Mythos Heidi
     
 


"Heidi wird jetzt unverschämt" ist ein Artikel in der Weltwoche vom 25.8.1994 überschrieben. Thema: Sexualität junger Menschen. "Heidi" wird zum Synonym für junge SchweizerInnen. Eine Woche später überschreibt dieselbe Zeitung einen Artikel "So idyllisch und schön wie Heidis Alp", Untertitel: "Ein Bilderbuch gegen Drogen". In diesem zweiten Fall (der Text des betreffenden Bilderbuches stammt von mir selbst) machte mich Heidi, das weder in meiner Geschichte noch in einem der beiden Artikel vorkommt, besonders stutzig. "Heidis Alp" - offenbar Inbegriff des Harmlosen, Weltfremden? Ist Heidi so ideal, aber auch so irreal, wie Fräulein Rottenmeier es sich vorstellt: "Einer jener so bekannten, in den hohen, reinen Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehen." Gleichzeitig "Unschuld vom Lande" und ein "Totsch"?

von Regine Schindler
 

 
Heidi renn!!  
 
Heidi pack!!
 
Kontraste

In einer italienischen Buchhandlung entdeckte ich eine massiv gekürzte Bearbeitung des Heidi. "Addio, care montagne" (adieu, liebe Berge) und "La città prigione" (die Stadt als Gefängnis) heissen zwei grosse Zwischentitel, die im Original fehlen. Schlechte Stadt - herrliche Bergwelt, eine Simplifizierung, eine Schwarzweissmalerei, die dem journalistischen Jargon Vokabeln liefert, die einer Vergötterung der Schweizer Bergwelt als "Heidiland" Vorschub leistet.

Vor wenigen Wochen habe ich die Heidi-Alp erstmals – schwitzend in diesem heissen Sommer! – bestiegen. Mir begegneten fast nur Gruppen begeisterter Japanerinnen. So ist auch der grosse Erfolg einer gegenwärtig durch Japan reisenden Johanna-Spyri-Ausstellung als Reflex dieses vor allem im fernen Ausland anhaltenden Heidi-Erfolgs zu buchen. Johanna Spyri und Heidi verschmelzen dabei fast in eins und werden zum Inbegriff der Schweizerin: pausbäckig, schwarzgelockt, nach Alpenkräutern duftend, ländlich-rein.

Diese mythische Gestalt lässt sich brauchen, auch exportieren. Ob Johanna Spyris Buch damit verstanden wird oder nur in verkitschter Kurzform gelesen wurde, wäre zu fragen. Sicherlich kann die Heidi-Story, können einzelne Stellen aus dem Buch das Bedürfnis nach einem Mythos aufs beste erfüllen - und bis heute oder heute ganz besonders eine Chiffre, einen Namen für ein veraltetes Frauen-, Schweizer-, Kinder- und Alpenbild zur Verfügung stellen. Wie weit hat solche negative, für uns ausgesprochen ironische Sichtweise ihren Ursprung im 260seitigen Heidi-Buch selbst?
 

 

 
Heidi halt durch!!
 

 

 

 
Personen um Heidi

Heidi, am Anfang des Buches noch im Kindergartenalter, in Frankfurt dann achtjährig, ist zwar eindeutig ein Mädchen, von Natur aus begabt mit klassischen weiblichen Fähigkeiten (es räumt liebevoll auf, deckt den Tisch...), aber in sexueller Hinsicht gewissermassen neutral. Theorie eines Niklaus Meienberg, der hinter der Beziehung des Alp-Oehi, des Doktors, des Geissenpeters zu Heidi sexuelle Hinterabsichten witterte, halte ich für absurd. Es ist eher die Abwesenheit aller Möglichkeit von Sexualität, die bei einigem Nachdenken erstaunt. Es fällt mir dabei der dumme Spruch "Auf der Alp, da gibt's koa Sünd" ein, der anzüglich-zwiespältig, im Hinblick auf Heidis Alp aber wörtlich wahr ist und zeigt, wie sich die Alp (idyllisch, abgeschieden) zum Lächerlichmachen eignet.

