Hirt West bei Hirten Ost
     
 


Im letzten Sommer war ein hiesiger Älpler nicht auf seiner Alp, sondern unterwegs: vier Wochen lang reiste er, teils in einer Reisegruppe, teils auf eigene Faust, durch den zentralasiatischen Staat Kirgisien, eine ehemalige Sowjetrepublik im westlichen Tienschan-Gebirge. Ein Land, das viermal so gross ist wie die Schweiz, aber nur halb so viele Einwohner zählt. Es liegt zu einem grossen Teil in einem Hochgebirge, wo nur Hirten und Herden hausen.

Ein Bericht über eine Alp fünftausend Kilometer östlich des Gewohnten.

von Res Keller
 

on Kjöl: Ein See, weit wie der Bodensee, hoch über der Waldgrenze, mitten im kirgisischen Hochland. Rund um den See grüne Ebenen, durchzogen von den Schlangenlinien trockener Flüsse und den schmalen Geraden der Schotterstrassen. Der Horizont begrenzt von Bergketten, darüber Wolkentürme. Im Grün verteilt die Menschen und die Tiere, punktförmig: helle Schafspunkte, dunkle Rosspunkte, dazwischen Jurten, Lastwagen.

m Son Kjöl liegt das Manasfeld. Hier hatten kirgisische Krieger einst eine entscheidende Schlacht gegen rivalisierende Stämme gewonnen. Seither ziehen Manas-Cha durch das Land, Sänger, die die heroische Geschichte überliefern. Im Lauf der Jahrhunderte haben sie ein kollektives Werk geschaffen, ein Epos mit hunderttausend Versen:
 

 
 

nvergesslich unvergessen / lebte Manas, der geisterbezwingende Reiter / Nach ihm stürzten Berge ein, Land wurde geschaffen / Das Land senkte sich und formte ein Flussbett / Der Fluss nahm einen neuen Lauf und formte ein neues Bett / So bleibt auch wenig von dem, worüber die Manasgeschichte berichtet / Die Wüste wurde zum See / der See verschwand und wurde zur Wüste / Die Hügel wurden Täler / Die weissen Gletscher wurden schwarz / Aber die Geschichte von Manas dem Löwen wird bis heute erzählt.
 

 
   
Kumys ist kostbar: Mulchenabfuhr im kirgisischen Hochland
 
 

 

ie waren Riesen, die alten Kirgisen. Für die Siegesfeier trugen sie gewaltige Findlinge auf das Schlachtfeld und legten sie zu einer Reihe von Steinkreisen: Feuerstellen, gebaut für Viermeterpfannen. Dann wurden tausend Schafe geschlachtet, ein Festessen für das ganze Volk. Heute ist dieses Feld mit seinen Steinen, sie gleichen keltischen Menhiren, ein wichtiger Ort für die Kirgisen, die das Essen, und gerade das Essen im grossen Kreis, über alles stellen und zelebrieren.
 

 

  uf dem Manasfeld lerne ich Sovjet kennen, einen Hirten mit Schirmmütze und grauem Kittel. Am Anfang unserer Besichtigungsfahrt sind wir bei ihm vorbeigekommen, und weil es regnete und er nichts zu tun hatte, und weil noch Platz im Auto war, ist er eingestiegen. Jetzt scheint wieder die Sonne, wir lehnen am Wagen und blinzeln über die Ebene. Wie alle hier spricht er gut russisch. Er ist Angestellter eines Kolchos, lebt von Juni bis September mit seiner Familie einer Jurte am Ufer des Son Kjöl, den Rest des Jahres einige Lastwagenstunden entfernt in einem Dorf im Naryntal. In einem Monat wird er hier an einem Reiterwettkampf teilnehmen. Jeden August ist auf dem Manasfeld ein Fest der Hirten vom Son Kjöl. Es gibt hunderte von Hirtenfamilien aus verschiedenen Dörfern hier, und jedes Jahr hat ein anderes Dorf das Fest zu organisieren. Auch das Fernsehen wird da sein und viele Besucher aus den Tälern. Beim Wettkampf versuchen zwei Mannschaften von Reitern, eine ausgestopfte Ziegenhaut an einen Punkt im gegnerischen Spielfeld zu bringen. Eine Art Rugby auf Rössern.
 
 
  päter besuche ich Sovjet und seine Frau Ai Gul in ihrer Jurte. Ai Gul bringt Kumys und Gebäck, Sovjet erzählt. Er hat zweihundert Schafe und einen Trupp Pferde des Kolchos zu hüten, daneben eigene Tiere: Reitpferde, eine Kuh. Er verdient zwölfhundert Rubel im Monat, wovon man sich beim derzeitigen Stand der Teuerung gerade noch drei Paar Stiefel kaufen kann. Ein schlechtes Leben, viel schlechter als früher. Aber doch nicht so schlimm wie in der Stadt, meint Sovjet, wo jetzt Arbeitslosigkeit herrscht, Armut und Kriminalität. Auf dem Land können sich die Leute wenigstens selber mit dem Notwendigsten versorgen, alle haben eine Garten, Hühner, eine Kuh, Schafe. Es hat sich auch noch nicht viel verändert hier, der Kolchos besteht weiter, später soll er in eine Genossenschaft umgewandelt werden. Einzelne versuchen sich als Bauern selbständig zu machen, kaufen Tiere, pachten Land. Aber denen geht es noch viel schlechter, sie haben keine Absatzkanäle für ihre Ware, und sie müssen mühsam wirtschaften, alles von Hand machen, auf schlechtem Boden. Im Dorf unten sind sie jetzt am Heuen, und auch die Kolchosangestellten müssen wieder von Hand arbeiten. Es gibt kein Benzin, und die Maschinen fehlen. Ganze Traktoren sind verschwunden, gestohlen worden, und keiner weiss etwas. Die Mafia, sagt man.
 
