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F.
M. , 41, Restauratorin
Am ersten Churer Treffen, da waren etwa 200 Leute, völlig
verrückt. Und dann hat es ja verschiedenste Initiative aus diesen
Treffen gegeben, die Alpfeuer sind daraus entstanden, in Deutschland
hat es jährliche Treffen gegeben, das Alpfest hat auch eine Gruppe
übernommen. Dort ist auch viel passiert, man hat einen rechten
Druck hinbekommen mit diesen ersten Treffen. Die Bauern sind ziemlich
ins flippen gekommen. Die Reaktionen im Bündner Bauern und von
Curdin Foppa zum Beispiel, man hat die schon erschrecken können.
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S. R. Die Idee zu den Feuern ist an einem
SalecinaTreffen entstanden, an dem Leute aus ganz Europa, die ich
für die Erhaltung des Alpenraumes engagieren, dabei waren. Dort
haben K. und ich diese Idee präsentiert, mit G. zusammen das
Plakat ausgearbeitet, haben das gestreut und ich habe auch das Büro
gehabt. Im ersten Jahr gab es ein enormes Echo. Radiostationen aus
Deutschland, Österreich haben Interviews machen wollen, das Interesse
war extrem gross.
C. B. Die waren
das überhaupt nicht gewohnt, dass solche Leute zusammenhocken
und die Frechheit haben Forderungen in der Presse zu bringen.
B.
Su. , Gastgeberin
Ihr habt ja viel in Gang gesetzt. Die Lohnrichtlinien, wie
man einen Vertrag machen sollte, die Käseplakette, Herkunftsbezeichnung,
Zeugs, was jetzt europaweit wichtig geworden ist.
R. K. Ich glaube,
das ist so ein Paradebeispiel, wie so etwas funktionieren kann.
Irgendein komisches Grüppli fängt etwas an, dann wird
das aufgegriffen und letztlich von anderen Leuten verbreitet. Zum
Beispiel die Demo in Chur (Anm. 2). Von den Einheimischen sind vielleicht
fünf Leute gekommen. Die Linke und grüne Geschichte da
in Chur, die haben überhaupt nichts zu tun haben wollen mit
dem, aber von überall sind einfach die Älpler gekommen.
Das gibt 's sonst eigentlich nicht. Leute, die sich nicht kennen
und nie irgendwas miteinander zu tun haben, die eine völlig
andere Kultur haben letztlich, irgendwelche Tiroler und irgendwelche
Studis aus Stuttgart kommen zusammen und merken, dass sie etwas
miteinander zu tun haben.
C. B. An die Demo
sind die Tiroler aber nicht gekommen. R. K. Es waren aber recht
viele mit so einem Bart.
C. B. Das waren
die aus Stuttgart. (Anm. 3)
S.
Rsch. , 36, Primarlehrerin
Das Älplertreffen und all das Zeugs, das war
für mich total wichtig. Den Zusammenhalt der Leute, zu merken,
da sind noch andere, die das auch machen, die auch gerne am Morgen
um Fünf aufstehen und all diese komischen Dinge tun. Dann fühl
ich mich denen verbunden, egal wie sie aussehen. Ich glaube es ist
daher nicht erstaunlich, dass so viele verschiedene Leute zusammenkommen.
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Tape Zwei
F. M. Jetzt vermisse ich das, was
damals so zusammen war. Meine Arbeit, das ging im Winter weiter,
in dem Kreis, mit Freundschaften, mit dem Weiterverfolgen und Auseinandersetzungen
um das Ganze, was wie keine politische Arbeit so direkt mit mir
zu tun hatte, wie nichts vorher und eigentlich auch wie nichts nachher,
das heisst ich merke, da ist wirklich ein Vakuum. Auch die Gruppe
und die Art von freundschaftlichem Umgang und sich so gezielt mit
etwas auseinanderzusetzen, das mir auch sehr nahe ist. Ich hätte
bei meinem Beruf auch eine Gewerkschaft organisieren können,
aber ich merke, das interessiert mich nicht in dem Masse.
