Von Städter/innen, die z'Alp gehen
     
 

«Das z’Alpgehen war so etwas anderes im Vergleich zu dem, was sie sonst machten. Es war wie ein Kontrast, so eine Pause, so irgendwie eine Bedenkzeit oder eine Nullzeit.»*

Text Andreas Bänz Schweizer

          
Mofafrau und Älplerin
   
Foto: Regula Wehrli
 

 

Ein beachtlicher Teil von uns ÄlplerInnen verfügt nicht über einen landwirtschaftlichen Hintergrund, viele sind städtisch sozialisiert. Diese Menschen verkehren also in zwei oder mehreren Lebenswelten; sie wechseln über kulturelle und soziale Grenzen hinweg, über die Grenzen zwischen städtischen und alpinen Lebenswelten.
In meiner Diplomarbeit in Geographie begleitete ich elf städtische ÄlplerInnen von der Stadt auf die Alp und wieder in die Stadt. Ich führte mit ihnen Interviews durch und wertete die gewonnenen Informationen qualitativ aus.

Warum aus der Stadt z’Alp?
Irgendeinmal erwuchs bei diesen StädterInnen der Wunsch, im Sommer auf eine Alp arbeiten zu gehen. Es sind verschiedene Faktoren, unter anderem die Bilder bezüglich Alp und Stadt, die den Entscheidungsfindungsprozess für das z'Alpgehen beeinflussen und das z’Alpgehen als attraktive Handlungsalternative heranwachsen lassen. Der Vorstellungsraum Alp ist angefüllt mit etlichen persönlichen, städtischen Bedürfnissen und Zutaten aus dem kollektiven, städtischen Bewusstsein. Die Alp soll alles andere sein als die Stadt. Die meisten meiner InterviewpartnerInnen kannten ÄlplerInnen, von welchen sie sich vom Alpfieber anstecken liessen.

Übergänge
Die StädterInnen arrangieren sich also eine Auszeit von der Stadt und brechen im Frühling in die Lebenswelt Alp auf.
Der Übergang von der Stadt auf die Alp hat einen körperlichen und geistigen Umstellungsprozess zur Folge. Die StädterInnen tauchen in eine bislang unbekannte Welt ein. Die Tätigkeit auf der Alp ist sehr verbindlich und anstrengend. Die Sinneserfahrungen und die zwischenmenschlichen Kontakte werden überaus intensiv wahrgenommen. Die zuvor gehegten (oft allzu romantischen) Alpbilder müssen zum Teil revidiert werden.
Im Herbst verlassen sie die vertraut gewordene Lebenswelt Alp und ziehen wieder in die Stadt. Auch dieser Übergang bedingt etliche Umstellungsprozesse. Das Leben in der Stadt kann oft nicht ohne Mühe wieder aufgenommen werden. Die Alp wirkt in der Stadt noch nach. Die städtischen ÄlplerInnen wie auch ihr unmittelbares Umfeld haben sich verändert.
Mit zunehmender Distanz zur Alp wie durch das Wiedereinleben in der Stadt verändert sich das Bild von der Alp weiter; die Alp wird wieder zu einem virtuellen Raum. Dessen anziehende Wirkung kann mit dazu beitragen, dass sich die StädterInnen entschliessen, wieder z’Alp zu gehen.

