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Ach
- wie manches Chueli hat sein Leben schon lassen müssen oben
auf der Alpe! Ist vertrolet, hat sich zu weit in die Planke vorgewagt,
halsüberkopf tobelwärts, ein schlechtes Kraut gekaut und
wiedergekaut, falsches Wasser getrunken und elendiglich gebläht,
vom Blitz jäh hingestreckt, vom unberechenbar hüpfend Stein
zerschmettert, vom jähzornigen Hirten..., aber lassen wir das,
langen Holz an oder betrufen in den Abend hinaus für Haus und
Hab. Hier solls zwar auch ums Ableben gehen, aber um die geregeltere
Variante ohne all die individualistischen Eskapaden noch im letzten
Atemzug. Der Mehrheit der Rindviecher wartet der maschinell perfektionierte
und durchrationalisierte Tod im Schlachthaus.
von Christian Brassel |
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Drei Bücher zum Thema seien der geneigten HirtInnenschaft empfohlen zur Hebung der geistigen Tätigkeit und erquicklichen Unterhaltung: 1,28 Millionen Rinder leben heute weltweit, trampeln Weiden zu Wüsten, vergiften Grundwasser, rülpsen die Ozonschicht weg, dringen in die letzten Regenwälder vor und fressen einen Drittel der weltweiten Getreideproduktion weg, nur um auf den Tellern einer reichen Bevölkerungsminderheit zu landen. Das und einiges Unappetitliches dazu zeigt Jeremy Rifkin in seinem Buch Das Imperium der Rinder auf und plädiert für ein 21. Jahrhundert ohne Rindfleischkonsum. Zu diesem Zweck wartet Rifkin, ein profilierter Gentech-Gegner und Sachbuchautor aus den USA, mit einer wahren Flut von Fakten und Zahlen auf. Er beleuchtet aber auch die Geschichte der Rindviehhaltung, den Bedeutungswandel des Rindes vom geheiligten Tier zum Besitztum und Massenprodukt, zeigt, wie die Nutztierhaltung entscheidend zur Herausbildung der kapitalistischen Weltordnung beigetragen hat, wie die Rindviehhaltung Hand in Hand mit Kolonialismus und Ausrottung ging und geht, wie Massentierhaltung die Selbstversorgungswirtschaft zugunsten monokultureller Anbausysteme verdrängt und das Töten selbst rationalisiert und abstrahiert wird. Und weil unsere Gesellschaft der Hygiene einen beinahe religiösen Stellenwert beimisst, entsprechende Argumente also besonders ziehen, zeigt Rifkin auch minutiös all die Schweinereien auf, die in der Fleischproduktion und -verarbeitung so vorkommen können. Weitere Kapitel beleuchten die Psychologie des (Fleisch)-Essens, Zusammenhänge zwischen Ernährungsgewohnheiten und gesellschaftlicher Stellung, Geschlechterhierarchie und Nationalismus.
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Ein durch und durch euroamerikanisches Buch also, ein Rundumschlag mit einer breiten Palette von Fakten, Zahlen und Theorien und dahinter stets der moralisch gereckte Zeigefinger samt Heilslehre: Finger weg vom Rindli und alles wird (fast) gut. Schon grad ein bitzli harte Kost für eine Rindviehhirtin oder einen Kuhschweizer... Können wir den Horrorbildern der Massentierhaltung nicht Alpidyllen und helvetische Mässigkeit entgegenhalten, eine intakte Kulturlandschaft, die gerade durch die Rindviehhaltung im Gleichgewicht gehalten wird? Nun ja, die hiesigen Zustände sind anders, aber bekanntlich sind es auch hier die ökonomischen Kräfte der Marktwirtschaft und nicht kulturelle oder soziale Werte, die sagen, wo´s durchgeht und durchgehen wird. Das Buch greift viele Probleme in Zusammenhang mit der Rinderhaltung auf, zu viele vielleicht, und zu beliebig wird mit Argumenten und Zahlen jongliert. Immer drückt die missionarische Absicht des Autors durch. Sozialgeschichte unter dem Aspekt der Rindviehhaltung hat mich als Thema aber sehr angesprochen, und bis ein besseres Buch darüber geschrieben ist, kann Das Imperium der Rinder durchaus empfohlen werden.
