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| Gibt es doch schon tausend und einen
Grund, warum unsereiner zAlp geht, ist es
doch immer wieder höchst verwunderlich, was andere Menschen dazu bringt,
den beschwerlichen Weg auf den Berg auf sich zu nehmen. Wahrlich, wunderlich
ist die menschliche Natur, und so will ich die Geschichte erzählen,
die - so unglaublich sie auch ist - vielen bekannt anmuten wird. Auf unserer Alp erlebten wir jährlich den Besuch eines Mannes, der so hiess, wie das Land, dem er als Ordnungshüter diente. Seine Motivation uns jedes Jahr wieder aufzusuchen, ist nun keineswegs in einer besonderen Freundschaft zwischen uns Aelplern und ihm Dienstwaffenträger zu suchen, ich muss sogar gestehen, dass wir uns ihm gegenüber durchwegs unfreundlich, ja geradezu abweisend verhielten. Ist es nicht gerade das tragische Schicksal dieser Art von Kreaturen, dass sie - wo immer sie auch auftauchen - auf geschlossene Türen, feindliche Ablehnung oder äusserst beschäftigte Menschen stossen, die sich ihrer kaum in gewünschter Form annehmen. Dabei ist es doch immer das Interesse für den Mitmenschen, dessen Lebensumstände, Gedanken und Tätigkeiten, Vorlieben und Abneigungen, das Interesse an einem umfassenden Bild von dir und mir sozusagen, das die Arbeit dieser pflichtbewussten Beamten bestimmt. Und das wollen wir an dieser Stelle würdigen - ihre Beschäftigung mit uns als Objekt ihrer hochangesehenen Arbeit beginnt denn auch nicht erst bei ihrem Auftritt vor der Alphütte, den wir hier beschreiben wollen. |
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Wenn nun besagter Herr sich wieder in sein Gefährt
setzt und zurück ins Tal oder auf die nächste Alp fährt,
ist seine Arbeit und Beschäftigung mit uns noch längst nicht
abgeschlossen. Die karge Ausbeute seines Besuches hat ihn eher noch angestachelt,
mehr über uns herauszufinden. Er verspricht sich von seinen Bemühungen
vielleicht auch eine Beförderung in den nächsthöheren Grauton.
Auf dem Rückweg trifft er zudem noch einen einsamen Wanderer, den
er als potentiellen Alpbesucher verdächtigt. Ausweiskontrolle und
Befragung ergeben aber, dass es sich glaublich um ein allein durch seine
Naturverbundenheit in die Gegend verschlagenes Individuum handelt, das
in keinem erwiesenen Zusammenhang mit dem Alppersonal steht. Dieser Naturfreund
wird deshalb nur als eventuell Oekokreisen zuzurechnende Person in den
Karten der grauen Herren auftauchen. Im Dorf trifft der Beamte einen Freund,
den er um einen kleinen Gefallen bittet. Motorfahrzeugnummern von Alpbesuchern
werden künftig an den Beamten gemeldet und wenn sich mit solchen
Leuten ein zwischenmenschliches Gespräch ergeben sollte, können
auch so wertvolle Informationen gewonnen werden.Aber auch die Hirten beschäftigt
die Alpfahrt des Beamten noch weiter, bis über die Alpzeit hinaus
sogar. Im Lande der Herren, für welche der löbliche Herr seine
Nachforschungen anstellt, kommt nämlich eine kleine Unruhe auf. Leute
behaupten, die von unseren Beamten säuberlich angelegten Daten- und
Aktenberge entsprächen nicht ganz den Gesetzen des Rechtsstaates
der Herren. Viele Leute zeigen sich überrascht, ja sogar empört,
dass sie registriert und bewacht wurden und werden. Sogar einige Köpfe
müssen Rollen, um uns glauben zu machen, das Kapitel sei nun abgeschlossen.
Auch dürfen nun einige der Akten angefordert und eingesehen werden,
müssen aber vorher im Interesse der Herren stark eingeschwärzt
werden, damit die Ueberwachungsmethoden in Zukunft nicht allzusehr verändert
und die Angestellten in besagten Dienstleistungen nicht allesamt ausgewechselt
werden müssen, was ja hiesse, das Kind mit dem Bade auszuschütten. |
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Auch die Daten über die Aelpler und Aelplerinnen
ergaben eine ansehnliche Sammlung, die sogenannte Alpkartei (nicht zu
verwechseln mit dem Alparchiv, das gänzlich andere Ziele vertritt).
