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Kind wollte ich "Pur, Advokat und Nationalrat" werden.
Das eine blieb ich im Herzen, das andere wurde ich, und das dritte
strich ich bald einmal von der Liste.
Freizeit und Ferien verbrachte
ich, in der Stadt aufgewachsen, nach Möglichkeit in unserer
Alphütte, Erbstück meines Vaters, meiner Grossväter.
Ich liebte den Geruch der Alpluft, der Wiesen und Weiden, die unvergleichlich
schönen Sonnentage, andererseits die rauhe, karge Welt, Wind
und Wetter. Ich lernte bei den Bauern das Vieh versorgen, mit Pferd
und Wagen umgehen, das Heuen, Misten, im Winter Holzen, ja vieles,
was ein Bergbauernleben halt so mit sich bringt. Sehr früh
schon war ich vollkommen mit dieser Alp verwachsen. Viele Jahre
ging ich dort oben auch auf die Gemsjagd, seit langem aber lasse
ich dieses eigentümliche Treiben, will damit nur sagen, dass
mir über weite Gebiete alles, jeder Stein, vertraut war.
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Hüten hat mir, damals etwa 9-jährig, der alte Giovanni,
ein Bergeller Hirt, beigebracht. Natürlich nicht "beigebracht".
Ich durfte einfach mitgehen, ohne Worte, oder er lud mich ein, zu
ihm zu sitzen, mit einem freundlichen Zunicken, wenn ich zu ihm
heraufgestiegen kam. Ich lernte Herzlichkeit ohne viele Worte kennen.
Herzlichkeit zu Tier und Mensch. Bedingungslos. Ich lernte staunen,
dann beobachten. Sein leises "Hooh" schien weithin hörbar
für seine Tiere. Sein ruhiger Schritt zog seine Herde mit sich,
magisch. Lange Zeit konnte er nur dastehen, das Kinn über seine
Hände auf dem Hirtenstock abstützend. Wenn seine Augen
weit über die Alp schweiften, schien er in eine andere Welt
entrückt, mit Geistern zu sprechen, doch immer wieder ruhte
sein Blick auf seiner Herde, Tier um Tier liebevoll zu streifend,
keines auslassend. Nahm sich Zeit dazu, hatte Zeit. Und wenn ab
und zu ein Tier seinen Blick mit kurzem, lässigem Herbeischauen
erwiderte, konnte ich nur staunen über diese Verbundenheit.
- Er hat es mir nicht "beigebracht". Plötzlich verstand
ich. Mehr und mehr. Und eines Tages hätte ich vielleicht ohne
ihn mit der Herde gehen können. Irgendwie begriff ich damals
schon, dass solche Autorität, Kraft, von Innen kommen muss.
Eine Kraft, die nicht zerstört, die leise, ruhig ist, liebevoll.
So auch kamen seine Worte, wenn er sprach, wenig sprach. Und wieder
auf der Schulbank fragte ich mich dann immer wieder: "Warum
können Lehrer nicht wortlos unterrichten?" Ich vermisste
an ihnen diese Kraft von Giovanni.
Nach dem vierten Sommer kam
Giovanni nicht mehr auf unsere Alp. Hatte ich vor ein paar Jahren
hier oben schon den Tod meines Vaters zu beklagen, umso mehr vermisste
ich nun auch den alten Hirten. Tat mich schwer zu begreifen, dass
er einfach nicht mehr kam, wiederum wortlos. Ich hing mich dann
nicht mehr an die Hirten, seine Nachfolger.
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n
etwas späteren Jahren stand ich eines Tages unversehens dem
neuen Senn gegenüber. Eine etwas ungewohnte Erscheinung, die
sich da, gross und breitbeinig, vor mich hingepflockt hatte. Wie
ich aber bald erfahren durfte, eine Seele von einem Mensch. Aus
"Herr X" wurde bald einmal "Hans" und, es dauerte
Jahre, immer mehr ein Freund. Eine Freundschaft wiederum mit wenigen
Worten. Er liess nicht alle an sich heran. Er hatte, neben seiner
behäbigen und überlegten Art, etwas so Blitzschnelles,
das Wesen oder heimliche Absichten seines Gegenübers zu durchschauen.
Dann schwieg er jeweils, höchstens ein leises Brummen, ein
eindeutiger Blick. So gab es Menschen, die ihn eben dann nicht mochten.