Nun aber zu den Personen im "Heidi". Mit ihnen hängt es zusammen, dass so etwas wie Frau-Sein in diesem Buch nicht möglich oder nur in der kindlichen Heidi-Ausprägung realisierbar ist. Die positiven Gestalten sind Männer - und sie sind alt! Da ist vor allem der Alp-Oehi, der zuerst brummig, abweisend, verwahrlost, von Schulden belastet wirkt, in seiner Fürsorge für Heidi aber sympathisch wird und gleichzeitig das Ideal des einfachen Berglebens verkörpert. Sein städtisches Pendant hat er im Frankfurter Doktor, der Heidis Leben rettet, indem der das schlafwandelnde Kind heimschickt, der später zum besten Freund des Oehi wird und sich im "Dörfli" niederlässt. Klaras Vater, meist auf Reisen, ist gütig, verständnisvoll und reich. Vom Frankfurter Personal ist nur der Diener Sebastian ein kleiner Trost für Heidi: "Du siehst dem Geissenpeter gleich", stellt es schon zu Beginn fest, worüber Fräulein Rottenmeier nicht etwa wegen des Vergleichs mit dem Geissenpeter entsetzt ist, sondern weil Heidi den Bedienten nicht mit Du anreden soll – Inbegriff städtischer Lebensweise.
 

 

 

Frauengestalten

Damit wären wir bei der Dame Rottenmeier, jener durchwegs hysterisch, ängstlich, unattraktiv gezeichneten Erzieherin angelangt. Während Heidis und Klaras Mütter nicht mehr leben, werden auch alle andern jüngeren weiblichen Figuren gewissermassen auf die Seite geschoben. Das Dienstmädchen Tinette bleibt eine untergeordnete und lächerliche Figur. Dete, eigentlich Mutter-Ersatz für Heidi, verstösst das Kind zu Gunsten ihrer eigenen Laufbahn. Brigitte, Peters Mutter, wird nicht aktiv; dies kommt schon darin zum Ausdruck, dass sie im Lauf der Geschichte ihren Namen buchstäblich verliert und nur noch "Geissenpeterin" heisst, bestimmt durch den Beruf ihres verstorbenen Mannes.

So bleiben denn – neben dem Alp-Oehi und Peter – als positive Bezugspersonen von Heidi zwei ausgesprochen alte Frauen übrig: Peters Grossmutter, halbwegs zwischen Dörfli und Alp daheim, blind, krank, einsam. Sie lebt ein verinnerlicht-frommes Leben und weckt Heidi's Hilfsbereitschaft. Und die Frankfurter Grossmama, die Heidi nicht nur - auf nicht ganz unproblematische Weise moralisierend – das Beten beibringt, sondern es lesen lehrt und Inbegriff einer tatkräftigen Frau ist, als Grossmutter allerdings auch in den Bereich der Geschlechts-Neutralen versetzt. Ausserdem lebt sie hunderte von Kilometern entfernt.
 

 

 

 

Heidi guck!!

Heidi und Peter

Heidi selbst nun wird als restlos positive Figur geschildert. Es ist von Anfang sonnenverbrannt, kräftig, einfühlend, schnell von Begriff, geschäftig und nachdenklich zugleich. Alle haben es gern. Dies mag als ausgleichende Gerechtigkeit für sein an sich tragisches Schicksal erscheinen: Es ist Vollwaise und hat die gefährliche Veranlagung zum Schlafwandeln von seiner Mutter geerbt. Dies wird später zu Verhängnis und Rettung gleichzeitig führen - es ist ein Element, das Spannung, Dramatik, aber auch die Lösung des tragischen Knotens bewirkt.

Daneben steht der ungehobelte Naturbursche Peter, der seinen Gefühlen nur mit Grimassen Ausdruck verleihen kann und im Gegensatz zu Heidi in keiner Weise anpassungsfähig ist. Die Bergwelt ist beiden Kindern gemeinsam. Berge, Gletscher, Tannenrauschen, Sonnenschein und bunte Blumen bilden in Spyris Schilderungen eine überwältigende Harmonie, bis hin zu Unwahrscheinlichkeiten, die jedoch kaum je einem Kind bewusst werden. So ist das Wetter einfach immer schön. Gelegentlich sagt man sich bei genauer Betrachtung von Naturbeschreibungen auch: Des Guten zuviel! Einmal finden sich Anfang eines Kapitels innerhalb weniger Zeilen folgende Adjektive: warm, licht, grün, lockend, hell, frisch, fröhlich, jung, hellgrün, herrlich, blau, warm! Immer wieder ist ausdrücklich von der Übereinstimmung innerer und äusserer Schönheit die Rede. So sagt Heidi zum Oehi, nachdem er sich entschlossen hat, wieder ins Dörfli zurückzukehren: "Grossvater, heut wirst du schöner und schöner, so warst du noch gar nie." Solchem harmonisierenden Erzählen aber droht doppelte Gefahr: Jene des Moralisierens auf der einen Seite (es wird zu deutlich gesagt, was gut ist), jene des Kitschs auf der andern Seite (die Harmonie ist nicht glaubwürdig).

