|
|
Vor
200 Jahren haben die Älpler (Frauen waren damals noch nicht mit
dabei) noch nicht über sich selbst geschrieben. Aber die Alpenwelt
mit ihrer Anziehungskraft und Schönheit wurde so langsam von
den gebildeten Leuten entdeckt. Hier ein Auszug aus einer solchen
Beschreibung und meine Gedanken dazu.
von Salome Roesch |
|
![]() |
![]() |
Was für einen entzückenden Ausblick gewährt ihm (dem ÄlpIer) die auf- und niedergehende Sonne, die hier in verdoppelter Grösse und Schönheit erscheint. Welch eine majestätische Scene ist dies, wenn sich am Abhang der Gebirge Gewitterwolken bilden, deren verheerende Blitze die Täler durchkreuzen, und Schrekken und Angst um sich her verbreiten; während dem sie oben ruhig den heitern Himmel über sich, und unter ihren Füssen die dunkle Nacht in Thale sehen ... Es bedarf ja nur, dass man an den Leuten auf den Alpen ihre vollen Gesichter, ihre nervigten Arme und Schenkel, und die frohe Heiterkeit und Zufriedenheit sehe, um sich davon zu überzeugen: dass hier Gesundheit des Körpers und wahres Wohlergehen miteinander auf's Glücklichste gepaart seyen. Welche grosse und unschuldige Freude gewährt dem Älpler der Anblick seines gesunden und durch nahrhaftes und wohlschmekkendes Gras gesättigten Viehs! Welche Freude gewährt ihm die gewonnene Milch und die daraus verfertigten Käse und Butter!... Endlich geben die geselligen Freuden dem Alpenleben
einen wichtigen Reiz. Den Tag über geht zwar jeder seinen angewiesenen
Geschäften nach; allein bey einbrechender Nacht sammeln sie
sich allmählich in der Küche, und während dem Verspeisen
der Nachtmahlzeit und noch ein Stündchen nach demselben, bey'm
Feuerherd pflegen sie eigentlich freundschaftlichen Gesprächen,
deren Hauptinhalt Scherz und Ernst, Krieg und Friede, Regierungssachen,
Bauernangelegenheiten und dergleichen ausmachen, die nicht selten
durch die naivsten Einfälle gewürzt sind." |
|
|
|
So schwülstig und übertrieben mir diese Lobeshymne vorkommt, ich muss zugeben, dass ich einige dieser Empfindungen selber durchlebe. Und dies, obwohl ich 200 Jahre später unter veränderten Umständen und Bedingungen auf die Alp gehe. Ich liebe es, in und mit der Natur zu leben, zu spüren, wie nichtig ich den Naturgewalten gegenüber bin, wie abhängig von den rasanten Umstürzen der Witterung. Der Kreislauf den Tiere bestimmt meinen Tag. In aller Herrgottsfrühe aufstehen, Kühe holen, melken, frühstücken, käsen, Mittagessen, vielleicht liegt noch ein Mittagsschlaf drin, Kühe holen, Kaffee trinken, melken, Abendessen ... ich geniesse es, in diesen Rhythmus eingebunden zu sein, jeden Tag die vertrauten Arbeiten zu verrichten, die dann doch jeden Tag irgendwie anders sind. Ich sehe, was wir gemacht haben. Weide Kuh Milch Käse, eine abgeschlossene runde Angelegenheit. Am Abend sitzen wir beieinander, in der Hütte oder draussen am Feuer, reden, lachen, streiten, blödeln, diskutieren ... das intensive Zusammenleben ergibt einen Kitt, was mir den Alpsommer um so reizvoller macht. Ich habe mir meine Alpromantik zusammengestiefelt,
obwohl ich die negativen Seiten des Alpenlebens gut kenne. Auch
wir als Team haben mit der Zeit eine Art "Gruppenromantik"
entwickelt. Wir hängen an unserem alten Holzherd, verzichten
freiwillig auf den neuen (von den Bauern vorgeschlagenen) elektrischen
Kochherd. Dafür beantragen wir eine Waschmaschine. Die Stallklamotten
von Hand waschen gehört eben weniger zu unserer Romantik als
die Polenta auf dem Holzherd zuzubereiten. Wahrscheinlich hat jeder
Älpler und jede Älplerin und jedes Team seine eigene Romantik.
Und wahrscheinlich findet jede und jeder von uns grünen, alternativen,
linken, freakigen und fortschrittlichen Älplern eine kleine
Wahrheit für sich in dem vor 200 Jahren von einem Pfarrer geschriebenen
Text. Auf dass die Romantik auf den Alpen bestehen bleibe! |
|