Interview 3
         
 


Meine Eltern hatten ein kleines Landkaffee und waren arbeitslos in St. Croix gewesen. Mein Vater hatte alle möglichen Arbeiten gemacht und ging eben auch auf die Alp. Mit etwa 13 Jahren begleitete ich ihn. Er hütete Rinder. Im Winter ging er runter, um zu arbeiten. Etwa 40 km von da weg, nach Lausanne und nach Pully als Fabrikarbeiter. Ich ging zur Schule und half meiner Grossmutter mit den Hühnern. Wir hatten 50 Hühner, Enten und Gänse und da hatte ich sofort eine Beziehung zum Land. Was mir weniger gefiel, war Brennesseln schneiden den Strassenborden entlang, währenddem meine Kameraden spielten. Wir brauchten diese aber für die Tiere, denn es war Krieg damals. Meine Grossmutter war ursprünglich Italienerin und stellte die Pasta, die Ravioli selber her. Sie lehrte uns kochen mit den einfachen eigenen Mitteln. So machten wir auch kleine Käse.
 
 
Schattenkühe
 
 
Danach musste ich in die Fabrik arbeiten gehen. Wir mussten unseren Lebensunterhalt verdienen und es war klar, dass wir Mädchen keinen Beruf erlernten, und meine Mutter war während vier Jahren im Spital und so mussten wir Geld verdienen. Ein Jahr arbeitete ich in einer Fabrik in Valorbe für 70 Rappen in der Stunde. Ich erwartete den 18ten Geburtstag um weg zu gehen. Ich wollte Köchin werden und ins Tessin gehen. Ich hatte Lust dazu. Unglücklicherweise musste ich weg, um während drei Wochen eine erkrankte Tante zu pflegen. In dieser Zeit hatte meine Grossmutter aber so Heimweh nach mir, dass ich nicht den Mut fand, ihr meinen weiten Reisewunsch zu sagen. Ich fuhr also zur Arbeit nicht so weit weg, entdeckte mit etwas mehr als 18 Jahren das Vallée de Joux. Und nun ja, ich arbeitete in einer Uhrenfabrik zuhinterst im Tal. Ich fuhr jeden Morgen eine Stunde hier hinauf, musste um fünf Uhr aufstehen. Das Essen nahm ich mit, und um sieben Uhr am Abend war ich wieder zu Hause und half meiner Mutter und Grossmutter die kleinen Arbeiten zu erledigen. Dann arbeitete ich auch am Samstagmorgen und am Nachmittag hatte ich ein so grosses Bedürfnis mich zu entspannen, aber ich musste unserem Vermieter heuen helfen. Er war ledig und lebte mit seiner Schwester zusammen. Er hatte zwei Pferde und wir machten die ganze Arbeit von Hand. Ich liebte diese Arbeit sehr und war sie gewohnt, da mein Vater mir alle Arbeiten beigebracht hatte, wie wenn ich ein Junge wäre. Er war sehr enttäuscht, dass er keine Söhne hatte und so musste ich alles lernen.

Aber ich dachte überhaupt nicht daran, einen Bauern zu heiraten. Als ich meinen Mann kennenlernte, sagte er mir nicht, dass er Bauer sei, da die Mädchen keinen Bauern heiraten wollten. Es bedeutete wirklich viel Arbeit und ich, na ja, ich habe gesagt es ist nicht der Beruf das Wichtigste, sondern ob es gut ist zusammen . Wir kannten uns vier Jahre und während dieser Zeit arbeitete ich immer in der Fabrik und während den Ferien half ich heuen hier im Vallée de Joux. Ich machte mir weiter keine Sorgen. Die Frauen arbeiteten nicht im Stall und mein Schwiegervater war noch jung und es war ein kleiner Betrieb und ich sah meine Zukunft eher in der Fabrik. Nach vier Jahren heirateten wir und nach zwei Jahren übernahm mein Mann den Betrieb seines Grossvaters und dieses Haus und ich machte Heimarbeit für zwei Fabriken. Mein Mann machte mit Pferd und Wagen Dienst bei der Gemeinde so für 3 bis 5 Franken die Stunde. Wir hatten eine Kuh und ein Kind war unterwegs. Wir hatten nicht viel, aber es ging trotzdem.
 

