FalzŸber
     
 


Im Winter ist der Betrieb der Martis im glarnerischen Elm auf den «Gade» und auf den Rinderstall im Dorf beschränkt – im Sommer hat er die Ausdehnung einer texanischen Ranch. Hans Marti sömmert auf Tschinglen und auf den Weiden unterm Segnespass rund tausend Schafe, auf der Alp Ramin unterm Foopass hundert Rinder. Und auf der Alp Falzüber, dazwischen, verarbeitet sein Bruder Jacques die Milch von fünfundzwanzig Kühen zu zweieinhalb Tonnen Alpkäse.

Text und Bilder Marc Valance
 

 
FalzŸber Stall
 
 

 

Jacques zieht während des Alpsommers zwischen den drei Alpstafeln viermal um, vom Stäfeli zur Matt, von der Matt zum Horn und wieder zurück. Hans ist überall, bald bei den Rindern, bald bei den Schafen, auf Falzüber, im Tal beim Heuen, wo er zusammen mit seiner Frau Margrit auf 24 Hektaren das Raufutter für den Winter einbringt. Das Heuen sei auf dem Betrieb «der härteste Brocken».
Am Pfingstmontag steigt Jacques Marti jeweils zum ersten Mal zum Stäfeli hinauf, nachschauen, wie viel Schnee noch liegt. Zuerst geht dann Hans mit den Schafen z’Alp und macht am Segnespass die Zäunung, während Jacques für das Vieh den Weg nach Falzüber richtet. Gegen Mitte Juni, etwas später als bei den Nachbaralpen, ist dann Alpauffahrt. Schaut man von der anderen Talseite zu den Abstürzen der Sardonakette hinüber, so denkt man nicht daran, dass dort eine Alp liegen könnte. Steigt man höher, so taucht am Fuss des Horns, über einer Felswand, der Giebel des Stäfeli auf. Über die Wand stürzt ein Wasserfall herunter. Der Alpweg, ein schmaler Fusspfad, führt in die Schlucht des Raminerbachs hinein und dann siebenhundert Höhenmeter steil durch den Wald zum Stäfeli hinauf.
Alle sind am Tag der Alpauffahrt auf den Beinen, Jacques, Hans, Margrit, der Alpgehilfe. Die «Chnabe» Hansueli, Tobias und Lukas, Hans und Margrits Söhne, haben frei bekommen in der Schule. Voraus gehen ruhig die Kühe, hinterher zwanzig quirlige Kälber. Nach drei Stunden schnaufen die ersten Tiere auf die grüne Alpterrasse hinaus. Linker Hand, jenseits des Bachs, liegt das Stäfeli, das die Martis in den neunziger Jahren modernisiert haben. Rechts führt der Weg zur Matt, dem mittleren Stafel der Alp, hinauf. Vor hundert Jahren sprengten die Älpler diesen Weg durch die felsige Flanke. Dass man ihn mit Vieh begehen kann, mag der harmlose Wanderer kaum glauben. Doch Jacques und Hans tun es jedes Jahr zweimal, im Juli, wenn sie mit dem ganzen Alpbetrieb vom Stäfeli auf die Matt zügeln, und im August, wenns von den Hochweiden wieder hinunter zum Stäfeli geht. Ihre Kühe sind den ausgesetzten Weg gewöhnt.

Falzüber ist eine Privatalp und gehört zur Hälfte den Martis. Weil sie dreistaflig ist, sind drei Hütten und Ställe zu unterhalten und zu renovieren, und bis auf die Melkmaschine, die von Stafel zu Stafel gezügelt wird, muss die Einrichtung fürs Käsen dreifach vorhanden sein. Der ganze Steilhang bis zum Raminerbach hinunter gehört zur Alp. Der Wald allerdings ist Gemeindebesitz. Weil das Tobel Rutsch gebiet ist, wird hier nicht geholzt. Deshalb gibt es keine Erschliessungsstrasse, und es wird auch nie eine geben, denn Bau und Unterhalt wären viel zu teuer. Als die Martis das Stäfeli umbauten, richteten sie eine Materialseilbahn ein. Die Gemeinde stellte den Boden für die Talstation zur Verfügung, das Militär flog das schwere Material mit einem Helikopter hoch. Mehr konnte die Öffentlichkeit für die Alp und ihre Besitzer nicht tun. Zwischen Stäfeli und Matt und hinüber zum Horn säumen Jacques und Hans Material und Käse mit dem Pferd. Manchmal klinken sie sich aber auch in einen Alpversorgungsflug der Heli Linth ein.
 

