Macht Alpen die Natur kaputt?
     



Die Berglandwirtschaft lebt vom Image der Urnatur. An ihren Produkten haftet der Geruch ökologischer Produktion und hervorragender Qualität. Und erst wir ÄlplerInnen! Alle sind überzeugt im Einklang mit der Natur beinharte Pionierarbeit zu leisten ... An dieser Schokoladensicht kratzte letztes Jahr ein Artikel im "Facts". Beat Jans, Projektleiter Umweltpolitik der Pro Natura Schweiz formulierte harsche Kritik, die allerdings nur bruchstückhaft wiedergegeben wurde. In der zalp erhält der Landwirtschaftsfachmann ungekürzten Raum für seine Argumentation.

Die Fragen stellte Kaspar Schuler

 

Seit mehreren hundert Jahren wird Vieh auf den Alpen gesömmert. So ist eine einmalige Kulturlandschaft entstanden, die nur mit unserer Arbeit als Älplerlnnen erhalten wird. Die Pro Natura übt fundamentale Kritik daran. Wieso?

Zuerst muss ich da mit einem gewaltigen Irrtum aufräumen. Pro Natura übt keine fundamentale Kritik an der Alpwirtschaft, "facts" hin oder her. Der beste Beweis dafür ist, dass es unter den fast 500 Naturschutzgebieten von Pro Natura zwei grosse Kuhalpen gibt. Diese zwei Schutzgebiete in den Berner und Waadtländeralpen sind ausgezeichnete Beispiele dafür, dass traditionelle Alpwirtschaft eine naturnahe, nachhaltige und jedenfalls förderungswürdige Form der Lebensmittelproduktion darstellt. Deshalb sind wir aber noch lange nicht bereit, jeder Alp einen Persilschein auszustellen. Jedes Kind weiss heute, dass die Alpwirtschaft unter einem enormen Modernisierungsdruck steht. Wir stellen mit zunehmender Beunruhigung fest, dass unter diesem Druck Schäden in der Natur verursacht werden. Dagegen wehren wir uns. Für unsere eigenen Alpen heisst das: Wir lassen nicht zu, dass der Druck auf die Landschaft erhöht wird. Und wenn der Punkt kommt, an dem die Kosten für die Bewirtschaftung in keinem sinnvollen Verhältnis mehr stehen zum Nutzen, dann überlegen wir uns eine Nutzungsauflassung.

Alpwirtschaft heisst Nutztiere natürlich und artgerecht zu halten. Was kritisiert die Pro Natura hier?

Ob wirklich jeder Gaden so artgerecht ist, sei einmal dahingestellt. Unsere Hauptkritik richtet sich aber gegen den Bau von Alpstrassen und gegen die Tendenz zur Überstossung. Wir wissen von verschiedenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in den Alpenkantonen, dass nun fast für jede Kuh und sogar für viele Rinderalpen Strassenbauprojekte vorliegen. Die letzten unerschlossenen Alpentäler sollen mit Asphaltstrassen zugänglich gemacht werden. Die Folgen sind häufig fatal, und zwar nicht, weil die Sennen dann auf und ab fahren, sondern weil mit Strassen irreparable Landschaftszerstörungen einhergehen.
       Zuerst kommt die Strasse, dann kommen die Maschinen, Dünger (illegal) und Klärschlammsäcke (legal) . Die Landschaft wird drainiert und planiert, wichtige Lebensraumelemente wie Feuchtgebiete, Steinhaufen oder Feldgehölze werden weggeräumt. Eines Tages, das zeigen viele Beispiele, fällt dann auch das allgemeine Fahrverbot. Es werden Sonderbewilligungen erteilt. Immer mehr Touristen fahren hoch. Folglich werden Bergrestaurants gebaut und neben die immer grösser werdende Käserei wird noch ein Schweinemastbetrieb gestellt. Spätestens dann ist es endgültig vorbei mit der "Urnatur".
       Neben den Alpstrassen macht uns auch die Tendenz zur Übernutzung der Alpweiden Sorgen. Es gibt heute etwa gleichviel Kühe auf den Alpen wie vor vierzig Jahren. Die Tiere sind aber um die Hälfte schwerer geworden. Ihr Gewicht ist von rund 400 auf über 600 Kilo angewachsen. Entsprechend wächst die Gefahr von Trittschäden, lokaler Überdüngung und Überweidung. Die Alpen mit ihren etwa 500 Gefässpflanzen beherbergen etwa drei Siebtel der europäischen Flora. Sie sind die blumenreichste Region Europas. Wir müssen zu diesem gewaltigen Naturerbe Sorge tragen.

 

 
 

Alpwirtschaft heisst Herstellung erstklassiger, natürlicher Lebensmittel wie Alpkäse und Weidefleisch, wonach die Nachfrage gross ist. Soll diese Lebensmittelproduktion eingestellt werden?