Individuelle Auswirkungen
Das z’Alpgehen von StädterInnen bringt für die einzelnen Personen verschiedene nützliche wie auch schwierige Aspekte mit sich. Der Wechsel zwischen den Lebenswelten ist eine individuell wertvolle soziale und kulturelle Erfahrung, die persönliche Potentiale und Grenzen auslotet.
«Da lebe ich schon zwei verschiedene Leben, aber irgendwie, es ist gleichwohl beides mich. Oder ich merke auch, auf der Alp war es mir wirklich wohl, und da bist du ja wirklich dich, sobald es dir wirklich wohl ist. Jetzt ist es mir aber auch wohl. Ich ging ja nicht, weil es mich hier angeschissen hat, überhaupt nicht. Es ist einfach etwas, was ich schon lange will, und wo es mir auch gefällt. Ich kann auch dazu stehen, dass ich diese zwei Welten in mir habe. Das ist etwas, dass mich seit langem formt, was ich auch positiv sehe. Da sehe ich mich auch als Bindeglied, (...) es entspricht meinem Typ irgendwie (lacht), diese zwei Extreme leben zu können. Es ist ein bisschen ein Luxus, es ist eine Vielfalt.»
Das z’Alpgehen kann das Bewusstsein der betreffenden Personen erweitern, dem Leben zusätzliche Dynamik verleihen, eine persönlichkeitsbildende Funktion haben und Sozialprestige vermitteln. Auf der Alp finden einige Personen einen Freiraum, um Bedürfnisse auszuleben, welche in der Lebenswelt Stadt zu kurz kommen. Und die positiven Erfahrungen auf der Alp bleiben auch in der Stadt in Erinnerung und können so eine geistige Fluchtmöglichkeit und Basis für Träume sein.
«Bei der Arbeit nun, da muss ich am Morgen meistens zu einem Bauernehepaar, wenn ich gerade dieses Rayon habe, und da fahre ich immer gerade beim Stall hin und gehe zuerst zu den Kühen. Das hätte ich zuvor nie gemacht, das wäre mir nie in den Sinn gekommen, in den Kuhstall zu gehen. Es hat sich einfach mehr aufgetan. Der Geschmack, der mich anheimelet, den ich manchmal vermisse, vom Stall... und überhaupt die Viecher.»
Andererseits sind mit dem z'Alpgehen etliche Schwierigkeiten verbunden; die zu organisierenden Arrangements können mühevoll sein, auf der Alp sind Einschränkungen und Anstrengungen gegenüber dem gewohnten Leben in der Stadt in Kauf zu nehmen, durch physische und zum Teil psychische Belastungen werden die ÄlplerInnen stark mit sich selber und ihren MitälplerInnen konfrontiert, was zu etlichen persönlichen und sozialen Probleme führen kann. Auseinandersetzungen innerhalb eines Alpteams zeitigen – wie wohl einigen bekannt sein dürfte – manchmal katastrophale Folgen. Und die Umstellungsprozesse von einer Lebenswelt in die andere sind zum Teil schwierig zu bewältigen.
«Und dieser Wechsel, dieses Hin und Her finde ich u anstrengend, und ob ich das immer wieder möchte, das wäre mir fast ein zu hoher Preis. Du hast wie die doppelte Anstrengung. Weil das hier gibst du ja nicht auf, diese Normen, die hier gelten, an denen musst du dich ja wieder richten, wenn du zurückkommst. Und oben ist es anders, dort musst du dich auch einleben. Aber aufs Jahr gesehen hast du beides.»

