Das Alparchiv verschenkt sich
     


Mai 1998: Ein Sonderkommando des aufgelösten Vereins "Das Alparchiv" überführt 12 Kisten mit Büchern, Artikeln und Broschüren von Zürich nach Bern.

von Christian Brassel
 

Das Alparchiv
 

as Alparchiv hat ein Jahr zuvor seine Auflösung beschlossen und eine Kommission mit der Überführung des in Buchform angehäuften Vereinsvermögens an einen möglichst öffentlich zugänglichen und längerfristig gesicherten Ort betreut. Selbiges Gremium hat nach eingehendem Studium der in Frage kommenden Lösungen im In- und Ausland schlussendlich nur die Hauptstadt der helvetischen Alpenrepublik, Bern und daselbst das Schweizerische Alpine Museum der Übernahme der Alparchiv-Bestände für würdig befunden.

 

 

Schweizerisches Alpines Museum (Bern)

Das ursprünglich von der lokalen Alpenclub-Sektion gegründete Museum wird heute von einer Stiftung getragen, unter anderem von der Eidgenossenschaft unterstützt und ist vor kurzem modernisiert worden. Neben einer grossartigen Reliefsammlung , der Behandlung traditionell alpinistischer Themen und der historischen Entwicklung werden heute auch aktuelle gesellschaftliche Probleme des Alpenraumes aufgegriffen und mit moderner Museumstechnik vermittelt. Regelmässig werden Wechselausstellungen, Vorträge und Filme angeboten. Das Museum verfügt über eine Spezialbibliothek mit einem breiten Spektrum alpiner Literatur, in welche die Alparchiv-Bestände nun integriert werden. Die Bibliothek wird derzeit edv-erfasst und steht auf telefonische Voranmeldung (031 350 04 40) allen Interessierten zur Präsenznutzung offen.

Im Alpinen Museum werden die ÜberbringerInnen freundlich empfangen, fürs Alparchiv ist ein Büchergestell geräumt worden. Die Bücher bleiben hier als alpwirtschaftliches Kabinett zusammen und sollen durch Neuzugänge (z.B Eure Geschenke?) weiterhin aufgestockt werden. Das Alparchiv lebt weiter, eingebettet in eine viel grössere Sammlung. Da die Museumsbibliothek bisher recht wenig alpwirtschaftliche Bücher besass, ist das Alparchiv hier eine ideale Ergänzung.

 

 
Marke

inige Sommern auf der Alp und die Arbeit wird vertrauter, Routine kommt auf und es bleibt Zeit, einen Blick über Zaun und Tal zu werfen, wo andere ÄlplerInnen andere und gleiche Erfahrungen machen. Viele kommen aus dem Unterland, den Städten und Ländern. Viele haben einen politischen Hintergrund – die 80er Jahre sind bereits weit gediehen. Auf die Alp fahren sie aus unterschiedlichsten Gründen, durch Zufall, von FreundInnen angesteckt, aus Liebe zu Berg, Tier oder etwa einer Hirtin, auf der Suche nach intakten Welten und überblickbaren Arbeitszusammenhängen, als Ausweg aus kollektiver oder privater Depression. Nach ein paar Sommern schlafen sie nicht mehr schon beim Znacht ein, wie auch die Alp nicht mehr mit dem Alpabzug aufhöret. Ab 1987 hocken sich einige Unterländer ÄlplerInnen regelmässig zusammen, besprechen, was Ihnen im Sommer ausser Mist und Käs so alles durch den Kopf gegangen. Armeegeballer, Transitverkehr, Pumpspeicherwerke, Schneekanonen, serbelnde Wälder und ozongeschädigte Schleimhäute interessieren sie ebenso wie die filzig-dschungelige Agrarpolitik, das subventionierte Bauernsterben, Heilpflanzen, Genmanipulation und Embryotransfer. Kontakte zu anderen Gruppen entstehen und Aktionen werden geplant. Für den kommenden Sommer '88 wird ein Versand vorab auf Bündner Alpen organisiert. Zwischen den Alpen und ÄlplerInnen entsteht ein Netz, das im Aufflackern der Feuer in den Alpen seinen Ausdruck findet.