R. Rsch. Jetzt, wo ich mit Kindern
schaffe, ist es ziemlich ähnlich wie mit den Kühen. Es
ist etwas komplexer, aber irgendwie ist es dasselbe: hartnäckig
sein, sich durchsetzen, konsequent sein. Ich vermisse das mit den
Kühen nicht.
B. M. Ich habe lange gedacht es habe
so etwas wahnsinnig unmittelbares, so direktes, wenn 's regnet wird
man nass, wenn 's pflotschet ist Pflotsch, wenn die Kuh scheisst,
dann stinkt 's, aber eigentlich ist es nichts anderes, wenn mein
Compi abstürzt. Dann bin ich auch sauer und würde ihm
am liebsten eins ... und das Büro ächzt und stöhnt,
und es sind auch Leute rum. Die Unmittelbarkeit, die gibt es auch.
C. B. Ich hätte nie geglaubt,
dass Bewegung so wichtig sein kann. Ich gehe manchmal drei bis viermal
in der Woche schwimmen. Wenn ich das kann, dann geht 's mir gleich
besser. Obwohl ich es hasse, ins Hallenbad zu gehen.
S. Rsch. Ich auch, ich gehe einfach
joggen.
B. M. Ich habe noch eine bessere Variante,
wie man das machen kann. Ich gehe ins Fitnesstudio. Es ist wirklich
wie mit den Munis auf der Stierenstation in Mülligen. Die hängen
sie mit dem Nasenring jeden Tag drei Stunden ans Karussell.
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G. H. , 40, Landschaftsarchitektin
Ich fahr mit dem Velo einfach überallhin. Für
mich ist die Stadt so ein bisschen mein Alpgebiet. Die Stadt kannst
du ähnlich entdecken, wie du die Alp entdecken kannst. Währendem
im Thurgau oder so, kannst du das nicht, da ist alles intensive
Landwirtschaft. Aber in der Stadt hast du ähnlich interessante
Orte und Ecken und Enden, die wirklich spannend sind.
R. B. , 45, Elektrikerin
Letztes Jahr hat mir die Alp echt gefehlt, und ich
hab mir überlegt, an was das liegt. Was ich wirklich wahnsinnig
gern gehabt auf der Alp, das ist auf einem relativ kleinen Gebiet
drei Monate die Veränderungen wahrzunehmen. Und jetzt habe
ich eine Dachterasse und gehe beinahe jeden Tag rauf um zu gucken,
was neu ist.
S. R. Was mich immer sehr fasziniert
hat, ist die Kuh an sich. Das ist für mich das absolute Lieblingstier,
da kann man mir jetzt kein anderes Tier hinstellen. Und zwar habe
ich geliebt, dass sie mich so direkt spiegelt in meiner Haltung,
wie ich dastehe. Wenn ich nur ein bisschen schräg drauf war,
dann hat sie einfach nicht gemacht, was ich wollte. Und ich hab
der Kuh angemerkt, wie es mir geht. Die Beziehung, die hat mich
ganz ganz stark geprägt. Und das Arbeiten mit diesem Tier,
das ist für mich wirklich einmalig. Und das hat mir in meiner
Arbeit mit Jugendlichen enorm geholfen. An Geduld, an Konsequenz,
mich selber wahrnehmen, was strahle ich denn aus, dass der jetzt
so blöd reagiert auf mich.
G. H. Ich denke es hat damit zu tun,
dass du auf der Alp in ganz viele Situationen kommst, in denen du
gezwungen bist zu handeln. Das gibt einem so eine andere Art Sachen
zu erledigen, und das ist einerseits wovon ich noch heute profitiere.
Ich denke, es sollte eigentlich viel mehr Leute auf die Alp gehen,
immer diese schrecklich lahmen Sitzungen und Diskussionen, wo alle
schwätzen und Probleme wälzen und keiner handelt.
S. Rsch. Auch mit der Teamarbeit,
das ist speziell auf der Alp, weil du nichts machen kannst, ohne
die anderen. Auf einer Kuhalp allein bewirkst du nichts, zusammen
mit den anderen geht 's.
