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Eine künstlerische Auseinandersetzung
mit einem Territorium Jean Odermatt beobachtet seit 1983 den Gotthard, einen Berg, der selbst keinen Namen hat, dessen Mythos jedoch ein ganzes Territorium umfasst: das Gotthardgebirge. Begonnen hat Odermatt mit Fotoserien auf dem Gotthard. Ausgehend von einem Standort hat er zu allen Jahres-, Tages-, und Nachtzeiten den Berg fotografiert. Für ihn wichtig sind nicht die entstandenen Fotos, sondern das, was zwischen den Bildern passiert. von Jean Odermatt |
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| Wovon ist zu reden?
Wie ist ein Tun zu erklären, das eher einer Ausstellung gleicht,
letztlich aber doch nicht entzifferbar ist? Auf welcher Schwelle vermag
ein Blick vom Gedränge der Worte, der Begriffe und Vorstellungen
wieder wegzuschweifen, zurück zum Unausstellbaren?
Welche Haltung steht hinter diesem Vorhaben? Die eigene Biografie weist einen Weg über viele Stationen hinweg. Seit frühester Kindheit hat mich der Gotthard beschäftigt: als Kind, das an den Ufern des Vierwaldstättersees aufwuchs, mit den Träumen der Eisenbahn und der Strasse nach dem Süden im Kopf. In den 50er Jahren stellte sich mir das Territorium in einer ersten Hülle dar: ich baute Modelle für den Strassentunnel, entwarf Brücken für kommende Autobahnen und ging zur Mittelschule in der Absicht, später an der Eidgenössischen Technischen Hochschule einmal Tiefbau-Ingenieur zu studieren, um mit Wissen und Technik Einfluss zu nehmen auf diese Landschaft. Später, als diese Pläne im Gelände und ohne meine Mithilfe Wirklichkeit geworden waren, öffneten sich andere Perspektiven, neue Schichten und Schichtungen tauchten auf: etwa die Idee eines zentralen Massivs, eines Hochlands - eine Idee, die mich immer mehr zu beschäftigen begann, mich geradezu anzog wie ein magnetisches Feld, ohne eigentlich zu wissen warum. Später kamen Anregungen aus Werken der Literatur hinzu ich entdeckte in Goethe nicht nur den Schulklassiker, sondern in seinen differenzierten Aufzeichnungen zur Meteorologie, zu Wolken und Gestein entlang des Passes auch jemanden, der sich mit verschiedensten Mitteln und äussert differenziert auch mit dem Gotthard auseinandersetzte... |
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Eine zufällige Fotoserie mit Aufnahmen einer morgendlichen Dämmerung auf 3000 Metern Höhe im Herbst 1983 meine erste Kameraarbeit überhaupt förderte weitere Schichten zu Tage, unter anderem die Spekulation, dass vorbeiziehende provenzalische Kelten hier oben die Sonne verehrten (Dissertation Zurlauben 1782). Später folgte die Entdeckung, dass es überall auf der Welt Heilige Berge gibt: der Fujiyama der Japaner, der Omei der Chinesen, der Kassaya Parbat der Inder, der Kailas in Tibet, verbunden mit Vorstellungen von Energie-Linien in der Landschaft, Gedanken wie sie die Chinesen in ihrer Geomantie pflegen. Derart ungewohnte Vorstellungen öffneten mir einen Weg in das bisher Rätselhafte und weithin Unerschlossene des äusserlich mittlerweile bedeutungslos gewordenen Berges. Die Berge wachsen und zerfallen Um der Grösse eines Berges gewahr zu werden, muss man ihn von einer gewissen Distanz betrachten; um seine Form zu erkennen, muss man ihn bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang erleben; um die Mittagszeit und bei Mitternacht; bei Sonnenschein und bei Regen; bei Schnee und Sturm; im Sommer und im Winter; im Frühling und im Herbst: Ein Mensch, der den Berg auf diese Weise sehen kann, nähert sich dem Leben des Berges, das ebenso intensiv ist, wie jenes eines menschlichen Wesens. Die Berge wachsen und zerfallen, sie atmen und pulsieren wie das Leben. Sie ziehen unsichtbare Energien ihrer Umgebung an und horten sie: Energien der Luft, des Wassers, der Elektrizität und der Anziehungskraft; sie erschaffen Winde, Wolken, Stürme, Regen, Wasserfälle und Flüsse. Sie erfüllen ihre Umgebung mit Leben und bieten unzähligen lebenden Dingen Schutz und Nahrung. Zweifel begleiten mich stets Vielleicht bin ich auch nur ein Voyeur, der sich für die Details interessiert und ansonsten den unendlich grossen Abstellraum der Geschichte benutzt. Vorerst nur Beobachter, möchte ich dennoch durch das Äussere hindurch, hin zum Innersten. Beim allzulangen Verweilen an einer Stelle verflüchtigen sich die Reize und erscheinen erst wieder, wenn ich mich für einige Zeit entfernt habe. Was sich zeigt muss auch benannt werden Betrachte ich die Landkarte von Roden Carter im amerikanischen Arizona des Künstlers James Turells, so finde ich darin keine Namen, bloss einige Zahlen, Linien, Kurven, Mäandern. Nur weit draussen, wo die Eisenbahn vorbeizieht, fallen ab und zu Namen: Borrow Pit, Coyote Spring so spärlich, dass