Von der Heilerin zur Hexe
     
 

Die Rolle der Frau.
Aus dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.
 
 

 
ekannt sind zwei Wurzeln des auf die Frau bezogenen Aberglaubens; einerseits die altgermanische Wertschätzung und Vergöttlichung der Frauen, und auf der anderen Seite die Frau als minderwertiges und unreines Wesen.
       Die germanische Frau in der Zeit vor dem Glaubenswechsel war eine gleichberechtigte Gefährtin des Mannes. Im Schöpfungsmythos der Germanen wurden Mann und Frau nebeneinander aus Bäumen erschaffen. Mann und Frau waren nur wenig unterschiedlich gekleidet. Die Jungfräulichkeit war nicht vom Sündenbegriff bestimmt. Die Bewertung der Ehefrau war unabhängig von der Kinderzahl. Viele Frauen waren in der Gesellschaft hoch angesehen, galten als weise, kräuterkundig und wurden oft als Ärztin um ihren Rat befragt.
 


 
Der Rehbock im Fenster
 
 
it dem Aufkommen des Christentums wurden die Frauen mehr und mehr in einem anderen Licht gesehen. Sie kamen in den Ruf, besonders hartnäckig am verbotenen Heidentum festzuhalten, womit der Übergang vom Glauben an das heilige in der Frau zum Glauben an die vom Teufel besessene Hexe geschaffen war.
        Die mittelalterliche Männlichkeit wälzte ritterlich ihre Sündenschuld auf das weibliche Geschlecht und benützte den Sündenfall Evas als Hauptargument in dem anhebenden Kampf um die Mannesherrschaft bis ins Ehebett hinein. Die weibliche Persönlichkeit wurde zum Besitzobjekt des Mannes entmündigt und zu der auch ihr verheissenden Seligkeit verhalf ihr nur die Selbstaufgabe an den Mann oder unmittelbar an Gott. Die Frau sank herab zum Mensch zweiter Ordnung, zum notwendigen Übel, oder gar zum bösen Prinzip.
         Die galante Frauenverehrung des Mittelalters war eine Reaktion germanischen Gewissens gegen die Entwürdigung der Frau. Die Volksmythologie stellte Frauen von Froh und Freude dar. Mann freute sich schönen Frauen zu dienen. Auch flackerte teilweise die alte Wertschätzung der Frauen wieder auf, so weiss die Sage von mancher Schlacht zu berichten, die gewagte Frauenlist entschied.
 

 

 

rotzdem sank die Geltung der Frau im Mittelalter ständig. Der Schleier der Poesie, mit dem der Minnesang die entmündigte Frau umhüllt hatte, zerriss bald. Neben der äusserlichen Schönheit bestimmte wesentlich noch die Mutterschaft die Wertschätzung der Frau."Wie viele Kinder ein Weib gebärt, um so viele Stufen kommt sie dem Himmel näher."
         Die Frau wurde mehr und mehr zum Mensch zweiter Ordnung degradiert, was aus Sprüchen, wie "Frauenerzeugung ist ein Fehlgriff der Natur" (aus Jenings Rosenkreuzer), "Der Mann ist des Weibes Oberhaupt" (Paulus, 1. Kor. II), "Frauen haben lange Haare und kurzen Verstand" (Strakkerjan) besonders deutlich wird.
         Da sich der ritterlich umhegten oder tyranisch unterjochten Frau keine Gelegenheit mehr bot vor den Augen der Welt Tapferkeit zu bezeugen, erwarb sie sich den Ruf der Feigheit. "Weibisch" wurde zum Schimpfwort.
 

 

 

m Widerspruch zu der immer vorhandenen tatsächlichen Lebenskameradschaft von Mann und Frau hat sich das Volk, vielfach mit Frauenverachtung renommierend, daran gewöhnt in den Frauen ein notwendiges Übel zu sehen, zumal nach kirchlicher Meinung der geschlechtliche Eheverkehr, der oft als einziger Zweck der Ehe galt, auch nur aus als notwendiges Übel geduldet werden musste. Das Wegsterben der Frauen bot oft die glücklichste Lösung:
        "Weibersterbe isch ka Verderbe, doch Gäuleverrecke des isch e Schrecke". Das Fertigwerden mit diesem Übel, das "Herr" werden über das Weib wurde im Mittelalter zum pädagogischen Problem. Prügeln war im Mittelalter als Mittel der Frauenzähmung üblich.
 

 


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