Begegnung in den Karpaten
     
 


Ich war mit Angela, Christof und Stefan mit der Kote unterwegs. Mit der Gondel fuhren wir auf die Babele, ca. 2500 M.ü.M.. Von da aus ging's zu Fuss weiter, ohne Karte und Kompass. An der Waldgrenze bei einem Bach schlugen wir die Kote auf. Als wir beim Feuer sassen, bemerkten wir, dass am Hang gegenüber Tiere weideten; Pferde, Esel, Kühe und weiter oben Schafe. Zu hören war nichts.

von Susanne Gantner
 

 
Kuh by Chrig Perren

 

m anderen Morgen gingen Stefan und ich mit einer Flasche nach Milch fragen. Etwa hundert Meter vor der Hütte empfingen uns vier riesige, zähnefletschende und kläffende Hunde, wie mir noch nie welche begegnet sind. Mehrere Male liessen sie sich durch Bücken (es gab zwar keine Steine zum Werfen) und Anschreien zurückschrecken, aber sie kamen immer wieder bedrohlich nah. Endlich ertönte der Pfiff eines Hirten, und sie verschwanden. Erleichtert setzten wir den Weg fort. Doch, vor der Hütte stand – oh Schreck! ein Stier! Mit schlotternden Knien gingen wir weiter. Er war so in die Verdauung versunken, dass er uns nicht bemerkte.
       Ein alter Mann kam aus der Tür. Erstaunen war in seinem Gesicht zu lesen. Ich zeigte ihm die Flasche und sagte: ,,Buna zina, dorim lapte, va rog." (Guten Tag, wir hätten gerne Milch). Er bat uns, einzutreten. Schon einiges, was mir in den sechs Wochen davor begegnet ist in Rumänien, erinnerte mich an Erzählungen älterer Generationen, aber was wir hier sahen, das war pur. Kein Plastik, kein Chromstahl, sondern Holz, Leder Blech und die ältesten der alten Kleider.
       Ein Mann Mitte dreissig bereitete den Auszug vor, während die Milch im Kessi reifte. Er grüsste ebenso erstaunt und stellte sich mit Vasile vor. Da wir uns neugierig zeigten, begann er uns alles zu zeigen. Er nannte seinen Käse cas caval (Casch caval). Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass das kein Pferde- sondern Sauerkäse ist. Im Käsekeller hob er den Deckel eines Blechfasses, wo Fladen um Fladen aufeinandergepresst werden, etwa zehn Stück Käsefladen. Auf dem Regal waren die Fertigen in Schweinsblasen aufbewahrt.
 

 

 

 

uf meine Frage, wo sie denn schlafen (die Hütte bestand nur aus Sennerei und Käsekeller), zeigte er auf die schmalen Holzbänke an den Wänden. Wie alle acht Personen (der Senn Vasile, der Alte, zwei um die Zwanzig und vier Buben) darauf Platz finden sollten, blieb mir ein Rätsel. Frauen gab's keine. Zum Abschied schenkten sie uns die Milch und meinten, wenn wir das nächste Mal ein Gefäss mitbringen, kriegen wir auch frischen cas caval.
       Als wir am Abend am Feuer sassen, tauchten plötzlich lautlos zwei riesengrosse Hunde auf, setzten sich in sicherer Distanz und beobachteten uns. Bald tauchte auch ein Junge aus dem Dunkeln, ca. elf Jahre alt. Schüchtern zögerte er. Doch es war zu spüren, wie seine Neugierde grösser war. Den Hunden gebot er Platz. Er setzte sich zu uns ans Feuer. Wir suchten ein Gespräch, aber wegen der Sprache war das schwierig. Er stellte sich als Juon vor. Wir versuchten's mit Händen und Füssen und bald verstanden wir, was er mit lupu, ursu und hot hot (hotz hotz) meinte: Wolf, Bär und Diebe. Bei der Beschreibung des Bären wuchsen seine Arme in den Himmel, und beim Wolf funkelten seine Augen. Er war Schafhirte und brauchte die Hunde gegen lupu, ursu und hot. Er ging ganz enttäuscht, weil wir Nichtraucher ihm keine Zigaretten gaben.
 

 

 

nderntags gingen wir früh zur Hütte. Die Hunde wurden diesmal gleich zurückgepfiffen. Die Kühe waren alle im Pferch und wurden gemolken. Wir wurden herzlich empfangen. Da ich erzählte, dass ich in der Schweiz z'Alp gehe, musste ich gleich meine Melkkenntnisse demonstrieren. Ich schaffte es ohne Blamage. Von Melkmaschinen haben sie noch nie was gehört. Die Herde war sehr bunt, ca. vierzig Stück. Vasile nannte mir die Rassen, es gab auch einige svaiter (Schweizer), Braune darunter. Doch, zuhause hätten sie früher auch KB gehabt, aber seit der Wende funktioniert alles nicht mehr so. Nach dem Melken machte sich Vasile in der Sennerei zu schaffen. Drei Buben, der Eine um die zwanzig und der Alte verarbeiteten die Fladen von gestern, indem sie diese durch den Wolf drehten und mit viel Salz durchkneteten. Die mit den kleinsten Händen mussten den Teig in die Blasen pressen, möglichst ohne Lufteinschlüsse. Das war viel Knochenarbeit. Ich hatte den Eindruck, dass es hier streng hierarchisch war. Vasile war der Senn, er redete, die Jungen waren sehr zurückhaltend, besonders die Buben. Als wir Juon nicht entdeckten, fragten wir nach. Er wohne in einer anderen Hütte mit einem Mann. Seine Schafherde gehöre nicht zu diesem Senntum. Morgen sollen wir den Photoapparat mitbringen. Wieder mussten wir enttäuschen. Wir hatten auch keinen Photoapparat. Trotzdem schenkten sie uns die Milch und eine gute Portion cas caval.
 

 
  eim Abendessen, Mämäligä (Polenta mit Speck, Zwiebeln und cas caval), auf dem Feuer gekocht, kam wider Juon, d.h. erst die Hunde und dann Juon. Er trug seine Schuhe, die ihm mindestens drei Nummern zu gross waren, an den Bändeln über die Schultern. Am einen fehlte die Sohle. Nein, er hätte keine anderen. Es schien ihn allerdings nicht sosehr zu betrüben. Kurz darauf kam ein etwas älterer Bub von der Kuhalp. Zusammen erzählten sie uns die tollsten Geschichten von der Alp. Leider verstanden wir nur einen Teil davon. Aber die Gestik allein war schon mitreissend.
       Am dritten morgen wollten wir die Kote abbrechen und weitergehen, obwohl es uns hier gut gefiel. Wir wurden von einem eigenartigen, wiederholten Laut geweckt, der sich so anhörte, wie wenn ein Esel beim 1-AA das l vergässe. Stefan streckte den Kopf aus dem Zelt und zog ihn erschreckt wieder zurück. Neugierig krochen wir aus den Schlafsäcken und guckten selber. Da war auf der Anhöhe über unserem Zelt der Stier, brüllte mit drohend gesenktem Kopf zu uns hinunter, langsam hin- und hergehend. Stefan flüchtete sich auf die Fichte, wir anderen entfachten das Feuer. Nach einer Weile ging der Stier, einen Halbkreis um uns beschreibend, zum Bach hinunter, immer noch brüllen. Ich schlich ihm, von Baum zu Baum huschend nach, als er wieder hochging. Da oben stand eine stierige Kuh!
 
 

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