es war ein bewusster Rückzug aus der Zivilisation.
Ich habe das Alleinesein gesucht.» Er fügt an, mit Melken,
Käsen und von Hand den Mist ausbringen seien die Tage reich
ausgefüllt gewesen. Und eigentlich könne man nicht von
«Einsamkeit» sprechen, denn da waren ja noch seine Schützlinge,
eine Hand voll Kühe und Ziegen. Was, wenn er sich verletzen
würde so alleine dort oben, und niemand merkt es? Markus überlegt:
«Eigentlich hatte ich nie Angst, dass etwas passieren könnte.
Auf der Alp ist man dem Himmel einfach irgendwie näher, ich
fühlte mich immer beschützt.» Man spürt, er
war eins mit der Natur auf dem Berg. Das heisst aber nicht, dass
er die Verbindung mit der Aussenwelt nicht zu schätzen wusste:
«Das Radio bekam einen ungeahnt hohen Stellenwert. Einmal
pro Woche haben mir die Bauern Post gebracht. Das ist auch ein wichtiger
Punkt, ich hatte ja kein Telephon, da habe ich wieder vermehrt Briefe
geschrieben.» Heute würde Markus mit der ganzen Familie
z'Alp gehen: «Das wäre wohl wieder eine ganz andere Erfahrung
mit den beiden Töchterchen auf dem Berg», träumt
er.
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