Die Schweiz exportiert jedes Jahr rund 50 Millionen Kilo Hart- und Halbhartkäse. Das ist doppelt soviel als sie importiert und entspricht einer Käsemenge von mehr als 7 Kilogramm pro Einwohner. Die Steuerzahler bezahlen jährlich etwa eine halbe Milliarde Schweizer Franken an die Käseverwertung. Hinzu kommen 270 Millionen Kostenbeiträge an Viehhalter im Berggebiet und in der voralpinen Hügelzonen sowie 70 Millionen Franken Sömmerungsbeiträge (1996).
        Auch der Fleischpreis ist derzeit wieder im Keller. Vor diesem Hintergrund würde ich das mit der grossen Nachfrage etwas relativieren. Die Käseproduktion ist ein Überschussgeschäft und stösst eindeutig an volkswirtschaftliche Grenzen. Es gilt nun zu verhindern, dass dieses Problem auf Kosten der Artenvielfalt gelöst wird.
       Am Beispiel der Schmetterlinge lässt sich die Problematik der Artenvielfalt am besten veranschaulichen. Stellt man die Schmetterlingsarten zusammen, wie sie in den verschiedenen Höhenstufen vorkommen, so fällt auf, dass gegenwärtig in der montanen Stufe (700 bis 1500 Meter über Meer) der Artenreichtum am höchsten ist. Dies war nicht immer so. Erst durch den Artenrückgang im weitgehend unnatürlich veränderten Tiefland hat sich diese Situation eingestellt. Die Fehler, die im Tiefland unter dem Motto der Industrialisierung der Landwirtschaft gemacht wurden, dürfen in den Alpen nicht wiederholt werden. Überall dort, wo die Nahrungsmittelproduktion nur mit grossen Verlusten unserer natürlichen Ressourcen aufrecht erhalten werden kann und erst noch viel Kosten verursacht, ist Wildnis vorzuziehen. Wildnis ist keine Katastrophe. Das gilt übrigens nicht nur für die Alpen.

 

 
 

Die Alpwirtschaft gibt rund 30'000 Älplerinnen und Älplern Verdienst und Arbeit, die der Erhaltung der alpinen Kulturlandschaft dient und oft mit zusätzlicher Umweltschutzarbeit (z. T. in Zusammenarbeit mit der Stiftung für Umwelteinsatz) ergänzt wird. Ist unsere Arbeit falsch?

Es liegt mir fern, den Älplerinnen und Älplern den schwarzen Peter zuzuschieben. Ich selbst bin ja gelernter Bauer und weiss, dass die Arbeit auf dem Land sinnstiftend ist und oft im Dienste der Landschaftspflege steht. Nur eben: nicht jede Kuh, die auf einer Alp steht, ist deswegen schon heilig, und nicht jede Alp ist per se schon eine erhaltenswerte Kulturlandschaft.
        Wie naturnah die Älplerinnen und Älpler sind, zeigt sich spätestens in Konfliktsituationen, zum Beispiel mit Grossraubtieren. Weil die Arbeitsplätze in der Alpwirtschaft zurückgehen, werden Viehherden, insbesondere die Schafe, immer weniger bewacht. Kein Wunder, dass Grossraubtiere, die langsam wieder in die Schweiz zurückkehren vereinzelt verheerende Schäden anrichten. Daraus zu folgern, dass Wölfe, Luchse und Bären kein Lebensrecht in der Schweiz haben, halte ich für verkehrt. Es ist aber typisch für eine Haltung, die sich auch in Älplerkreisen hartnäckig hält: Im Konfliktfalle hat die Natur zu weichen. Eine wirklich nachhaltige Alpwirtschaft lebt von einer anderen Grundhaltung. Sie räumt den heimischen Tier- und Pflanzenarten Platz ein und zeichnet sich aus durch:

  • Gute Nutzungsplanung und strenge Behirtung: Die Weiden werden kartiert und nicht über ihre Tragfähigkeit hinaus genutzt.
  • Feuchtbiotope wie Hoch, Flachmoore und Quellfluren werden konsequent geschützt.
  • Auf alpfremde Fütterung wird möglichst, auf alpfremde Düngung (inkl. Klärschlamm) und Herbizide generell verzichtet.

Wenn diese Punkte berücksichtigt werden und eine massvolle Erschliessung eingehalten bleibt, dann sind gezielte Fördermassnahmen zu befürworten. Das Subventionssystem des Bundes taugt hierfür allerdings nicht viel.

Will die Pro Natura die Alpwirtschaftssubventionen streichen und möglichst viele Alpen einwachsen lassen?

Die Subventionierung soll nicht gestrichen, aber neu organisiert werden. Heute bezahlt der Bund Sömmerungsbeiträge pro Vieheinheit und fördert damit indirekt eine möglichst hohe Bestossung. Je mehr Kühe desto mehr Beiträge.
        Wir fordern, dass die Alpbetriebe pauschal abgegolten werden. Die Beitragshöhe soll nicht in Abhängigkeit der Viehzahl abgestuft werden, sondern soll ganz andere Kriterien berücksichtigen. Je weniger gut erschlossen, ein Alpbetrieb ist, je ökologischer er bewirtschaftet wird und je mehr Leute dort arbeiten, desto höher sollen die Sömmerungsbeiträge ausfallen. So könnten Arbeitsplätze erhalten und gleichzeitig ökologische Leistungen honoriert werden. Der Bund könnte sich statt dessen die Subventionen für die teuren Alpstrassen sparen.

 

 

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