Titel (sehr lang!)
 
  Gibt es doch schon tausend und einen Grund, warum unsereiner z‘Alp geht, ist es doch immer wieder höchst verwunderlich, was andere Menschen dazu bringt, den beschwerlichen Weg auf den Berg auf sich zu nehmen. Wahrlich, wunderlich ist die menschliche Natur, und so will ich die Geschichte erzählen, die - so unglaublich sie auch ist - vielen bekannt anmuten wird.
Auf unserer Alp erlebten wir jährlich den Besuch eines Mannes, der so hiess, wie das Land, dem er als Ordnungshüter diente. Seine Motivation uns jedes Jahr wieder aufzusuchen, ist nun keineswegs in einer besonderen Freundschaft zwischen uns Aelplern und ihm Dienstwaffenträger zu suchen, ich muss sogar gestehen, dass wir uns ihm gegenüber durchwegs unfreundlich, ja geradezu abweisend verhielten. Ist es nicht gerade das tragische Schicksal dieser Art von Kreaturen, dass sie - wo immer sie auch auftauchen - auf geschlossene Türen, feindliche Ablehnung oder äusserst beschäftigte Menschen stossen, die sich ihrer kaum in gewünschter Form annehmen. Dabei ist es doch immer das Interesse für den Mitmenschen, dessen Lebensumstände, Gedanken und Tätigkeiten, Vorlieben und Abneigungen, das Interesse an einem umfassenden Bild von dir und mir sozusagen, das die Arbeit dieser pflichtbewussten Beamten bestimmt. Und — das wollen wir an dieser Stelle würdigen - ihre Beschäftigung mit uns als Objekt ihrer hochangesehenen Arbeit beginnt denn auch nicht erst bei ihrem Auftritt vor der Alphütte, den wir hier beschreiben wollen.
 
 
Oberservation 1
 
Fische im Bad Nein, so unvorbereitet geht keiner dieser trefflichen Mannen an sein Werk. Säuberlich hat er zusammen mit seinen Berufskollegen im ganzen Lande, die Erkenntnisse früherer Nachforschungen und Besuche festgehalten, nach den hohen Regeln des in seinem Berufsstande hochentwickelten Registrierwesens. Vielleicht hat er auch Kontakt aufgenommen mit den Herren die denselbigen löbl. Auftrag an meinem festen Wohnsitze nach Treu und Glauben ausführen, und seine Erkenntnisse so erweitert. Ganz sicher hat er auch auf der Gemeinde unserer Alpgenossenschaft vorgesprochen und unsere Personalien und dies und das darüber hinaus erfahren. Menschenkenntnis bedarf gründlichster Such- und Forschungsarbeit - das hatte er schon in seiner Ausbildungszeit gelernt.Doch zurück auf die Alp: Sein auffällig bemaltes Automobil hat „unser“ Besuch hinter dem schützenden Zaun abgestellt - zu gross ist die Gefahr, dass eine unserer Kühe sich daran strafbar machte, und das muss hier angefügt werden - unsere Beamten haben ein sehr inniges Verhältnis zu Motorfahrzeugen. Der Beamte hat heute aber Pech: Ich bin ganz alleine in der Hütte und gerade sehr beschäftigt mit Käse auspladden. Er muss leider draussen bleiben, jetzt verträgt der Käse gar keinen schlechten Luft. Die anderen Aelpler werden sich auch Zeit lassen, ein wenig später mit den Kühen nach Hause kommen, denn ihnen ist das leuchtfarbene Auto vor der Alp keineswegs entgangen. Der Beamte nutzt die Zeit, um seine Nase rund um die Hütte in alle Ecken zu stecken, sein Interesse für die Alpwirtschaft kennt keine Grenzen. Ich bin drum fertig mit dem Käse und will mich um den Beamten kümmern. Es kommt zum Wiedersehen - ein Jahr ist vergangen seit seinem letzten Besuch - kennt man sich noch? Er macht von seinem Recht Gebrauch, mich nach meinen Personalien zu fragen: Name, Wohnort, Geburtsdatum, Heimatort, Beruf - nein, Beruf nicht, das ist ihm nur herausgerutscht und ich muss es ihm nicht sagen. Meine Daten haben sich zwar seit dem letzten Mal nicht geändert, aber es tut dem Herrn gut, mich wissen zu lassen, dass er mich jederzeit wieder auffordern darf, mich auszuweisen. Er ist der Meinung, mir damit zu helfen: mir soll klar sein, da ist einer, da sind viele, die schauen mir und dir auf die Finger. Er ist der Meinung, nur so kann er mich davor beschützen, immer wieder strafbare Handlungen zu begehen. Und er ist der Meinung, dass Aelpler und Aelplerinnen und insbesondere solche aus dem Aus— und Unterland diese Betreuung besonders nötig haben. Der Beamte mit der Pistole am Gurt hat den Namen, den er schon kannte, notiert. Hätte ich ihm den Namen, den er schon kannte, nicht angegeben, hätte er das Recht, mich dafür zu büssen, und von diesem Recht würde er Gebrauch machen, wie ich von meinem Recht Gebrauch mache, nur meine Personalien bekanntzugeben und meine Wohnung nur gegen Vorweisen eines Durchsuchungsbefehls betreten lasse. Wie schön ist doch alles geregelt im Rechtsstaate der Herren, denen unser Beamter dient.
 

