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rigitte
Wolf ist Biologin, wohnt im Wolfskanton Wallis, präsidiert
den WWF Graubünden und konstatiert pragmatisch: "Wenn
den Wölfen das Nahrungsangebot und der Lebensraum bei uns gefällt,
kriegen wir sie auch mit Flinten nicht mehr los. Es gilt, sich umzustellen."
Diese Tatsache fährt vielen
SchafhalterInnen in die Knochen. Es sind nicht wenige, grasen landesweit
doch 450'000 Schafe, die sehr unterschiedlich gehalten werden. Die
kleine Zahl der BerufsschäferInnen lässt ihre Herden mit
gegen 1000 Tieren im Winterhalbjahr im Mittelland weiden, vor allem
auf Waffen- und Schiessplätzen der Armee. Den Sommer verbringen
ihre Tiere auf Hochalpen, noch heute von Hirt mit Hütehund
begleitet. Daneben gibt es ungezählte Familien, die als Nebenerwerb
mit zehn bis zwanzig Mutterschafen meistens das Land ihrer Eltern
bewirtschaften. Diese Arbeit geschieht aus Naturverbundenheit, ist
oft züchterische Leidenschaft und Wahrung der Bauerntradition
in einem. Allein im Oberwallis gibt es 26 Schafgenossenschaften,
die das Weisse Alpenschaf züchten und 1200 Mitglieder bei insgesamt
48 Zuchtgenossenschaften, die die seltene Rasse der Schwarznasenschafe
pflegen. René Regotz, Posthalter in Staldenried, ist ihr
Präsident. Aufgrund der Deregulierung der Landwirtschaft sieht
er diese Kleinstruktur gefährdet: "Die Schmerzgrenze liegt
bei 24 Mutterschafen und 4 Hektaren Land. Wer weniger besitzt, wie
viele hier, erhält keine Direktzahlungen. Der Lammfleischpreis
lag letztes Jahr bei knapp 6 Franken pro Kilogramm und wird wohl
auf das viel tiefere EU-Niveau fallen. Schweizer Wolle findet kaum
noch Absatz und wird zum Teil vernichtet. Kommen jetzt zusätzliche
Kosten auf uns zu oder ein Wolf, der einen Schafbock tötet,
den Zuchterfolg und Stolz einer Familie, so ist es aus. Die Jungen
werden aufhören."
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egotz'
Bedenken teilt die Wildbiologin und Nebenerwerbsbäuerin Chiara
Solari Storni aus Sala Capriasca im Tessin. Sie mag ihre Schafe
wie den Wolf und erkennt in seiner Rückkehr auch eine Chance:
"Der Wolf ist nur eine der heutigen Bedrohungen der Berglandwirtschaft
und kann dazu dienen, auf die gesamten Probleme aufmerksam zu machen.
Das ist nicht nur für die Bergbauern wichtig. Es geht um die
Erhaltung der einmaligen Kulturlandschaft im Alpenraum mit ihren
vielfältigen Lebensräumen für Tiere und Pflanzen.
Davon profitiert auch der Tourismus. "Zusammen mit anderen
TessinerInnen bemüht sie sich um Lösungen für die
KleinviehzüchterInnen. Ihnen wollen sie praktikable Schutzmassnahmen
vermitteln, die auf der Anpassungsfähigkeit des Wolfes beruhen.
"Er kann keine Verletzungen riskieren und sich auf der Jagd
nur wenig Fehlschläge leisten. Deshalb steigt mit jeder gelungenen
Abwehr die Wahrscheinlichkeit, dass er seltener zu genau diesen
Schafen zurückkehrt und sich vermehrt um Rehe oder anderes
Wild kümmert."
Auf einer "Pilotalp"
wollen sie Wolfsabwehr im Multipack erproben. Einige hundert Schafe
sollen unter der Obhut einer HirtIn sein, die die Herde nicht nur
mit Treibhunden zusammenhält, sondern zusätzlich Schutzhunde
der Rasse Maremmano Abruzzese verwendet. In Italien oder Transsilvanien
ist das Alltag. René Regotz erinnert sich, wie die Behirtung
- ohne Schutzhunde - früher zumindest bei den Ziegen auch im
Wallis üblich war. Kann sie wieder eingeführt werden?