Wir sassen oft vor der Hütte,
am Brunnen oder vor dem Stall unter der Sonne zusammen, sagten uns
viel, aber schwatzten wenig. Wenn Hans sich dann jeweils eine Mary
Long anzündete, wusste ich, jetzt wird's beschaulich, vertraut.
Hans hatte Stil, war manchen Städter an Vornehmheit voraus.
Er war fair zu seinen Hirten und Helfern. Seine Gedanken über
Gott und die Welt, in ihrer Einfachheit, Klarheit, waren erstaunlich.
Auch an Gehalt eben. Er hatte ein Leiden. Das war nunmal so, zu
jammern gab's da nichts. Wenige wussten davon.
Vom Berufsalltag erholte ich
mich am liebsten auf der Alp, total abstellen konnte ich am besten
bei Hans. So gerne ich dort oben die Menschen mied, so gerne besuchte
ich ihn. Er zehrte nicht, war einfach da, wohltuende Ruhe. Verstand,
dass ich mit der Alp und ihm verbunden war, ging darauf ein. Seine
Arbeit nahm er ernst, das Käsen war ihm heilig. Und trotzdem
nahm er mich immer zu sich in die Sennhütte, liess mich "abhöggle",
gab gerne eine Tasse Milch, von seinem ( feinsten) Käse oder
etwas zum Versuchen ab, erklärte, gab kleine Einblicke in die
grossen Geheimnisse seiner Kunst. Ein Freund des Rinderhirten verriet
mir kurz vor dem Tod von Hans ein anderes kleines Geheimnis: Hans
soll dem Rinderhirten zur Hochzeit einen Farbfernseher geschenkt
haben... Ich war selten so gerührt, kannte ich doch das karge
Leben von Hans und seine zurückhaltende Art. Er musste den
Rinderhirten sehr gemocht haben.
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ie
Sennerei war so für viele Jahre mein zweites Zuhause auf der
Alp. War schon mein Grossvater mit dem seinerzeitigen Senn befreundet,
war das Glück dann mir beschieden. Für den Intellekt holte
ich mir das Rüstzeug an den Lehranstalten. Geist und Seele
hingegen wurden schon eher dort oben beschenkt.
Nach vielen Jahren mochte
Hans nicht mehr z'Alp. Er war älter und etwas müder geworden.
Er sagte es mir schon ein Jahr zuvor. Über die Alp legte sich
ein Schleier von Bedrücktheit, fing mich ein, lähmte mich.
Eines Tages irgend eines Sommers
vor dem Tod von Hans zog ich mich ein schwer zu beschreibendes Heimweh,
ein Bedürfnis, seinen Geist oder mindesten irgend etwas von
ihm auf irgendeine Art an unseren vertrauten Orten wiederzufinden,
zur Sennerei. Wie erstmals näherte ich mich diesem unsichtbaren
Gürtel um die Intimsphäre von Hütte und Ställen
ohne "Lärm", einfach so, wie eben damals. Ich war,
und mir schien, sogar mein Hund, in Gedanken an die alten Zeiten
versunken, einer Art Andacht, als uns plötzlich vom Hügel
her eine Frauenstimme recht schroff traf: "Was wollen Sie?
Milch gibt's von halb acht bis acht abends!" - Die neue Sennerin.
- Ich sah mich nicht nur einer fremden Frau aus irgend einer Stadt
gegenüber. Alles war plötzlich fremd. Ich schaute zweimal
hin. Die Hütte, das Bänklein, das Holz, ja der ganze Platz
davor: wie verwandelt, leblos. Es brachte nichts festzustellen,
dass da noch dieselben Steine, Mauern der Hütte waren, dasselbe
Bänklein. Das Alte war weg, das Neue nur ein Abbild. Vor allem,
es roch ganz anders, so etwas wie abstossend. Ich gehörte nicht
hierher, war ein Fremder... wollte noch von Giovanni und Hans grüssen,
völlig verwirrt. Mir wurde kalt. Ich zog mich zurück,
heimwärts, traurig, geschockt.
Die Frau machte dort
oben keinen zweiten Sommer, ihre Gehilfinnen glaub ich auch nicht.
Trotzdem. Ich ging in den letzten Jahren nicht mehr hin, hatte Angst,
nochmals so etwas zu erleben. Vielleicht dieses Jahr, wer weiss,
gehe ich wieder hin, begegne ich wieder Freundlichkeit, und ist
da eine Sennerin, die mich kurz verweilen lässt, oder ein Senn;
und wenn's nur das freundliche Zunicken von Giovanni ist.
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