R. K. Das ist etwas, das du erst im
Nachhinein merkst, was du gelernt hast auf der Alp. Damals hab ich
das nicht gesehen. Ich hab gesehen, das ist ein Job, den ich gut
machen will. Heute sehe ich das als Ausbildung, als betriebswirtschaftliche
Ausbildung. Und ich glaube, dass dies uns verbindet. Wir haben zusammen
eine Schule gemacht, auch wenn die Schulzimmer hundert Kilometer
auseinander gelegen sind. Und dieses Gespräch hier, das hat
einen Aspekt von Klassentreffen.
S. R. Die Alp ist etwas, das dich
aus dem täglichen Trott rausbringt. In meiner jetzigen Arbeit
schicken wir die Kids in "Time-out", nehmen sie einfach aus dem
gewohnten Umfeld raus und tun sie woanders hin. Und das ist das,
was ich immer so geschätzt habe, dass ich nie in einen Trott
reingekommen bin, zwölf Monate im Jahr immer dasselbe zu tun.
P. B. Es ist eigentlich das, was man
in den Managerkursen lernt. Die zahlen Tausende von Franken für
so einen Kurs und wir haben sie bekommen.
G. H. Das würde ich jetzt aber
nicht in die Zeitung schreiben. Tausende von Franken!
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R. K. Was von der Alp auch bleibt,
ist zu wissen, dass man alles lernen kann. Wenn 's sein muss, dann
lernt man 's. Das finde ich eine sehr wichtige Erfahrung, dass du
einfach in einen Stall gesetzt wirst, mit fünfzig Kühen
drin, und dann musst du Milch und Käse machen.
F. M. Profitiert habe ich von der
Alp, dass ich 's immer allein auch können muss, und auch kann.
Es ist eine Qualität sich zuzutrauen, Zeugs zu machen, was
völlig jenseits ist. Ich habe mit zwei Frauen zusammen ein
Forschungsprojekt geschrieben, wir haben das eingegeben. Mit jensten
Tricks und Nachhacken haben wir 's geschafft, dass wir vom Nationalfonds
Geld bekommen haben. Daran kann ich jetzt arbeiten, in einem Labor,
ich bin keine Laborantin, habe keine Ausbildung, aber das geht.
Und ich denke, das wäre nie möglich gewesen, wenn ich
die Erfahrung von der Alp nicht gehabt hätte.
L. G. , 39 Jahre,
Werklehrer in einem Blindenheim
Ich muss hier ein bisschen die pessimistische Seite
zeigen. Zuerst ging ich auf die Alp und hatte so das romantische
Alpbild und habe mich damit identifiziert. Dann ist das angehaftet,
ich bin als Älpler angesehen worden, mit allem, was da dazugehört,
bin exotisch gewesen und so, eine Illusion an der anderen. Ich habe
gemeint, die Alp gehöre mir, ich hab gemeint, ich könne
bestimmen über die Tiere, hab gemeint, ich wisse wie der Laden
läuft, hab gemeint ich könne im Team arbeiten -; stimmt
alles nicht. Trotzdem, ich habe auch etwas gelernt und so. Aber
nachdem ich nicht mehr gegangen bin, habe ich Mühe gehabt das
Bild vom Älpler abzulegen, ich bin ein paar Jahre immer noch
Älpler gewesen, auch jetzt noch ein bisschen, weil der Hund
noch dabei ist. Ich habe mich dann rückwirkend als Gartenzwerg
definiert, Gartenzwerg von den Landschaftsgärtnern, und heute
finde ich, die Alpen sollte man nicht mehr bestossen, die sollte
man sich selber überlassen, Wald werden lassen, vor allem die
Bündner Alpen. Mir tut 's weh, wenn ich die Bündner Alpen
sehe, ja, ich bin ein Tierschinder gewesen, das will ich nicht mehr.
