Carta de Guatemala
     
 
von Rosmarie Boschetti
 
 

itten im Schweizer Winter fliege ich nach Guatemala um am Bau eines Volkshauses zu arbeiten. Ein wesentlicher Grund, neben vielen anderen, hierher zu kommen ist das Versprechen, hier ein Sommeralpenklima zu finden. Ich lebe auf 2300 m.ü.M. und wirklich: im Februar liegt morgens Rauhreif und manchmal ist so dichter Nebel, wie bei uns in den letzten Herbsttagen auf der Alp. Nur zwei Stunden später, gegen zehn Uhr brennt die Sonne auf uns nieder und bis etwa 18 Uhr ist es sommerlich warm. Danach sinkt die Temperatur rasch und das jeden Tag. Der dicke Pullover, die Wollsocken und eine Jacke schützen uns vor der Kälte. Für die hier lebenden Indigenas ist es aber anders: Die Frauen und Mädchen tragen eine Tracht mit wadenlangem Rock und einer kurzärmeligen Bluse, meist sind sie ohne Schuhe oder mit Plastiksandalen an den Füssen unterwegs. Frühmorgens begegnen sie mir mit grossen Körben auf dem Kopf, einem Kleinkind am Rücken (bis zu zwei Jahren werden sie getragen) und oft noch in Tücher eingeschlagenen Waren. Seit dem ersten Tag hier bin ich beeindruckt von den Lasten, die diese feingliedrigen, kleinen Menschen schleppen. Auf dem Bau beobachte ich Frauen, die einen 42 kg schweren Cementsack auf dem Kopf balancieren, ich schleppe dieses unförmige Ding vor mir her und muss aufpassen, den Sack nicht fallen zu lassen oder ihn beim Tragen aufzureissen. Das Holz tragen die Männer: Ab und zu rennt ein grosser Holzstoss der Strasse entlang und nur die Füsse deuten auf den Träger hin. Auch Berge von Maisstauden bewegen sich so, rennend, da dabei das Gleichgewicht besser erhalten bleibt und das Holz weniger herunterfällt. Es ist übrigens schweres, feuchtes, dichtes Holz, was herumgetragen wird.
 

 

Schwein
 
nvorstellbar, dass ich in dieser Art auf der Alp herumrennen würde auf dieser Höhe, wo bei uns schon bald das ganze Jahr Schnee liegt. Hier aber blühen jetzt im März die Pfirsichbäume, die Saubohnen sind reif und in kleinen Äckern werden Salat, Blumenkohl, Frühlingszwiebeln,Koreander, Kohl und Karotten gezogen.
        Auf dem Markt verkaufen Frauen Mango, Tomaten, Zapote, Avocados, neue Kartoffeln und alles Gute, was wir uns vorstellen können. Guatemala ist klein , hat aber verschiedenste Klimazonen und so wachsen auch dieselben Gemüse wie bei uns, aber noch alles exotische dazu und zusätzlich auch noch zu verschiedenen Jahreszeiten, sodass sehr viele Produkte frisch zu kaufen sind.
Die Mayas essen hauptsächlich Mais in allen möglichen Variationen, was jetzt auch mein Lieblingsgrundnahrungsmittel geworden ist. Ein Frühstück mit Frijoles (schwarze Bohnen), Tortillas oder Tamalitos und gebratener oder gekochter Banane ist einer Rösti oder einem Müsli mindestens ebenbürtig. Es wächst hier alles, was zum Leben nötig ist, nur die wirklichen Verhältnisse sind für die Mehrheit der Menschen schlimm.
 

 

 
eit wenigen Jahren versuchen verschiedenste Indigenaorganisationen die Höhe der Analphabetenrate, die besonders bei Frauen sehr hoch ist, zu reduzieren. Bildung und Informationen über die Bürgerrechte betrachten alle als das Wichtigste hier, damit die Menschen in Würde leben können. "Tierra", Land, ist dabei die nötige Grundlage. Dieses Jahr sind schon einige Fincas besetzt worden. Die Campesinas sind der Ansicht ihnen gehöre rechtmässig das Land, da es ihnen im laufe der 500 Jahre nach der Conquista gestohlen wurde. Eine harte Arbeit diese "reconquista de la tierra", da selbstverständlich die Grossgrundbesitzer nicht kleinbeigeben und Militär, Justiz und Polizei auf ihrer Seite stehen. Seit 1981 werden bei Massakern durch die Militärs tausende von Menschen umgebracht und deren Dörfer dem Boden gleichgemacht. Es werden immer noch Exponenten von Volksorganisationen bedroht, gefoltert und umgebracht (seit anfangs Jahr: 23 Gewerkschafter und in einer Februarwoche wurden 22 Menschen ermordet aufgefunden mit auf dem Rücken gebundene Hände, Folterspuren und einerm Todesschuss im Kopf) Die Menschenrechtsverletzung sind trotz UNO-Präsenz an der Tagesordnung.
 
