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Landwirtschaft
im Alpenraum - unverzichtbar aber zukunftslos?
Dies war das Thema einer Tagung, die vom 18.5 bis 21.5.94 an der Europäischen Akademie Bozen stattfand. Die wissenschaftliche Leitung der Tagung hatte Werner Bätzing vom geographischen Institut in Bern. Zur Diskussion stand der gesamte Alpenraum an dem laut Alpenkonvention Deutschland, Frankreich, Italien, Fürstentum Lichtenstein und Monaco, Österreich, Schweiz und Slowenien einen Anteil haben. Eine alpenweite Bilanz aktueller Probleme und möglicher Lösungen sollte aufgezeigt werden. Zwei Frauen vom Alparchiv waren anwesend. von Rosmarie Boschetti und Gudrun Hoppe |
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Aus dem Tagungsprogramm: "Im Rahmen dieser Tagung soll ein erster Überblick über die gegenwärtige Situation und die Probleme der Landwirtschaft erarbeitet werden: ein Überblick, der bewusst den gesamten Alpenraum umfasst und nicht an den heute noch oft eine gesamtalpine Analyse blockierenden Sprach- und Staatsgrenzen haltmacht. Zu diesem Zweck wird aus jedem Staat mit Alpenanteil ein Wissenschaftler eingeladen, der mit den Verhältnissen "seines" Alpenraumes bestens vertraut ist. Allen Referenten werden gemeinsame Leitfaden gestellt, damit sich ihre Ergebnisse miteinander vergleichen und zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen. Darauf aufbauend sollen Perspektiven für eine positive Zukunft der Landwirtschaft im Alpenraum entwickelt werden." Mit dieser Anforderung an die Referenten und TagungsteilnehmerInnen und mit dementsprechend hohen Erwartungen waren wir nach Bozen gefahren. |
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Gemeinsamkeiten und Unterschiede Die acht Referenten der verschiedenen Alpenregionen stellten mit viel statistischem Material die Lage der jeweiligen Berglandwirtschaft dar. Dabei traten politische und kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern, aber auch regionale Differenzen hervor. Es gibt zwei einander entgegengesetzte Entwicklungen: Ganze Talschaften verstädtern, da Industrie, Tourismus und Handel das Arbeitsangebot vergrössern (z.B. Grenoble mit 500'000 Einw.) oder die ländlichen Gegenden in Stadtnähe zu attraktiven Wohnorten für Pendler werden. Demgegenüber stehen andere Landstriche, die sich
mehr und mehr entvölkern. So z.B. die französischen Südalpen,
die praktisch verlassen sind oder mehrheitlich von über 60jährigen
Menschen bewohnt werden. |
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Spezialfall Slowenien Die slowenischen Alpen bilden im europäischen Gefüge eine Ausnahme, hier begann die Entvölkerung aus historischen Gründen schon Anfang dieses Jahrhunderts. Slowenien gehörte in den letzten 100 Jahren bereits zu fünf verschiedenen Staaten und befindet sich auch gerade jetzt wieder in einem immensen gesellschaftspolitischen Wandel. In den letzten Jahrzehnten wurde in vielen Gebieten die industrielle Produktion forciert. Heute übertreffen Milchprodukte und die Kartoffelproduktion den Eigenbedarf. Fleischprodukte, Obst und Gemüse reichen für den heimischen Markt. Es gibt nur 17% Haupterwerbsbetriebe, unter die hauptsächlich die staatlichen Agrogenossenschaften fallen. Die Landwirtschaft Sloweniens deckt vor allem den Eigenbedarf und ist nicht marktorientiert. 8 - 10 % der heutigen Betriebe werden von Rentnern geführt. Für die Kleinbauern ist der Wald ein wichtiger
Einkommenszweig, da 49 % Sloweniens bewaldet sind. |
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Zukunftsszenarien Die meisten Referenten gingen davon aus, dass Bauern unersetzlich sind für ein funktionierendes Gemeinwesen. Im Gegensatz dazu standen die Informationen aus Bayern, wo heute schon 20 Gemeinden im ländlichen Raum nur noch Nebenerwerbsbauern haben. Eine Gemeinde gar keinen Landwirtschaftsbetrieb mehr. Trotzdem besteht dort eine dörfliche Gemeinschaft. Einigkeit besteht auch darin, dass die Berglandwirtschaft anerkannte Qualitätsprodukte und regionale Spezialitäten herstellen muss. Auch sind grundlegende Strukturänderungen für die Zukunft der Berglandwirtschaft unerlässlich. verschiedene Beispiele Francois Vèron aus Frankreich stellte vier mögliche Szenarien für die Zukunft dar:
Peter Rieder aus der Schweiz fand, dass Instrumente
der Berggebietsförderung effizient, effektiv, transparent und
sozialverträglich sein müssten. |
