Kuhgeschichten
 

 

Kuhgeschichte Nr. 1

Nora, die Kuh mit dem Deckel, ist unkompliziert. Wenn ich in den Stall komme, das Licht andrehe und das Aggregat vor ihr abstelle, ist sie bereits gemütlich aufgestanden, während alle andern noch liegen. Mit dieser Handlung beweist sie grosse innere Reife. Nora ist eine Kuh, die mitdenkt. Sie kann in dieser Hinsicht wohl als das Aushängeschild einer neuen Generation von Kühen gesehen werden, die bereit ist für die moderne Philosophie der Milchviehhaltung, deren oberster Grundsatz lautet:
"Das Milchtier (in diesem Falle, die Kuh) ist der Partner (die Partnerin) des Melkers (der Melkerin)".
Fortschrittlicher Landwirt 1998/1, S 42, Bruno Schafibauch

Vergessen ist bald die Zeit, da der oberste Grundsatz noch lautete:
"Das Milchtier (in diesem Falle, die Kuh) ist König (Königin)".
Fortschrittlicher Landwirt 1972/3, S 10, Severin Schafibauch

Eine neue Intelligenz reift hier heran, die dem Menschen durchaus ebenbürtig sein wird. Ich denke, wir dürfen es bereits wagen, von einer Zeit zu träumen, in welcher der Melker (die Melkerin) in harmonischen Einklang mit seiner (ihrer) Kuh leben wird.

Doch zurück zu Nora. Ich stelle also das Aggregat vor ihr ab, schliesse es an die Vakuumleitung und kann sofort mit der Arbeit beginnen. Ich putze ihr das Euter, rüste sie an und nehme ihr den Deckel von der hinteren linken Zitzenöffnung, wo sie sich einst den Schliessmuskel beim Aufstehen quetschte. Das Abheben des dünnen Häutchens markiert sie stets mit einem tiefen "Mmmmmmmmmh". Die Zitzen werden dick, ich hänge das Geschirr an, und nach 4 Minuten ist sie leer. Sie gibt mit Freude und nimmt mit grösster Dankbarkeit. Kein Nachmassieren, kein Aus- oder Nachmelken. Es ist, als würde man ein Gefäss entleeren.

 

von Fritz

Spuckkuh by Chrig perren

 

 

Kuhgeschichte Nr. 2

Arena ist eine junge, schlanke und attraktive Kuh in ihrer ersten Laktationsperiode. Wohlgeformt sind die Rundungen ihrer kurzen Hörnchen mit dem krausen Haar dazwischen. Prall und hart wie die Brüste eines jungen Mädchens ist ihr Busen. Sinnlich und weich ihr Mund. Sie kommt stets als letzte in den Stall und geht sofort an ihren Platz, wobei sie mir zuvor noch einmal herausfordernd in die Augen blickt. Mit gesenkten Augenlidern schwebt sie an mir vorbei und streift wie rein zufällig und ganz leicht, kaum spürbar doch deutlich genug, um es nicht ignorieren zu können, mit ihrem Schwanzhaar meine Oberschenkel. Genug für mich! Wind weht in die Glut meines nicht vorhandenen Liebeslebens. Hilflos, mit zusammengepressten Schenkeln stehe ich da und betrachte das Schauspiel ihrer wogenden Hüften von hinten. In meinem Kopf klingelt und rasselt es, als werde man einen Sack mit Percussionsinstrumenten den steilsten und steinigsten Hang der Alp hinunterkollern lassen. Salsa, Mambo, Cha-Cha-Cha ... Rio. All das vermischt sich zu einer brodelnden Suppe wogender, nackter Hüften an deren Rand die Luftblasen in knallharten Schlägen heisser, pulsierender Rhythmen platzen. Mit der äussersten Kraft meiner mitteleuropäischen Bildung versuche ich mich zu fassen. Die Fingernägel krallen sich ins Fleisch meiner Hände. Diese Teufelskuh ist mit allen Wassern gewaschen. Sie spielt mit mir! Ich atme einmal tief durch und gehe zu ihr. Um die Kette um sie zu legen, muss ich ihren Hals – wie sollte es anders sein – umarmen. Weich und samtig ist ihr Pelz, ein Duft von Bananenöl mit einem Schuss Muskat auf der unaufdringlichen Basis leicht angetrockneter Kuhexkremente und Wiedergekäutem umkräuselt die Schleimhäute meiner Nase und fast hätte ich meine Wange auf ihren warmen Pelz gelegt ... Verbittert reisse ich mich los. Meine Seele ist voller Hass für meine menschliche Existenz.

Auch die Melkarbeit wird später zur zeremoniellen Zerreissprobe meiner Willenskraft. Kaum sitze ich bei ihr, dreht sie mir ihren hübschen Kopf zu und beginnt mich an Arm, Schulter und Hals abzuschlecken. Und immer wieder will ich sie fragen, was es ist: Zuneigung, Liebe, Sex oder bloss das Salz meines Schweisses.

 

 
 

Kuhgeschichte Nr. 3

Roswitha ist nicht nur die beste Kuh von Karl. Roswitha ist auch seine Frau. Roswitha, das heisst die Kuh, Roswitha gibt viel und schnell. Ein kurzes Berühren ihrer Zitzen genügt und man hat bereits Mühe, das Melkzeug rechtzeitig anzuhängen, bevor die Milch in satten, dicken Strahlen ausrinnt. Nach drei Minuten ist sie leer. Ganz plötzlich endet der Milchstrom. Kein Tropfen befindet sich mehr im Euter. Das Geschirr muss dann schleunigst abgenommen werden, denn nichts in der Welt würde diese Kuh daran hindern, alles zu geben. Die Maschine würde sie bis zu den Hörnern aussaugen, bis nur mehr der Sack ihres Felles übrig ist.

Mit Roswitha, der Frau von Karl, verhält es sich ähnlich. Auch sie ist nicht davon abzuhalten, alles zu geben. Sie kocht, bügelt, wäscht, stopft, putzt, bäckt uns Kuchen, arbeitet in der Sozialhilfe, geht in ihrer Freizeit putzen...

Ich gebe ihr meine Wäsche zum Waschen und bekomme sie gewaschen, gebügelt und gestopft zurück. Bevor sie jemanden eine Bitte abschlägt, wird sie ihn umbringen nicht "Nein" sagen zu müssen. Gross ist ihr Bedarf an Liebe, doch weit und breit niemand, der ihr zeigt, dass sie auch ohne Übermenschliches zu leisten, ein liebenswerter Mensch ist.

 

 

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