Auf jeden Fall hat die makellose Schönheit der Alp zur Mythos-Bildung beigetragen: Schöner als jede Wirklichkeit wird Heidis Heimat zum unerreichbaren Wunschbild! Die erwähnte italienische Heidi-Ausgabe fügt den Naturschilderungen nicht nur ein Beschreiben der Düfte hinzu, dem Buch entströmt auch ein penetranter Alpenblumen-Geruch – es ist buchstäblich parfümiert! Ein Mythos, der so aufdringlich daherkommt, kann nur noch als Kitsch oder Veralberung wirken!
 

 
  Heimweh

Heimweh –– dieser Kloss im Hals, dieses warm-nasse Gefühl in den Augen! Ein durchaus kindliches Gefühl, das viele von und kennen, ich jedenfalls! Es ist ein Gefühl, das schon früh als Schweizer-Krankheit bezeichnet wurde; Schweizer Söldner desertierten aus Heimweh nach ihren Bergen; es wurde verboten, in ihrer Gegenwart Kuhreihen, Alpenlieder zu spielen oder zu singen. Heimweh: Eine Krankheit, die lebensgefährlich wird, nach rechtzeitiger Rückkehr in die Heimat aber sofort geheilt wird.

Ich könnte, wollte ich das Heidi nun als eindeutig faulen Mythos, als Legende von einer verlogen-idyllischen Welt stilisieren, Heimweh als Gegenpol zur Emanzipation verstehen. Ich könnte Johanna Spyris Problem mit der Frauenemanzipation ins Spiel bringen. Sie war gegen das Frauenstudium, obwohl sie, vor allem als Witwe, ein durchaus emanzipiertes Leben führte; obwohl sie in der Aufsichtskommission der damals noch neuen Höheren Töchterschule war; obwohl sie allein weite Reisen unternahm.

Wir würden es uns zu leicht machen, Heidis Heimweh einfach als verpasste Emanzipation zu deuten. Heimweh oder der totale Verlust von Heimweh, wie Heidi es erlebt, ist tatsächlich eine lebensgefährliche Krankheit, die jede Kraft – und Emanzipation braucht Kraft! – verschlingt. Johanna Spyri hat dies selbst erlebt. Aufgewachsen im Bauerndorf Hirzel, auf der Anhöhe zwischen Zürichsee und Innerschweiz, durch Heirat in etwas steifere Zürcher Stadtkreise versetzt, fiel sie in eine viele Jahre dauernde Depression. Erst das Schreiben, das Verarbeiten der Vergangenheit, der literarisch-kreative Umgang mit dem eigenen Heimweh, das stets neue Schildern ihrer alten Heimat (ihre Bücher spielen nie in Zürich!) wurde für sie zur Therapie, führte zu ihrer Genesung – einer altmodischen Art der Emanzipation vielleicht? Dass sie dabei im "Heidi" auch Ferienerlebnisse, die bündnerische Heidi-Gebirgswelt, lebendig werden liess, machten den Gegensatz Stadt-Land grösser, auch die Spannung, die Attraktivität, so dass Heidi mehr als andere Spyri-Figuren zur Idealgestalt wurde.

Wie weit eine solche Gestalt als Mythos gebraucht, auch missbraucht wird, liegt in der Hand, der Feder jener, die damit umgehen. Mit Sicherheit aber haben Millionen von Kindern mit Hilfe von Heidi ihr eigenes Heimweh verbalisieren und bekämpfen können – so sehr die Story heute, gerade durch das Fernsehen, durch Comics, aber auch durch parfümierte Bücher verbraucht und verkitscht ist.
 

 
 

Regine Schindler schrieb zahlreiche Kinder- und Elternbücher und war während acht Jahren Redaktorin der Zeitschrift "Schritte ins Offene". Sie lebt heute als freie Schriftstellerin am Zürichsee. Ihre fünf Kinder sind erwachsen.
 

 

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