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Interview mit Jost Ettlin |
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Jost
Ettlin, wer bist du? Wie kamst du dazu, dich mit Gatt
überhaupt zu beschäftigen?
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Ich komme aus der lnnerschweiz und lernte Bauer wie mein Grossvater.
Nach der landwirtschaftlichen Schule war ich ein halbes Jahr in Peru und
Kolumbien. Dort wurde ich auf entwicklungspolitische Hintergründe
aufmerksam und lernte von den Kleinbauern und -bäuerinnen, ökologische
Gesichtspunkte miteinzubeziehen. Ich kam auch nicht mehr darum herum zu
fragen, wie funktioniert eigentlich die Wirtschaft. Wer kontrolliert denn
den Kaffee, der von den Kleinbauern produziert wird? Aha, da geht es um
Marktanteile, um Interessen und Machtkämpfe! |
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GATT
scheint ziemlich abgehoben, abstrakt, eine Ansammlungen von Abkürzungen
in den Zeitungen. Was steckt dahinter?
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Auf den ersten Blick. Aber die GATT-Dossiers
sind nicht nur diplomatisches Blabla, wie es auf den ersten Blick erscheint,
sondern schon einzelne Wörter können eine ganz neue Politik bedeuten,
die unseren Alltag bestimmt. Bei GATT geht es um über 90% des Welthandels,
wo um jedes Promille des 3 Trillionen Dollarmarktes gekämpft wird.
Die Schweiz wo 2/3 des Geldes durch Export verdient werden
ist sehr stark betroffen und beim Feilschen zuvorderst beteiligt. Mir geht
es darum, dass es für die GATT- und Wirtschaftsverhandlungen endlich
eine Öffentlichkeit gibt, der Vorhang gezogen und Transparenz geschaffen
wird. Bis anhin war die Öffentlichkeit einfach ausgeschlossen aus dem
ganzen Bereich der Schweizer Aussenhandelspolitik. Alles lief hinter einem
Vorhang ab. Das Sagen bei der Position der Schweiz in den GATT-Verhandlungen hat das Bundesamt für Aussenwirtschaft und der Vorort. Das heisst, dass andere Interessen klar zu kurz kommen. Es geht primär um den Wirtschafts- und Industriestandort Schweiz. Die Ideologie ist nach wie vor die vom sogenannt «freien» Markt. Obwohl wir doch alle wissen, dass das, was wir in der Marktlehre lernen, sei es an der landwirtschaftlichen Schule oder an der Uni, zu 90% gar nicht stattfindet. Die ökonomische Theorie kommt in der wirtschaftlichen Realität kaum vor. Schon gar nicht Überlegungen zu Interessen oder gar Interessengleichgewicht. |
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Das
GATT gibt es schon lange. Die Schweiz ist 1966 beigetreten. Eine Abstimmung
darüber gab es nie, im Gegensatz etwa zum Beitritt der Schweiz zum
IWF. Wer zieht da hintenherum die Fäden an der Öffentlichkeit
vorbei?
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1966 war eine ganz andere Zeit.
Der Beitritt zum GATT war in der Expansionsphase des schweizerischen Aussenhandels
eine Selbstverständlichkeit. Zuerst wirtschaftlich Entwicklung, zuerst
müssen wir viel Geld verdienen, und erst dann können wir uns um
Gerechtigkeit und Umwelt kümmern. Diese veraltete Denkweise ist auch
heute noch prägend. Natürlich ging es immer schon um Macht, was
auch in der Uruguay-Runde besonders sichtbar
wird. |
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GATT
gibt es seit 1947, seit 86 läuft die Uruguay-Runde. Der alte Vertrag
genügte scheinbar nicht mehr. Was führte dazu, dass neue Verhandlungen
geführt werden? Welche neuen Interessen sollen jetzt durchgedrückt
werden?
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Die 7 Verhandlungsrunden seit 47 beinhalteten ausschliesslich zollbezogene
Aspekten des Welthandels. Es ging um die Verringerung
der Zollauflagen. Alle Länder sollten auf eine gemeinsame Berechnungsbasis
gebracht werden, um dann bei einem Produkt nach dem anderen die Zölle
abzubauen. |
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sie sitzt also in den Verhandlungen neben den USA, Japan, Deutschland
...
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Ja. Zum Beispiel im Bereich des
geistigen Eigentums, wo es unter anderem auch um Gen- und Biotechnologie
geht, war sie in den Verhandlungen immer im 5-er oder 6-er-Ausschuss. Das
widerspricht sich mit den offiziellen Verlautbarungen in der Öffentlichkeit,
dass die Schweiz ja so klein sei und nichts ausrichten könne. Da die
Schweiz in einzelnen GATT-Dossiers, zum Beispiel im Patent-, Finanz- und
Dienstleistungsbereich etwa dasselbe Gewicht hat wie der ganze afrikanische
Kontinent zusammen, stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit.