Regotz: "Das wäre eine grosse Umstellung, die ich mir
nicht vorstellen kann. Hier im Oberwallis weiden die Schafe im Frühling
und Herbst eingezäunt aber nicht permanent beaufsichtigt auf
den fernen Maiensäss oder ausserhalb des Dorfes. Dazwischen
sömmern wir sie in verstreuten, kleinen Herden auf den Alpen.
Auf den einen werden sie nur ab und zu mit Salz versorgt und kontrolliert,
andernorts von einem festangestellten Hirten täglich überwacht.
Sie jedoch in einer geschlossenen Herde mit Hunden zusammenzuhalten
ist beidenorts kaum möglich. Das sind sich diese Tiere - und
auch wir Halter - nicht gewöhnt."
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Hauptproblem: Tourist mit Hund
Leo Tuor aus Surrein im Bündner Oberland
ist einer, der diese Arbeit noch heute macht, seit nunmehr vierzehn
Jahren. Im Sommer hütet er 700 bis 1200 Schafe auf der Hochebene
Greina, im Winter arbeitet er als Autor. Im Roman "Giacumbert
Nau "hat er vom Leben als Schafhirt ungeschminkt berichtet
und im "Handbuch Alp" bringt er die praktische Hütearbeit
auf den Punkt. Dem Wolf sieht er ruhig entgegen. "Die Herde
mit Treibhunden zu hüten ist mir geläufig. Es gälte
nun Erfahrungen mit den Schutzhunden zu sammeln. Der Wolf wird für
den Hirten kaum das grosse Problem werden. Das liegt bei den Touristen.
Ein einziger, der mitten durch die Herde geht, macht die Hütearbeit
eines halben Tages zunichte. Sofort stehen alle Tiere auf und ziehen
weiter. Schafe sind sehr sensibel und reagieren immer als Masse.
Dass meine Herde oft an oder auf einem Wanderweg lagert, ist nicht
Schikane den Wanderern gegenüber. Es sind jahrhundertalte,
durch die Topographie bedingte Ruheplätze, die ich nutzen muss."
Unbedarfte TouristInnen bereiten
Mühsal, gefährlich sind ihre Hunde. Tuor besitzt eine
Fotokollektion gerissener Schafe, von wildernden Hunden gehetzt
und zerfetzt. "Wenn überhaupt, dann leinen die Wanderer
ihren Hund erst an, wenn sie meine Herde sehen. Doch schon vorher
stöbert dieser vereinzelte, oft versteckte Mutterschafe auf,
die mit den frisch geborenen Lämmern zurückgeblieben sind.
Das Schaf verteidigt ihr Junges, was den Hund erst recht aggressiv
macht und schon beginnt das Drama. Spreche ich die Leute darauf
an, erklären Sie erstaunt: Das hat er noch nie gemacht! "
Tuor wünscht sich seit Jahren Hinweistafeln an den Bergwegen
und ein Informationsblatt, das in den SAC-Hütten aufliegt.
Bis heute stiess er auf taube Ohren. Mit der Rückkehr des Wolfes
könnte sich das ändern. Auch Chiara Solari erkennt Informationsbedarf:
"Wenn künftig Schutzhunde die Herde begleiten, verteidigen
sie diese auch gegen fremde Hunde. Davor muss man die Besitzer warnen."
Leo Tuor verliert auf
tausend Schafe jährlich drei bis fünf durch wildernde
Hunde. Zehnmal grösser sind die Verluste durch Absturz, Krankheiten,
Wetterunbill und den Tod geschwächter Lämmer. Tuor: "Drei
bis fünf Prozent Verlust, das ist auch ohne Wolf normal. Zu
reduzieren ist diese Anzahl nur, wenn einzig kerngesunde Tiere auf
die Alp gegeben würden."
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Renaissance der HirtInnen
Die HirtIn als Hirn der Herde, verantwortlich
für die Arbeit mit den Schafen, Schutz- und Hütehunden.