 

Oberlicht in der Jurte, der mobilen Alphütte
ie Jurte, ein Haus aus Holz und Filz, kann von drei geübten Personen in einer halben Stunde errichtet oder abgebrochen werden. Bis vor wenigen Jahrzehnten zogen die kirgisischen Hirtenfamilien damit durch das Land, stellten sie im Winter in den Tälern auf, im Sommer in den Bergen. Heute dient sie noch als mobile Alphütte. An einer ebenen Stelle werden sechs Holzpfosten in die Wiese geschlagen, in einem Kreis von vier bis sechs Metern Durchmesser. An die Pfosten bindet man aufklappbare Gitter aus haselähnlichen Ruten zu einer ca 1.50m hohen Wand. An der richtigen Stelle wird eine kleine Holztüre eingelassen. Mit dünnen Stangen aus dem selben biegsamen Holz, unten am Gitter, oben an einem runden Fenster festgebunden, wird auf dem Kreis eine Kuppel von ca 2.50m Höhe konstruiert. Über dieses Halbkugelskelett legt man rundum dicke Filzmatten und bindet sie mit Seilen fest. Das Fenster in der Kuppelmitte wird mit einem beweglichen Filzlappen gedeckt, es kann von unten geöffnet werden. Von innen werden die Wände mit bunten Matten weiter verdichtet und geschmückt. Auf dem Boden breitet man Filzteppiche aus, darauf schmale Baumwollmatten zum Sitzen und Liegen. In einer Truhe sind die Kleider und Gerätschaften verstaut. Am Son Kjöl schlafen wir zu zwölft in einer Jurte, die der Kirgisische Veranstalter der Reise von einer Hirtenfamilie gemietet hat. Die ganze Nacht regnet es in Strömen, am Morgen ist das Land rundum zum Sumpf geworden. In der Jurte bleibt es trocken, der Filz hält dicht.
 
 
 

ie Männer schauen zu den Tieren, hüten die Schafe, scheren sie, schlachten sie, wenn Fleisch benötigt wird. Zäune gibt es nicht, die Tiere ziehen scheinbar frei in der eben umher, werden aber von weitem von den Hirten beobachtet. Wenn sich zwei Herden zu vermischen drohen, sind sie schnell zur Stelle mit ihren Pferden. Das Pferd ist überall dabei, man sitzt im Sattel, wo immer es geht, kein Hang scheint zu steil hinauf oder hinunter zu reiten. Wenn ich erzähle, wie wir in den Alpen den Tieren nachrennen, werde ich ausgelacht, ungläubig: warum geht ihr zu Fuss, wo ihr auch reiten könntet?
 

 
 

ie Frauen machen den grössten Teil der Arbeit. Sie reiten nicht. Sie waschen Windeln, backen Brot, melken Kühe und Pferde, stampfen Filz, verarbeiten Milch. Ai Gul zeigt mir, wie sie den Kumys macht, die vergorene Stutenmilch. In einem grossen Holzbottich mit Stutenmilch setzt sie im Frühjahr eine Pilzkultur an, die sie den Winter über konserviert hat. Wenn die Milch genügend vergoren ist, wird sie zur Hälfte abgeschöpft und in Kannen gefüllt. Der Rest bleibt im Bottich als Kultur für die frische Milch, die täglich dazu geleert wird. Alle trinken Kumys hier, überall, in rauhen Mengen. Wo ich hinkomme, werde ich zum Kumystrinken eingeladen. Ein unvergleichbar herber Geschmack, sauer, dickflüssig, leicht kohlesäure- und alkoholhaltig. Meist habe ich schon nach ein paar Schlucken genug davon, werde aber stets genötigt, zwei oder drei Schalen voll zu trinken. Zweimal wöchentlich kommt der Tanklastwagen an den Son Kjöl, um Kumys zu holen. Kumys ist kostbar, eine Spezialität aus den Bergen, die auch im Unterland gefragt ist. In der Stadt wird er in Flaschen oder an offenen Wagen auf der Strasse verkauft.
 

 
 

uhmilch spielt keine grosse Rolle bei den Leuten am Son Kjöl. Sie wird im Tee getrunken oder abgerahmt und zu Sauerrahm und Butter verarbeitet. In anderen Gebieten, im Norden des Landes, wo die russische Kultur einen grösseren Einfluss hat, sieht es anders aus. Die Nachfrage nach Milchprodukten ist gross, die Kolchosen haben hunderte von Kühen und liefern die Milch in zentrale Molkereien.

m Mitternacht verabschieden wir uns von Sovjet, Ai Gul und den anderen, die im Laufe des Abends zu uns gestossen sind. Wir werden uns nicht wiedersehen. Am nächsten Morgen müssen Hans und ich wieder in die Autos, es geht weiter Richtung Süden. Als wir uns auf den Weg machen, führt Sovjet plötzlich aus dem Dunklen zwei Pferde heran und bittet uns aufzusteigen. In Kirgisien soll ein Gast nicht zu Fuss nach Hause, sagt er. So reiten wir im Mondlicht die dreihundert Meter zu unserer Jurte hinüber, einen kalten Wind vom Manasfeld im Rücken.

 

 

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