 
 
 

1958 wurde diese Alp hier frei und die Gemeinde fragte meinen Mann an. Also kam er zu mir und ich sagte, ich verstehe zwar nichts davon, aber wenn's sein muss versuchen wir's. Wir brauchten auch eine Empfehlung, die uns ein Cousin gab und er gab uns auch seine 10 Kühe. Um alles Material noch zu kaufen brauchten wir 6000 Franken. Nun wir begannen also in jenem Sommer. Aber das Geld war sehr viel und wir wussten nicht, ob wir die Zinsen zahlen konnten. Wir gingen also auf den Berg diesen Sommer und mussten von Hand melken. Wir stellten drei ältere Männer an, die sich nicht von Jungen herumkommandieren lassen wollten. Das haben wir nicht sehr gemocht, und im nächsten Sommer haben wir zwei Italiener angestellt. Nur ging es fast zwei Monate, bis sie die Arbeit konnten und sie kamen aber drei Jahre nacheinander und so ging das dann. Der Geldbeutel war allerdings nicht sehr dick und mein Mann ging im Winter in den Vacherin arbeiten, während sechs Stunden pro Tag musste er im Keller arbeiten. Am Abend machten wir die Holzschachteln und mein Schwiegervater ging in den Stall. Er starb plötzlich und wir mussten auch seinen Betrieb übernehmen. Wir hatten noch mehr zu tun und wenn wir am Sonntag eine Stunde frei hatten, dann war das ein Fest. Aber es ging ganz gut. Im Stall nahm die Zahl der Tiere zu und bei der 15ten Kuh machten wir ein Fest. Und dann eines Tages 1964 beim Alpabzug waren wir so glücklich, weil wir alles selber aufgezogene Tiere dabei hatten und wir sangen so viel wir konnten. Unser Haus im Dorf war aber in einem so schlechten Zustand, dass uns bald das Dach auf den Kopf fallen würde. Wir mussten unendlich viele Fragebogen ausfüllen, um Subventionen und zinslose Kredite für den Umbau zu bekommen. Während eines ganzen Jahres wurden wir praktisch ausspioniert, ob wir gut arbeiteten um uns Geld zu geben. Wir rechneten mit genug Geld um das ganze Haus mit Stall zu sanieren, aber da mein Mann krank war, bekamen wir nur wenig. Wir wollten aber die Arbeiten trotzdem machen und so mussten wir noch mehr arbeiten, um den ganzen Betrag zusammen zu bekommen. Wir hatten da schon drei Söhne, die mithalfen. Diesen Frühling wog mein Mann 80 Kilo, im Herbst aber nur noch 65. Eines Tages musste ich über diese Erinnerung lachen, da ich immer nur die Anzeige der Waage sah. Nur ich nahm einfach nicht ab. Ich rechte den ganzen Sommer über ganz alleine auf dem Feld, aber ich nahm nicht ab. Ich hätte es so geliebt, ein wenig schlanker zu sein.

Nun ja, im 61 kauften wir die Melkmaschine und mussten die Tiere daran gewöhnen. Unser Ziel war auf jeden Fall den Betrieb zu behalten. Im 67 war mein Mann erneut krank und der Arzt sagte er müsse den Beruf wechseln. Da sagte er: ,,Sie müssen mich nicht heilen, wenn ich den Beruf wechseln muss, will ich lieber sterben. Bauern ist mein Leben und ich habe eine Frau, die dieses Leben ebenso liebt. Das reicht um glücklich zu sein. Es wird schon gehen." Wir waren uns immer einig darüber. Mit der Melkmaschine sparten wir uns einen Angestellten auf der Alp und ab 65 habe ich zu melken begonnen, und seither habe nie mehr aufgehört. Im Sommer und Winter nicht. Es wurde aber nicht gerne gesehen hier im Dorf, da die Frau nicht in den Stall geht. Den Haushalt machen: ja, aber nicht die Stallarbeiten. Nun ja, im ersten Winter stand ich eine Stunde früher auf, damit die anderen Bauern mich nicht im Stall sehen konnten. Manchmal ging es meinem Mann sehr schlecht und er konnte kaum atmen und so musste ich um vier Uhr morgens den Mist ausfahren, als alle noch schliefen im Dorf und danach das Heu geben. Das war damals schon normaler, da auch andere Frauen halfen, weil die Männer in die Fabrik arbeiteten.

