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«und – Finger ab!»

Über das Buch “Der Senn ist der Käser und der Chef.“

Ein Buch will ich schmackhaft machen, vielmehr ein Protokoll. Zwei Deckel, dazwischen spärlich wie ein Gedichtband bedrucktes Papier, darauf Geschichten aus dem Alltag, die der alte Lutzi Hitz, Älpler in Haldenstein, im September 1988 dem jungen H. -J. Middendorf erzählte, während ein Tonband lief.

Es fehlt, was üblicherweise ein Buch ausmacht: Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen, Kapitel, Angaben zu den Beteiligten. Zum Glück ist Papier trotzdem geduldig, oder erst recht. Denn vor der Leserschaft spulen sich in faszinierender Weise die mündlichen Erzählungen Lutzi Hitz‘ nochmals ab, als wäre es das Magnetband selbst. Ein Thema gibt das andere, der Erzählfluss ist scheinbar sprunghaft, und der direkte Bericht über Erlebnissen und Ereignisse und die daran anknüpfenden Gedanken sind dicht ineinander verwoben. Unterbrochen wird der Erzählfluss lediglich von einigen Hervorhebungen und, in der Mitte des Buches, von Fotos, die den Erzähler vorstellen.

Am Ende des Protokolls weiss, wer es gelesen hat, vieles nicht. Lebensdaten, Familie, ‚Karriere‘ - das Übliche bleibt nur angedeutet. Um so mehr erfahren wir darüber, wie Lutzi die Welt sieht, was seine Arbeit und wie die Situation eines Arbeiters in der Landwirtschaft ist, aber auch darüber, was mit unserer Zeit los ist.
Zum Beispiel mit den Bauern:

«Nein, die Bauern haben sich immer
zu den Herren gezählt.
Obwohl sie heute nichts anderes mehr sind als
Bundeslohnempfänger.
Die leben nur noch von den Subventionen, oder!
Wenn sie schon Paritätslohn verlangen,
dann sollen aber auch ihre Angestellten
in den Alpen berücksichtigt werden.»
Oder mit der Heimat seiner Mutter, dem Südtirol, das mit Gewalt italianisiert und angepasst wurde:
«Und da wurde Südtirol
einfach an Italien geschlagen.
Die Italiener
haben sofort
mit dem Durchsetzen begonnen.
In der Schule mussten die Kinder
italienisch sprechen,
und zuhause haben sie deutsch
gesprochen -
daheim.
Jeder Dorfpolizist war ein Italiener.
Später haben sie dann angefangen,
die Dorfpolizisten durch Einheimische
zu ersetzen.
Tiroler anwerben,
oder!
Es gibt ja immer solche, die -
da war die Spitze
schon gebrochen
- weischt.»

Aber vor allem war Lutzi Hitz - er ist inzwischen verstorben - ein begabter Erzähler. Als Beispiel die Geschichte mit dem Finger:

«Diese Eiche
lag so in Hanglage,
aber die Felsen waren mit
Moos überwachsen und altem Laub.
Und ich zieh aus mit dem Gertel
und im gleichen Moment rutsche ich aus,
und der Schlag geht natürlich -
schon ausgeholt,
und wenn du anfängst zu rutschen
dann hältst du dich automatisch irgendwo fest, oder!
Hab ich auch -
und in diesem Moment,
saust der Gertel nieder -
und -
Finger ab!»

Wer sich darauf einlässt, dem ermöglicht die Erzählung einen frischen Blick auf scheinbar Altvertrautes. Wer allerdings grosse, wilde und romantische Alpheldengeschichten erwartet, wird enttäuscht sein. Sisch alls ganz gwöhnlich. Nur eben. Achtung: La réaIité surpasse la ficition!
bm

 

Die Alpen, ...

«Die Alpen, Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft»
von Werner Bätzing, neubearbeitete und erweiterte Auflage, 1991

1984 erschien die 1. Auflage von Werner Bätzings Alpenbuch. Sein zentrales Thema ist der Alpenraum als Kulturraum, der durch die landwirtschaftliche Nutzung stark geprägt wurde, und die Zerstörung durch den Niedergang der Agrarwirtschaft in den sogenannt benachteiligten Randzonen. Bätzing stützt sich auf seine Studien in so verschiedenen Alpenregionen wie den strukturschwachen Cottischen Alpen Italiens, dem österreichischen Wintersportort Bad Hofgastein und verschiedenen Gegenden der Schweizer Alpen. Die Bedeutung, die Bätzing der Berglandwirtschaft zumisst, hat sein Buch auch bei vielen Älplerlnnen bekannt gemacht, und viele seiner Ergebnisse decken sich mit dem, was wir auf den Alpen und in der Landwirtschaft erleben. Inzwischen ist der ehemalige Theologe und Buchhändler als Assistent am geographischen Seminar der Uni Bern tätig, ist wissenschaftlicher Berater der internationalen Alpenschutzkonvention CIPRA, Beirat von «Pro Vita Alpina» und arbeitete an der Alpenkonvention mit.

Bätzings «Die Alpen» erscheint jetzt in völlig überarbeiteter und ergänzter Neuauflage. Von den früheren Auflagen ist das Anfangskapitel übernommen worden, ein Abriss der natur- und kulturgeschichtlichen Entwicklung der Alpen. Die Kapitel über den «Zusammenbruch der traditionellen alpinen Welt und die neuen Nutzungsformen im 19. und 20. Jahrhundert» (Industrialisierung, Tertiarisierung), «die aktuellen Probleme im Alpenraum» (Landwirtschaft, Tourismus, Wasser, Umweltzerstörung, Luftverschmutzung, kulturelle Identität...) und «die Zukunft der Alpen» sind stark erweitert worden und spiegeln die grosse Beachtung, welche die Wissenschaften den Alpen seit einigen Jahren beimessen. Bätzing fordert, dass die Produktion in den Alpen und überall so gestaltet wird, dass sowohl die Reproduktion als auch die ökologische Stabilität der Kulturlandschaft gewährleistet ist. In Tourismus, Wassernutzung, Verkehr wie in der Landwirtschaft soll auf monofunktionale Strukturen verzichtet werden und die Ausbeutung der Ressourcen durch eine «nachhaltige Nutzung» ersetzt werden. Wie schon in den früheren Auflagen plädiert Bätzing für ein Zusammenwachsen der Alpenregionen über die heutigen nationalen Grenzen hinweg.

Er setzt denn auch grosse Hoffnungen in die im November unterzeichnete Alpenkonvention, fordert darüber hinaus aber eine grundsätzliche Änderung der Beziehung Mensch - Umwelt als Voraussetzung für ein Bestehen in einer europäischen Wirtschaft. Obwohl er selbst konstatiert, dass die realen marktwirtschaftlichen Verhältnisse genau diese Voraussetzungen nicht erfüllen können und auf der Ausbeutung von Natur und Mensch beruhen, wagt er es leider nicht, am Sakrileg der Marktwirtschaft zu kratzen.

Alles in allem liefert die Neuauflage viel, verglichen mit den früheren Ausgaben auch neue Informationen und macht das Buch auch zum Wiederlesen interessant. Es ist etwas textlastiger geworden, einige Karten und Fotos mehr hätten ruhig übernommen werden dürfen. Die Bibliographie ist stark angewachsen, aber leider nicht mehr kommentiert.
chb
 


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