Interview 1
         
 


Ich bin in einer Familie mit noch vier Geschwister aufgewachsen. Wir waren vier Mädchen und noch ein Bruder, vielleicht ist das auch wichtig, meine Mutter hat schon damals einen Beruf gehabt. Sie war Hauswirtschaftslehrerin. Mein Vater war Bauer, ist aber schon früh an Arthrose erkrankt. Als er fünfzig und drüber war, musste er schon am Stecken laufen. Bis zur 4. Klasse bin ich hier im Dorf zur Schule, nachher hatten wir eine Pacht drüben am H. und nachher mussten meine Eltern aus gesundheitlichen Gründen die Landwirtschaft aufgeben. Dann sind wir wieder nach T. zurückgekommen und ich habe dann das Lehrerseminar
 
 
Schattenkühe
 
 
gemacht und der Vater ging zu den Bauern und half, was er konnte und die Mutter hat das Waldhaus gemacht, also das Ferienheim. In den Ferien habe ich geholfen. Auch wenn es noch nicht so lange her scheint, man hat damals noch nicht so die verschiedenen Berufe gelernt. Die Mädchen gingen auf die Bäuerinnenschule und die Buben an den Plantahof. Und die haben gefunden, ein Mädchen, ja was, die heiratet nachher ja doch! Die Mutter hat mich unterstützt, also der Vater vielleicht weniger, aber er hat nichts dagegen gehabt, er hat mir weniger zugeredet, aber meine Mutter hat mich fest unterstützt. Ich wollte das schon von den letzten Schuljahren an immer. Weil ich die Älteste war und meine Mutter nicht so stark war, musste ich schon früh recht viel organisieren. Ich habe ein zinsloses Darlehen aufgenommen, ich wollte nicht, dass meine vier Geschwister wegen mir nichts lernen könnten. Wenn man es ein bisschen zu kurz hat, Kost und Logis, das zählt sich dann doch! Ich habe dann Glück gehabt, eine ältere Frau sagte dann, sie nehme mich. Und ich habe das dann gemacht und am Anfang einfach mit Darlehen und später, als ich dann Schule gab, habe ich das einfach sukzessive alles abgezahlt. Damals hat man natürlich noch nicht das verdient wie heute, aber ich habe auch einen schönen Lohn gehabt! Das Darlehen habe ich nach dem zweiten Jahr schon abgezahlt.
 
 
 

Und dann nachher hat mir mein Vater gesagt, solange wie man lerne, müsse man nachher auch Schule halten! Und dann war fünf Jahre Ausbildung und ich habe sechs Jahre Schule gegeben. Zwei Jahre hatte ich eine Gesamtschule, 1. bis 9. Klasse, die kamen von verschiedenen Höfen und konnten nicht heim über Mittag, und da hat man gemeinsam Zmittag gegessen. Ich war die einzig Reformierte dort. Damals hat das noch eine Rolle gespielt. Sonst habe ich gepasst zu diesen Leuten, da war das vom Glauben nicht so wichtig. Ich denke oft, vielleicht hat mich das für viele Sachen etwas offener gemacht. Vielleicht, dass man da nicht so kleinlich und bünzlig ist.

Nachher habe ich zwei Jahr Oberstufe gehabt, 4. bis 9. Klasse, und dann hatte ich dort Kritz wegen den Sekprüfungen, ich hätte dort schon noch bleiben können, sie hätten mich auch behalten, aber der Schulinspektor hat mich nicht unterstützt und ich fand, ich mache nicht den Waschlappen für die und bin dann nach Ch.

Ich musste eine Probelektion halten an einer 4. Klasse, es ging gut. Nachher hätte ich gerne 4. bis 6. Klasse gehabt. Da hiess es nein, nein, eine Frau kriege die 1. Klasse, höchstens bis 3. Klasse! Da habe ich gedacht, da bleibe ich nicht lange! Ich musste dann mit der ersten anfangen und blieb dann dort zwei Jahre. Es war eigentlich ein gutes Erlebnis, auch mal mit den Kleinen.
Ich habe dann rumstudiert, was ich denn eigentlich wolle und nachher habe ich aber geheiratet.