Und nicht nur im GATT, auch in anderen wichtigen internationalen Organisationen
sitzen immer wieder an zentralen Stellen Schweizer. Der Generalsekretär
des GATT, Arthur Dunkel, ist ja auch ein Schweizer. |
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Neu wird in der Uruguay-Runde auch das erste Mal umfassend über die weltweite Agrarpolitik verhandelt, nicht mehr nur um Zölle auf einzelne Produkte wie Soja oder Weizen.
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Im
Rahmen der UNO gibt es die Unterorganisation UNCTAD,
die sich mit Wirtschafts-, Handels- und Entwicklungsfragen befasst. Es
wäre denkbar, dass alle diese Fragen, statt im Rahmen des GATT, in diesem
Rahmen diskutiert würden. Dort wären alle Länder dabei, mit einer Stimme
je Land. Wie gelingt es den GATT-lern, die UNCTAD auszumanöverieren?
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UNCTAD ist zu einer anderen Zeit entstanden und auch von andere Ideen
als der des freien Marktes geprägt. Die Entwicklungsländer sind stärker
vertreten. An der jüngsten UNCTAD-Konferenz wurde ja auch wieder klar,
dass die Industrieländer gar nicht wollen, dass UNCTAD gestärkt wird.
Ihnen geht es eher darum, UNCTAD umzupolen und zu einem Instrument von
GATT zu machen. Man kann zwar sagen, dass die UN-Organisationen demokratischer
kontrolliert sind und transparenter arbeiten als GATT, aber auch da ist
einiges zu reformieren. Trotzdem lassen sie eher neue Ansätze zu, wie
etwa bei der UNO-Umwelt- und Entwicklungskonferenz (UNCED) vom Juni in
Rio, wo ein wichtiges Stichwort «nachhaltige Entwicklung» ist. Und im
Gegensatz zu GATT die Widersprüche etwa zwischen Umwelt und Wirtschaft
offener diskutiert wurden. GATT sagt ja im Bericht vom Februar 92 zu Handel
und Umwelt, dass die Wirtschaft schon jetzt umwelt- und sozialverträglich
sei, und das Wachstum des Handels erst noch zur Verbesserung der Umwelt
beitrage. |
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(Der
Alpentransit lässt grüssen!) ... Gatt also als Instrument der reichen
Industrienationen, das sie nicht aus der Hand geben ...
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Grundsätzlich ist es so, dass im GATT Länderdelegationen verhandeln,
die Wirtschaft aber von Konzernen kontrolliert ist, die die Landesgrenzen
längst gesprengt haben. Man spricht von freiem Welthandel, von Markt.
Wer ist denn der Markt? Den gibt es nämlich gar nicht. Was es gibt sind
Akteure, und nach denen muss man fragen und nach deren Interessen. Und
beachten, wie sie die einzelnen Länder unter Druck setzen können. |
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Weshalb
sind Entwicklungsländer überhaupt im GATT?
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Es sind schon über 100 Länder im
GATT, und es kommen immer mehr dazu. Von den Entwicklungsländern kamen viele
nach ihrer «Befreiung» in den 60-er und 70-er Jahren dazu, um überhaupt
am Weltmarkt teilnehmen zu können. Zugleich wurde das dem GATT zugrundeliegende
Wirtschaftsmodell von vielen Regierungsverantwortlichen als Lösung übernommen.
Viele von ihnen waren in den Industrieländern ausgebildet worden. Oft bestehen
enge Zusammenhänge zwischen ihren Partikularinteressen und den Interessen
der Industrienationen. Und es stehen auch selten die Interessen der Mehrheit
der Bevölkerung im Vordergrund. Dann muss man auch den Zusammenhang mit
der Verschuldung sehen, die viele Länder dazu zwingt, Agrarprodukte und
Rohstoffe für den Weltmarkt zu produzieren, um mit den Devisen dann überhaupt
die Zinsen bezahlen zu können. Um die laufenden GATT-Verhandlungen zu verstehen, muss man auch die koloniale Prägung der Entwicklungsländer und die Entwicklung der letzten 20 Jahre berücksichtigen. Die meisten Entwicklungsländer sind von 1 bis 3 Produkten abhängig. Ghana etwa vom Kakao, Bolivien vom Erz. Diese Länder müssen versuchen, Anteile für ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu erhalten, in den Bereichen eben, wo sie überhaupt etwas haben. Kommt dazu, dass die 80-er Jahre für die Entwicklungsländer generell Verlustjahre waren. Ghana verdient am Kakaoexport trotz höherer Produktion heute 50% weniger als noch vor 10 Jahren. Dann gibt es die sogenannten Schwellenländer wie Brasilien oder Indien, die wirtschaftlich schon weiter entwickelt sind, und die unter den Entwicklungsländern eine Sprecherrolle einnehmen, ihrerseits aber nicht nur an der Vermarktung von Rohstoffen und Agrarprodukten, sondern auch an technischem know how Interesse haben, an das sie nur über GATT herankommen. |
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Zur
Schweiz. Was würde passieren, wenn sie nicht mitmachen würde?
