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Historischer Rückblick
Sirtenkulturen sind die ersten Milchsäure(Ms)bakterienkulturen,
die bewusst gezüchtet und eingesetzt wurden, um beim Käsen eine
Dominanz der erwünschten Msbakterien zu erreichen. Vorher käste
man unwissentlich mit Kulturen; es waren die sogenannten Gebsenkulturen (Begriff
aus dem heutigen Wissensstand), die einen positiven Einfluss auf den Käsungsprozess
hatten. Die Gebsen wurden früher nur mit heisser Schotte gereinigt, darin
siedelten sich auf der Holzoberfläche Milliarden von Msbakterien an,
die ihrerseits wiederum die Milch impften. Bei guter Milchqualität und
seriöser Reinigung konnte damit ein guter Käse fabriziert werden.
Allgemein war der Anteil geblähter und schlechter Käse höher
als heute, man und frau jedoch auch weniger heikel.
Eine andere Kultur war das Sirtenmagenlab. Getrocknete Kälber- oder Gitzimägen
wurden wurstähnlich aufgerollt, rädchenweise abgeschnitten und in
Sirte eingelegt, um damit am nächsten Tag die Milch im Kessi eindicken
zu lassen. Die Wirkung des Labs war offensichtlich, was hingegen die Sirte,
in der der Labmagen eingelegt worden war, in der Milch auslöste, war
wahrscheinlich nicht bekannt. So wurden schon vor Hunderten von Jahren Sirtenkulturen
eingesetzt, ohne dass sich darüber die Sennen und Sennerinnen bewusst
waren.
Die Sirtenkultur, wie wir sie heute kennen, wurde erst seit ca. 1920 bewusst
gezüchtet und eingesetzt. Vor allem in Talkäsereien, die Probleme
mit der Käsequalität hatten, hielt sie mit Erfolg Einzug. Bei vielen
Käsern und Sennen stiessen die Käsereiinspektoren aber auf Widerstand,
da ihnen die SK nicht geheuer war. Möglicherweise hielten sie sie für
«neumödigs Züügs» und konnten sich nicht recht
vorstellen, dass da in der Schotte kleine Tierlini am schaffen sein sollten.
In den folgenden Jahrzehnten überzeugten sie sich aber immer mehr von
der positiven Wirkung der SK und kästen bis in die 70er Jahre mit nichts
anderem. Dann kam die Wende. Die SK wurde zuerst beim Weichkäse und bei
verschiedenen Halbhartkäsesorten durch laborgezüchtete Mischkulturen
der Forschungsanstalt für Milchwirtschaft FAM in Liebefeld ersetzt. Heutzutage
wird SK hauptsächlich noch für Hartkäse wie Sbrinz, «Spalen»,
Hobelkäse, Greyerzer und für verschiedene Alpkäsetypen in den
Regionen Fribourg, LEtivaz, Berner Oberland, Obwalden, Schwyz und Uri
verwendet.
Die Kunst der SK-Züchtung
Um eine Sirtenkultur zu züchten, wird vor dem Käseausziehen in einem
Kesseli Sirte beiseite gestellt, die möglichst bald nach dem Käseauszug
thermisch gereinigt wird. D.h. sie wird in einem Wasserbad auf eine Temperatur
zwischen 58 und 63 Grad (je nach Käsetyp und Theorie) erhitzt, um unerwünschte
Bakterien (vor allem Hefe und Coli) abzutöten. Danach wird die Sirte
sofort in einem Wasserbad abgekühlt und bei einer Temperatur zwischen
38 und 45 Grad (je nach Käsetyp und Theorie) im Brutschrank, Isolierkiste
oder im Thermoskrug bebrütet.
Bei der Kulturenherstellung ist grosse Sauberkeit und Genauigkeit gefragt:
H Grad höher oder tiefer bei der therm. Reinigung, sowie Bebrütungstemperatur
und Dauer der Bebrütung haben klar erkennbaren Einfluss auf die Aktivität
der SK. Es gibt verschiedene Varianten und Kombinierungsmöglichkeiten
zur Herstellung der Sirtenkulturen, sie sind aber kein Experimentierfeld für
AnfängerInnen und bergen mit dem täglichen Weiterzüchten der
Kulturen auch Risiken, die man/frau mit kessiunabhängigen Kulturen nicht
eingeht. Im Halbhartkäsebereich wird sie nur erfahrenen Sennen und Sennerinnen
empfohlen; für Brenntemperaturen unter 45 °C und Käse unter
5 bis 6 kg gilt sie als ungeeignet, da in der SK vor allem thermophile (wärmeliebende)
Msbakterien leben.
Fachleute empfehlen, die SK sporadisch mit Laborkulturen zu impfen, was mehr
Sicherheit und die Verhinderung von Fremdkeiminfektionen garantieren soll.
Es gibt aber auch Betriebe, die bewusst laborunabhängig produzieren und
mit einer SK aus einem anderen Käsereibetrieb im Frühsommer starten.
Spannend daran ist die Entwicklung einer eigenen alpspezifischen Bakterienvielfalt.
Wo wird das Wissen über die SK gelehrt?
An der Bergbauernschule Hondrich bei Spiez wird das Käsen mit SK, für
Hart- und Hobelkäse mit Brenntemperaturen von über 50 Grad gelehrt.
An der Landwirtschaftlichen Schule Seedorf in Uri arbeitet man sowohl mit
SK wie auch mit MK, und mit Ausziehtemperaturen von 46-48 Grad. Im vergriffenen
«Handbuch Alp» ist ein Beitrag zur Sirtenkultur zu finden, der
einen guten Einstieg ins Thema bietet.
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