Unsere Männer gehen uns verdienen
     
 


Esther Dettwiler-Thommen, 49, war Heilpädagogin und hat mit ihrer Familie während fünf Jahren in Westafrika in einem Projekt mit Kleinbauern zusammengearbeitet. Heute studiert sie an der Universität Bern Ethnologie, Geographie und Allgemeine Ökologie, ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und seit kurzem Grossmutter. In ihrem Artikel schreibt sie über ein Dorf im Wallis, in dem die Viehwirtschaft ganz Sache der Frauen ist.

von Esther Dettwiler-Thommen, Bern
 

 

"Unsere Männer gehen uns verdienen, damit wir bauern können!"

Ethnologie (Völkerkunde) beschäftigt sich heute nicht nur mit fremden Völkern, sondern auch mit Veränderungen und Prozessen in unserer Kultur. Hans-Peter Lerjen, ein Kollege, hat in seiner Abschlussarbeit die Nebenerwerbsbetriebe der Arbeiterbauern im Wallis und die Veränderungen der letzten zwanzig Jahre untersucht. Ich selber habe in einer Seminararbeit den Anteil der Frauen in dieser Nebenerwerbslandwirtschaft beschrieben. In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, was ich dabei herausgefunden habe.

n einem Dorf, dessen Name aus Forschungsgründen nicht genannt werden darf, im Einzugsgebiet der LONZA-Werk habe ich mich bei verschiedenen Ehefrauen von Arbeiterbauern angemeldet und sie um ein Interview gebeten. Während zwei bis drei Stunden habe ich sie dann über alltägliche Arbeiten, Arbeitsteilung, Veränderungen, Freuden und Befürchtungen befragt.

Ausgehend von meinen Vorstellungen habe ich erwartet, dass die Frauen ihre Ehemänner ersetzen, wenn diese zur Schichtarbeit gehen. Diese Vorstellungen erwiesen sich aber als falsch. In Gesprächen erfuhr ich, dass die Frauen während der Abwesenheit der Männer nicht deren Arbeiten ausführen, dass sie ihre eigenen Bereiche haben, in denen sie selbständig Entscheide treffen, Einnahmen und Ausgaben verwalten.
 

 

 

as wohl eindrücklichste Beispiel ist das der Viehhaltung. Im untersuchten Dorf sind die Kühe Sache der Frau. Die Mehrzahl der Männer kann nicht von Hand melken. Erst wenn eine Melkmaschine ins Haus kommt, wird die Arbeit auch von Männern verrichtet.

Die Frauen haben immer mit Liebe von ihren Kühen gesprochen. Oft wurden diese im Gespräch noch vor den Kindern erwähnt: "Drei Kühe, sechs Kinder, und ich habe es geschafft." Die Männer helfen in ihrer Freizeit und vor allem in den Ferien beim Heuen und Emden. Aber es sind die Frauen, die bestimmen, wieviele Kühe sie halten, wann und zu welchem Preis sie kaufen und/oder verkaufen. Aber viele der Frauen zahlen "drauf". Wegen sinkendem Milchpreis und Subventionspolitik des Bundes rentiert die Viehhaltung nicht mehr. Warum machen vor allem die älteren Frauen (über 45 Jahre) trotzdem weiter? Was sind die Gründe dafür?
 

 

 

rüher hatten die Frauen in dieser Gegend keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Viehhaltung wurde zu ihrem Beruf, vielleicht auch zu ihrer Berufung. Zudem war Selbstversorgung mit Viehhaltung für die kinderreichen Familien lebensnotwendig, da sie sich vom Gehalt aus der Schichtarbeit nicht ernähren konnten.

Viehhaltung gibt den Frauen Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Der Verlust dieses Ressorts käme einem Identitätsverlust gleich.

Heute sind es auch ökologische Gründe, die die Frauen zum Weitermachen bewegen. Durch die Realteilung beim Erben besitzt jede Familie Landparzellen auf verschiedenen Höhenstufen. Da meistens kein Getreide mehr angebaut wird, wächst dort Gras, das geschnitten werden muss. Oft halten die Frauen Kühe, damit das vorhandene Heu verwertet werden kann, denn sie wissen um die Schäden, die entstehen, wenn Matten nicht mehr genutzt werden. Vergandung der Landschaft, Zunahme von Erosion und Lawinen sind ihnen bekannte Erscheinungen. Sie betreiben also eine Landschaftspflege, die der gesamten Bevölkerung, samt dem Tourismus zu gute kommt, ohne dafür bezahlt zu werden. Sie können sich aber auf die Sicherheit des monatlichen Gehalts ihrer Ehemänner und auf die Altersversorgung abstützen. Deshalb ist es möglich, dass die Frauen etwas tun, das sich zwar nicht rentiert, sie aber befriedigt und zudem der Dorfgemeinschaft nützlich ist. Dass sie sich dieser Tatsache bewusst sind, zeigt folgende Aussage einer Bergbäuerin: "Unsere Männer gehen uns verdienen, damit wir bauern können!"
 

 

 

in starkes Selbstvertrauen der Frauen, dazu ein grosses Wissen aus Erfahrung und Überlieferung sind mir aufgefallen und haben mich immer wieder neu überrascht. Ein Wissen, das in Gefahr ist, verloren zu gehen. In den Gesprächen kam die Rede immer wieder auf die Zeit von früher. Ich habe gestaunt, was damals alles selbst gemacht wurde: vom Fleischeinmachen bis zur Herstellung von Salben. Die Rezepte waren jeder Hausfrau bekannt, werden heute aber selten angewendet. Eine Bergbäuerin (58) erzählte mir: "Meine Kinder lachen mich aus, wenn ich Ringelblumensalbe selber herstelle."

Durch den Strassenbau ist die Mobilität grösser geworden, Arzt und Einkaufsläden sind schneller erreichbar. In der Fabrik werden bessere Löhne und Sozialleistungen bezahlt, die Leute können sich ihre Häuser sanieren, Maschinen, Apparate und Konsumgüter leisten. Die finanzielle Verbesserung führt auch dazu, dass junge Frauen keine Kühe mehr halten.
 

 

 

in Bewusstsein für den Verlust von überliefertem Wissen stellt sich bei jüngeren Leuten jetzt langsam ein. Es werden Kurse angeboten, die das gemeinschaftliche Brotbacken, den Anbau von alten Getreidesorten, die Kräuterverwertung, Salbenherstellung und Anwendung von Wickeln wieder aufleben lassen. Meistens geschieht es auf Umwegen über Volkshochschule oder Neuzuzüger. Aber es animiert die Einheimischen, ihre Traditionen neu zu überdenken und altes Wissen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nach den Gesprächen mit den Frauen habe ich auch meine eigene Lebensgeschichte aufgerollt und hinterfragt. Vieles unterscheidet, vieles verbindet uns Frauen gleichen Alters. Einerseits habe ich die Bergbäuerinnen bedauert, dass sie keine Möglichkeit hatten, eine Ausbildung zu machen, Ferien und Reisen zu unternehmen und dass sie stark abhängig von ihrer Grossfamilie sind. Andererseits habe ich sie um ihr Selbstverständnis und Selbstvertrauen, ihre Verbundenheit mit Familie, Religion und dem bewohnten Fleck Erde – ihre Heimat – beneidet.
 

 


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