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Wer lieber einen Roman liest und das Schlachten doch nicht ganz sein lassen will, dem/der seien zwei prächtige und schaurige Autoren empfohlen: Upton Sinclair beschreibt in seinem sozialrealistischen Roman Der Dschungel (ältere Übersetzungen auch: Der Sumpf) das Leben in und um die Schlachthöfe von Chicago zu Beginn unseres Jahrhunderts. Es ist die Geschichte litauischer Emigranten, deren Hoffnungen auf ein besseres Leben im Sumpf der Slums und im blutigen Matsch der Schlachthöfe versaufen. Eindringlich werden die entsetzlichen Arbeitsbedingungen, das Elend und der Kampf um Arbeitsplätze geschildert, was beim Lesen schon etwas dicke Haut erfordert. Der 1906 erschienene Roman machte die Zustände in den Schlachthöfen mit einem Schlag einer breiten Öffentlichkeit bewusst. Als Folge davon sank der Fleischkonsum in den USA empfindlich und die Lebensmittelgesetzte wurden verschärft. Wer ist schon gerne ein Beef, das vielleicht allzu menschliche Bestandteile enthält... Sinclair schaffte also mit seinem Roman das, was Rifkin mit seiner zahlengespickten Plädoyer anstrebt. |
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Zum Schluss noch zurück zu helvetischen Verhältnissen. Hier ist nicht Chicago, und Tropenwälder werden weit weg niedergewalzt. Hier bimmeln uns die Rinder noch die Ohren voll, aber auch hier gibts ein prächtig Buch vom Leben und Schlachten einer Kuh, vom Niedergang der traditionellen Landwirtschaft und vom abstumpfenden Arbeiten in der (Fleisch)-Fabrik. Beat Sterchis Blösch gilt zu recht als einer der besten Schweizer Romane der 80er Jahre! Blösch, die Heerkuh auf dem Knuchelhof, Innerwald, ein Prachtstier kommt eines Tages abgemergelt in den Schlachthof und bringt dort den ganzen Trott, die stumpfsinnigen Arbeitsvorgänge und die innerbetriebliche Hierarchie zum Einstürzen. Denn in der heruntergekommenen vor die Schlachtbank geführten Kuh erkennt Ambrosio sich selbst und seine Geschichte wieder. Ihm schliessen sich andere Arbeiter im Schlachthof an, künden den jahrealten Gehorsam auf und lassen einen hundskommunen Arbeitstag im prächtigsten Chaos enden. Ambrosio, der Arbeiter aus Spanien war nach seiner
Ankunft in der Schweiz Knecht bei Knuchel, der sich mit aller Sturheit
gegen den Fortschritt in Form von Melkmaschine und künstlicher
Besamung wehrt. Hier wird Ambrosio´s Arbeitseifer geschätzt
und er gegen die fremdenfeindliche Stimmung im Dorf in Schutz genommen.
Eine Verständigung zwischen dem Spanier und den Knuchels gibt
es aber nur ansatzweise. Ambrosio kann nur den Kopf schütteln
über dieses Land mit seinen massigen Simmentaler-Kühen,
den gezöpfelten Miststöcken und saftstrotzenden Matten.
Gerade diese Isoliertheit und die ganze dörfliche Abwehrhaltung
schildert Sterchi auf einmalige Art. Wer von aussen oder unten auf
die Alp, ins Dorf kommt, kennt dieses Unverständnis, das nicht
von der Verschiedenen Sprache herrührt, sondern viel tiefer
geht, sicher auch. Eine einmalige Alplektüre also, und Fleisch
oder Wurst, Schwartenmagen oder Gekröse darf danach immer noch
essen, wer mag. |
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Jeremy Rifkin: Das Imperium der Rinder. Frankfurt: Campus, 1994. 277 S. 37.- Upton Sinclair: Der Dschungel: Roman. Reinbek: Rowohlt, 1985. (rororo ; 5491). 15,80 Beat Sterchi: Blösch: Roman. Neuausg. Zürich: Diogenes, 1992. 448 S. (detebe ; 21341). 19,80 |