 

Fische im Bad

Lupe

Oberservation 2
 
 

Wenn nun besagter Herr sich wieder in sein Gefährt setzt und zurück ins Tal oder auf die nächste Alp fährt, ist seine Arbeit und Beschäftigung mit uns noch längst nicht abgeschlossen. Die karge Ausbeute seines Besuches hat ihn eher noch angestachelt, mehr über uns herauszufinden. Er verspricht sich von seinen Bemühungen vielleicht auch eine Beförderung in den nächsthöheren Grauton. Auf dem Rückweg trifft er zudem noch einen einsamen Wanderer, den er als potentiellen Alpbesucher verdächtigt. Ausweiskontrolle und Befragung ergeben aber, dass es sich glaublich um ein allein durch seine Naturverbundenheit in die Gegend verschlagenes Individuum handelt, das in keinem erwiesenen Zusammenhang mit dem Alppersonal steht. Dieser Naturfreund wird deshalb nur als eventuell Oekokreisen zuzurechnende Person in den Karten der grauen Herren auftauchen. Im Dorf trifft der Beamte einen Freund, den er um einen kleinen Gefallen bittet. Motorfahrzeugnummern von Alpbesuchern werden künftig an den Beamten gemeldet und wenn sich mit solchen Leuten ein zwischenmenschliches Gespräch ergeben sollte, können auch so wertvolle Informationen gewonnen werden.Aber auch die Hirten beschäftigt die Alpfahrt des Beamten noch weiter, bis über die Alpzeit hinaus sogar. Im Lande der Herren, für welche der löbliche Herr seine Nachforschungen anstellt, kommt nämlich eine kleine Unruhe auf. Leute behaupten, die von unseren Beamten säuberlich angelegten Daten- und Aktenberge entsprächen nicht ganz den Gesetzen des Rechtsstaates der Herren. Viele Leute zeigen sich überrascht, ja sogar empört, dass sie registriert und bewacht wurden und werden. Sogar einige Köpfe müssen Rollen, um uns glauben zu machen, das Kapitel sei nun abgeschlossen. Auch dürfen nun einige der Akten angefordert und eingesehen werden, müssen aber vorher im Interesse der Herren stark eingeschwärzt werden, damit die Ueberwachungsmethoden in Zukunft nicht allzusehr verändert und die Angestellten in besagten Dienstleistungen nicht allesamt ausgewechselt werden müssen, was ja hiesse, das Kind mit dem Bade auszuschütten.
 

