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Text und Holzschnitte Benno Unternährer |
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| Das hölzerne Knarren der Zimmertür riss mich aus dem Schlaf. Ein Lichtstrahl fiel durch die Türöffnung in die dunkle Kammer und ich konnte die Konturen von Hugo erkennen, der im Türrahmen stand. Noch etwas wortkarg und mit belegter Stimme sagte er: «Morgä» und weg war er. Hugo hatte Weckdienst und je nach Standort der Kühe war es jetzt zwischen 4.00 und 5.30 Uhr. Noch etwas schlaftrunken schob ich meine Decke zur Seite und die Bettwärme breitete sich im kühlen Zimmer aus. Ganz ohne Überwindung schaffte ich es nicht, schlief man doch ausgezeichnet in den kleinen, hölzernen Betten. Mein erster Blick galt jeweils der Mausefalle unterm Bett, denn das nächtliche Treiben der Mäuse konnte einem fast zum Wahnsinn treiben. Der zweite war für das Wetter. Ich öffnete das Fenster um die Lage abzuchecken. Danach richtete sich meine Ahlegi (Kleidung). |
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| Die
Morgentoilette war äusserst kurz gehalten. Im Wesentlichen bestand
sie aus dem Gesichtwaschen. Da wurde der richtigen Wahl des Schuhwerks mehr
Bedeutung zugemessen. Auf dem kurzen Weg vom Wohngebäude zur Sennerei
schweifte der Blick in den sternenverhangenden Himmel und man sah dem noch
jungen Tag ins Auge. Als erstes musste dem Dampfkessel eingeheizt werden. Danach wurden Melkaggregate, Sieb und Kannen zusammengestellt und im Landrover untergebracht. Eng zusammengepfercht sassen wir zu Viert in der Fahrkabine des Jeeps. Jeder war darauf bedacht nicht neben der Tür zu sitzen, denn der Beifahrer musste während der Fahrt mehrere Gatter öffnen, die als Abgrenzungen der Weideflächen den Weg versperrten. Die zehnminütige Jeepfahrt führte über die holprige Steinstrasse an der Rossflue vorbei, hinauf zur Seilbahn. Die Dunkelheit hatte alles noch fest im Griff. Ab und zu erspähte man im Scheinwerferlicht eine Gämse auf ihrem Wechsel. Bei der Seilbahn angelangt wurde das gesamte Material umgeladen und zu den obersten Weiden auf 2000 m.ü.M. hochgefahren. Uns stand ein halbstündiger Aufstieg bevor. Im zügigen Schritt, den Haselstock in der Hand, durchstieg man die abschüssigen Pörter. Schweissperlen tropften unaufhörlich von Nase und Kinn. Im Licht der Dämmerung zeichneten sich die Silhouetten der über den steilen Weiden liegenden Bergspitzen ab. Darunter wurden jetzt der Seilbahnunterstand und der Melkstand sichtbar. |
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| Nicht weit davon entfernt lagen die Kuhweiden. Das Aufspüren der Kühe im hohen Gras erforderte Achtsamkeit. Die tagsüber weit verstreuten Tiere formierten sich nachts zu einer Herde. Es gab aber auch immer Kühe, die ausserhalb der Herde lagerten. So musste man aufpassen, dass beim zusammentreiben keine Kuh vergessen ging. Martin Frommelt: «Keine Pfade, keine sichtbaren Wege, die Bewegung der Herde wird zum Pfad. Der Mensch misst mit seinem Schritt das Land.» Bei strömendem Regen oder Nebel gestaltete sich diese Aufgabe um so schwieriger. Einzelnes Glockengeläut war aus der Ferne vernehmbar. Es stammte von Kühen, die sich von der Herde entfernt hatten. Erneut machte man sich auf die Suche. Bei solchem Wetter zieht man den schwarzen, filzigen Hut weit ins Gesicht hinunter. Auf einmal traten die gespenstisch anmutenden Umrisse der Kühe aus dem Nebelvorhang hervor. Solche Kühe strapazierten die Nerven beim Treiben und meine Geduld war nicht unausschöpflich, was in seltenen Fällen zu ungehaltenen Wutausbrüchen führte. Dann mahnte mich das Gebot der unparteiischen Viehhaltung zur Besinnung. Wenn sich dann im Halbdunkel die Herde in Richtung Melkstand bewegte und die Rufe der Treiber in den umliegenden Felswänden widerhallten, kehrte wieder Frieden ein. Eduard Renner: «Der Hirt, der Knabe als Beschützer und Treiber seiner Herde er kennt jedes Tier aus seiner Herde, jedes folgt seinem Lockruf.» |