 

Schaf

Schweinchen
 
bwohl ich in einer Stadt lebe ist es ländlich hier und auf meinem Arbeitsweg begegne ich verschiedenen Haustieren, die alle an einem langen Strick angebunden am Strassenrand fressen oder auf den brachliegenden Landstücken das nach und nach immer dürrer werdende Gras abweiden. Ab April ist hier Sommer, d.h. Regenzeit. Wie das Wetter dann sein wird?
        Auffallend sind die verschiedenen Rassen der Tiere: Rinder gibt es ähnliche wie bei uns : braune und schwarzweisse, dann aber auch solche mit langen Hängeohren, mit und ohne Hörner, auch welche die ganz weiss sind mit kurzen Haaren. Samtweich ist das Fell und sie haben auch noch einen Höcker im Nacken. Hier werden sie für das Fleisch gehalten. Die Milch wird in der Regel nur für die Selbstversorgung gebraucht. Es wird ein saurer Frischkäse produziert, der manchmal auf dem Markt auch gelagert verkauft wird und der Frische, in grosse, grüne Blätter eingepackt, ist manchmal auch zu kaufen. Der Frischkäse schmeckt etwa wie Feta und der gelagerte wie ein alter Pecorino. Mit Frijoles schmecken beide Sorten ausgezeichnet, aber sie kommen sehr selten auf den Tisch und dann nur als Zuschlag in kleinen Mengen , fein gerieben.
       Trotz der manchmal recht schweizerisch anmutenden Landschaft trifft man hier keine Milchwirtschaft mit deren Bauten, deren Ess- und Lebensgewohnheiten. In Gesprächen gelingt es mir kaum von unserer Vegetation verständlich zu erzählen: dass in den Bergen bei uns auf dieser Höhe fünf Monate Schnee liegt, die Vegetationsperiode sehr kurz ist und daher nur noch kurzes, gutes Gras wächst und Gartenbau auf 2500 m.ü.M. unvorstellbar ist.
 

 

  abe ich schon von den Hängeohrziegen erzählt, die es hier gibt und deren Milch nicht veraast wird? Von den verschiedensten, haarigen Schweinen,die zum Teil hochbeinig am Strand frei herum wühlen? Auf einem Markt sah ich wahre Ungeheuer davon. Schafe gib's natürlich auch, deren Wolle aber gar kein Geld einbringt. Hühner in allen möglichen Farben und Formen, Truthähne, Enten, Gänse und Kaninchen, junge Hunde und Katzen, Esel, Pferde, alles wird auf einem nahegelegenen Dorfmarkt angeboten, jeden Freitagmorgen. Immer wieder sehe ich Menschen, die grosse Mengen schleppen : auf dem Kopf und dem Rücken und noch Hühner mit hängenden Köpfen unter dem Arm halten.
 
 

Schaf

Schaf
 

is jetzt habe ich kaum Traktoren gesehen. Die Menschen bestellen hier in den Bergen das Land von Hand und gehen manchmal mehr als eine Stunde weit zu Fuss zum Maisacker, der an steilsten Hängen bis zuoberst am Hügel bearbeitet wird. Die einmalige Ernte hier muss für das ganze Jahr reichen und die Familien sind gross. Anfangs April wird der Mais gesäht und im November geerntet. In Meeresnähe wird bis zu drei Mal angesäht. Indigena-Organisationen versuchen durch Zucht neue Maissorten zu ziehen, um die Produktion zu vergrössern. Das ist ein weiterer Versuch der grossen Armut entgegen zu treten. Die Mayaorganisationen sind vor allem nach dem 500 Jahre-Gegenkongress (500 anos de resistencia indigena y popular) zu den offiziellen Feierlichkeiten entstanden. Mit internationaler, finanzieller Unterstützung und Solidarität haben sie in dieser kurzen Zeit sehr viel geleistet: verschiedenste Ausbildungsstätte für Lehrer und Handwerker, Alphabetisierungs- und Bildungskurse. Gestützt auf ihre alte Mayakultur, dem Wissen um Kreisläufe, und auch bezugnehmend auf heutige wissenschaftliche Methoden versuchen sie Bildung zu vermitteln. In der Landwirtschaft stehen ökologische Fragen und nachhaltige Entwicklungen selbstverständlich auf dem Ausbildungsprogramm. Ohne die "Mutter Erde" können Menschen nicht Leben. Dabei stossen die Promotoren aber auf handfesten Widerstand: Aufforstungsprogramme scheitern am Privateigentum des Bodens. Es gibt kaum Gemeineigentum in diesem Land. Sich auf die eigene Kultur und Würde beziehen, Lehrpläne mit eigenen Lehr- und Lernformen zu entwickeln ist für sie wichtig. Sie kämpfen auf politischen Wegen für die eigenen Sprachen, die eigene Kultur, um die Anerkennung ihrer Rechtsform und Lebensweise, sie kämpfen aber auch um Land.
 

 

 

s ist ein sehr hartes Leben, das die Mittellosen- und Kleinbauern hier führen. Mit wenig oder keinem Besitz versuchen sie zu überleben. Dabei nützt ihnen der sehr fruchtbare Boden, das gute Gedeihen ihres Gemüses nicht viel, da das alles kaum Geld bringt. Die Fincabesitzer produzieren für den Export und brauchen keine Geld für Maschinen, da die menschliche Arbeitskraft praktisch nichts kostet. Klar, dass sich die kleine Oberschicht mit allen Mitteln gegen die Volks- und Mayaorganisationen stellt.
        Jetzt beginnt ganz sachte die Regenzeit. Seit einigen Tagen regnet es am Nachmittag heftig, sodass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass bald nach der Maisaussaat alles grün werden wird und die Herbststimmungen vergehen werden. Hier kennen sie nur zwei Jahreszeiten: den Sommer und den Winter. Die Übergangszeiten, wo der Wetterwechsel sich täglich zeigt und die Vegetation um das Erwachen kämpft oder sich nur langsam zurückzieht, wie bei uns im Herbst, ist unbekannt. Hier wächst und gedeiht es das ganze Jahr über und die Übergänge sind schnell.
        Zurück im schweizerischen Frühling erinnere ich mich gerne an die vielen Gespräche, die Arbeit und an dieses andere Leben, das einige Ähnlichkeiten mit dem Alpsommer hat und doch so anders ist. Manchmal unvorstellbar anders.
 

 


Home | mail@zalp.ch