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Landarbeiterinnen und Landarbeiter auf der Alp: Ideologie,
Tradition und Geschichte nach Jon Mathieu |
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Alp und Alpen Die Alpen, schon nur der Name sagt das, dass die Alpen
einerseits ein geografischer Bereich, von aussen gesehen, sind.
Von Zürich aus gesehen, sind sie einfach eine Bergkette. Aber
wenn die Bauern drinnen davon sprechen, ist es die oberste Alp,
die oberste Stufe, die extensivste Stufe, auch die unfruchtbarste
Stufe. Weil eben die wissenschaftliche Tradition und die literarische,
Romane und so, das kommt alles von aussen, von Zürich her oder
von anderen Zentren. Dort hat sich natürlich immer aufgedrängt,
das Spezifische, was ist anders in diesen Gegenden, das speziell
in den Mittelpunkt zu nehmen. Und das ist eben tatsächlich
die Alpwirtschaft. Wenn man die Bücher liest, zum Beispiel
historische Bücher über die Alpengegend, steht die Alpwirtschaft
immer im Zentrum. |
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Getreidebau Noch heute, wenn ich da herumreise mit diesen Büchern, wollen die Leute natürlich von mir hauptsächlich etwas über das Spezifische, über die Alpwirtschaft, hören. Und sie sind enttäuscht, wenn ich dann sage, schaut her, die hatten auch noch Getreidebau und Wiesen. Da sagen sie dann enttäuscht, ja das ist ja fast wie im Flachland. Wenn ihr herumreist, zum Beispiel im Engandin, das
Engadin ist nun wirklich ein Hochtal, unfruchtbar, schrecklich,
tausendsiebenhundert Meter im Durchschnitt hoch. Wenn ihr an die
Hänge hochschaut, bei Celerina oder bei Zuoz, es sind alle
terrassiert. Das sind Ackerterrassen. Die Stufenlandschaften, auch
im Oberhalbstein, alles ist terrassiert, die Stufen gibt es nur,
wenn man geackert hat. Hauptsächlich vom Pflugbau her. So kann
man eigentlich, wenn man ein wenig lernt, die Landschaft zu lesen,
historisch, so kann man das auch als Quelle brauchen. Und dann sieht
man, dass das doch ein relativ wichtiger Punkt gewesen ist. |
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Selbstversorgung Die Frage nach Markt und nach Selbstversorgung, das
ist eine ganz knifflige Frage. Die stellt sich als höchst schwierig
zu beantworten heraus, und dann ist sie sehr ideologisch. Zum Beispiel
im neunzehnten Jahrhundert, mit dieser Fortschrittsgläubigkeit
und natürlich mit den Industriellen und den Fabrikanten, ist
das Marktprinzip, das ist immer nach vorne gestellt worden. Der
Markt ist das, was zählt. Es sind heute noch wesentliche Kreise,
die Propaganda für den Markt betreiben. Handkehrum gibt es
natürlich auch die idyllischen Vorstellungen von der Selbstversorgung,
die ebenso verfehlt sind. Und wenn man in der Literatur schaut,
wie der Markt gegenüber der Selbstversorgung bewertet wird,
dann sieht man so grosso Modo, dass im neunzehnten Jahrhundert der
Fortschrittsglaube, der Markt, unangefochten das Wichtigste ist.
Und nachher kommt plötzlich um Neunzehnuhundert, besonders
stark nach Neunzehnzwanzig, mit, und das ist wichtig, mit einer
ganz konservativen Zivilisationskritik, die sich gegen die Moderne
wendet, und mit den unheiligsten Allianzen, also ich möchte
jetzt die Nazis nicht beschwören, die Heimatbewegung und die
Folkolore, die Heimatschützer, als sie plötzlich die Selbstversorgung
hervorstreichen und sie auch idyllisieren. Gegen diese Art muss
ich mich auch immer zur Wehr setzen. Weil man sich irgendwo auch
fragen muss, ob Selbstversorgungswirtschaft und Marktwirtschaft
wirklich so grundlegend verschiedene Prinzipien sind. Man kann das
ja auch ein wenig anders anschauen und könnte sagen, und dann
ist es eine etwas distanziertere Art der Betrachtung, dass Selbstversorgung,
also das, was man auf dem eigenen Hof für sich selbst produziert,
möglicherweise noch für die Verwandtschaft und für
die Nachbarn, die einem dann wieder ein Gegengeschenk machen, dass
das einfach das Zirkulationsprinzip und das Produktionsprinzip einer
kleinen Gesellschaft ist. Das andere ist das der grossen Gesellschaft.
