Alraun
     
 


Alraun ist der Name, der als zauberkräftig angesehenen Wurzel der Alraunpflanze. Nach dem Volksglauben geht die Zauberkraft der Wurzel von einem Geist aus. Alraun ist eine Liebesgeschichte über die Maradinoälplerin und dem Neuen sowie der Kuh Pia und dem nicht gar so feurigen Stier Sovrano.

von Regina Wurster
 

 

eute konnte sich die Sonne bereits um acht Uhr durch den Nebel drücken. ich sitze unter dem grossen Kastanienbaum, direkt vor unserer Hütte, und schaue den Geissen hinterher - meine treuen Bergstiefelgesellen ruhen neben mir. Beim allmorgendlichen Milchkaffee geniesse ich die kurze Ruhepause. (Rezept: man nehme eine mittelgrosse Schale, fülle sie bis zu Hälfte mit starkem Kaffee auf und halte sie sogleich unter eine Zitze einer guten Kuh. Zehn bis zwölf Spritzer sollten genügen. Warm mit einer dünnen Schaumschicht bedeckt servieren.)
 

Götter und Hirten

 

 

eute ist ein stinknormaler Donnerstag, der Stall ist bereits ausgemistet, die Geissen und Kühe sind gemolken, 35 Liter Milch eingelabt. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, möchte es eigentlich auch gar nicht loswerden, dass heute ein Festtag wird. Während die Kühe friedlich vor sich hin wiederkäuen, eingelullt in die gleichbleibenden Klänge ihrer Glocken, sind die Geissen schon über dem Berg. Abends werden sie wieder pünktlich vor dem Stall stehen, scheinbar zufrieden mit sich und der Welt. Ja, ja, meine Geissen, die wissen wie es geht, da kann selbst ich, die Maradinoälplerin, immer wieder was lernen.

ch höre Monika mit dem Milchgeschirr hantieren: sie wäscht die zwei Melkeimer und das Sieb vor unserer improvisierten Käserei aus. Diesen Sommer, hier auf dieser Alp mein dritter, ist sie mitgekommen. Manchmal denke ich, wir sind wie zwei Gestrandete auf einer Insel, anfangs zusammengewürfelt, inzwischen Komplizinnen. Reden müssen wir nicht viel, Arbeit gibt es ja genug. Das Geräusch der Eimer - Stallarbeit fertig, schon wieder eine Arbeit getan - werde ich im Winter vermissen. Aber denk doch jetzt nicht an den Winter. Es ist erst Ende Juni, und heute gehst du ins Dorf - nicht allein - mit dem Neuen!
Seit vier Wochen ist er schon hier, d.h. auf der gegenüberliegenden Nachbarsalp. er musste Hals über Kopf für den alten Giovanni einspringen, den eine Gallenoperation im Krankenhaus festhält. Gesehen habe ich den Neuen allerdings erst einmal, letzte Woche. Unerwartet kam er mittags zu uns hoch.

 

 

 
 
 

onika lud ihn geistesgegenwärtig zu einem Glas Wein ein. Redselig erzählte er, wie er sich eingelebt und die Tiere inzwischen gut im Griff habe. Der Wein schien ihm zu schmecken und Monika, die offensichtlich die Abwechslung genoss, schenkte immer wieder nach. Er sei in drei Tagen mit dem Heu fertig und nächsten Donnerstag gehe er ins Dorf.
"Ich komme mit", schrie ich fast, ich, die bis anhin nur ein klägliches "Hoi" über die Lippen gebracht hatte. Ein prüfender Blickwechsel mit Monika. Alles gesagt.
Gut, er hole mich dann ab. Da war es nun wieder, dieses verlorengeglaubte Herzklopfen! Auf diesem Stuhl hatte er gesessen - mit nacktem Oberkörper, muskulös, verschwitzt und dazu noch im Gegenlicht...
 

 
  o träum nicht so viel. Was sagte meine Mutter immer? "Erst die Arbeit und dann das Vergnügen". Auch so eine. "Von nichts kommt nichts". In diesem Fall: ohne Holz kein warmes Wasser. Heute durchbreche ich meinen allwöchentlichen Waschtagrhythmus. Statt auf den Montagabendgenuss zu warten, fülle ich den alten Milchkessel jetzt schon auf. Wehe, der Ofen spinnt! Wie ich also nackt in der Küche auf den ausgelegten Zeitungen stehe und mich erst mit warmem Wasser, dann mit Seife, dann mit kaltem Wasser abwasche, werden die sonst nervigen Fliegen zu wunderschönen Nymphen, die in wehenden Kleidern um mich herum tanzen. - Aphrodite steigt in ihr goldenes Bad aus Milch und Honig; seltsame töne erklingen...

Wäre das nicht ein neuer Kernseifenwerbespot?

Warum fuchtelt Monika da draussen so mit den Armen herum? Jetzt rennt sie auch noch direkt hierher.

"D Pia isch stierig. Was mache mer jetzte?" Mein Aphroditendasein verwandelt sich blitzartig in das eines begossenen Pudels. Ich muss mich erst einmal setzen. Warum bitte ausgerechnet heute? Die Regeln auf einer Alp sind simpel: zuerst kommt das Vieh, dann nochmal das Vieh und dann eine Zeitlang nichts.

Bauer Stein, der Besitzer der Kuh, konnte es nicht oft genug sagen: "D Pia isch übrigends nid deckt, äs cha sy, dass si stirig wird - hoffentlech - vier Monet warten i scho." In meinen Ohren klingt es immer mehr: "De müesstèr se sofort zum Stier vom Bianchi überebringe. I ha scho mit ihm gredt. D Pia isch drum myni beschti Chue im Stall..." Himmelmariaundjosef!

