Alpen im Sog wirtschaftler Entwicklungen
     
 


Die Landwirtschaft ist im Wandel. Was bedeutet das für die Zukunft der Alpen? Diese Frage stellten wir Peter Rieder, Professor der Agrarökonomie an der ETH. Er beschäftigt sich schon lange intensiv mit der Berglandwirtschaft, deren Entwicklung und Problemen.

Peter Rieder
 

  Blätterhimmel
 
 
 

eber Alpen zu schreiben weckt in mir vorerst Jugenderinnerungen. Vielleicht habe ich mich wegen dieser Erinnerungen im Berufsleben als erstes in meiner Dissertation auch mit den Alpen befasst. Gegenwärtig beschäftige ich mich sehr intensiv mit den Auswirkungen der GATT-Verträge und der neuen Agrarpolitik 2002 auf die schweizerische Landwirtschaft, und dabei ganz besonders mit den Fragen, wie die Berglandwirtschaft und mit ihr die Sömmerungsalpen in unserem Berggebiet davon betroffen sein werden.

       Als ich als Zehnjähriger das erste Mal die langen Schulferien als Hirte auf einer Alp in einem der 150 Bündnertäler verbrachte, hatte der Nachkriegswandel noch nicht eingesetzt. Ich war nämlich vom Alpvogt angestellt worden, um rund dreissig Kalberstiere zu hüten. Ich er-wähne dies, weil es – wie alle Älpler wissen – heute diese Älplerkategorie und auch diese Tierkategorie nicht mehr gibt. Diese Kalberstiere wurden damals von Bergbauern als Zuchtstiere aufgezogen, bis sie etwa zehn Monate alt waren. Davon waren sie die letzten drei Monate auf Alpen in speziellen kleinen Herden gehalten. Nach der Alpung wurden sie durch Viehhändler den Milch-bauern ins Talgebiet verkauft, denn damals hatten fast alle

       Milchbauern im Talgebiet noch ihren eigenen Stier im Stall. Dies war eben noch vor der Einführung der künstlichen Besamung. Und so ist denn mit der Einführung der KB eine Älpler- und eine Alptier-Kategorie und auch eine Einkommensquelle für die Bergbauern verschwunden. Soweit mein persönlicher Einstieg in diesen Beitrag.

 

 

 
 

 

 

päter, das heisst Mitte der siebziger Jahre, war ich dann bereits wissenschaftlich mit einem zweiten Schock für die Bergbauern beschäftigt, nämlich mit dem Zusammenbruch der Zucht- und Nutzviehmärkte als Folge der Einführung der Milchkontingentierung im Talgebiet. Nicht nur aus Marktberichten, sondern auch von meinen Alterskollegen in meinem Heimatdorf musste ich damals die Bedrohung der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Tal- und Berggebiet zur Kenntnis nehmen. Alles, was ich damals tun konnte, war an Vorträgen und in eidgenössischen Kommissionen in "Bern" mich für höhere Direktzahlungen für die Bergbauern einzusetzen. Auch die Sömmerungsbeiträge für Alpen konnten wir dem Parlament damals schmackhaft machen. Ich denke, dass dies eine sinnvolle Massnahme ist.

       Wie einleitend erwähnt, geht es mir heute darum, für die Bergbauernbetriebe und ihre Alpen die Auswirkungen der neuen Agrarpolitik zu untersuchen. Die neue Agrarpolitik, die zur Zeit in den Eidgenössischen Räten behandelt wird, hat vor allem eine wesentliche Erneuerung, nämlich die Trennung der Preis- von der Einkommenspolitik. Der Bundesrat legt nicht mehr die Milch-, Fleisch- und Getreidepreise fest, sondern sein direkter Einfluss beschränkt sich in Zukunft auf die Ausrichtung von Direktzahlungen und von Strukturverbesserungsbeiträgen. Weil dadurch – trotz unverändertem Auussenhandelsschutz – die Preise eher sinken werden, wird man aus politischen Gründen die Direktzahlungen zur Einkommenssicherung eher ausdehnen. Natürlich werden diese Zahlungen an ökologische Auflagen gebunden sein. Somit können wir weiter fragen, was das für die Bergbauern und ihre Alpen bedeutet.