 

 

Ab 1987 hocken sich einige Unterländer ÄlplerInnen regelmässig zusammen, besprechen, was Ihnen im Sommer ausser Mist und Käs so alles durch den Kopf gegangen. Armeegeballer, Transitverkehr, Pumpspeicherwerke, Schneekanonen, serbelnde Wälder und ozongeschädigte Schleimhäute interessieren sie ebenso wie die filzig-dschungelige Agrarpolitik, das subventionierte Bauernsterben, Heilpflanzen, Genmanipulation und Embryotransfer. Kontakte zu anderen Gruppen entstehen und Aktionen werden geplant. Für den kommenden Sommer '88 wird ein Versand vorab auf Bündner Alpen organisiert. Zwischen den Alpen und ÄlplerInnen entsteht ein Netz, das im Aufflackern der Feuer in den Alpen seinen Ausdruck findet.
Im Winter drauf findet in Chur das erste grosse ÄlplerInnen-Treffen mit gegen 300 TeilnehmerInnen statt. Kuh Omega eröffnet die Veranstaltung mit Informationen über die Entwicklungen in der Landwirtschaft, die auch am alpinen Kuhleben nicht vorbeigehen, über Alplöhne und Arbeitsbedingungen wird debattiert, über Stauseeprojekte und Tierheilkunde informiert, getratscht, getrunken und geschwärmt, Alpen und ÄlplerInnen finden sich. Eine freche Resolution schafft es in die Bündner Presse und Bauernpolitiker sehen rot.

 

 
 

ie individualistischen HirtInnen, Bazger, Sennen und Sennerinnen sind eine Bewegung geworden, stellen Fragen und Forderungen. Könnte nach einer Gewerkschaft rufen, wäre da nicht die reflexartige Abneigung gegen alles Reglementierte und Institutionalisierte der alten und neuen ÄlplerInnen. Trotzdem gibt es immer mehr zu koordinieren und organisieren, eine Adresse drängt sich auf und mit einer Adresse auch ein Name. DAS ALPARACHIV ist so gut wie geboren, die Statuten werden nachgeliefert und endlich können die individuell angehäuften Bücher, Dokumente und Dateien zusammengelegt werden. Ein Mitglieder-Beitrag ermöglicht Zeitschriften-Abos und eine gezielte Buch-Aquisition. Das archivarische Wissen wird im Sozialarchiv abgeschaut und mit Glück können grosse Teile eines privaten Früh-Alparchivs aufgekauft werden. In einem Zürcher Dachstübli wird die Schweizerische Landestopographie systematisch nach Alpen durchkämmt und der Grundstein zu einer an Fehlern reichen Alp-Adressdatei gelegt. Kontakte zu anderen die gleichen Äcker bearbeitenden Gruppierungen werden geknüpft und gepflegt. Ab 1990 organisieren ÄlplerInnen aus der BRD eigene Treffen, von deren intellektuellem und kulinarischem Niveau Alparchiv-Abgeordnete stets sehr beindruckt heimkehren. Ums Alparchiv besteht weiterhin ein intimes Grippli, das sich alpwirtschaftlicher Weiterbildung, gesellschaftspolitischer Diskussion, antikapitalistischer Agitation und kulinarischer Perfektion widmet.

Dem 89er Treffen folgen heisse Diskussionen um Richtlöhne fürs Alppersonal, ein Bauernfunktionär wird vor den Kopf gestossen und zwischen autochthonen und dahergelaufenen ÄlplerInnen entsteht ein gehässiger Briefwechsel, der mit der nahen Alpfahrt schon bald vergessen ist oder auch nicht. Wieder flattert ein Versand auf die Alpen, diesmal auch ins St. Gallerland, wieder flackern im August die Alpenfeuer und zwei Alparchiv-Sennen verpassen dem Bündner Alpkäse eine Plakette mit Harfe und Brecher. Der Sommer wird von jetzt an mit einem gemeinsamen Alpfest beschlossen und die postalpine Depression durch die anstehenden Archivarbeiten etwas abgefangen.

