Gentech und Viehzucht

 
 by Chrig Perren  
   

by Chrig Perren
 

     Alpsage 1
 

Es sei ein Unterländer Hirt gewesen, kein schlechter, das Vieh habe er gut gekannt und viel Besuch habe er auch nicht gehabt.
Bis Mitte Alp sei alles gut gegangen, sein Schwein sei auch gut gediehen. Dann sei er plötzlich der Idee verfallen, die Rinder mit Gedanken zu hüten. Vor der Hütte sei er gesessen und habe sich das vorderste Tier vorgenommen; «umkehren sollst du», habe er gedacht. Im letzten Moment sei dann ein Wanderer aufgetaucht und habe die Tiere gekehrt.

Immer wieder habe er es probiert, zum Glück sei aber immer im richtigen Moment jemand gekommen und habe das Vieh gerettet.
Als dann beim grossen Schneewetter die Bauern genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen seien, habe der Hirt, angestrengt konzentriert vor der Hütte sitzend, eingehüllt in Wolldecken, beschlossen nicht mehr z‘Alp zu fahren, da er keinen Einfluss auf die Rinder erhalten habe.
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by Chrig Perren
     Alpsage 2

 

Mit dem Helikopter seien sie hoch gekommen, die Taucher mit ihren Geräten. Den See wollten sie vermessen.
Viele Geschichten seien über diesen See in der Gebirgsmulde erzählt worden; tief sei er, unauslotbar; bei Vollmond, bei klarem, könne durch ihn hindurch in die andere Welt gesehen werden; auf seinem Grund lebe ein grosser Stier, viele Kühe habe er schon angelockt, die dann jämmerlich ertrunken seien.

  Getaucht seien sie dann, die Unterländer. Die Länge, die Breite und Tiefe gemessen. In der Mitte sei ein Felsblock gefunden worden, von Kuhgerippen keine Spur.
Unter Gelächter hätten sie den Hirten erzählt, dass der See nur fünf Meter tief sei, die hätten sie nur düster angeschaut, was die Taucher nur zu weiterer Fröhlichkeit angestachelt habe.
Andern tags, nach einer feuchten, lärmigen Nacht, seien die dann abgeflogen. Kurz vor Landung sei's passiert, die Rotoren hätten ausgesetzt und der Helikopter sei zu Boden gekracht. Verletzte habe es zum Glück keine gegeben.
Oben auf der Alp hätten die Hirten vergeblich versucht auf den Grund des Sees zu sehen.
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     Alpsage 3

 

Mitte Juli sei's gewesen, da sei die Fahrzeugkolonne mit den Bauarbeitern die Alp hochgekommen, ein Höllenspektakel habe das abgegeben, Probebohrungen für den Stausee haben die machen wollen. Der Sennerin, dem Küher und der Rinderhirtin habe das gar nicht gefallen wollen, es sei eine riesige Anstrengung gewesen. Bis spät in die Nacht habe das Licht in der Hütte gebrannt, dunkle Wolken den Mond bedeckt, der Wind sei eisig gewesen. Am anderen Tag habe man mit den Bohrungen begonnen. Gegen Einnachten habe die Rinderhirtin das erst Mal den Alpfluch gerufen. Schauerlich habe es von den Felswänden gehallt. Am Morgen dann habe dem Küher sein Emes-Wecker gefehlt. Tiefer seien die Bohrungen getrieben worden.
Am Abend habe dieses Mal die Sennerin den Alpfluch gerufen. Bleich seien die Arbeiter zu Bett gegangen. Weit weg im Unterland sei der Stromdirektor aufgewacht durch ein dumpfes Muhen, als er seine Frau habe fragen wollen, was los sei, habe sich nur das heisse Kläffen eines Treibhundes seiner Kehle entrungen.
Weiter sei gebohrt worden. Als dritter habe der Küher den Alpfluch gerufen. In den Kleidern hätten diese Nacht die Bauarbeiter geschlafen.
Am Morgen dann seien die Baumaschinen schlecht angesprungen und nach einer guten Viertelstunde stillgestanden, kaputt. Ein Jauchzer sei in der Luft gewesen. Gerade als die Bauarbeiter Kaffee zu sich genommen hätten, seien Flammen aus den Bohrlöchern gefahren und die Erde habe gezittert. Alles stehen und liegen lassend seien die Arbeiter geflohen. Noch Tage danach hätten die Bauern beim Alpbesuch keinen Zucker zum Kaffee bekommen, es sei aber stillschweigend übergangen worden.
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     Alpsage 4

 

Es sei vor einigen Jahren gewesen, in demselben, als sich das Militär zum ersten Mal auf der Alp umgesehen habe.
Gegen Ende des Sommers, in einer klaren Nacht, habe es das ganze Dorf gehört, das Trommeln, tief aus dem Berg. Am Morgen seien alle Kälber von der Alp verschwunden gewesen. Tags darauf hätten die wieder friedlich geweidet, als sei nichts passiert. Den Winter durch seien die Verhandlungen mit denen von Bern gediehen.

  Gegen Ende des Sommers sei es wieder da gewesen, das Trommeln, etwas lauter vielleicht. Am Morgen seien alle Kühe, Rinder und Kälber verschwunden, keine Spuren habe es gegeben. Zwei Tage darauf seien sie wieder da gewesen, nur bei einer Glocke habe die Kalle gefehlt, vielleicht sei das aber vorher nicht bemerkt worden.
Weiter sei verhandelt worden, ein paar Einsprachen habe es gegeben. In den Jahren darauf seien dann die Alphütten oder auch die ganze Hirtschaft verschwunden und wieder aufgetaucht. Das Trommeln sei jetzt überall gewesen, der Berg habe fast gezittert. Der Vertrag sei dann abgeschlossen worden, die Einsprachen abgewiesen. Im Jahr darauf seien dann die Soldaten gekommen. Das Vieh sei zu Hause geblieben oder auf andere Alpen gegeben worden. Hirtschaft habe es ja keine mehr gebraucht. Die Alphütte sei jetzt am zerfallen, getrauen tue sich da kein Soldat rein. Das Dorf könne jetzt auch Ende Sommer des Nachts wieder schlafen. Nur am Tag während dem Sommer sei‘s gar nicht mehr so still wie früher. Einige im Dorf wollen jetzt das Trommeln erlernen.
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