Die grosse Gesellschaft braucht ganz ausdrückliche Messer von
Leistungen, Geld zum Beispiel. Damit möchte ich eigentlich
nur sagen, dass die grausigen Mechanismen, die wir kennen vom Markt,
die ja immer verhängt sind mit Macht und Akkumulation, mit
Bereicherungsmöglichkeiten, dass die in einem kleineren Rahmen,
bei der Selbstversorgungswirtschaft, genauso funktionieren. Genauso
ist wahrscheinlich auch wieder falsch gesagt. Aber ich mache hier
einfach ein Votum gegen die Idyllisierung von Selbstversorgungswirtschaft.
Geschenk und Gegengeschenk, ein Geschenk ist immer ein Ausdruck
von Macht. Man kann generös sein, man hats nicht nötig,
und so weiter. |
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Frauen in der Selbstversorgung Ganz allgemein kann man sagen, dass der Markt, die
grossen Beziehungen, viel besser dokumentiert sind. In den Quellen
findet man viel mehr über die Märkte als über die
Hauswirtschaft, so wie man über die Männergesellschaft
viel mehr weiss als über die Frauengesellschaft, wobei Frauen
mit Hauswirtschaft und Selbstversorgung sehr viel mehr zu tun haben.
Die Schriftlichkeit, und wir sind auf die angewiesen als Historiker,
die spielt sich im grossen Raum hauptsächlich ab, die interessiert
sich für das. Hingegen all die stillschweigenden Übereinkünfte,
da wo sich Selbstversorgungswirtschaft abspielt, sind viel schwieriger
zu untersuchen. Da muss man sehr viel mehr zurückgreifen auf
allgemeine Vorstellungen. Da kann man sagen, das stimmt vielleicht,
und vielleicht stimmt es auch nicht. |
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Magerkäs Was ein Indiz ist, dass in Graubünden die Alpwirtschaft
relativ stark noch auf Subsistenz beruht hat, auf Eigenproduktion,
ist das, dass die Magerkäserei, dass sehr viel Ziger, dass
traditionell sehr wenig Fettkäse gemacht worden ist. Und Fettkäse
ist etwas, das zuerst in den Markt eingeht. Schon früh findet
man Alpenbeschreibungen, wo gesagt wird, sie machen einen Teil Fettkäse
und verkaufen den in die Lombardei. Den Rest machen sie Ziger und
Magerkäse. Und der bleibt dann im Betrieb. Wobei, es ist ja
nicht eine strenge Selbstversorgungswirtschaft, weil sie häufig
Alpknechte haben, Älpler. Aber das bleibt dann bei den Bauern.
Anke ist auch etwas, Butter, das relativ häufig und früh
verkauft wird. |
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Viehwirtschaft Und im Bezug auf die Viehwirtschaft in Graubünden,
dass dort schon früh ein relativ grosser Anteil ist von Viezucht,
ziemlich viel Vieh verkauft worden ist. Wenn man das Vieh im engeren
Sinn als Marktprodukt gegen die Molkenproduktion abwägt, würde
ich sagen, dass das Vieh einen grösseren Anteil in der Vermarktung
einnimmt. Etwa seit fünfzehnhundert gibt es einen ganzen Kranz,
gibt es eine riesige Nachfrage nach Vieh im Alpengebiet, die städtischen
Siedlungen, Mailand und so, die gewachsen sind in dieser Zeit. Man
hat eine ganze Reihe, man kann das verfolgen, von Marktgründungen.
Madonna di Tirano ist für Graubünden ganz ein wichtiger.