man sich nachgerade an sie klammert, sie immerzu liest und sich den Ort vorstellen möchte, der sich dahinter verbergen könnte die Behausungen, Fenster vielleicht, mit einem freundlichen oder vielleicht auch mürrischen Gesicht... Betrachte ich dagegen die Karte irgend einer Schweizer Gegend so fällt mir die Fülle von Worten, Namen, Orten, Bezeichnungen Identitäten eines Territoriums. Kein Tal, kein Hügel, kein Grat, keine Bergspitze, die namenlos bliebe. Was sich zeigt, muss auch benannt werden. Unter all diesen Bezeichnungen fällt der Name "Gotthard" besonders auf: sozusagen als gesamtnationales Symbol der Einheit von Tälern und Bergen, als Name der Namen. Das Thema "Berg" schier restlos ausgeschöpft Im Märchen öffnet sich im magischen Zauberspruch der Berg. Heute lockt die Kulturgeschichte die Kenntnisse der Mythen der Völker dieser Erde, ihrer Orte und Riten doch sie stellt sich auch als Klippe dazwischen: Lebendige Bilder wachsen nicht durch Überstülpen ferner Perspektiven auf eine spürbar gewordene Enge, nicht durch den Reiz neuer Techniken. Und die Kulturgeschichte hat mit ihrem weiten Spektrum an Ausdrucksformen am Ende des 20. Jahrhunderts (auch) das Thema "Berg" schier restlos ausgeschöpft. Eine Auseinandersetzung heute mit diesem Territorium erbringt keine schnellfüssigen Ausstellungsobjekte, wird zu keiner Fussnote des Zeitgeistes, diesem unersättlichen Ernährer aller Kataloge. Der Ausfall an äusserer Anteilnahme wird vielmehr zu einer wesentlichen Rahmenbedingung, die fehlenden Sichtblenden werden zu Chancen. Zwar ist der Blick auf die Gegenwart verschmutzt durch die Ablagerungen der Geschichte und jede Bemühung, sich erst einmal vorbehaltlos dem Territorium auszusetzen, nimmt sich zäh aus. Natur ist amorph, nur Schutt und Geröll, weder nutzbar noch prädestiniert für ein gedankliches Konzept. Ein äusserliches und schnelles Bezwingen ist unter solchen Voraussetzungen undenkbar. Also übe ich mich im Stillehalten, in einem Mich-Einlassen auf dieses Territorium. Es wird zu einem Kampf, jahrelang, gegen mich selbst und gegen die Unerbittlichkeit der Zeit. Doch verfolge ich im langen Atem die Ränder dieser still daliegenden Landschaft, so öffnet diese bisweilen wieder behutsam ihr abenteuerliches Licht, jenes Licht, das sie durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch getragen und stets beseelt hat. |
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Es war der Berg, der mich anzog Und so ging ich dann nicht so sehr den alten Motiven nach, von denen ich überdies wusste, dass die meisten inzwischen verbaut sind, sondern meinem Gefühl: es war der Berg, der mich anzog, wie noch nichts im Leben mich angezogen hatte. Für die Bewohner des Gebirges besassen die Berge nichts Verlockendes Bergwelt und Glauben stehen seit Urzeiten in einem engen Zusammenhang. Berge sind Urbilder des Erhabenen wie auch Ausdruck des Unzugänglichen. Immer waren sie zentral in Sagen, Legenden und Mythen. Doch für die Bewohner des Gebirges besassen die Berge nichts Verlockendes. Der Mensch bleibt hier den Naturkräften mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt, auch heute noch. Er lebt an den Grenzen der menschlichen Siedlungsmöglichkeiten und sein Leben bleibt gefährlich. Daher ist ihm der Schutz vor Gefahren von erstrangiger Bedeutung. Magische Handlungen sollen den Menschen vor den unbeständigen und übermächtigen Kräften in der Natur wie auch im eigenen Innern schützen und ihn daran hindern, sich zu unüberlegten Handlungen hinreissen zu lassen. Um die den Menschen bedrohenden Kräfte zu bannen, setzen die Menschen selbst symbolische Kreise oder Ringe. In der Umzäunung des eigenen Landes, im kreisförmigen Schwingen einer Fahne oder mit den Betrufen auf der Alp: So weit wie die in alle Richtungen gerufenen Worte reichen oder abgelegte Gegenstände auf menschliches Wirken hinweisen, so weit gilt das Übermächtige als gebannt und die Welt als heil erhalten. Der Mensch sucht durch ordnenden Einfluss sein Gleichgewicht mit den ihn umgebenden Kräften der Natur zu finden. Und hinter der Schwelle: eine Begegnung Eine Gestalt schiebt sich durch das dichte Weiss. Nach einer Weile hält sie inne, wischt den Schnee vom Gesicht: Die Schneestürme blenden uns, um uns das Gehen zu lehren, das Gehen mit gesenktem Blick, den Schritt in die Fussstapfen des Vorderen. Es gibt keine Wege, es gibt nur die Fährten des Windes auf dem Schnee. Im Schneetreiben greift sie eine Handvoll Schnee zu sich, die sie alsdann langsam zwischen den Fingern hindurch zu Boden zurückgleiten lässt: Das ist mein Leben. und mit der andern Hand wiederholt sie dieselbe Geste: Und das ist mein Tod. Alles andere ist Fata Morgana.
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