 

 

 

 
 
 

ein Leitbild für die Bergbauern hat vier Komponente: es sind dies: Angemessene Einkommen, normale Arbeitsbelastung, soziale Integration und Sinnerfüllung in der täglichen Arbeit. Wenn ich diese Forderungen in aller Kürze auf die Bauernbetriebe im Berggebiet umsetze, so komme ich auf unternehmerisch geführte Betriebe, die mindestens eine Grösse von zwanzig bis dreissig Hektaren aufweisen, mechanisch gut ausgerüstet sind, die Bauern und Bäuerinnen auf diesen Betrieben gute Ausbildungen aufweisen und aktiv am Dorf- und politischen Leben teilnehmen. Die Preise für die Produkte sollen einen Anteil von etwa zwei Dritteln des Gesamterlöses der Betriebe ausmachen, das heisst, Märkte sollen nach wie vor die entscheidende Rolle spielen, sei es für Zucht- und Nutztiere, Milch, Kälber oder Spezialprodukte. Solche Betriebe besitzen auch die Möglichkeit, ökologischen Auflagen gerecht zu werden, da sie dank relativ viel Flächen hierzu die innerbetriebliche Flexibilität aufweisen. Dieses Leitbild hat Konsequenzen für die Agrarpolitik, für die Bergdörfer und auch die Sömmerungsalpen. Ich will zu allen drei Aspekten einige Hinweise anbringen: Die Agrarpolitik, jene des Bundes oder der Kantone, soll sich sowohl bei der Vergabe von Direktzahlungen als auch bei der Gewährung von Strukturbeiträgen klar von unternehmerischen Kriterien leiten lassen. Agrarpolitik sollte nicht verkappte Sozialpolitik sein, sondern tüchtigen Bauern helfen, ihre Nachteile im Berggebiet zu überwinden. Insbesondere sollte der Bund und die Kantone bei Strukturhilfen grosszügig sein bzw. grosszügiger werden als sie es heute vielerorts sind. Vergessen wir nicht, Ökologie ist nicht eine Frage der Betriebsgrösse, eher gilt, je grösser, desto ökologischer. In den Bergdörfern wird zweitens die Zahl der hauptberuflichen Bauern in Zukunft weiterhin langsam abnehmen. Die absolute Zahl nimmt also ab; daher hängt die Funktionsfähigkeit des jeweiligen Dorfes ganz entscheidend von den übrigen wirtschaftlichen Tätigkeiten im Dorf ab. In den meisten Dörfern ist dies der Fall dank vor-handenem Tourismus und Gewerbe. In rein bäuerlichen Dörfern entstehen Probleme, aber deshalb ineffiziente Bauernbetriebe zu erhalten, wäre eine Sackgasse. Unsere Vorstellung eines funktionierenden Dorfes besteht also in einer wirtschaftlichen Vielfalt der Dorfgemeinschaften, an der die Bauern zwar beteiligt, aber auch in Bergdörfern bereits Minderheiten sind.

 

 
 

 
 
 