Mit riesigen Umsätzen, schon früh, zehntausend Stück
in einem Herbst. |
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Verkehr Die Vorstellungen, die wir haben, von den grossen
Verkehrsflüssen, die müssen wir relativieren, wenn wir
in die Zeit vor Achtzehnhundert zurückgehen. Was heute in zwanzig
Minuten über irgendeinen von diesen Pässen geht, ich hab
mal eine provisorische Rechnung gemacht, das ist früher in
einem Jahr drüber gegangen, rein von der Tonnage her. Wenn
man also von grossem Verkehr spricht, dann muss man auch das ziemlich
relativieren. Das ist wieder ein typisches Produkt von der Tatsache,
dass sich die Wissenschaft hauptsächlich ausserhalb des Alpenraums
institutionalisiert hat. Was sie interessiert hat, all diese Gelehrten,
an den Alpen, ist vor allem gewesen, wie man durch die Alpen hindurch
kommt. Das ist auch die Händlerperspektive, die Kaufleute finanzieren
dann selber die Wissenschaft. Das ist das, was die bewegt, das ist
ihr eigenstes Interesse. Darum wird im Allgemeinen der Transit stark
übertrieben in der Geschichtsschreibung. Man hat dann ganz
komische Koordinatennetze. Ein schönes Beispiel für das
Interesse an den Alpenrouten: Um Sechzehnfünfzig haben Amsterdamer
Kaufleute, die wesentlich interessiert gewesen sind an dem ganzen
Verkehr, sich haben auskennen müssen, wie sind die Alpenübergänge
effektiv? Dann haben sie unter anderem einen Zeichner und Maler
auf Spionagereisen geschickt. Der hat uns die schönsten Bilder
hinterlassen, unter anderem vom Schams. Jam Hackert heisst er, Sechzehnfünfundfünfzig.
Jan Eine Bleistiftzeichnung, ist heute in Wien. Bis auf die Hausstruktur
ist wirklich alles ganz genau festgehalten. |
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Bedeutung Alpwirtschaft Man muss sich überlegen, wie kann man überhaupt
so einen Sektor messen. Ein Punkt ist natürlich, dass man schauen
kann, die Zeit, die Alpzeit. Und die Alpzeit ist relativ kurz, bezogen
aufs ganze Jahr. Alpwirtschaft wird halt nur zwei bis drei Monate
betrieben. Im Süden eher noch weniger, 'i due mesi maggiori'
ist das traditionelle Alpmass gewesen. Und dann kann man schauen:
wieviele Leute sind beschäftigt worden? Die Älpler machen
natürlich einen relativ kleinen Teil aus. In den Gegenden,
wo es Genossenschaftsbetriebe gegeben hat, wo der Alpbetrieb eher
ausgegliedert gewesen ist aus den Bauernbetrieben, kann man sagen,
vier bis fünf Prozent Hirten und Sennen. Und das während
zwei bis drei Monaten. Diese Hirten und Sennen gehören zum
Proletariat. Dort, wo es Einzelbetriebe gehabt hat, das ist auch
typisch, sind es die Frauen gewesen, die die Sennerei betrieben
haben. Das wiederum zeigt die hierarchische Stellung. Die Frauen,
die natürlich 'das mindere Geschlecht' sind in dieser Zeit,
eindeutig. Dass die Alpwirtschaft weiblich ist, in diesen Einzelsennereigebieten,
das ist auch einer dieser Indikatoren, dass sie im Bezug aufs ganze
ökonomische System untergeordnet ist. |
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Arbeitsproduktivität Handkehrum kann man noch etwas sagen. Alpwirtschaft
ist sehr extensiv. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft in
der alten Zeit, sinkt die Arbeitsproduktivität. Als man hier
im Mittelland angefangen hat, die Landwirtschaft zu intensivieren,
hauptsächlich im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Aber
auch schon vorher gibt es ganze Intensivierungswellen. Als man zum
Beispiel die Stallfütterung eingeführt hat, als man die
Brache aufgehoben hat, ist die Arbeitsoproduktivität, das heisst
moderner 'output pro Arbeitseinheit', gesunken. Die armen Siechen
haben immer mehr schuften müssen. Das ist auch ein Aspekt der
Modernisierung, ganz eindeutig, dass die Arbeitszeiten immer mehr
steigen, aber dass der Ertrag nicht im gleichen Mass steigt. Das
Besondere im Bezug auf die Alpwirtschaft ist, dass sie extensiv
ist, eine nicht sehr intensive Form der Bodennutzung. Aber dass
vermutlich die Arbeitsproduktivität, und das sage ich jetzt
gern bei den Älplern, des Alppersonals sehr hoch ist. |