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Ungenutzte Möglichkeiten Mehr als zu einem 1. Einblick reichte die Zeit der Referenten kaum. Leider kam in der nach jedem Referat zur Verfügung stehenden Diskussionstunde kaum eine solche über mögliche Lösungsansätze auf. Vielmehr wurden Detailfragen gestellt. Die gebotene Möglichkeit während 3 Tagen mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Disziplinen zusammenzuarbeiten wurde leider nur von wenigen Praktikern genutzt. Für die wenigen anwesenden Spezialisten aus der Praxis wurde die Mitarbeit durch den sehr vorlesungsmässig gestalteten Tagungsablauf zusätzlich erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Mit der verabschiedeten Resolution am Ende der Tagung
(siehe Kasten) wurden verschiedene Problemkreise angesprochen aber
man war weit davon entfernt auf die gestellte Tagungsfrage Antworten
gefunden zu haben. |
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Kritische
Betrachtungen
In den Köpfen der Referenten steckte teilweise ein romantisches, mystifizierendes Bergbauernbild, das aus unserer Sicht weit von der Realität entfernt ist. Der Bergbauer wirtschaftet nicht grundsätzlich naturnah, der zunehmenden Intensivierung der Berggebiete und der damit verbundenen Verarmung der Landschaft muss konkret entgegengewirkt werden. Der Erhalt der Landwirtschaft um jeden Preis, d. h. durch weitere Intensivierungen, kann hier keine Lösung sein. Gesprochen wurde durchwegs vom innovativen Bauern, in
jungen bis mittleren Jahren, also voll im Saft steckend. Was ist jedoch
mit den Kindern, mit den Alten, die in vielen Gegenden noch übriggeblieben
ihre nicht mehr rentablen Höfe bewirtschaften? Wo sind die Frauen?
Diese sind zu 50 % an der Arbeit auf dem Hof beteiligt und wurden
nie erwähnt, höchstens mitgemeint. Obwohl gerade die Frauen,
wie uns auf unsere Anfrage bestätigt wurde, meist der innovativere
Teil sind und viele Neuerungen dann auch umsetzen. |
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Ebenfalls nicht in Zusammenhang gebracht mit den Problemen der Berglandwirtschaft wurde der grosse Konkurrenzdruck der Talbetriebe, bzw. der weltweiten, industriellen Agrarproduktion und auch der Überproduktion. Wären hier nicht grundsätzliche Überlegungen und Änderungen auf gesamteuropäischer Ebene vonnöten? Neben dem von den Wissenschaftlern an der Tagung geforderten Strukturwandel muss aus unserer Sicht ein tiefgreifender Umdenkungsprozess stattfinden. Die direkt Beteiligten sind in diesen Denkprozess einzubeziehen und müssen wieder für ihr eigenes Tun und Handeln Verantwortung übernehmen. Nur die strukturellen Veränderungen, die man selbst erarbeitet hat werden auch real zu verwirklichen sein. Die Bewohner und Bewohnerinnen eines Gebietes sollten in Zusammenarbeit mit externen Fachleuten ein Leitbild für ihren jeweiligen Lebensraum entwickeln, das ökologisch und sozial vertretbar und ökonomisch sinnvoll ist. Alles in allem fanden wir die Tagung insbesondere durch den länderübergreifenden Ansatz sehr anregend und interessant. Dem Ziel der inneralpinen Kommunikation über die Sprach- und Kulturgrenzen hinaus zu intensivieren ist man einen Schritt näher gekommen. Ein erstes Kennenlernen hat stattgefunden. Um Lösungsansätze und Strategien entwickeln zu können sind weitere Zusammenkünfte notwendig. Einbezogen werden sollten jedoch auch direkt Betroffene und Fachleute, die sich mit den ökologischen Bedingungen auseinandersetzen. Der Tagungsbericht mit allen Referaten und Nachträgen aus der Veranstaltung wir im Januar 1995 von der Veranstalterin herausgegeben und zu beziehen sein: Europäische Akademie Bozen, Weggensteinstrasse
12/a, I-39100 Bozen |
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Resolution Kulturelle Identität bilden eine tragende Säule des Bauerntums; darauf aufbauend soll der unternehmerische Charakter bei Landwirten im grösstmöglichen Umfang gewährleistet werden. Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sollen vergleichbar sein mit jenen anderer Berufsgruppen. Der Erhalt der Bergbauern ist letztlich eine Überlebensfrage des künftigen Lebens im Alpenraum und damit der Kulturlandschaft. In Fortsetzung dieser Tagung sind daher langfristige, international koordinierte regionale Entwicklungskonzepte zu erarbeiten. Der ländliche Raum im Alpengebiet ist in seiner Abhängigkeit von allgemeinen Entwicklungen zukunftsbezogen auszuleuchten, woraus Chancen und Gefahren zu erkennen sind. Förderungskonzepte sind zu entwickeln unter Berücksichtigung regionaler Eigenarten bezüglich Landnutzungen und Erschliessungen; Einkommensentwicklungen und Betriebsstrukturen (Haupt- und Nebenerwerb); Marktstrukturen; dörfliche Strukturen; Rolle der Beratung und Bildung für Bauern. |
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