 
Oberservation 3
 
 

Auch die Daten über die Aelpler und Aelplerinnen ergaben eine ansehnliche Sammlung, die sogenannte Alpkartei (nicht zu verwechseln mit dem Alparchiv, das gänzlich andere Ziele vertritt). Ich wollte nun also wissen, wie gut unser Beamter seine Arbeit gemacht hatte. Zu diesem Zweck schrieb ich mit meiner ungelenken Aelplerhand an die Herren in Chur, man möge mir die besagten Eintragungen doch gefl. zustellen und legte meinem Gesuch die Kopie meines Ausweise bei, weil ich die grosse Liebe der Beamten für dieses Dokument kannte. Weil die Herren aber manch solches Begehren erhielten und sie ihre Haupttätigkeit, das Weiterführen ihres grossartiger Werkes, nicht einfach ruhen lassen konnten, musste ich mich einigermassen gedulden, bis ich eine Antwort erhielt. Darin wurde mein Brief verdankt und mit Bedauern festgestellt, dass meine Ausweiskopie nicht ausreiche, um die mich betreffenden Eintragungen ausfindig zu machen. Diese Eintragungen seien nämlich nicht nach Namen, sondern nach Alpen geordnet worden, wollten mir die weismachen. Sie boten mir aber in entgegenkormmender Weise einen Datentausch an. Gegen Angabe der von mir in den vergangenen Jahren bewirtschafteten Alpen, würden sie mir gerne meine Personalien mitteilen. Andere Gesuchsteller hätten für denselben Auskunftsdienst zusätzlich ihre strafrechtlichen und verkehrspolitischen Vergehen angeben sollen. Weshalb ich und viele andere diese grosszügigen Angebote nicht gleich wahrnahmen, kann ich nicht erklären. Erst als mir durch unglückliche Zustände die Kopien einer anderem behördlichen Datensammlung in die Hände gerieten, und ich darin auf teils eingeschwärzte, teils recht informative Stellen stiess, die eindeutig von mir als Hirte sprachen, nahm ich die Sache wieder auf.Die Herren von Chur hatten nämlich ihre Beobachtung über das Hirtenvolk an jene von Zürich weitergeleitet und wurden ihrerseits mit Unterlagen aus dem weitherum bekannten Fichenwerk der Stadt Zürich belohnt. So konnten sie ihre Kenntnisse um einiges erweitern, was mich dann doch noch veranlasste, die mich betreffenden Akten erneut anzufordern. Leider verstanden mich die ehrwürdigen Herren nicht ganz und schickten mir nur die Bestätigung meiner Personalien, welche mir inzwischen einigermassen geläufig sind. Viel mehr aber hätten mich jene Schriftstücke interessiert, die so wichtig waren, dass sie über die weite Distanz zwischen Chur und Zürich so intensiv ausgetauscht wurden, und bei denen sicherlich auch noch die eine oder andere Information beiliegt, welche mir in meiner Identitätsfindung weiterhelfen könnte. Da man mir aber von dieser Seite durchaus nicht behilflich sein wollte, erweiterte ich meine Briefkontakte. Ich wollte nun von der Armee, welche dieselben Interessen wie die obigen Beamten vertritt, wissen, was man an dieser Stelle über mich wusste. Die schon einmal zitierte Zürcher Sammlung hatte mich nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass in früheren Jahren die Armee die Beamtenpflichten auf unserer Alp selbst übernommen hatte. Da die von Zürich diese Erkenntnisse dankbar von den Armeemannen übernommen hatten, wurden sie säuberlich abgedeckt und so kopiert. Die Armee war aber genausowenig mitteilsam wie die Herren von Chur, ja es wurde grundweg abgestritten, dass Angaben über meine Person vorlägen. Dummerweise waren aber die Erkenntnisse nicht nur nach Zürich und Chur übermittelt worden, sondern die Akten an einen meiner Mitälpler verschickt. Erstmals durfte ich nun erfahren, wie hoch unsere Arbeit auf der Alp bei unseren treuen Begleitern und Beobachtern geschätzt wird. Den geschätzten Lesern und Leserinnen dieser denkwürdigen Geschichte will der Schreiber einen Einblick in dieses Beispiel hohen Sach- und Menschenverstandes nicht ersparen, womit er den Bericht für beendet erklärt.
 

 
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