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Walser Es ist schwierig zu erklären, warum es am einen Ort Alpen in Familienwirtschaft gegeben hat und am andern Genossenschaftssennereien. Die Erklärung mit den Walsern ist eine sehr gängige Theorie, die vor allem von Richard Weiss gepusht worden ist. Ich muss sagen, ich glaube nicht daran. Wenn man historisch zurückgeht, sieht man, dass die Sprachunterschiede gar nicht so wichtig sind. Die werden erst wichtig im neunzehnten Jahrhundert, als man überhaupt Sprachen wichtig werden im Sinne des Nationalstaats, besonders in Deutschland. 'Wir sind alles Deutsche', weil man die gleiche Sprache spricht, 'wir stammen alle von Deutschen Stämmen'. Das ist auch das Gedankengut bei den Walsern. Die Leute, die im zwölften, dreizehnten Jahrhundert aus dem Oberwallis ausgewandert sind, als es einen grossen Bevölkerungsschub gegeben hat und man auch in die Höhen gegangen ist, in die 'Wildnuss', wie sie früher gesagt haben. Die Walser haben sich dann in Zonen, die spärlich besiedelt gewesen sind, niedergelassen. Das hat dann so Sprachinseln gegeben. Davos, Rheinwald. Aber Wanderung, Auswanderung hat es überhaupt immer gegeben. Eigentlich ist das 'Walservolk', so wie wir es heute kennen, ein Produkt der Wissenschaft, im Wesentlichen. Die sprechen alle einen ähnlichen Dialekt, mit altertümlichen Formen, die sagen alle 'ünsch', und das hat natürlich das Forscherinteresse geweckt und man hat Sprachvergleiche angestellt. Auf der anderen Seite hats die gegeben, die so Fan gewesen sind vom Mittelalter und vom Altertum, und die haben Urkunden ausgegraben, die darauf hinweisen, dass es Leute gewesen sind aus dem Oberwallis. Und weil das in einer Zeit passiert ist, im neunzehnten Jahrhundert und in unserem Jahrhundert, die sehr nationalistisch orientiert ist, wo Sprache sofort heisst, das ist eine Identität, eine Kultur, hat man gesagt, 'das ist das Walservolk, das Walsertum'. Und nachher haben sich sogar Vereine gebildet für 'Walsertum', so ab Neunzehnsechzig, also ganz eine neue Errungenschaft, und Bücher machen das sehr populär. Ich will das jetzt nicht lächerlich machen. Für viele von diesen Bauern hat das eine ganz wichtige Funktion, ich kenne ein paar, denen liegt das sehr am Herzen, die sagen 'ah, wir sind Walser und haben auch eine Bibel', geschrieben von Herr Zinsli, 'das Walservolkstum'. Wir sind ein ehrwürdiges Volk, mit anderen Worten. Und es ist wichtig für die, denn die sind in einer schwierigen Situation. Aber wenn man sich wissenschaftlich damit befasst, und ich muss mich leider aus dieser Perspektive damit befassen, muss man sagen, das ist eine Stammesgründung wie in Afrika, wo im neunzehnten Jahrhundert die Engländer mit der Kolonisation unzählige neue Stämme aus dem Boden gestampft haben. Die zwar auf einer alten Struktur aufbaut, ihr aber eine ganz neue Bedeutung gibt, eine nationalistische im Wesentlichen.
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Romanen Ich muss sagen, mit den Romanen ist genau das gleiche
passiert, die sind fast noch schneller gewesen. Und die Lobby ist
dort noch viel stärker. Rätoromanisch, schon der Begriff
zeigt, was da für ein Rückgriff gemacht wird. Wer weiss
schon, was die Räter sind. Da gibt es wirklich nur Phantasien
drüber. Der Begriff entsteht um Achzehnhundert, als man versucht,
die Dialekte zu sammeln, und wo dann eine Sprachbewegung draus entsteht,
die sich wesentlich auch gegen die Moderne richtet, die aber auch
positiv ist, die auch wichtig ist. Die hat dafür gesorgt, dass
die Leute einen nicht allzu harten Kulturschock haben. Dass sie
nicht völlig marginalisiert werden kulturell. Aber die rätoromanische
Bewegung ist ebenso nationalistisch. |
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Einzelsennerei oder Genossenschaft In dieses Gegensatzpaar, Walser - Romanen, hat man ganz leicht die verschiedenen Alpwirtschaftssysteme einpassen können. Das ist bei Weiss auch gemacht worden, aber stimmt halt nicht so ganz. Ein gutes Beispiel ist das Tujetsch, dort ist es wie in Davos, in älterer Zeit. Und die ganzen Valli, ganz Südbünden: wesentlich Einzelsennerei. Ich würde das vergessen mit den Walsern und den
Romanen. Man kann ja ihre Sprache trotzdem ernst nehmen und sie
als Leute ernst nehmen. Wenn ich es erklären würde, würde
ich versuchen, es mit historischen Konstellationen zu erklären.