Da kam ich zurück nach T., wo ich meine Wurzeln hatte. In der Verliebtheit hat man sich dann viele Dinge nicht gefragt. Wie das so ist, wenn man einheiratet. Auch wenn man die Familie kennt, ist es also schon nicht immer so einfach. Sobald man in der Familie drin ist, ist vieles dann doch anders als man meint. Auch wenn so alle Generationen zusammen sind. Man lernt sicher viel, aber es ist auch anstrengend. Was mir also viel geholfen hat, wenn ich genug hatte, bin ich explodiert und dann ist es raus und das muss ich sagen, das war ein Plus meiner Schwiegermutter, wir haben einander nichts nachgetragen. Man konnte den Sack leeren und dann hat man einen Strich drunter gemacht. Heute würde ich manches anders abgrenzen.

Ich hatte vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben. Jetzt sind die Kinder alle gross und recht herausgekommen. Einer übernimmt dann den Betrieb, hoffen wir. Wir müssen uns langsam auch mit der Übergabe auseinandersetzen und ich hoffe, dass man aus den Fehlern, die man gemacht hat, auch Sachen gelernt hat. Ich glaube, man konnte einfach nicht gut loslassen, die jüngere Generation war da und die alte Generation hat befohlen und befohlen und nachher war man selber an dieser Stelle und hat dann auch befohlen bis es vielleicht schon lange gut gewesen wäre. Ich glaube, das Übergeben und Loslassen ist schon wichtig.

Was mich als Bauersfrau hauptsächlich fasziniert, ist die Selbstversorgung. Ich bin nicht so, dass ich etwas Fremdes nicht esse, ich schätze es schon zwischendurch mal. Irgendwie habe ich auch die vier Jahreszeiten viel bewusster gelebt. Auch mit den Tieren. Zuerst habe ich den Bezug nicht so gehabt, obwohl ich als Kind ja auf dem Bauernhof war, aber als kleines Kind war ich da noch nicht so eingenommen. Freude an den Tieren habe ich erst bekommen, als ich verheiratet war. Als die Kinder klein waren, habe ich gedacht, in den Stall, das fange ich überhaupt nicht an und jetzt habe ich doch viel Freude dran. Auch wenn man zum Beispiel z'Alp ging, wenn ich mit dem Vieh ging, da habe ich immer gedacht, es ist so eine Wohltat, mit den Tieren zu laufen, mit dem Gschell, das ist so eine Ruhe, also eigentlich sollten das alle psychisch Kranken mal können. Vielleicht täte das denen gut. Oder auch wenn ich Probleme gehabt habe, in der Gemeinde oder in der Familie oder irgendwie, wenn ich dann in den Habstall (im Habstall sind Ziegen, Schafe und Hühner untergebracht) konnte, irgendwie hat mir das geholfen.

Ich habe keine bäuerliche Ausbildung gehabt, ich habe durch die Erfahrung gelernt, für den Garten habe ich einige Kurs gemacht und mit dem normalen Menschenverstand. Auch von meiner Mutter habe ich viel gelernt. Metzgen und so habe ich von der Schwiegermutter und dann gab es so Verarbeitungskurse und auch Literatur, so konnte man manches lesen. Die Selbstversorgung fasziniert mich noch heute, die Jungen machen das weniger. Ich habe den Plausch dran und wenn man es dann auf dem Tisch hat, ist es auch etwas anderes. Was ich so hege und pflege im Garten, etwas geht einem kaputt und jedes Jahr gerät einem wieder etwas anderes. Aber auf jeden Fall hat man immer genug gehabt. Mir scheint es wichtig, dass man sich den Jahreszeiten anpasst. Wir haben auch gern mal Orangen an Weihnachten so zur Abwechslung. Ich kaufe z. B. praktisch nie Salat, im Sommer hat man den im Garten und im Winter mit Rüebli, Randen und Kabis. Und im Herbst gehe ich ein zweimal in die Beeren.

Als ich gut zwanzig war, haben mich die kantonalen Bäuerinnen gefragt, ob ich das Protokoll schreiben wolle. Da war ich im Kantonalvorstand und habe angefangen, mich für Frauensachen zu interessieren. Hier war ich dann nach der Heirat zehn Jahre Präsidentin von den Bäuerinnen und in den Kirchenvorstand wurde ich auch als erste Frau gewählt, dort war ich auch acht Jahre. Dann, irgendwann mussten sie mal einen Kirchenpräsindenten suchen. Zuerst fragten sie alle Männer, die in Frage kamen. Alle lehnten ab und zuletzt haben sie mich noch gefragt. Da sagte ich danke schön, wenn ihr mich erst nach allen Männern wählt, will ich auch nicht!