Ich wollte nun also wissen, wie gut unser Beamter seine Arbeit gemacht
hatte. Zu diesem Zweck schrieb ich mit meiner ungelenken Aelplerhand an
die Herren in Chur, man möge mir die besagten Eintragungen doch gefl.
zustellen und legte meinem Gesuch die Kopie meines Ausweise bei, weil
ich die grosse Liebe der Beamten für dieses Dokument kannte. Weil
die Herren aber manch solches Begehren erhielten und sie ihre Haupttätigkeit,
das Weiterführen ihres grossartiger Werkes, nicht einfach ruhen lassen
konnten, musste ich mich einigermassen gedulden, bis ich eine Antwort
erhielt. Darin wurde mein Brief verdankt und mit Bedauern festgestellt,
dass meine Ausweiskopie nicht ausreiche, um die mich betreffenden Eintragungen
ausfindig zu machen. Diese Eintragungen seien nämlich nicht nach
Namen, sondern nach Alpen geordnet worden, wollten mir die weismachen.
Sie boten mir aber in entgegenkormmender Weise einen Datentausch an. Gegen
Angabe der von mir in den vergangenen Jahren bewirtschafteten Alpen, würden
sie mir gerne meine Personalien mitteilen. Andere Gesuchsteller hätten
für denselben Auskunftsdienst zusätzlich ihre strafrechtlichen
und verkehrspolitischen Vergehen angeben sollen. Weshalb ich und viele
andere diese grosszügigen Angebote nicht gleich wahrnahmen, kann
ich nicht erklären. Erst als mir durch unglückliche Zustände
die Kopien einer anderem behördlichen Datensammlung in die Hände
gerieten, und ich darin auf teils eingeschwärzte, teils recht informative
Stellen stiess, die eindeutig von mir als Hirte sprachen, nahm ich die
Sache wieder auf.Die Herren von Chur hatten nämlich ihre Beobachtung
über das Hirtenvolk an jene von Zürich weitergeleitet und wurden
ihrerseits mit Unterlagen aus dem weitherum bekannten Fichenwerk der Stadt
Zürich belohnt. So konnten sie ihre Kenntnisse um einiges erweitern,
was mich dann doch noch veranlasste, die mich betreffenden Akten erneut
anzufordern. Leider verstanden mich die ehrwürdigen Herren nicht
ganz und schickten mir nur die Bestätigung meiner Personalien, welche
mir inzwischen einigermassen geläufig sind. Viel mehr aber hätten
mich jene Schriftstücke interessiert, die so wichtig waren, dass
sie über die weite Distanz zwischen Chur und Zürich so intensiv
ausgetauscht wurden, und bei denen sicherlich auch noch die eine oder
andere Information beiliegt, welche mir in meiner Identitätsfindung
weiterhelfen könnte. Da man mir aber von dieser Seite durchaus nicht
behilflich sein wollte, erweiterte ich meine Briefkontakte. Ich wollte
nun von der Armee, welche dieselben Interessen wie die obigen Beamten
vertritt, wissen, was man an dieser Stelle über mich wusste. Die
schon einmal zitierte Zürcher Sammlung hatte mich nämlich darauf
aufmerksam gemacht, dass in früheren Jahren die Armee die Beamtenpflichten
auf unserer Alp selbst übernommen hatte. Da die von Zürich diese
Erkenntnisse dankbar von den Armeemannen übernommen hatten, wurden
sie säuberlich abgedeckt und so kopiert. Die Armee war aber genausowenig
mitteilsam wie die Herren von Chur, ja es wurde grundweg abgestritten,
dass Angaben über meine Person vorlägen. Dummerweise waren aber
die Erkenntnisse nicht nur nach Zürich und Chur übermittelt
worden, sondern die Akten an einen meiner Mitälpler verschickt. Erstmals
durfte ich nun erfahren, wie hoch unsere Arbeit auf der Alp bei unseren
treuen Begleitern und Beobachtern geschätzt wird. Den geschätzten
Lesern und Leserinnen dieser denkwürdigen Geschichte will der Schreiber
einen Einblick in dieses Beispiel hohen Sach- und Menschenverstandes nicht
ersparen, womit er den Bericht für beendet erklärt. |
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