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Ein beachtlicher Teil von uns ÄlplerInnen
verfügt nicht über einen landwirtschaftlichen Hintergrund, viele
sind städtisch sozialisiert. Diese Menschen verkehren also in zwei oder
mehreren Lebenswelten; sie wechseln über kulturelle und soziale Grenzen
hinweg, über die Grenzen zwischen städtischen und alpinen Lebenswelten.
In meiner Diplomarbeit in Geographie begleitete ich elf städtische ÄlplerInnen
von der Stadt auf die Alp und wieder in die Stadt. Ich führte mit ihnen
Interviews durch und wertete die gewonnenen Informationen qualitativ aus.
Warum aus der Stadt zAlp?
Irgendeinmal erwuchs bei diesen StädterInnen der Wunsch, im Sommer
auf eine Alp arbeiten zu gehen. Es sind verschiedene Faktoren, unter anderem
die Bilder bezüglich Alp und Stadt, die den Entscheidungsfindungsprozess
für das z'Alpgehen beeinflussen und das zAlpgehen als attraktive
Handlungsalternative heranwachsen lassen. Der Vorstellungsraum Alp ist angefüllt
mit etlichen persönlichen, städtischen Bedürfnissen und Zutaten
aus dem kollektiven, städtischen Bewusstsein. Die Alp soll alles andere
sein als die Stadt. Die meisten meiner InterviewpartnerInnen kannten ÄlplerInnen,
von welchen sie sich vom Alpfieber anstecken liessen.
Übergänge
Die StädterInnen arrangieren sich also eine Auszeit von der Stadt
und brechen im Frühling in die Lebenswelt Alp auf.
Der Übergang von der Stadt auf die Alp hat einen körperlichen und
geistigen Umstellungsprozess zur Folge. Die StädterInnen tauchen in eine
bislang unbekannte Welt ein. Die Tätigkeit auf der Alp ist sehr verbindlich
und anstrengend. Die Sinneserfahrungen und die zwischenmenschlichen Kontakte
werden überaus intensiv wahrgenommen. Die zuvor gehegten (oft allzu romantischen)
Alpbilder müssen zum Teil revidiert werden.
Im Herbst verlassen sie die vertraut gewordene Lebenswelt Alp und ziehen wieder
in die Stadt. Auch dieser Übergang bedingt etliche Umstellungsprozesse.
Das Leben in der Stadt kann oft nicht ohne Mühe wieder aufgenommen werden.
Die Alp wirkt in der Stadt noch nach. Die städtischen ÄlplerInnen
wie auch ihr unmittelbares Umfeld haben sich verändert.
Mit zunehmender Distanz zur Alp wie durch das Wiedereinleben in der Stadt
verändert sich das Bild von der Alp weiter; die Alp wird wieder zu einem
virtuellen Raum. Dessen anziehende Wirkung kann mit dazu beitragen, dass sich
die StädterInnen entschliessen, wieder zAlp zu gehen.
Individuelle Auswirkungen
Das zAlpgehen von StädterInnen bringt für die einzelnen Personen
verschiedene nützliche wie auch schwierige Aspekte mit sich. Der Wechsel
zwischen den Lebenswelten ist eine individuell wertvolle soziale und kulturelle
Erfahrung, die persönliche Potentiale und Grenzen auslotet.
«Da lebe ich schon zwei verschiedene Leben, aber
irgendwie, es ist gleichwohl beides mich. Oder ich merke auch, auf der Alp
war es mir wirklich wohl, und da bist du ja wirklich dich, sobald es dir wirklich
wohl ist. Jetzt ist es mir aber auch wohl. Ich ging ja nicht, weil es mich
hier angeschissen hat, überhaupt nicht. Es ist einfach etwas, was ich
schon lange will, und wo es mir auch gefällt. Ich kann auch dazu stehen,
dass ich diese zwei Welten in mir habe. Das ist etwas, dass mich seit langem
formt, was ich auch positiv sehe. Da sehe ich mich auch als Bindeglied, (...)
es entspricht meinem Typ irgendwie (lacht), diese zwei Extreme leben zu können.
Es ist ein bisschen ein Luxus, es ist eine Vielfalt.»
Das zAlpgehen kann das Bewusstsein der betreffenden Personen
erweitern, dem Leben zusätzliche Dynamik verleihen, eine persönlichkeitsbildende
Funktion haben und Sozialprestige vermitteln. Auf der Alp finden einige Personen
einen Freiraum, um Bedürfnisse auszuleben, welche in der Lebenswelt Stadt
zu kurz kommen. Und die positiven Erfahrungen auf der Alp bleiben auch in
der Stadt in Erinnerung und können so eine geistige Fluchtmöglichkeit
und Basis für Träume sein.
«Bei der Arbeit nun, da muss ich am Morgen meistens
zu einem Bauernehepaar, wenn ich gerade dieses Rayon habe, und da fahre ich
immer gerade beim Stall hin und gehe zuerst zu den Kühen. Das hätte
ich zuvor nie gemacht, das wäre mir nie in den Sinn gekommen, in den
Kuhstall zu gehen. Es hat sich einfach mehr aufgetan. Der Geschmack, der mich
anheimelet, den ich manchmal vermisse, vom Stall... und überhaupt die
Viecher.»
