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Was
für einen Sinn macht es, mit sogenannt "geistigbehinderten"
Jugendlichen für einige Tage in das fremde und wilde Leben des
Älplerlebens einzusteigen? Eine Antwort könnte ich nicht so
einfach geben. Der nachfolgende Bericht beantwortet auch keine Fragen.
Er wirft neue auf, denn da treffen zwei "Randgruppen" aufeinander,
die Älpler und wir. Es ist eine Schilderung von einer Annäherung
an eine fremde Welt. Und ich glaube, wir haben einiges erfahren.
Martin Niedermann |
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Heilpädagogische Schulverlegung
Der Platz für eine Kuh heisst auf der Alp 1 Stoss, mit Lab wird
die Milch dickgelegt und das Älplerleben ist etwas für richtige
Männer und "chäche" Frauen. Mit dieser Erkenntnis
im Herzen und mit schwerem Rucksack auf dem Rücken machten sich
die Schüler und Mitarbeiter auf den Weg zu Rosmarie und Adrian
Rubin, mit Töchterchen Marianne, Älpler auf der Spätenenalp
ob Wengen. So ganz überzeugt, dass auch sie richtige Sennen werden,
waren die betreuten Jugendliche jedoch nicht. Schliesslich gab es
da einige Dinge, welche das gewohnte Leben so richtig durcheinander
bringen konnten. Keine Dusche, kein richtiges Bett, nur ein "Gliger"
auf Stroh über dem Stall und dann die weiten Wege ... |
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Vorbereitung im Heim Seit Wochen hatten die Schüler in der Schule in der Heimatkunde sich mit dem Lauterbrunnental und der Alpwirtschaft beschäftigt. Wirtschaft, Geschichte und Kultur rund um das Sennenleben sollte nun in den nächsten Tagen ausserhalb der Schule in der Praxis erlebt und gelernt werden. Ross und Wagen brachte von Wengen aus das restliche Gepäck und die ersten zukünftigen Älpler auf die Alp. "Eine Hymalayaexpedition hätte nur ein wenig mehr Ausrüstung benötigt" meinte Willy Urban, Heilpädagoge und Alpkoch ad Interim beim Aufladen. Vom Gummistiefel über den Schlafsack bis zum Kartoffel sollte alles auf dem Wagen Platz finden. Kunama und Achmed zogen mit 2 PS die Fuhre sicher zur Spätenen, so dass eigentlich nur noch die Fussgänger einzutreffen brauchten, um sich mit der neuen Situation vertraut zu machen. Denn nebst den Pferden wartete auch die Arbeit auf die Ankömmlinge. "Verpflegung aus dem Rucksack" hiess
es für Betreute und Mitarbeiter und dann sollte es losgehen mit
dem soviel besungenen schönen Hirtenleben. Aber schon beim Einrichten
des Schlafplatzes wich beim einen oder andern die Romantik. "I,
äs Spinnenetz", ein Ärger, welcher schnell überwunden
war. Es kam da und dort sogar Freude auf, mit so vielen Menschen zusammen
zu liegen. "Da soll die Nacht nur kommen, dann wird sich die
Qualität des Schlafplatzes schon beweisen" und den Gedanken
sollten Taten folgen. Doch erst einmal musste vor dem Haus gearbeitet
werden. |
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Wirklichkeit in der Arbeit Was in der Schule besprochen wurde, konnte in der Realität erlebt werden. Beim Käsen wird mit Holz gefeuert, dass war auch im Unterricht besprochen worden. Dass aber das Holz gesägt, gespalten und geschichtet werden muss, davon hatte der Lehrer nichts gesagt. "Kein Problem, dass wollte ich schon immer machen" meinte einer der Jugendlichen und bis zum Abend hat er Holzbeige geschichtet, "an welcher selbst die Kinder und Kindeskinder von Rubins Freude haben würden, wenn nur der Ofen nicht so viel Holz schlucken würde". Fähigkeiten wecken Im Verlauf der Alpepoche auf der Spätenen wurden bei Betreuten immer wieder verborgene Talente entdeckt. Der Stallgehilfe war ein Jugendlicher, und der Kuhtreiber in Gummistiefel und Überkleid passte so gut in die Umgebung, dass ihn erst ein Zuruf als Schüler vom Sonnenhof offenbarte. Auch die Küchenarbeit war Aufgabe des Bergschulheimes. Beim Kochen unter einfachen Verhältnissen auf dem Feuerherd entwickelten Mitarbeiterinnen und Betreute Feingefühl und Improvisationstalent, dass ihnen die Küchenarbeit im Heim wahrscheinlich charakterlos vorkommen wird. Auch in das Geheimnis des Käsens wurden einige eingeführt. Über die steilen Alpweiden zogen Schüler und Betreuer und
räumten Steine, frei nach dem Motto "nidsi gruumt, isch
ewig gruumt". |
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Sinn und Zweck Man mag sich fragen, was der Sinn eines solchen Projektes für betreute Jugendliche sein kann. Trotz Schlafmangel, ungewohnter Arbeit und einfachsten Lebensverhältnissen sind die Schüler zufrieden. "Dass es uns gut geht, ist sicher wesentlich" meint Maja Seifert, Heilpädagogin und Alpfrau für vier Tage. Doch nicht nur das Wohlbefinden soll eine Rolle spielen, auch pädagogische und soziale Aspekte waren ausschlaggebend ein solch ungewohntes Projekt in Angriff zu nehmen. Elementares Lernen in der Überschaubarkeit der Arbeit, soziales Üben und Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen können als die wichtigsten Punkte des Projektes bezeichnet werden. Es unterstreicht den Nutzen des eigenen Schaffens, dass die geleistete Arbeit auch jemandem zugute kam. Trotz der intensiven Betreuungsarbeit während der Alpzeit wollen auch die Mitarbeiter das Experiment nicht missen. "Jede überwundene Krise ist in der Zukunft eine neue Kraft" ist die schlichte Erkenntnis der vergangenen Tage. Familie Rubin, Betreuer und Schüler vom Bergschulheim haben sich auf ein Experiment eingelassen, welches auch in kommenden Zeiten wertvolle Früchte tragen wird.
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