Die romantischen oder die Momente, wo ich gefunden habe, ja so will
ich es eigentlich, die sind minim gewesen insgesamt. Also mit den
Gummistiefel im Pflotsch rumlaufen ... was soll das?
C. B. Etwas was ich gelernt habe beim
Alpen, was es mir überhaupt möglich gemacht nachher eine
Ausbildung zu machen: Die ersten acht Jahre nach der Schule, wollte
ich wirklich nichts lernen, und irgendwann auf der Alp habe ich
gemerkt, jetzt habe ich etwas gelernt, und es war gar nicht so schlimm.
Bevor ich auf die Alp gegangen bin, habe ich gefunden, es ist das
letzte auf die Alp zu gehen. Wegen dem Aussteigen, also nur in diese
Idylle zu gehen ...
R. B. Für mich ist es nicht nur
romantisch. Ich denke einfach, solange ich Milchprodukte essen will
und Fleisch, kann ich nur schauen, dass so wenig wie möglich
kaputt geht, dass es die Tiere so anständig wie möglich
haben. Und wenn ich sehe, wie die Tiere in den Ställen rumliegen
und sich nur wenig bewegen können, dann denke ich ist die Alp
eine gute Sache.
L. G. Ich bin auch sehr gerne draussen,
aber ich finde es absurd, draussen Isolatoren in die Pfosten zu
schrauben, nur weil man sagt, das Gebiet gehört diesen, und
jenes Gebiet gehört den anderen.
G. H. Glaubst du denn, die Jobs, die
man im Unterland machen kann, die wären sinnvoller?
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Tape Drei
S. Rsch. Ich bin froh, dass ich im
Frühling nicht mehr alles aufgeben muss, was ich im Winter
gemacht habe. Alles verlassen, dann auf die Alp gehen, im Herbst
wieder runterkommen, wieder alles frisch anfangen.
R. K. Es ist halt ein SaisonnierLeben,
das ist nichts Schönes, und man bleibt halt letztlich Fremdarbeiter.
Es hat auch etwas von einem Exil. Es ist vergleichbar mit diesen
Hunderttausend von Leuten, die das jahrelang immer haben machen
müssen, von Portugal oder ich weiss nicht woher, das ist eher
eine tragische Geschichte. Und den Aspekt hat das Alpen auf jeden
Fall auch.
L. G. Auch dass es verbunden ist mit
sehr viel Arbeit für wenig Lohn.
F. M. Ja und schon: je geringer der
Lohn, desto geringer die Wertschätzung. Je mehr ich verlangt
habe, entsprechend ist die Wertschätzung gestiegen. Gemacht
habe ich ja nicht mehr. Sowieso, dass ich mit ein paar Bauern nichts
mehr zu tun habe, macht mich nicht unglücklich. Andere fehlen
mir, aber es hat ein paar ...
C. B. Die wirklich schweren Sachen
schleppen, oder die Übermüdung, die finde ich, also vor
allem, wenn du aufhörst im Herbst, also so übermüdet
sein, dass du nichts mehr halten magst mit den Händen, das
finde ich grauenhaft.
F. M. Was ich auch nicht vermisse,
das sind die Jäger, die im Herbst gekommen sind. Wenn man nach
Hause gekommen ist, belagerten sie die Hütte, schauten einem
blöd an und fragten: "Ja sind är nanig gange? "
G. H. Ich hab das jeweils blöde
gefunden, wenn die Kühe keine Milch mehr gegeben haben, und
dann die Maschine anhängen und ... ach nee -;
C. B. Das stimmt. Das hat mich auch
-; nicht, dass sie keine Milch mehr gegeben haben, aber auf N. war
das so krass gewesen, weil die Kühe einfach drei Stunden wie
tot hinter der Hütte gestanden sind. Weil sie das Gefühl
hatten, es lohnt sich nicht mehr auf die Weide zu gehen. Das ist
mir wie in einer Sage vorgekommen, wie n einer Totensage. Einfach
dastehen und kein Ton, nicht mal bimbeln und so.
S. Rsch. Wo kann man das abstellen?
Play. Stop. Nein. Stop.
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