1965 kauften wir den ersten Traktor und später den Heuwender. Die Maschinen halfen uns sehr viel aber es gab auch sehr grosse Ausgaben, sodass unser bäuerliches Einkommen auf ein Drittel fiel, aber wir konnten nicht zurück. Mein Mann war ein grosser Pferdeliebhaber, aber das ging nicht mehr und er sagte, dass mit der Maschine alles viel ruhiger ging, wenn zum Beispiel der Zug vorbei rollt, fährt der Traktor ruhig weiter und er hätte nicht mehr gegen früher getauscht. 1974 kauften wir einen Traktor mit Allrad, da wir einiges Land besitzen, das stotzig ist. Wir haben ihn immer noch. Trotzdem musste ich Heimarbeit machen. Aber wir waren sehr glücklich. Es geschah manchmal, dass wir abends um zehn lachend feststellten, das wir nichts gegessen hatten und so setzten wir um diese Zeit ein Fondue auf und nahmen das mit Humor. Aber wir sahen kaum die Zeit vergehen.

In den 60-iger, 70-iger Jahren, wo wir so viele unbezahlte Rechnungen hatten, die alle im grossen Stubenbüffet eingeschlossen waren, nun, da verloren wir halt für einige Monate den Schlüssel. Aber jetzt kann man das nicht mehr. Wir können nicht auf die Bank gehen und sagen, ich bezahle erst im Frühjahr, wir haben nichts verkauft. Für den Start bekommt man leichter Geld, aber die Zinsen müssen pünktlich bezahlt werden. Hier wurden einige Höfe für über eine Million verkauft mit grossen Milchkontingenten aber es ist unmöglich diese Zinsen zu erwirtschaften, hier auf 1000 Meter Höhe, und das ist eine grosse Gefahr heute. Das sind Jungbauern, die entmutigt werden und verkaufen und die Banken kaufen wieder zurück und das ist nicht gut. Eben weil die Banken zu schnell zu viel Geld leihen. Und sie können die Zinsen nicht mehr bezahlen. Auf dieser Höhe von 1000 Meter haben wir nur Heu und Gras und mehr Rendite liegt nicht drin.

Uns haben all die Sozialabgaben sehr gedrückt. Früher konnte man den Gürtel enger schnallen, wenn wir schlecht verkauften oder der Sommer kein gutes Heu brachte. Heute kommen die Rechnungen der Versicherungen, der AHV und man muss sie bezahlen, man ist gezwungen dazu. In der Regel macht die Frau das ganze Rechnungswesen und der Mann schaut nur den Abschluss an. Man kaufte sich halt nur alle zehn Jahre einen neuen Mantel oder um die Zahnbehandlung der Kinder zu zahlen, liess man die eigenen sein. So fand man sich eines Tages mit einem Gebiss wieder.

Nun, als wir endlich genug Geld hatten war's schon zu spät. Das sind Opfer, die die Jungbauern heute nicht mehr verstehen. Man muss wirklich angefressen sein, um heute noch Bäuerin und Bauer zu sein. Ich bin aber optimistisch, es ist mein Naturell und unsere beste Verbündete ist die Natur. Wir müssen sie vor allem respektieren, denn wenn wir das nicht machen, gibt sie uns nicht das, was wir benötigen. Hoffen wir, dass die Jungen, auch wenn sie andere Ideen haben, weiter arbeiten werden.

