Ein Älpler mit 63 Jahren erzählt
     



Ein paar Ehrungen langjähriger Älpler, in der Bergbauernschule Hondrich im Berner Oberland, machten mich aufmerksam auf gewaltige Zahlen von Alpsommern. Fünfzig und noch mehr Jahre auf der Alp. Ein ganzes Leben im Rhythmus des Aufziehen, Umziehen und an den Kälberstricken ziehen, Jahr für Jahr. So ist die Alp eine Lebensgeschichte geworden. Vielleicht würde einer dieser Marathon-Älpler etwas aus seinem Leben erzählen. Also habe ich ein paar aus der Liste von den 67 Geehrten (!) angeschrieben, und tatsächlich bekam ich nach ein paar Tagen Antwort. Gottfried Oswald aus Aeschi bei Spiez hatte nach 63 Alpfahrten 1997 seine letzte Alpzeit. Mit 79 Jahren sei es auch an der Zeit die Alp abzugeben, war zu lesen. So war ich, als bescheidener Älpler mit sechs Alpsommer, natürlich auf dieses Treffen gespannt.

Das Gespräch führte Harald Satzer
 

 

In der einfachen Küche seines Bauernhauses am Fusse des Niesen erzählte der Altälpler nun von seinem Leben:

oweit ich zurückblicken kann, bin ich immer "z'Bärg" gegangen. Schon als Einjähriger wurde ich auf die Alp mitgenommen. Diese Jahre zähle ich aber nicht mit. Als Bueb bin von der Alp zur Schule. Eineinhalb Stunden der Weg hinauf zu Fuss. Runter ging es etwas schneller. In den 40er Jahren habe ich dem Vater geholfen. Heuen, Vieh hüten, käsen und den Mist auf dem Buckel raustragen. Schon um vier Gras mähen, alles von Hand und dann noch das Heu heruntertragen. Von Morgens bis Abends. Auf der Alp hatten wir nur unsere eigenen Kühe. Sechs bis sieben Stück und ein paar Kälber. Ich habe immer von Hand gemolken, da kann man einfach besser ausmelken. Früher hatten wir noch Schweine, jetzt rentiert das nicht mehr.

 

Gottfried Oswald
 

inmal gab es Schnee bis in den Talgrund. Für eine Woche war es dann Winter. Die Lawinen machten den ganzen Zaun kaputt. Aber fast jeden Sommer schneit es mal runter. Mit dem muss man rechnen in den Bergen. Deswegen macht man doch Heu. Manche lassen dann ihre Kühe mit dem Helikopter herunterfliegen. Ich nie, ich habe sie gehütet. In einem Winter wurde die Hütte zerstört. Sie ist dann wieder neu errichtet worden. Einmal gab es auch ein starkes Gewitter. Da kam ein "Bruch" vom Berg und hat die Weide überschüttet. Das Gras reichte nicht mehr für alle Tiere. Ein paar mussten wieder zu Tal. Aber heute ist alles wieder schön überwachsen.

Vom Vater habe ich alles gelernt. Den Käse brauchten wir für uns, und mit der Restmilch futterten wir die Kälber. 1939 machte ich die Rekrutenschule. Beim Urlaub habe ich dann zu Hause geholfen. In die Ferien war ich nie, auch nicht im Ausgang. Dafür war ich auch nie krank.

 

 
 

ie Alpzeit auf Untergungg dauert 130 Tage. Von Ende Mai bis in den Oktober hinein. Da wollen viele auf den Berg, aber die meinen, es wäre einfach "mit dem Berg machen" gemacht, aber wenn man "z'Bärg" geht muss man einfach arbeiten. Wenn du Kühe hast, musst du einfach arbeiten, das geht nicht anders. Später habe ich meine Arbeit immer alleine gemacht. Die Einsamkeit macht mir nichts mehr aus. Früher hatte ich ab und zu "lange Zeit", aber das ist vorbei. Dafür bin ich zu gerne auf der Alp, je früher desto lieber. Wenn man älter wird, sieht man mehr die Arbeit. Da geht man nicht mehr so gerne. Man bleibt lieber am gleichen Ort.

Die Tiere hatte ich gern. Ich habe sie nie geschlagen, ich habe keinen Stock. Sie kommen auf mich zu.

Meine Kost ist sehr einfach. Brot, Käse, Milch. Zum Mittag habe ich drei bis vier Kartoffeln gewaschen, geviertelt und dann zu Würfel geschnitten und mit Rüebli in der Pfanne gekocht. Das Kartoffelwasser habe ich dann noch getrunken.

Mit den Älplern von den anderen Alpen hatte ich es gut, da habe ich nichts zu klagen. Im Gegenteil, wir haben uns geschätzt. Die Nachbarn haben oft gefragt, wie lange ich noch machen will. "Das du gäng so magsch." Ich wollte schon lange aufhören. Jetzt bin ich 79 und da weiss man nie, was noch kommt. Ich mag schon noch etwas machen, vielleicht mehr wie mancher Junger. Ich bin es gewohnt. Nun macht mein Neffe weiter auf der Alp Untergungg. Ich behalte ein paar Kühe und bauere daheim weiter, nur zur Alp gehe ich nicht mehr."

 

 

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