Dann sollte eine Vertretung von den Bäuerinnen in die Frauenzentrale (Dachverband aller Frauenvereine des Kantons) und da wurde ich gewählt. Zuerst tat ich mich schwer in der Frauenzentrale. Das war noch einmal eine andere Welt, da waren zum Teil ganz andere Frauen als bei den Bäuerinnen. Aber nachher habe ich sehr viel gelernt in der Frauenzentrale und ich ging sehr gerne. Ich war da zwölf Jahre und jetzt interessiere ich mich immer noch und habe immer noch Kontakt. In der Zeit, wo ich dabei war, hat man das Frauenhaus gemacht.

Für mich war es schon eine Doppelbelastung, ich musste immer vorkochen und schauen, dass daheim auch alles rundläuft. Ich denke vielmals, dass die Männer in dieser Beziehung weniger Belastung haben, die kommen am Abend heim und dann können sie Znacht essen und vom Tisch aufstehen, wobei ich es so sagen muss, wenn meine Leute nicht früh genug kommen, so müssen sie halt nachher selber schauen. Ich kann nicht klagen, wenn ich z.B an einem Mittag gegangen bin, so hat mir mein Mann abgewaschen. Ich hätte schon, wenn ich zurückgekommen wäre, aber ich war auch froh und ich habe das dann auch anerkannt. Er sagte, ich habe dann die bessere Laune und er sehe, dass ich das brauche. Und ich hätte das vielleicht nicht gemacht, wenn ich mich nicht neben einer Schwiegermutter hätte behaupten müssen. Hier habe ich eben zuwenig "Schparz" gehabt. Und dann habe ich natürlich auch das Interesse gehabt. Es hat mich einfach interessiert und irgendwie interessiert es mich noch heute. Mir scheint es auch wichtig, dass man auch in den Dörfern sieht, wie das Leben nebendran ist. Sonst begreift man nicht, warum es ein Frauenhaus braucht und man sagt, diese Frauen müssen ja nicht scheiden.

Nachher war ich in der Heimpflegekommission und dann hat man den Spitexverein gegründet. Im Altersasyl in I. vertrete ich auch die Gemeinde und Pro Juventute hatte ich auch viele Jahre. Das sind alles so Posten, die man aus Idealismus macht, die wird man fast nicht mehr los. Pro Juventute hat mir dann der Lehrer abgenommen, weil ich in den Gemeindevorstand kam. Den Gemeindevorstand habe ich nicht gesucht, ich bin ja über fünfzig und habe gedacht, dass ich jetzt langsam abbauen möchte. Aber da bin ich an die Gemeindeversammlung und zwanzig Minuten später war ich schon gewählt als Vizepräsidentin und da war ich so überrumpelt, dass ich Bedenkzeit nehmen musste. Zuerst hat es mich gar nicht angemacht und nachher dachte ich, wenn schon mal eine Frau , dann muss ich halt, ich kann nicht kneifen, ich habe mich soviel mal eingesetzt für die Frauen und immer gesagt, dass es die Frauen auch etwas anginge und die Frauen dürfe man nicht links liegen lassen, jetzt, wo sie mich gewählt haben, kann ich nicht sagen, ich mache es nicht, sonst nehmen sie mich nicht mehr ernst. Dann dachte ich, es ist noch einmal eine Herausforderung, jetzt mache ich es. Unter der Bedingung, dass ich nicht die Jobs übernehmen muss, wo man ein Auto braucht. Jetzt bin ich zwei Jahre gewesen und wurde noch einmal gewählt für die nächste Amtsdauer.

Ich meine, in politischen Dingen haben Männer und Frauen etwas zu sagen, man muss miteinander, mir scheint das wichtig. Es gibt Sachen, wo es gut ist die Frauen untereinander, oder nur die Männer, aber gerade in politischen Sachen können wir ja nur voneinander lernen, wenn wir miteinander etwas machen.
 

 

Home | mail@zalp.ch