Ein Mitglied der Arbeitsgruppe Val Madris-Curciusa berichtet von der Stauseefront über den Stand der Bedrohung verschiedener Alpentäler durch die Elektrizitätswirtschaft sowie über die Stimmung an verschiedenen Schauplätzen des aktuellen Geschehens aus seiner Sicht.

von Kaspar Schuler
 

 

 
 
 
 

Madris: Beseelt

In der Nachmittagshitze einem Bach entlang zäunen. Auf Übergänge und Tränkestellen achten, die Hochwasser nach den Gewittern berücksichtigen, den Niedrigwasserstand im Herbst mit einbeziehen, Pfosten schlagen, Isolatoren schrauben, nachdenken. Nebenan das stete Gurgeln. Die ersten Gedanken werden fortgeschwemmt, neue tauchen auf. Bald kommt das Vieh in dieses Seitental. Dann, nach dem langen Auftrieb, auf einer Steinplatte kauern und den Kopf ins Wasser halten, dass es tost in den Ohren und wenn ich mich aufrichte schaut mir der Hund ins Gesicht, auch er bis zum Bauch im Bach...
 

 

 

 

Chur: dicht

Letzten Herbst wehrten sich die kantonalen Energiedirektoren gegen die sofortige Inkraftsetzung des neuen Gewässerschutzgesetzes, allen voran der Bündner Regierungsrat Luzi Bärtsch. Vier Monate vorher hatten 61% der BündnerInnen dieses Gesetz angenommen, zusammen mit 66% aller Stimmenden der Schweiz. Vielleicht haben das all die Regierungsräte überhört. Hellhörig ist man in Chur jedoch, wenn es um die Stillegung der Bäche geht. Ist irgendwo ein Kraftwerk projektiert, im Gespräch oder auch nur skizziert, und soll dieses Gebiet heute mit einer rechtsgültigen Schutzmassnahme teilweise erhalten werden, so unternimmt die Regierung alles zur Verhinderung des Schutzes. So geschehen bei den Mooren im Val Frisal und dem Madris, bei kantonalen Naturschutzbestimmungen für die Curciusa und bei den Rheinauen in Mastrils. Das hat System: Zuerst die Rechtslage zuungunsten der Natur verschieben, anschliessend, als Konzessionsbehörde, eine "ausgewogene Abwägung" zwischen Natur- und Wirtschaftsinteressen vornehmen.
 

 

 

Thusis: Aufrüstung

Im April trafen sich die VertreterInnen der Arbeitsgruppe Val Madris-Curciusa mit Arnold Plüss, dem neuen Direktor der Kraftwerke Hinterrhein AG in Thusis. Die Madriser Bäche wurden kurz gestreift auf der Landeskarte 1: 25 000. Das Angebot zur gemeinsamen Wanderung dorthin hat der neue Direktor gerne angenommen. Bisher hat er sich beruflich um Atomrechtsfragen und vorher in der Weltbank um Kraftwerksbauten rund um die Welt gekümmert. Plüss` Vorgesetzte im Unterland (bei NOK, EWZ, BKW, Atel, etc.) und auch die vom Kanton scheinen fest entschlossen zu sein, mit ihm Alpen und Bäche im Madris ertränken zu wollen, Flachmoorschutz hin und bisher negative Beurteilung der Umweltverträglichkeit her.
 

 
 

Bern: bachfern

Seit anfangs Jahr verhandelt die "Konfliktlösungsgruppe Wasserkraft KOWA" (Elektrizitätsmanager, Kantonsbeamte, Bundesvertreter, UmweltschützerInnen und Leute aus den Widerstandsgruppen) in Bern, um den Grabenkrieg um Zerstörung oder Erhalt der letzten Bäche zu beenden. Die Verhandlungen sind nötig meint die Elektrizitätswirtschaft, die heute 90 % der Schweizer Wasserkraft nutzt und weiterbaut. Obwohl sie zwischen 1975 und 1984 erklärte, jetzt sei aber aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und des Landschaftsschutzes Schluss damit. Ziel der KOWA Verhandlungen ist sogar, gemäss Auftrag von Bundesrat A. Ogi, die Möglichkeiten für einen Weiterausbau der Wasserkraft um 5% zu prüfen! Weshalb macht unsereins da überhaupt mit? Wie machen wir den Managern und Beamten endlich spürbar klar, das kein einziger Bach mehr neu gefasst und keine weitere Alp ertränkt werden dürfen? Das Parkett in Bern ist seifig und fern der Bäche.
 

 
 

Alp Panix: "Gelungener" Tod

Wir suchen seit Jahren das Gespräch, verhandeln und erzielen immer wieder Abstimmungserfolge, derweil die Elektrizitätswirtschaft weiterplant und Kraftwerk um Kraftwerk baut. Nächstes Jahr ist der Inn unterhalb Scuols dran, mit dem Kraftwerk Pradella - Martina. Dieses Jahr ist`s die Alp Panix. Laut Bündnerzeitung seis "feierlich" gewesen, die "Festgemeinde" war dreihundertköpfig. Der Disentiser Abt Pankraz Winiker und der Pfarrer Roland Just weihten die Staumauer, den Rücken zum ertränkten Tal. Aufgeschrien hat gemäss Berichterstattung niemand.
 

 
 

Was Tun? Es geht so weiter. Die untenstehende Liste sagt genug. Wenn ich an all diese Bäche denke, kommen mir Tränen:

Hängige Kraftwerksprojekte in Graubünden:

  1. Val Curciusa* Elektrowatt AG Bundesgericht entscheidet diesen Sommer
  2. Val Madris* NOK, EWZ, BKW,Atel, KWB, KT Basel, Montedison (Italien)Bundesrat entscheidet über Flachmoorschutz, Kraftwerke sind zur Projekteingabe bereit
  3. Bernina* Kraftwerke Brusio (KWB)Projekt eingereicht
  4. Ems Mastrils (Rhein) Patvag/Ems-Chemie Projekt eingereicht
  5. Val Mulin (Glenner) Elektrizitätswerke Bündner Oberland Projekt eingereicht Bund verweigert Rodungsbewilligung
  6. Martina-Prutz (Inn) Engadiner Kraftwerke&Tiwag (Österreich) Projekt eingereicht
  7. Schergenbach wie 6.
  8. Val Bercla* Elektrizitätswerk der Stadt Zürich Projekt eingereicht
  9. Lampertschalp Kraftwerke Sernf-Niedernbach Konzession in Vals abgelehnt, Projekt von Seiten der Kraftwerke weiterhin aktuell
  10. Litzirüti-Pradapunt Elektrizitätswerk Davos Projekt neu kombiniert mit dem alten Projekt Sapün/Fondei (Schanfigg)
  11. Taschinasbach (Prättigau) Bündner Kraftwerke (Motor Columbus) Projektierungskredit gesprochen
  12. Val Bever Elektrizitätswerk Samedan Projektierung hinter den Kulissen

     

    * Diese Projekte sind Pumpspeicheranlagen zur Umwandlung von minderwertiger Bandenergie (Atomkraft aus dem In- und Ausland ) in hochwertige Spitzenenergie aus dem Speichersee; sogenannte Atomstromveredelung. Das gigantischste Projekt dieser Art ist mit der Abschmelzung des Unteraargletschers am Grimsel geplant.

 

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