 

 
Schweizerisches Alpines Museum

 

 

b 1990 bietet das Alparchiv ausserhalb der Alpzeit regelmässige Öffnungszeiten und wird rege besucht. Die pflegliche Nutzung der Alpweiden wird propagiert und die Null-Nummer der Zalp vorbereitet. Journalistischer Höhepunkt der ersten Zalp ist "der kleine Beitrag zur Geschichte des Labgesanges zu Jacobi ..." über die Herstellung des Käsebruches durch den Gesang des Alppersonals. Der Text steht rückblickend betrachtet fürs fruchtbare Klima des Alparchiv-Grippli und schafft es als "besonders ermutigende Nachricht vom Alten und Neuen Leben in den Alpen" in den Hochglanzband eines österreichischen Alpenkenners ... Für die Zalp-Redaktion, die Organisation der Treffen und Feste lösen sich verschiedene Gruppen ab, das Alparchiv kann sich mehr und mehr auf Koordination und Anbieten der Infrastruktur beschränken.

 

 


1991 ist das Januartreffen zu Chur bereits Tradition, die Zalp erreicht nun Alpen in der ganzen Schweiz und die Warnfeuer brennen im ganzen Alpenbogen. Im August fahren im Val Curciusa Baumaschinen für Probebohrungen auf. Das Tal soll als Pumpspeicherbecken Atomstrom veredeln. Gegen 100 ÄlplerInnen protestieren mit einem Alpabzug durch Chur gegen das Projekt der Elektrolobby. Statt Kühen und Käsen werden Schädel, Skelette und leere Gebsen mitgeführt, statt Gejodel ertönt ein markiger Alpfluch. Ein steinernes Mahnmal bleibt im Herzen der Stadt zurück.

Derweil wächst das Alparchiv, zählt bald über 120 Mitglieder, knüpft weitere Kontakte, trifft sich zu Jahresversammlungen, wie es sich gehört für einen Verein. Das Grippli geht in gegenseitigen Interviews den eigenen Biographien nach, hinterfragt Bilder, die wir uns vom Alpen, von den Alpen und dem ganzen drumrum machen. Kurz darauf löst sich das Grippli auf und neue ÄlplerInnen übernehmen das Archiv. Immer weniger AlparchivlerInnen gehen selber zalp, finden zu 42-Stundenwoche und 48-Wochenjahr, die Arbeiten im Archiv bleiben liegen, die Kontakte fliessen zäher.

Den nun als Aussenstehende Teilnehmenden erscheinen die Januar-Treffen als öde Wiederholung, zum 7. Mal steht die Frage Gewerkschaft ja oder nein auf dem Programm, das Regenwetter und die Freakstimmung am Hebstfest ist sich auch nicht mehr JedeR StädterIN gewohnt. Aber die Sache läuft weiter, immer wieder finden sich Leute, welche die Anlässe organisieren, was will man mehr.

 

 

 

 

uch im Archiv kommt immer wieder Alpstimmung auf, wenn's auf den Frühling zugeht, die GV ansteht und die Zalp-Redaktion im letzten Stress ist. Ein Blick in die Bücher und Aktenschränke erinnert daran, dass neben dem abgeflauten Aktivismus und den Erinnerungen an die guten alten Zeiten, als man selbst zalp ging, eine schöne Bibliothek zustande gekommen ist. Ohne LeserInnen ist aber auch die schönste Bibliothek für die Füchs. Oder fürs Museum! Auch eine Auflösung ist mit Arbeit verbunden, die Bestände werden gestempelt und verpackt, nicht alles wird so leicht aus dem Schrank gegeben, die Ordner nochmals aufgeschlagen und ein kleiner Rückblick für die wiederauferstandene Zalp '98 geschrieben. Und dann, wenn alles brav erledigt ist, die Vereinsmitglieder einen letzten Rundbrief in den Händen halten und ein Freibillett fürs Schweizerische Alpine Museum zu Bern, dann kann sich das Alparchiv getrost nochmals auf der Alp treffen und sich mit Speis und Trank, Feuerwerk und Musik verabfesten:

am 22. August 98, auf der Alp Falätscha im Safiental

 

 

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