Dieses Prinzip wird dem Wolf voraussichtlich am besten gerecht und
löst auf einen Schlag weitere Probleme, welche Bundesbeamte
und Fachleute rund um Raubtiere und Kleinvieh wälzen, mehr
oder weniger praxisnah. Um sich die HirtIn zu sparen, wurde sogar
an den Einsatz der aggressiven Schutzhunde in unbehirteten Herden
gedacht. Die Hunde würden der Begegnung mit TouristInnen auf
gut Glück überlassen und allabendlich von einem Futterautomaten
"liebevoll "versorgt. Ein gravierendes Problem ist die
Erosion, die einsetzt, wenn eine Alp überstossen wird, zuviele
Schafe unbehirtet die besten Futterplätze überweiden und
so die Grasnarbe zerstören. Die HirtIn hingegen sorgt für
einen vegetationsgerechten Weideumgang, eine heute zentrale Forderung
des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft gegenüber
den SchafbesitzerInnen. Sträubt sich jemand gegen mehr SchafhirtInnen?
Jene Kleinviehbauern
sind skeptisch, deren Wochenendabenteuer die ungestörte Kontrolltour
auf der Schafalp ist oder HirtInnen nur als Klischee kennen: dreckig,
dumm und faul. Andere bezeichnen den Lohn als unbezahlbar. Leo Tuor
verdient mit tausend Schafen 150 Franken pro Tag. Er schlägt
vor, dass nur noch jene SchafhalterInnen Alpungssubventionen erhalten
sollen, die ihre Tiere auch behirten. Auf 1000 Tiere kommen heute
immerhin 10'000 Franken Sömmerungsbeiträge zusammen. Tuor:
"Diese Subventionen könnten Arbeitsplätze schaffen."
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Kein Allerweltsheilmittel
Die HirtIn löst nicht alle Wolfsprobleme.
Wo eine zu grosse Herde weit verzettelt grast, wird der Wolf trotz
Schutz- und Hütehunden versuchen, sich an den Rändern
zu bedienen. Nachts müssen die Schafe eingepfercht werden,
was zu mehr Klauenkrankheiten führen könnte. Auch ist
ungewiss, ob Pferch und Schutzhunde genügen, wenn die HirtIn
weit entfernt in ihrer Hütte schläft. Auf weitverzweigten
Alpen gilt es allenfalls neue Hütten zu errichten. Auf den
Maiensäss werden massive technische Abwehrmassnahmen nötig
um dem Wolf den Hunger auf Kleinvieh auszutreiben, da er niedrige
Zäune überspringt und hohe untergräbt. Es müssten
hohe, stark geladene Elektrozäune sein, die im Extremfall mit
Warnlampen und Schreckschüssen kombiniert werden. Weiter werden
Halsbänder für Kleinvieh in Erwägung gezogen, die
mit einem Brechmittel behandelt sind, das dem Wolf nach einem Riss
die Lust auf Schafe verderben soll. Wer erinnert sich noch an Stanley
Kubricks Psychofilm "Clockwork orange"? Wenn alle Tricks
versagen und ein Wolf dennoch im Übermass Kleinvieh tötet
- wohlgemerkt aus menschlicher Sicht ! - dann wird er auch in Zukunft
umgebracht, immerhin legal. Das akzeptiert auch die Artenschützerin
Brigitte Wolf: "So unromantisch es tönt, genau wie beim
Jagdwild braucht es eine Regulierung der Grossraubtiere. Wo in der
Schweiz können wieviele mit welchen Begleitmassnahmen geduldet
werden? Die Beantwortung dieser Frage muss nicht nur akademisch
sondern parallel zur Ausbreitung mit den Betroffenen handfest angegangen
werden." Ab wieviel gerissenen Hirschen oder Schafen wird ein
Wolf zum Abschuss ausgeschrieben? Die Beantwortung dieser Frage
wird der Knackpunkt sein im Disput zwischen Artenschutzanliegen,
Jagd und Kleinviehhaltung.
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Literatur
Giacumbert Nau, Leo Tuor, Octopus, Chur 1994 (romanisch 1988)
Handbuch Alp, Giorgio Hösli, Kaspar Schuler u. a., Octopus, Chur
1998
Dieser Artikel wurde der WochenZeitung ( WoZ) Nr. 19/ 99 entnommen
und ergänzt. |
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