Gesellschaftliche Auswirkungen
Die städtischen ÄlplerInnen stehen mit ihrem Aufenthalt in der Lebenswelt Alp in einer temporären Zwischenposition zwischen Stadt und Land, Fortschritt und Tradition, nichtbäuerlicher und bäuerlicher Bevölkerung, KonsumentInnen und ProduzentInnen. Sie können zwischen unterschiedlichen Welten vermitteln und gesellschaftliche Bruchlinien und Vorbehalte überbrücken. Vermehrter Austausch und Verständnis sind in unserer fragmentierten Welt überaus wichtig .
«Es ist mehr so, dass die Sensibilisierung für das Landleben grösser ist. Ich lebe zwar in der Stadt und bin hier drin, aber irgendwie, dass du etwas mitbekommst vom Land, dass das Interesse grösser ist, dass du besser hinhörst oder auch gefühlsmässig, dass du dich ein bisschen verbunden fühlst und halt auch mal Partei ergreifst für die Bauern.»
Die städtischen ÄlplerInnen konfrontieren ihr städtisches Umfeld wie das der Bauersleute und BewohnerInnen der Berggemeinden mit anderen Werten und mit Elementen einer ungewohnten Lebenweise.
«Und dann gibt es auch noch die Besucher, – und das finde ich dann auch lustig – welche kaum noch wissen, was eine Kuh ist, aber gleichwohl auf Besuch kommen, aha, das ist Käse, aha, das ist eine Melkmaschine. Und die bekommen dann fast am meisten mit.»
Wir stehen vor verschiedenen ökologischen, sozialen und ökonomischen Probleme, die mit unserer Entwicklung zusammenhängen. Mit unserem verschwenderischen Verbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen stossen wir allmählich an Grenzen und unser Materialismus zeitigt negative Folgen. Zudem scheint ein gewisser Sättigungsgrad an technisch-materiellen Errungenschaften zu bestehen und einige Weiterentwicklungen tragen nicht zur «Verbesserung» der Lebensbedingungen bei, wie folgendes Zitat belegt:
«Und heute ist alles so ... modern, und wird immer noch besser und noch grösser, bis es so gut ist, dass man es gar nicht mehr brauchen kann.»
Die Alperfahrung trägt dazu bei, dass die städtischen ÄlplerInnen ihren Lebensstil und ihre Werthaltung verändern. Viele InterviewpartnerInnen verfügten schon vor dem z'Alpgehen über gesellschaftliche Veränderungswünsche. Das z’Alpgehen und in der Stadt zu wohnen regt sie zusätzlich zum Nachdenken an, wie es mit ihnen, aber auch mit der Gesellschaft weitergehen soll. Ihr z’Alpgehen entspricht einem Innehalten und der Suche nach anderen Möglichkeiten. Mit dem z’Alpgehen und mit dem Stadtleben verbinden sie zwei extreme Entwicklungspositionen unserer Gesellschaft, dabei kann die Möglichkeit eines Zwischenweges entstehen, dass nämlich Elemente aus den beiden Lebenswelten miteinander verschmelzen, oder Aspekte der einen Lebenswelt befruchtend in die andere integriert werden und so zur Weiterentwicklung beitragen.
«Es ist wirklich so ein Zwischendurch, einerseits das Neue nicht einfach unkritisch annehmen und gerade gut finden und immer das Neuste wissen und haben, andererseits auch nicht sagen, alles Neue ist ein Seich.»
Die städtischen ÄlplerInnen können quasi Wegbereiter für eine zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft sein: Im materiellen Bereich eine gewisse Zügelung, dafür mehr Körperlichkeit und Sinnliches, Anteilnahme an fremden Lebenswelten und verstärkter Austausch zwischen den Menschen.
Ein Verzicht auf materielle Güter und ein etwas weniger bequemer Lebensstandard, wie dies mit dem z’Alpgehen verbunden ist und in der Folge zum Teil in der Stadt weiter betrieben wird, ist auch für andere Menschen wünschenswert. Vor allem wenn damit eine Lebensqualitätssteigerung verbunden ist. Andererseits sind Inhalte aus der Lebenswelt Stadt, welche die städtischen ÄlplerInnen einbringen können, für die Alp und die Bergbevölkerung nicht abträglich.

Ich will mit diesen Ausführungen die städtischen ÄlplerInnen nicht in den Himmel heben; ich möchte lediglich auf ihr mögliches Potential hinweisen und dazu anregen, dass vermehrt etwas Stalldung an den Stadtschuhen klebt und etwas mehr Weltoffenheit auf der Alp Einzug hält.
 

 
   
Wer mehr über meine Befunde wissen oder gar ein Exemplar meiner Arbeit kaufen möchte (s/w Fr. 20.-, mit Farbbildern Fr. 30.-), melde sich bei mir.
Andreas Bänz Schweizer
Quartierhof 6, 3013 Bern
andreasschweizer@yahoo.com

 

 
    * die Zitate stammen aus den Interviews  


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