nd nun komme ich auf die Alpen zu sprechen. Ich habe vorher gezielt von den unternehmerischen Bauernbetrieben und den funktionierenden Dorfgemeinschaften schlechthin gesprochen. Denn beides sind Voraussetzungen, dass auch die Alpen gut funktionieren können. Denn nach meinen Vorstellungen sollen die Sömmerungsalpen auch in Zukunft in erster Linie im Dienste der Berglandwirtschaft stehen. Natürlich schliesst dies nicht aus, dass einige Alpen "Unterländern" verpachtet werden. Aber im Grunde genommen untergraben sich die Bergbauern damit langfristig einen Teil ihrer eigenen möglichen Wertschöpfung. Alpen bewirtschaften sollte nicht zur Fernbedienung von Unterländer-Viehhändlern werden. Um solche Szenarien zu vermeiden, sollten die Bauern auf Dorfebene aufgefordert werden, langfristige Nutzungssysteme für die Alpen auf ihren Dorfgebieten zu erarbeiten. Allenfalls sind Fachleute beizuziehen. Das Ergebnis solcher Anstrengungen sollte sein, dass man Alpen nicht einfach verfallen lässt, weil die Eigentümer nicht mehr daran interessiert sind, sondern dass man im gegenseitigen Interesse unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten nach nachhaltigen Lösungen sucht. Wenn hierzu staatliche Beiträge nötig sind, dann soll der Bund und die Kantone oder Gemeinden dabei mithelfen. Denn die wenigen Einzelbauern als Bewirtschafter der Alpen oder die oft finanzschwachen Gemeinden sind finanziell oft überfordert, aus eigener Kraft notwendige, oft recht teure Investitionen zugunsten rationell geführter Alpbetriebe vorzunehmen.

        Man mag jetzt einwenden, dass es eines Tages, etwa bei einem EU-Beitritt oder bei anhaltend schlechten wirtschaftlichen Situationen und leeren Bundeskassen eben kein Vieh mehr im Berggebiet gäbe und dass dann eben alles zusammenbreche. Solche Entwicklungen widersprechen allen rationalen Überlegungen. Erstens hat das Volk der Schweiz stets gezeigt, dass seine Zahlungsbereitschaft für eine lebensfähige Berglandwirtschaft sehr gross ist. Also würde man auch bei einem EU-Beitritt die Zahlungsberechtigung für die Berglandwirtschaft in nationaler Kompetenz behalten. Zweitens wird die Schweiz zu allen Zeiten eine schweizerische Tierhaltung aufweisen, so dass auch dazu wie bisher die Nutzung der Naturwiesen und Alpen ihren Beitrag liefern wird. Im Gegenteil, je weniger Bauern es geben wird, um so extensiver wird die landwirtschaftliche Fläche genutzt und um so mehr wird auch die Öffentlichkeit um diese Art der Nutzung besorgt sein. Es gibt also – auch noch aus anderen hier nicht erwähnten Gründen – überhaupt keinen Anlass für Untergangsstimmungen. Und schliesslich zur leeren Bundeskasse: Die Bundeskasse ist nicht ganz leer; es kam in den letzten Jahren allerdings weniger hinein, als das Parlament ausgegeben hat. Wenn man nun sparen will, so wird man ziemlich sicher, wie schon früher in solchen Situationen, überall etwas kürzen. Somit gibt es auch hier überhaupt keinen Anlass, davon auszugehen, dass gerade die Unterstützung der Berglandwirtschaft wegfallen sollte. In der Vergangenheit hat das Parlament in solchen Situationen die Berglandwirtschaft als schwächsten Wirtschaftszweig sogar immer von Kürzungen ausgenommen.

 

 

 
   
 

ch versuche abschliessend meine Vorstellungen über die Alpen in der Schweiz in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Die Zukunft der Alpen hängt von unternehmerisch geführten Bauernbetrieben in den Bergdörfern ab. Diese Betriebe benötigen aus vielerlei Gründen eine sozioökonomisch funktionierende Dorfgemeinschaft. Die langfristige Unterstützung von aussen, das heisst von Bund und Kantonen, darf politisch als gesichert angenommen werden. Also braucht es auch hier Initiative bei den Alpbetreibern und den Alpeigentümern, sich so zu organisieren, dass die Alpen selber zu wirtschaftlich und ökologisch gesunden Betrieben werden. Auch das Alppersonal mag aus seiner täglichen Erfahrung heraus und aus weitblickenden Gedankengängen da und dort im Gespräch mit den Alpvögten und Alpmeistern wesentliche Impulse zu Verbesserungen geben. Denn wir sind uns wohl alle einig, nur Nostalgie allein wird auch in Zukunft nicht genügen. Sie darf aber ihren Stellenwert haben. Niemals missachten dürfen wir aber die Gesetze der Natur, auch nicht auf den kulturlandschaftlich wertvollen Alpen unseres Landes.

 

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