er
richtige Viehhirt soll das seiner Obhut anvertraute Vieh von morgens
früh bis abends spät unter strenger Aufsicht halten: auf der
Weide, am Brunnen, im Stall, auf dem Wege vom Stall auf die Weide. Er
sollte wissen, ob jedes Stück seinen Hunger auf der Weide oder
seinen Durst am Brunnen gestillt hat. "Ein Hirt sollte seine Tiere
Stück für Stück kennen," schreibt der Alphirt vom
Schnebelhorn, "nicht nur nach Farbe und Grösse, sondern nach
allen ihren Eigenschaften, namentlich nach Gefrässigkeit (Staffelvieh
oder nicht), Empfindlichkeit oder Widerstandsfähigkeit und nach
Verdauungskraft (ob es 'anschlägt' oder nicht). Er wird z. B. nie
'auslassen', ohne die Tiere aufgejagt und beim 'Misten' beobachtet zu
haben. Die Entleerung der Exkremente erfolgt immer kurze Zeit nach dem
Aufstehen. Er wird die Entleerung abwarten und wenn sich Unrichtiges
('Dünnmisten', 'Blutharn', etc.) zeigt, Abhilfe schaffen. Die Exkremente
bleiben so im Stall und fallen nicht auf den Vorplatz und können
vom Stall aus dahin befördert werden, wo der Düngung am nötigsten
ist."
in
richtiger Hirt gewöhnt die Tiere an eine gewisse Zutraulichkeit,
Anhänglichkeit und Gemütlichkeit. Mit Geduld und Liebe zur
Sache kann ein solcher gar viel erreichen, was ein zornmütiger
nicht kann.
"Chömet nu,
i ha kei Stecke,
i der Täsche hann' i z'Lecke"
heisst der Hirtenruf der Älpler. Die Tiere sollten
den Hirten kennen und seinen Lockruf und ihn gerne haben. Solche Geduld
findet täglich ihre Belohnung.
rosse
Aufmerksamkeit erfordert die erste Zeit des Alp- oder Weideaustriebs,
namentlich bei solchen Tieren, die den Weidegang noch nicht gewohnt
sind. Da ist Geduld wahrlich von nöten. Da heisst es auch:
"Wie gewöhnt,
so getan!"
n
ersterer Zeit ist es namentlich die Tränke, die grosse Aufmerksamtkeit
von seiten des Hirten erfordert. Stück für Stück sollte
beim erstmaligen Tränken beobachtet werden, ob das Wasser langsam,
richtig oder mit Hast, schleppend oder in zu grosser Menge aufgenommen
wird.
aus:
Alp und Weidewirtschaft
S. G. Stebler
1903
Verlag Paul Parey
Berlin
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