30 km sind genug
     
 


„30 Kilometer sind genug!" rief Hans seinem Besuch der sich hinter der Hütte wieder auf den Weg machte, noch zu, „und vergiss die Formaggini für die Nachbarinnen nicht!“ Dann verschwand er wieder im Stall. Er hängte Alabama von der Maschine ab, drehte sich auf seinem Melkstuhl zu Marcella und setzte die Zitzenbecher wieder an. Er hatte noch mehr als den halben Stall vor sich und Zeit, in Ruhe ihrem letzten Gespräch nachzusinnen.

von Beda
 

 verschlungene Transportwege 1

 

 

 

 

 

verschlungene Transportwege 2

 

 

 

 

verschlungene Transportwege 3

 

 

 

 

verschlungene Transportwege 4

 

Eigentlich war vieles klar. Wer findet es schon vernünftig, dass die Äpfel für den Ramseier zuerst aus dem Thurgau ins Bernbiet transportiert, dort gepresst und als Most zurück in den Thurgau gefahren werden. Wer verteidigt schon im Ernst, dass Gouda in Konkurrenz stehen muss zu Alpkäse und dass diese Konkurrenz erst noch das Vernünftigste überhaupt sei. Wer findet es schon sinnvoll, dass die Kühe im Churer Rheintal Futtermais aus Südwestfrankreich fressen sollen, statt Gras und Heu aus der Gegend.

Nur: sobald man sich nicht mehr Most neben Most, Käse neben Käse oder Mais neben Mais vorstellte, spielten plötzlich ganz andere Gesetze. Dann war einfach nur noch der eine Kilopreis höher als der andere, der eine Liter Most billiger, der eine Sack viel günstiger. Von wem erarbeitet, wie erzeugt, wo produziert und wie weit rumgekarrt viel völlig ausser Betracht. Man konnte beliebig mit Zahlen jonglieren, die Zeichen für Mengen und Massen hin und her schieben und sich über seine Gewinne freuen.

„Bist du bald fertig? Die Milch ist auf 31,5´ C“, fragte Claudia in den Stall. „Warte, es geht noch einen Moment, Flora gibt sie heute wieder gar nicht schön, und Lili hat eine Verletzung hinten links.“ Claudia wurde ungeduldig. Sie wusste, Hans war nicht bei den Sache. „Ihr mit euren ewigen Diskussionen.“ Sie kam dann aber doch mit einer Tasse Kaffee zurück, stellte sich neben das letzte Läger und wartete.

Sie hatten die halbe Nacht lang debattiert. Über die vielen Milchpipelines ins Tal und den Alpkäse der zu verschwinden droht, über die zunehmende Verarmung der Bergbauern und die Talbauern, die ihre Kälber immer mehr selber aufzogen mit der überschüssigen Milch. Sie waren schliesslich bei EG und GATT gelandet.

Transportiert wurde beliebig und in grossem Stil. Strassennetz und Camions liessen die Kilometer schrumpfen. Nicht besser ging es den Stunden und den Tagen. Die Herrschaft über Raum und Zeit war so weit fortgeschritten, dass alles immer und überall zu jeder Zeit zur Verfügung stand: Erdbeeren aus Capeland im Februar, Trauben aus New South-Wales im März, Tomaten aus Friesland-Sizilien-Tessin im Sommer, Joghurt aus Engadin-Normandie-Emmental eh immer. Und zu welchen Preisen!

Was man sich so vorstellte unter Markt war längst verschwunden. Die neuen Märkte, das Wort brauchten sie weiterhin, fanden jetzt auf Bildschirmen statt. Zahlenreihen standen gegen Zahlenreihen, Produzenten- gegen Händlernamen, Weltgegend gegen Weltgegend. Gehandelt wurde per Knopfdruck, gefeilscht per Fax und Modem. Verschwunden waren die Leute mit ihrer Arbeit, die Produkte mit ihrer Saison, Gerüche, Farben und Lärm, Gespräche und Geschichten.

„Wo seid ihr denn steckengeblieben?“ wollte Claudia wissen. „Zuletzt? Josée meinte, sie wüsste halt auch nicht, sie müsse jetzt gehen. Sie habe letzthin von Freigeld und Freiboden gehört. Damit wolle sie sich als Nächstes beschäftigen. Ich hatte ihr noch die Geschichte mit den 30 Kilometern erzählt.“ Jetzt hatte auch Melita ihre Milch gegeben. Etwas Melkfett an die rauhen Zitzen, dann stand Hans zwischen den Kühen auf. Er drehte das Ventil an der Vakuumleitung über den Hörnern zu und löste den schwarzen Gummischlauch mit einem Ruck von der Leitung.

„30 Kilometer?“ wiederholte Claudia fragend. „Ja. Dass sich alles in Luft auflösen sollte, sobald es weiter als 30 Kilometer vom Produktionsort wegtransportiert würde. Stell dir vor: ganze Anhängerzüge und Güterwagen voll Kalbs und Schweinsfilets, Futtermais, Kartoffeln oder Edamer: schwupp und weg.“ „Und unser Wein, all die Früchte im Milchkeller, die Oliven? Vergiss es!“

Hans stand im Stallgang und war mit dem Melkstuhl beschäftig. Er musste unbedingt einen neuen Lederriemen besorgen. Den Knoten in der Schnur konnte er jedesmal kaum mehr lösen. „Es geht doch um Handel und Geld. Natürlich kannst du im Herbst ein Stück Käse zu deinen Freunden nach Berlin mitnehmen. Und die Oliven hätte vielleicht ein Besuch aus Spanien mitgebracht. Aber sonst?“ Hans hängte den Melkstuhl zurück neben die Stalltür. “30 Kilometer sind genug!“
 

 

 

wer sich für Gedanken rund um Subsistenzwirtschatt oder Freigeld interessiert und weiterlesen möchte:

  • C. von Werlhof, M. Mies, V. Bennholdt-Th.:
    Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek 83/88.
    Rohwolt Taschenbuch.
  • A. lmfeld: Hunger und Hilfe.
    Provokationen. Zürich 1985.
    Unionsverlag
  • P.M.: bolo‘bolo.
    Zürich 1986.
    Paranoia City Verlag
  • Klaus Schmitt (Hsg.): Silvio Gesell:
    Marx der Anarchisten? Texte zur Befreiung der Marktwirtscnaft vom Kapitalismus und der Kinder und Mütter vom patriarchalischen Bodenunrecht.
    Berlin l989. Karin Kramer Verlag
  • P.M. und Freunde. Olten, alles aussteigen.
    Ideen für eine Welt ohne Schweiz. Zürich
    1990. Paranoia City Verlag
 

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