 
 
Melkmaschine laden
 
 
 

Jacques’ und Hans’ Vater, Hans Marti senior, alpnete während achtundfünfzig Sommern auf Falzüber. Als Jacques die Schulpflicht hinter sich hatte, lernte er beim Vater Käsen. Fünfundzwanzig Sommer ist Jacques jetzt auf der Alp. Drei Monate harte Arbeit und Abgeschiedenheit, Sommer für Sommer. Die Alp ist, was die Grösse betrifft, im «dummen Rank». Bei fünfundzwanzig Kühen ist sie für eine Arbeitskraft zu gross und für zwei zu klein. Arbeit für zwei gäbe es genug, wenn nur einer oben ist, sieht man's der Alp nach einer Weile an, sie verwildert, aber der Lohn für den zweiten Mann ist eine Belastung. Der Alpgehilfe arbeitet deshalb auch im Talbetrieb mit. In den Sommerferien leisten die «Chnabe» Gesellschaft und helfen tatkräftig mit. Während ein paar Wochen macht Jacques die Arbeit jedoch allein.
Der Betrieb gehört Hans und Jacques zu gleichen Teilen. Als sie ihn vom Vater übernahmen, fingen sie an, Land dazu zu kaufen und zu pachten. Ohne die Alp wäre die jetzige Betriebsgrösse gar nicht möglich. Sie bringt ein Viertel des Betriebseinkommens ein, ein zweites Viertel erzielt Hans mit der Schaf- und Rindersömmerung. Dazu kommen die Flächenbeiträge des Bundes. Den Alpkäse verkaufen die Martis direkt ab Hof. Auch der Verkauf von einigen Stück Zuchtvieh bringt Bares ein, allerdings sind die Viehpreise so tief gefallen, dass sich die Rinderaufzucht kaum noch lohnt.

Die Betriebseinnahmen von Alp- und Talbetrieb decken jetzt gerade die Betriebskosten, ohne Direktzahlungen und Sömmerungsbeiträge bliebe der Familie «nichts zum Leben.» Für Hans, Margrit und Jacques zusammen springen rund zweiundsiebzigtausend Franken Lohn heraus, im Jahr.
Tobias will nach der Schulzeit bei Jacques das Käsen lernen und später die Alp übernehmen, Hansueli ein landwirtschaftliches Lehrjahr machen und den Betrieb leiten, wie Hans. Eine rechte Ausbildung sei wichtig für einen Bauern, meinen Hans und Margrit. Damit sich der Amateurismus nicht einschleicht in die Landwirtschaft. Allerdings hat der Beruf Bauer auch seine Haken. «Im Winter bleibt den Bauern nichts, als für sechzehn Franken an den Skilift oder als Handlanger arbeiten zu gehen, weil ihre Ausbildung nichts zählt.» Da liegt es nahe, das Bauern zu Hause und in einer Lehre einen Zweitberuf zu lernen. «Viele Bauern wollen das so für ihre Kinder, weil die Jungen es einmal besser haben sollen», sagt Hans Marti. «Aber viele Junge kommen dann nicht mehr in die Landwirtschaft zurück. Mit einer normalen Arbeitszeit und einem rechten Einkommen haben sie es eben ringer.»

 
 
Marc Valance ist Autor und Publizist.
 
   

KŸhe im Steilhang
 


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