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| Im
Melkstand wurden bis zu zehn Tiere festgebunden und vier davon gemolken,
während die restlichen Kühe vor dem Melkstand warteten. In andauernden
Machtkämpfen legten die Tiere die Rangordnung in der Herde fest. Die etwas
schwächeren oder verletzten Kühe standen ganz am Ende der Herde und
sahen unbeteiligt zu. Mein Tagebucheintrag vom Samstag 29. Juli 2000: «Am Morgen war es stark bedeckt und ich musste die Kühe holen. Das heisst von der Weide zum Melkstand treiben. Dabei stellen sich die Kühe manchmal «obermühsam» an. Oft gibt es beim Runtertreiben Rangeleien und es kommt zu kleinen Kämpfen, wobei die Rangordnung in der Herde festgelegt wird. Auch im Stand geht es oft recht grob zu und her. Dabei tragen die Fleckigen gegen das Braunvieh (oder eher umgekehrt) ihre Machtkämpfe aus. Es gibt aber auch Machtkämpfe zwischen dem Vieh und uns. So bin ich heute beispielsweise unter eine Kuh geraten, die falsch einstand. Ich wollte sie an ihren richtigen Platz führen und rutschte aus. Die Kuh trampelte auf meinen Beinen herum, was mir ein paar blaue Flecken bescherte.» |
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| Der Motorenlärm des Notstromaggregat war weithin hörbar, doch war man auf seine Dienste angewiesen. Durch den erzeugten Strom wurde die Melkmaschine betrieben. Die beiden Geräte waren im Bretterverschlag der Seilbahn untergebracht. Jeder Melker hatte zwei Melkaggregate und molk damit immer die gleichen Kühe. So wird eine gewisse Kontrolle über die Milchleistung und der körperlichen Verfassung der Kühe gewahrt. Der Melkvorgang dauerte etwa eine Stunde. Entdeckte man eine verletzte Kuh, wurde sie behelfsmässig verarztet. Ansonsten benachrichtete man den Tierarzt. Einmal erlebte ich, wie ein Helikopter eine abgestürzte Kuh im Tragnetz über unsere Köpfe hinweg flog. Die Kuh stammte aus unserer Nachbaralp, wo die Weiden durch felsige Abgründe führen. So kommt es vor, dass unvorsichtige Tiere abstürzen. Das zum Teil steile und steinige Gelände verursacht im wesentlichen nur Klauen- und Gelenkverletzungen. Eingetretene Steinchen oder abgesprengte Klauenwände sind keine Seltenheit. Mit einem Klauenmesser versucht man solche Übel zu beheben. Gegen verstauchte Fussgelenke verwenden die Älpler Salben, und Schürfungen pflegen sie mit Desinfizierungsmittel. Zwischenzeitlich schickte die Sonne ihre ersten Strahlen über die Bergspitzen und machte den jungen Tag zum Erlebnis. Gämsen liessen ihre Kitze in den obersten Hängen unserer Weiden herumtollen und manchmal hörte man die warnenden Pfiffe der Murmeltiere, wenn sich der Steinadler am Himmel zeigte. Nach dem Melken liess man die gefüllten Milchkannen mit dem Bähnli zu Tal fahren und transportierte sie mit dem Jeep zur Alphütte. |
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Benno Unternährer hat einen Sommer auf der Alp Jänzimatt bei Giswil zum Inhalt seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern gemacht. In über zwanzig Holztafeln von 93 x 72 cm fräste und schnitzte er Momente des Alplebens. Wir zeigen hier die Fotografien der Tafeln, als Abzug wären die Bilder spiegelbildlich. Zur visuellen Arbeit ist ein Text entstanden, der nüchtern den Tagesablauf auf der Jänzimatt beschreibt. Ein Ausschnitt daraus ist hier zu lesen. Benno Unternährer, Illustrator Unterkirchen, 6162 Entlebuch |
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