Andererseits sind mit dem z'Alpgehen etliche Schwierigkeiten verbunden;
die zu organisierenden Arrangements können mühevoll sein, auf der
Alp sind Einschränkungen und Anstrengungen gegenüber dem gewohnten
Leben in der Stadt in Kauf zu nehmen, durch physische und zum Teil psychische
Belastungen werden die ÄlplerInnen stark mit sich selber und ihren MitälplerInnen
konfrontiert, was zu etlichen persönlichen und sozialen Probleme führen
kann. Auseinandersetzungen innerhalb eines Alpteams zeitigen wie wohl
einigen bekannt sein dürfte manchmal katastrophale Folgen. Und
die Umstellungsprozesse von einer Lebenswelt in die andere sind zum Teil schwierig
zu bewältigen.
«Und dieser Wechsel, dieses Hin und Her finde
ich u anstrengend, und ob ich das immer wieder möchte, das wäre
mir fast ein zu hoher Preis. Du hast wie die doppelte Anstrengung. Weil das
hier gibst du ja nicht auf, diese Normen, die hier gelten, an denen musst
du dich ja wieder richten, wenn du zurückkommst. Und oben ist es anders,
dort musst du dich auch einleben. Aber aufs Jahr gesehen hast du beides.»
Gesellschaftliche Auswirkungen
Die städtischen ÄlplerInnen stehen mit ihrem Aufenthalt
in der Lebenswelt Alp in einer temporären Zwischenposition zwischen Stadt
und Land, Fortschritt und Tradition, nichtbäuerlicher und bäuerlicher
Bevölkerung, KonsumentInnen und ProduzentInnen. Sie können zwischen
unterschiedlichen Welten vermitteln und gesellschaftliche Bruchlinien und
Vorbehalte überbrücken. Vermehrter Austausch und Verständnis
sind in unserer fragmentierten Welt überaus wichtig .
«Es ist mehr so, dass die Sensibilisierung für
das Landleben grösser ist. Ich lebe zwar in der Stadt und bin hier drin,
aber irgendwie, dass du etwas mitbekommst vom Land, dass das Interesse grösser
ist, dass du besser hinhörst oder auch gefühlsmässig, dass
du dich ein bisschen verbunden fühlst und halt auch mal Partei ergreifst
für die Bauern.»
Die städtischen ÄlplerInnen konfrontieren ihr städtisches
Umfeld wie das der Bauersleute und BewohnerInnen der Berggemeinden mit anderen
Werten und mit Elementen einer ungewohnten Lebenweise.
«Und dann gibt es auch noch die Besucher,
und das finde ich dann auch lustig welche kaum noch wissen, was eine
Kuh ist, aber gleichwohl auf Besuch kommen, aha, das ist Käse, aha, das
ist eine Melkmaschine. Und die bekommen dann fast am meisten mit.»
Wir stehen vor verschiedenen ökologischen, sozialen und ökonomischen
Probleme, die mit unserer Entwicklung zusammenhängen. Mit unserem verschwenderischen
Verbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen stossen wir allmählich an
Grenzen und unser Materialismus zeitigt negative Folgen. Zudem scheint ein
gewisser Sättigungsgrad an technisch-materiellen Errungenschaften zu
bestehen und einige Weiterentwicklungen tragen nicht zur «Verbesserung»
der Lebensbedingungen bei, wie folgendes Zitat belegt:
«Und heute ist alles so ... modern, und wird immer
noch besser und noch grösser, bis es so gut ist, dass man es gar nicht
mehr brauchen kann.»
Die Alperfahrung trägt dazu bei, dass die städtischen ÄlplerInnen
ihren Lebensstil und ihre Werthaltung verändern. Viele InterviewpartnerInnen
verfügten schon vor dem z'Alpgehen über gesellschaftliche Veränderungswünsche.
Das zAlpgehen und in der Stadt zu wohnen regt sie zusätzlich zum
Nachdenken an, wie es mit ihnen, aber auch mit der Gesellschaft weitergehen
soll. Ihr zAlpgehen entspricht einem Innehalten und der Suche nach anderen
Möglichkeiten. Mit dem zAlpgehen und mit dem Stadtleben verbinden
sie zwei extreme Entwicklungspositionen unserer Gesellschaft, dabei kann die
Möglichkeit eines Zwischenweges entstehen, dass nämlich Elemente
aus den beiden Lebenswelten miteinander verschmelzen, oder Aspekte der einen
Lebenswelt befruchtend in die andere integriert werden und so zur Weiterentwicklung
beitragen.
«Es ist wirklich so ein Zwischendurch, einerseits
das Neue nicht einfach unkritisch annehmen und gerade gut finden und immer
das Neuste wissen und haben, andererseits auch nicht sagen, alles Neue ist
ein Seich.»
Die städtischen ÄlplerInnen können quasi Wegbereiter
für eine zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft sein: Im materiellen
Bereich eine gewisse Zügelung, dafür mehr Körperlichkeit und
Sinnliches, Anteilnahme an fremden Lebenswelten und verstärkter Austausch
zwischen den Menschen.
Ein Verzicht auf materielle Güter und ein etwas weniger bequemer Lebensstandard,
wie dies mit dem zAlpgehen verbunden ist und in der Folge zum Teil in
der Stadt weiter betrieben wird, ist auch für andere Menschen wünschenswert.
Vor allem wenn damit eine Lebensqualitätssteigerung verbunden ist. Andererseits
sind Inhalte aus der Lebenswelt Stadt, welche die städtischen ÄlplerInnen
einbringen können, für die Alp und die Bergbevölkerung nicht
abträglich.
Ich will mit diesen Ausführungen die städtischen ÄlplerInnen
nicht in den Himmel heben; ich möchte lediglich auf ihr mögliches
Potential hinweisen und dazu anregen, dass vermehrt etwas Stalldung an den
Stadtschuhen klebt und etwas mehr Weltoffenheit auf der Alp Einzug hält.
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