Es gibt in Gebieten mit Einzelhöfen mehr Gründe für
Einzelsennereien. Und die Gegenden mit Einzelhöfen, das hat
mit Besiedlungsphasen und -zeit zu tun, mit dem Siedlungsalter,
nicht so sehr mit den Walsern. Dort wo Dörfer den Kern der
Landschaft bilden, gibt es sehr viel mehr Gründe für Genossenschafltssennereien.
Wo Einzelhöfe sind, ist die Familienwirtschaft etwas Naheliegenderes.
Und was ein anderer Umstand ist, alle Umstände sind miteinander
verhängt, ist der Abstand zwischen dem Hof und der Alp. Ich
hab versucht, das nachzurechnen, soweit man das kann. Dort wo man
Einzelsennerei hat, dort ist der Abstand kleiner. Dann ist es auch
so, dass es langfristig einen Trend gibt zur Genossenschaftsalp.
Das ist offenbar das rationellere System. Aber es sind auch andere
Gründe, auch politische Gründe, die dazu führen,
dass das Dorf sich immer enger organisiert, und dass sich das auch
auf der Alp auswirkt. Andererseits gibt es auch Alpen, wo während
Jahrhunderten beide Systeme nebeneinander existiert haben. Zum Beispiel
Alp Anarosa, am Schamserberg. |
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Stellung des Alppersonals Es gibt allgemein im Bezug auf Graubünden in dieser Zeit eine Nord-Süd-Wanderung. Die Engadiner gehen nach Venedig, und es gibt eine gewisse Einwanderung, nicht Massenwanderungen, aus den Nordtälern nach Süden. Die kommen eher unten rein, sozial gesehen. Der Norden ist einfach ärmer gewesen als der Süden. Wichtig ist, dass sie Protestanten sind, die Konfession ist wichtig. In späteren Zeiten sind es Tiroler, die auf die Alpen kommen, als die Konfession nicht mehr so eine grosse Rolle spielt und man auch die 'katholischen Fötzle' anstellt. Es hat auch eine Logik, dass die Älpler Fremde
sind. Man kann fast annehmen, dass mit der Entstehung der Genossenschaftsalpen,
man immer auch Fremde angestellt hat. Denn es ist eine heikle Position,
die der Senn hat, das kennt ihr viel besser, der muss unparteiisch
sein. Und in einem Dorf ist jeder parteiisch. Jeder ist in einem
Clan und jeder hat gewisse Verbindlichkeiten. Es gibt zwar auch
gerechtere Leute, aber man muss auf die Familie Rücksicht nehmen.
Und wenn sich die Bauern zusammenfinden auf der Alp, dann haben
sie es viel lieber, wenn jemand von aussen reinkommt. Zu dem hat
man mehr Vertrauen, der ergreift dann nicht Partei. Handkehrum kann
man ihn auch beliebig fallen lassen. Darum würde ich als Hypothese
annehmen, dass mit der Entstehung der Genossenschaftsalpen Fremde
immer eine wichtige Rolle gespielt haben. Aber von Zürich kommen
sie früher noch nicht. |
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Marignano Die ältere wissenschaftliche Literatur, die futiert
sich um die Älpler. Richard Weiss war der erste, der die Älpler
wirklich ernst nimmt. In dem Sinn, dass er hingeht und genau beobachtet,
was sie machen. Er zeichnet die Gebrauchsgegenstände auf, schaut,
wie sie das Vieh herumtreiben und schreibt all die Arbeitsprobleme
und die sozialen Probleme auf. Eine weitere Stufe, die auch eure
Situation reflektiert, ist dann das Buch von Middendorf, 'der Senn
ist der Käser und der Chef'. Plötzlich wird der Senn die
Hauptperson, der spricht jetzt, durchs ganze Buch, und kann eigentlich
erzählen, was er will, wie sie erzählen in Haldenstein.