Auch dass die Bäuerinnen nicht mehr an den Herd gebunden sind, sondern auch hinaus gehen. Früher sah man das sehr ungern, wenn die Frauen zum Beispiel singen gingen. Sie mussten zu Hause arbeiten. Bei einer Arbeiterfrau war das normal, weil sie nach der Arbeitszeit frei hat. Das hat mich oft wütend gemacht. Die jungen Frauen durften keine Kurse besuchen, um mehr zu lernen, und als ich so mit 55 hätte gehen können, interessierte es mich nicht mehr. Ich hatte mein Leben so gemacht wie es ging und das war auch nicht schlecht. In der Freizeit las ich ab und zu ein Buch.

Heute gibt's einige Arbeiten, die ich nicht mehr mache. Letztes Jahr starb mein Mann. Ich fühle mich nicht mehr so sicher bei den Stallarbeiten und gehe erst rein, wenn die Tiere angebunden sind. So habe ich mehr freie Zeit, wo ich mich hinsetze und hier aus dem Fenster schaue auf den See hinaus. Einfach so, eine Stunde lang. Ich sehe einem Schwan zu oder den Vögeln, ich habe Zeit dazu. Früher konnte ich nur schnell einen Blick werfen, ich hatte immer etwas zu tun.

Nächsten Sommer feiere ich den dreissigsten Alpsommer und ich freue mich auf das Fest. Ich habe nicht mehr als einen Monat gefehlt in diesen 30 Jahren. Ich könnte nie am Meer leben ohne diese wunderschönen Tannen und dann ist es zu heiss dort. Und jetzt sagt mein Sohn, dass er den Hof übernimmt und so haben wir nicht ins Leere gearbeitet in unserer 40 Jahren Ehe. Das freut mich. Und mit allen diesen Maschinen ist das Leben leichter. Mit 50 waren früher die Leute abgearbeitet und krank und alt und heute ist es anders.

Was mich hier im Vallée de Joux freut, ist, dass die Frauenarbeit respektiert wird. Noch vor zehn Jahren zählte die Frauenarbeit nichts, nicht einmal bei den Steuern. Heute machen mir die Frauen Mut. Die Bauersfrauen sollen wenn möglich ausserhalb des Hofes eine Arbeit machen, weil diese Arbeit viel mehr anerkannt wird. Eine Bauersfrau, die auch 12 Stunden im Tag gearbeitet hat, bekommt nur die minimale AHV-Rente Das ist eine Ungerechtigkeit. die zu ändern ist.

Mein Lieblingswunsch wäre, dass es keinen Krieg mehr gibt. Dass sich die Menschen lieben, dass über die Grenzen hinaus, die Menschen einander begegnen können ohne miteinander Krieg zu führen. Ich hatte eine italienische Grossmutter und ein Grenzwächter, der bei uns die Milch mass. Er erlaubte sich einen Spass mit mir während des Krieges. Er sagte mir, er komme einmal meine Grossmutter holen und schicke sie nach Italien zurück. Meine Mutter lag krank im Spital und meine Grossmutter war mir sehr wichtig und so hatte ich die ganze Zeit grosse Angst, dass sie tatsächlich fortgehen müsste. Bei Kriegsende verbot ich meinem Vater beim ersten Besuch dieses Mannes, ihm einen Kaffee zu geben. Ich erzählte ihm die Geschichte. Der Grenzwächter entschuldigte sich, aber ich habe ihn danach nie mehr gegrüsst.
Leider haben die Kriege nie aufgehört und heute schaue ich auch nicht mehr fern. Es schmerzt mich zu sehr. Ich hoffe, dass es aufhört mit dem, dass die Einen verdienen an den Waffen und den Opfern der Andern. Es geht nur um den Gewinn.

Ich habe ein glückliches Leben gehabt, nette Kinder. Und ich wünsche allen Hirtinnen, Frauen und Hirten, dass sie ihre Tiere pflegen können und alles gut geht. Und ich bin stolz, aus einer Hirtenfamilie zu stammen. Meine Grossmutter und die ganze Familie haben schon in Italien Schafe gehütet.

Alles was ich möchte ist den Jungen etwas Positives weitergeben. Nicht nur das Rennen nach dem Geld.
 

 

Home | mail@zalp.ch