"Auso Moni, ganz ruhig - wo han i ou di blödä Zigarette wider lo lige? Du chasch jo sicher uf ke Fall mit dr Pia goh, mit dym verstuuchte Fuess." Monika ist eigentlich ganz ruhig. Jetzt isch es zäni. Wen i jetz sofort mit dere "beschte" Chue us irgendemene Superstall zum Bianchi überegoh, u alles klappet, de chönnt i bis em eis wider do sy. De längt`s no is Dorf." Eine Stund Hinweg, zehn Minuten "Natursprung" und eineinhalb Stunden zurück; das müsste reichen.

"we dr Noi früecher chunnt, de säg ihm doch bitte , i chömi grad."

Wie ich in den Stall komme sehe ich es. Die Scheide ist röter und schleimt ein wenig, Pia trampelt unruhig hin und her, und wie ich ihr den Rücken zukehre , möchte sie sofort auf mich aufspringen. also Pia, los geht`s!

Mit einem Strick einen Halfter um den Hals geknotet, eine Weidenrute in der linken Hand, so marschieren wir los. "Chum jetze." Pia hat es nicht eilig. Sie geht brav, aber langsam. Als ob sie mich ärgern möchte! Nach zwanzig Minuten erreichen wir den Waldweg. Pia trottet gemächlich vor sich hin, versucht hier ein Blatt und da ein Gräschen. "He, mir sy do nid uf emene Sunndigsusflug." Vom kleinen Bach aus, aus dem sie selbstverständlich auch noch gesoffen haben musste, kann ich den Bergbauernhof, unser verheissungsvolles Ziel, erkennen. Eineinhalb Stunden Weg. Jetzt aber ruckzuck!
 

 
 

 
 
 

ach langem Hin und Her mit Bianchi: "Non grazie, hüt nimen i keis Grappa, d Monika isch ganz alleini, villichtesangers Mou..." gehen wir zur hintersten Weide, auf der einsam und verlassen der Stier grast.
"Sovrano, ricevi una visita!" Sovrano - wie kann man einen so kleinen , fast mickrigen Stier Herrscher nennen? Na ja, egal, Hauptsache es geht schnell. Schnell? Meine Güte, bis der erst einmal merkt, dass eine Kuh, dazu noch eine stierige, auf seinem Herrschaftsgebiet weilt, bin ich schon knapp am Rande eines Nervenzusammenbruchs.
"tutto ha bisogno del suo tempo, perche dovrebbe essere diverso dàgli animali." - Ja, Bianchi, warum auch. Inzwischen ist es zehn vor eins und ich bin nun doch reif für einen Schnaps. Endlich, wer hätte das gedacht. Nach einigen Abbrucherwägungen meinerseits erfüllt Herrscher seine Pflicht. Den Dorfbesuch kann ich jetzt allerdings vergessen. Jetzt ist der Neue sicherlich schon fast in der Kneipe. Mensch, du blöde Kuh, warum musstest du denn gerade heute stierig werden!
In Bianchis Küche, inzwischen ist eh alles egal, stellt Sofia, die Bäuerin, ein währschaftes Essen auf den Tisch. An diesem Tisch sitzen bedeutet zuhören müssen, denn wenn die Alte erst einmal anfängt mit Reden... Grund zum Jammern hätte ich wohl mehr, liebe Sofia. "Adesso, jetz muess i aber würklech goh, süsch macht sech d Monika doch no Sorge."
Zuhause angekommen - unterwegs machte Pia kein Anzeichen eines schlechten Gewissens, warum auch - verkrieche ich mich hinter einer Arbeit. Stallausmisten wirkt manchmal wirklich tröstend.
 

 

 
   
 

ach dem eher wortkargen Abendessen, dessen Zubereitung freundlicherweise Monika übernommen hatte, sitze ich, das Rotweinglas vor der Nase, am Küchentisch und versuche , mich mit dem neuesten Sachbuch über Hühnerhaltung abzulenken. War da nicht ein Klopfen? Bevor ich "Ine" rufen kann, steht er mitten in meiner Küche und legt zwei Kilo Äpfel und Schokolade auf den Tisch.
"I ha dänkt, wänn du scho nüd häsch chönne mitcho, bring dr wenigschtens öppis mit,"
"Potztuusig, das isch aber en Ueberraschig! Merci viiu Mou. - Wosch nid abhocke? - Nimsch ou es Glas Wy? - Wart, i reiche grad e nöii Fläsche us em Chäller."
Draussen in der frischen Nachtluft bleibe ich stehen und atme zweimal tief durch. Soll ich zwei Flaschen holen? Für alle Fälle? Unten angekommen – die sechs Stufen, die zum Kellergewölbe führen, bewältige ich eher stolpernd als gehend – fasse ich an die kalte Steinmauer und zähle langsam von fünfzehn rückwärts: das hat mich schon als Kind immer beruhigt.

urch das vergitterte Küchenfenster sehe ich ihn an meinem Platz sitzen. Die Petroleumlampe flackert. Er dreht sich eine Zigarette. Wie ich die Türe hinter mir zumache, überlege ich mir, ob ich sie abschliessen und den Schlüssel verschlucken oder alle Heiligen und Jungfrauen miteinander um Hilfe erbitten soll?

Ich glaube, ich bete lieber.
 

 

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