Sennerinnen in Norwegen
     
 


Silvia Conzett, 36, hat die Bäuerinnenschule absolviert und Volkskunde (europäische Ethnologie) studiert, ist Mutter und ehemalige Sennerin. Oft hat sie Norwegen bereist. In ihrer Lizenziatsarbeit verglich sie die Situation der Bergbäuerinnen am Hardanger Fjord in Norwegen und im Safiental/GR. Für die zalp schrieb sie einen Artikel über die Sennerinnen in Norwegen, den norwegischen Braunkäse und wir erfahren auch, wie in Norwegen das Vieh angelockt wird.

von Silvia Conzett
 

 
lpwirtschaft wird nicht nur in Mitteleuropa betrieben, sondern ist auch in den Gebirgsgegenden von Skandinavien verbreitet. In den norwegischen Bergtälern verfügen die Höfe über höhergelegene private Alpweiden und Alphütten, die zu Fuss in einer bis mehreren Stunden erreichbar sind. Die landwirtschaftlichen Betriebe werden meist mit einem Nebenerwerb kombiniert. Bis nach dem zweiten Weltkrieg waren es die Bäuerinnen, die die Höfe selbständig führten, während ihre Männer als Waldarbeiter, Fischer, Matrosen oder Bergmänner Geld verdienten und gar nicht melken konnten. Eine typische Frauenarbeit war auch diejenige der Sennerinnen. Entweder verbrachten die Bäuerin selbst, ledige Verwandte oder angestellte Frauen und Kinder den Sommer auf der Alp. Nach den langen Wintermonaten bedeutete dies trotz harter Arbeit eine willkommene Abwechslung.
 

 


 
 

u den täglichen Aufgaben gehörten neben dem Melken der Kühe und Ziegen und der Milchverwertung auch zusätzliche Arbeiten, wie Spinnen, Stricken und Sticken, das Sammeln von Holz, Laub und Moos, das Beeren suchen und Fischen. Manchmal mussten die Sennerinnen zum Melken mit dem Boot über einen See rudern. Die Milch wurde zu Butter, Käse und Milchspeisen verarbeitet, wobei sich der Käse stark von unserm Alpkäse unterscheidet: "Gammalost", der sogenannte "Altkäse" wird aus saurer Magermilch hergestellt, mehrere Wochen lang gegärt und schliesslich mit dem angesetzten Schimmel eingerieben (nur Liebhabern zu empfehlen!). "Mysost", ein süsslicher, brauner Molkenkäse, besteht aus stundenlang eingekochter Molke, die durch den karamelisierten Milchzucker braun wird, während die zuerst anfallende weisse Käsemasse als unwichtiges Nebenprodukt gilt. Nach dem Buttern und Käsen wurden früher die hölzernen Gefässe in Wacholderlauge gescheuert. Die Sennerinnen arbeiteten meist jede für sich allein, doch trafen sie sich gelegentlich auf den benachbarten Alpen zum gemeinsamen Essen und empfingen am Wochenende Besuch von der Familie, Verwandten und Freunden.
 

 

 

ie im mitteleuropäischen Alpenraum war auch auf den norwegischen Alpen der Glaube an übernatürliche Wesen verbreitet, der in zahlreichen Sagen zum Ausdruck kommt. Im Norden herrschten die sogenannten "Huldren" in der Gestalt von schönen Frauen über die Alpen und verfügten über die Macht, Kühe zu stehlen, Kinder zu vertauschen oder mit ihrem Gesang Männer zu verführen. War man ihnen durch Opfergaben und andere rituelle Handlungen freundlich gesinnt, konnten sie auch Gutes tun, zum Beispiel eine höhere Milchmenge herzaubern.
 

 

 
it der allmählichen Mechanisierung und Rationalisierung der Landwirtschaft seit den 50er Jahren hat die Bedeutung der Alpwirtschaft abgenommen. Das Weideland wird nur noch kurze Zeit vom Galtvieh genutzt und dient als Erholungsgebiet zum Beispiel für Bauernfamilien, während ein staatlich subventionierter Ablöser die Arbeiten auf dem Betrieb ausführt. Oft sind die einstigen Sennhütten zu Ferienhäuschen ausgebaut und durch Strassen erschlossen. Die traditionellen Milchprodukte sowie durch Schweizer Lehrmeister vermittelte neuere Käsesorten werden heute in modernen Molkereien hergestellt. Auf den Höfen hat ein Rollentausch zwischen Mann und Frau stattgefunden. Mit der Einführung der Melkmaschine und anderer technischer Hilfsmittel übernahmen die Männer die bisherige Frauenarbeit und wurden Betriebsleiter. Die Bauersfrauen sind dadurch keine eigentlichen Bäuerinnen mehr, sondern gehen zusätzlich einem Nebenerwerb ausserhalb des Hofes nach, zum Beispiel als Lehrerin, Krankenschwester, Laden- oder Bankangestellte. Sie sind mit ihren verschiedenen Aufgabenbereichen in Haus, Hof und Beruf stark belastet und werden (noch?) zuwenig unterstützt.
 

 

 

orwegischer Braunkäse (Molkenkäse, braucht sehr viel Zeit und Holz!) Molke (Sirte) von Käse aus Kuh- und/oder evtl. Ziegenmilch aufkochen. Schaum abschöpfen und unter gelegentlichem Rühren langsam einkochen. Käseresten absieben. Zu ca. 50 Liter Molke 1 Liter Rahm zugeben. Wenn die Masse nach einigen Stunden braun und crèmig ist, vom Feuer nehmen, weiterrühren, abkühlen auf 15-20°. Noch weich kneten und in Formen füllen. Nach einem Tag ist der "Käse" fertig. Mit dem Hobelmesser dünne Späne abschneiden. Der "Gudbrandsdalost", ein spezieller Braunkäse mit dem Zusatz von Rahm und Ziegenmilch wurde in den 1860er Jahren von der Sennerin Anne Hov Solbra erfunden und soll durch seinen Verkaufserfolg das Tal vor einer wirtschaftlichen Krise bewahrt haben.
 

 

 

orwegische Lockrufe (vielleicht auch für Schweizer Vieh verständlich?)
Kühe: "Kuschet, kuscheta boona" - "Kuuseta, kuuseta, kussa, kussa!"
Ziegen: "Kille sitt, kille sitt, sitta, kille sitt" - "Kette, kette jeit'n, kette kuu!"
 

 


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