Trockenstellen auf der Alp
     
 

Jeden Sommer gibt es Diskussionen unter Älplern und Bauern, wie man die Kühe trockenstellen soll. Hier sind die gängigen Methoden samt ihren Vor- und Nachteilen aufgelistet.

von Martin Bienerth.

 
 
 
 

Die Kuh braucht eine Pause

Vor der Geburt braucht jede Kuh eine bestimmte Zeit, in der sie sich auf ihr Kalb und nicht auf die Milchproduktion konzentrieren kann. Sie muss sich vom täglichen Melken erholen und deshalb 8 Wochen vor dem Abkalbetermin trocken gestellt werden.

Kühe, die gesund sind, lassen sich in der Regel ohne Probleme trocken stellen. Die Euter sollten zwei Wochen vor dem Trockenstellen genau beobachtet und abgetastet werden. Die Milch muss sauber sein und darf keine Flocken enthalten.

Jeden Sommer gibt es Diskussionen unter Älplern und Bauern, wie man trockenstellen sollte. Beobachtetes Trockenstellen auf Alpen:  


 
 

  1. erst eine Melkzeit aussetzen, dann zwei, drei und vier Melkzeiten aussetzen und dann das Melken einstellen.
  2. jeden Tag nur noch einmal melken, entweder abends oder morgens, drei bis sechs Tage lang, dann das Melken aufhören.
  3. sofortiges Trockenstellen von heute auf morgen.

Alle drei Methoden sind in der Praxis üblich wobei letztere, vor allem bei jüngeren Bauern, immer mehr Beachtung findet.

 

 

 

 

Trockenstellen über einen längeren Zeitraum

Viele Tierhalter, sowohl Älpler als auch Bauern, halten es nicht aus, wenn ein Euter nach dem Aussetzen des Melkens wieder prall wird, vor allem dann, wenn die Kuh zuvor noch mehr als drei Liter pro Melkzeit gegeben hat. Diese Kühe werden wieder angerüstet und gemolken in der Hoffnung, dass die Milch zurück geht. Dies geschieht auch, doch der Kuh wird dadurch kein grosser Gefallen bereitet. Jedes Anrüsten und Melken ermöglicht eine erneute Milchbildung, das ,,innere" Trockenstellen der Kuh wird hinausgezögert und kann sogar zu Gefahren in der Tiergesundheit führen. Es gibt immer mehr Stimmen, die diese Methode ablehnen.
 

 

 

Trockenstellen durch nur einmaliges Melken pro Tag

Viele stellen ihre Kühe so trocken, dass sie täglich eine Melkzeit aussetzen um dann nach ein paar Tagen das Melken ganz aufzuhören. Auch hier wird die Milchbildung erst richtig unterbunden, wenn nicht mehr gemolken wird. Milch von Kühen, die nur noch einmal am Tag gemolken werden, enthält einen deutlich höheren Zellgehalt und muss als käsereiuntauglich eingestuft werden.
 

 

 

 

Sofortiges Trockenstellen

Auf der Alp leben in der Regel keine Hochleistungskühe, die mit enormen Kraftfuttermengen gefüttert werden. Selbst die Zufütterung geringer Mengen Kraftfutter ist sehr selten. Unsere Alpkühe sind Grundfuttertiere, die fähig sind, das Grünfutter der Alpweiden in 10 - 30 Liter Milch pro Tag zu verwandeln.

Wenn diese Kühe gesund, insbesondere eutergesund sind, können sie schlagartig trockengestellt werden. In der Regel fallen diese Kühe auf der Alp im September auf 1 - 5 Liter Milch täglich zurück, wenn sie ab November kalben.

,,Gibt eine Kuh noch drei bis vier Liter Milch pro Melkzeit nur aus dem Grundfutter, und das sechs Wochen vor dem Kalben, dann besitzt solch eine Kuh auch die Fähigkeit, diese Milch nach dem Trockenstellen wieder zurück zu nehmen." Diese Beobachtung eines Tierarztes deckt sich mit eigenen Erfahrungen.

Aus der Physiologie der Kühe ist bekannt, dass sich nach dem Trockenstellen von heute auf morgen im Euter der Druck in der Milchdrüse vergrössert, bis er den Blutdruck übersteigt. Die milchbildenden Zellen können so nicht mehr von der Blutbahn richtig versorgt werden. Die Milchbildung geht zurück und hört nach etwa 36 Stunden ganz auf. Das Euter schwillt also an, was ganz normal ist, um dann nach einigen Tagen, wenn sich die Milchdrüse zurückbildet, einzufallen. Die noch im Euter befindliche Milch wird gänzlich vom Körper der Kuh zurückgenommen.

Das Trockenstellen von heute auf morgen hat den Vorteil, dass der Rückbildungsprozess des Drüsengewebes nicht ständig gestört wird durch wiederholtes Anrüsten und Melken.

Viele Bauern verbinden das sofortige Trockenstellen mit dem Einsatz von sog. Trockenstellern, das sind Langzeitantibiotika in hochwirksamen Dosen. Damit geben sie die Verantwortung des Trockenstellens an ein ,,Mittel" ab und erhoffen sich so die versprochene ,,Wirtschaftlichkeit".
 

 
 

us meiner Sicht ist das generelle Trockenstellen von Kühen mit ,,Trockenstellern" abzulehnen und nur in Ausnahmefällen nach Absprache mit dem Tierarzt anzuwenden. Antibiotikarückstände von Langzeitantibiotika in Milch und Fleisch sind zwar nach einer gewissen Zeit nicht mehr feststellbar und anscheinend für Tier und Mensch unbedenklich. Die rasante Entwicklung der Resistenzbildungen von Mikroorganismen, die ständige Suche nach neuen Antibiotika und die zunehmende Krankheitsanfälligkeit von unseren Kühen und uns selbst sprechen eine andere Sprache. Das sollte uns nachdenklich und vorsichtig werden lassen.

Es wird immer Kühe geben, die schwer trocken zu stellen sind, zum Beispiel solche, die die Milch laufen lassen. Hier müssen individuelle Entscheidungen getroffen werden, indem auch auf das schlagartige Trockenstellen verzichtet werden muss. Bei Tieren, deren Euter vor dem Trockenstellen nicht in Ordnung ist, sollte immer ein Tierarzt zugezogen werden. Unter gewissen Umständen kann hier oder da mit einer gezielten Antibiotikabehandlung einem Viertel geholfen werden.

Gerade auf der Alp, wo für die hochtragenden Kühe optimale Bedingungen herrschen, wo nicht zu feistes oder getriebenes Futter wächst und wo die Tiere sehr viel Bewegung haben, sollte das Trockenstellen ein Kinderspiel sein.

Ein kundiges Auge, ein empfindsamer Tastsinn und das Gespür für ein gesundes Kuheuter sind Voraussetzungen für ein problemloses Trockenstellen.
 

 

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