Zarte Begegnung
   

Manchmal wissen die Alten in den Bergen halt so um Dinge...

M. M.

 

ie war nicht die Art Frau, die sonst seine Wege kreuzte, in den Strassen der Stadt, den Bahnhöfen und so, die Hirtin dieses Sommers. Ab und zu weckte eine besondere Erscheinung kurz seine Aufmerksamkeit. Mehr aber nicht. War eben etwas wie abgeklärt, vom Leben gehärtet. Hatte ausserdem zu tun, viel zu tun. Ging seines Weges.

Es gab schon einmal eine Liebe. Wer Sie war, wo sie lebten, was dann geschah, darüber sprach er nicht. Es muss schon länger, aber nicht allzuIange her, gewesen sein. Nur einmal, am Cima oben, vor einem Jahr, hatte er nasse Augen, als der Wildhüter sich zu ihm setzte, der Alte. War seit langem ein Freund. Es war schon Vertrautheit, die endlich den Tränen freien Lauf liess. Nur allzu kurz vielleicht. Dabei liess ihm der Alte doch seine Zeit, lange Zeit. Er fragte auch nicht, brauchte nicht zu fragen. Manchmal wissen die Alten in den Bergen halt so um Dinge, ohne sie erzählt zu bekommen. Können dann schweigend trösten.

 
 
 

ie sassen auch dieses Jahr wieder zusammen, die beiden, auf der Fuorcla oben, bis zur Dämmerung. Die Gamsjagd spielte da kaum eine Rolle mehr. Der Mann schoss eh nicht mehr auf Tiere, es wollte das nicht mehr in ihm; hing nur noch so den Gemsen nach, suchte Ruhe und Ablenkung in seinen Bergen. Das Gewehr halt dabei, wie immer; und den Hund, den treuen. Alte Gewohnheit. - Auch das wusste der Alte. Und er wusste noch mehr - Konnte es auch am winzigen Leuchten der Augen ablesen, dass sein junger Freund eben neulich ...

Sie war nicht die Art Frau, die sonst seine Wege kreuzte. - Sie wusch gerade die Stiefel am Brunnen, unter der Hütte, als er sie erstmals sah. Hatte aber nicht den Mut, auf sie zuzugehen, sie anzusprechen. Behielt seinen Abstand, wollte sie nicht erschrecken. Was nur hatte die Frau an sich, so speziell anders? Fand keine Antwort. - Bis er sie wieder sah, Tage später, auf dem Hügel, hinter der Hütte. Sie spiegelte nach ihren Kühen. Erwiderte seinen Gruss. Es waren mehr ihre Augen, die sprachen, so vielsagend, als der knappe, warme Gruss. Sie war schon schön, sehr schön, anmutig, aber viel mehr noch als das. Schwer zu sagen. Nicht eigentlich nur Hirtin, nicht nur Städterin. Eher ein Ebenmass. Strahlte Wärme, Ruhe aus, vollkommene, - den Grashalm zwischen ihren schönen Lippen.

ie sassen dann lange beisammen, auf dem Stein, oben am Hügel. Lange Zeit. Der Alte wusste es, Weile früher schon. Wusste einfach, dass es geschehen wird, - sein Freund und die Hirtin ...  zu ihrer Zeit.

 


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