Der lügt natürlich wie gedruckt, und jetzt ist es das
erste Mal gedruckt. Und das ist eine wesentliche Innovation. Wenn
ich mich erinnere, was ich so gelesen habe, dann kommen diese Sennen
nur ganz zufällig in Quellen vor. Ein schönes Beispiel
ist das. Kennt ihr die Alp Piora? In der Lukmaniergegend. Dort hat
es endlose Grenzstreitigkeiten gegeben. Und Grenzstreitigkeiten
generieren Quellen. Im sechzehnten Jahrhundert, ich muss jetzt eine
historische Geschichte erzählen, um zu zeigen, wies überhaupt
möglich ist, dass ein Senn oder ein Hirte sich in Quellen niederschlägt,
ganz direkt, dass er etwas sagt, zu uns spricht. Von diesen Schiedsgerichten
haben wir Zeugenaussagen, und dort werden die Älpler plötzlich
wichtig. Denn es sind die einzigen, die sich auskennen, nebst einigen
wenigen ortskundigen Bauern. In diesen Zeugenaussagen fallen dann
auch Nebengeschichten an. Ich kann mich an eine erinnern, die mir
besonders eingefahren ist. Ein Hirte wird gefragt, wann denn genau
dieser Vorfall auf der Alp gewesen sei. Und dann hat er gesagt,
ja, es sei, glaube er, in dem Jahr gewesen, in dem er sich habe
entscheiden müssen, ob er z'Alp gehe oder nach Marignano. Er
hat sich also in diesem Sommer entscheiden müssen, ob er nach
Marignano eine heldenhafte Schlacht schlagen oder auf die Alp gehe.
Und er ist auf die Alp. |
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Alpbegeisterung Im achzehnten Jahrhundert kommt richtig die Alpenbegeisterung
auf. Aus Gründen, die viel mit dem Mittelland und wenig mit
den Alpen zu tun haben. Dort gibt es die Idealfigur vom Hirten und
vom Älpler. J.J.Rousseau, usw. Eine Tradition, die sich bis
heute erhalten hat, und sich vielleicht auch noch intensiviert hat,
und in der ihr auch noch mit einem Fuss drinseid. Ich will euch
jetzt da keine Unterstellungen machen. Aber man kann ja nicht aus
der Zeit rausspringen. Genau in dieser Zeit, und das wird häufig
unterschlagen, kommt auch die Figur vom 'faulen Hirten' auf. Die
hat ganz wesentlich mit der Intensivierung jener Zeit zu zu tun,
als die Bauern immer mehr haben schuften müssen. Aber auf den
Alpen gibts natürliche Grenzen gegen Intensivierung. Die sind
zwar auch variabel, aber wenn jetzt die Bauern immer mehr anfangen
zu schuften, werden natürlich die dort oben immer fauler. |
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Der Hirt, die Nationale Identifikationsfigur In Österreich zum Beispiel ist der Hirte nie so zur nationalen Identifikationsfigur geworden wie in der Schweiz. Das hat schon eine Logik. In der Schweiz hat man einfach immer behauptet, wir sind ein Bauernstaat, im Gegensatz zu Monarchien. Das trägt bei zur Instrumentalisierung und Idealisierung der Bauern, die hauptsächlich im neunzehnten Jahrhundert kommt. Und die ganz wichtig ist auch für die ökonomische Entwicklung. Das Subventionswesen kann man nicht verstehen ohne die ideologische Allianz und die ideologische Idealisierung der Bauern. Und beim Älpler hängt es auch noch mit weiteren Dingen zusammen, mit der Zivilisationskritik zum Beispiel, die man seit dem achtzehnten Jahrhundert hat. 'Der edel Wilde' und der 'edle Älpler', das sind nah verwandte Kategorien. Das Extremstbeispiel als Gegensatz zum urbanen Städter im hochkulturellen Milieu. Das sind die gesuchtesten Personen, der 'Älpler' ebenso wie der 'Indianer'. Weil sie auch einsam sind, extensiv wirtschaften, frei sind offenbar, naturverbunden. Und das färbt dann auch wieder ab auf das Selbstverständnis der Älpler. (*Die Schlächterei
bei Marignano in der Poebene fand im Jahr 1515 statt. Ein eidgen.
Heer wurde von einem französischen geschlagen. Von den 20'000
eidgenössischen Kriegern kam weit über die Hälfte
um. Die Red.) |
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