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Die jetzigen Vertreter der Schweiz
haben natürlich grosses Interesse daran, mitzumachen bei GATT, um sich innerhalb
der Industrieländer ein grösseres Stück vom Kuchen abschneiden zu können.
Man muss zu GATT allgemein sagen, dass es ja nicht in erster Linie um den
Nord-Süd-Konflikt geht. Es ist vielmehr das Schlachtfeld der grossen Industrienationen. Wenn die Schweiz nicht mitmachen würde? Das ist nicht die richtige Frage. Es machen sowieso alle Länder mit. Man müsste eher fragen, was für eine Haltung, was für Interessen vertritt sie. Setzt sie sich konkret dafür ein, dass ihre offiziell verkündeten entwicklungspolitischen oder umweltpolitischen Grundsätze - Bereiche, wo sich die Schweiz als fortschrittlich definiert - Platz finden? In der Praxis ist das nicht so. Nur die Wirtschaftsinteressen werden vertreten. Zwar versucht GATT, seit die Verhandlungen nicht mehr recht vorankommen, ein grünes Mäntelchen anzuziehen, um die Kritik der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen aufzufangen. Denn man hat gemerkt, dass das ihr schwaches Bein ist. GATT versucht also unter dem Stichwort «Handel und Umwelt», dieses Thema für sich zu besetzen. Gleichzeitig wird versprochen, die nächste GATT-Runde nach der Uruguay-Runde dann zu Umweltfragen zu machen. Nur würde es mindestens 10 Jahre gehen, bis das «Dunkel-Dokument» überhaupt zu greifen begänne, und eine nächste Runde wäre frühestens in 10 Jahren denkbar, und bis diese dann wieder Folgen hätte ... |
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...
Wirklich dunkel ...
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Wortspiele gibt es natürlich noch
mehr, mit all diesen Abkürzugen. Etwa «GATS», fast wie «cats», «Katzen».
Büsi oder Tiger? Tiger, die auch Druck ausüben ... Interessant ist es, die diplomatischen Reisen von Carla HilIs, der Handelsbeauftragten der USA, zu vergleichen mit dem Zeitpunkt, zu dem Entwicklungsländer eigene Positionen im Bereich des geistigen Eigentums und des Patenzschutzes aufgeben mussten. Das deckt sich ziemlich, weil die USA - GATT-widrig zwar - Druck ausüben auf einzelne Länder. |
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| In den letzten 40 Jahren war die
schweizerische Landwirtschaftspolitik immer schon abhängig von der Wirtschaftspolitik
und der Exportindustrie. Das müsste aufgedeckt werden. Ein weiterer Verknüpfungspunkt:
die Prioritäten der Schweiz in den Verhandlungen waren intern immer TRIPS,
TRIMS, dann GATS, und nicht die Landwirtschaft.
Im TRIPS-Bereich ist die Schweiz federführend zusammen mit den USA, der
EG und Japan, um die Patentierbarkeit von Pflanzen und Tieren durchzusetzen,
was die Landwirtschaft direkt betreffen würde. Wollen wir überhaupt eine
Monopolisierung zum Beispiel beim Saatgut zementieren? Wollen wir patentiertes
Saatgut? Wollen wir patentierte Tiere? Lassen wir uns ein auf die bisherigen,
schönfärberischen Versprechungen der Bio- und Gen-Technologie? Wer würde
dann realistischerweise davon profitieren in der Landwirtschaft? Doch wohl
nur die Grossbetriebe mit industrieller Produktionsweise. Was passiert mit
Regionen, die von klimatischen oder anderen Bedingungen her «benachteiligt»
sind, etwa mit den Berggebieten? Was passiert mit der Landwirtschaft in
den Entwicklungsländern? Die patentierte Kuh, die ein Medikament herstellen
soll, wird sicher in einem Labor in einem Konzern stehen und nicht bei einem
Bergbauern in Graubünden oder in einem nepalesischen Dorf. In der Realität
werden die Ergebnisse der neuen Technologien in den Händen von ganz wenigen
sein und nicht wie verkündet allen zur Verfügung stehen. Man muss auch die
Volkswirtschaft als Ganzes anschauen, nicht nur die Landwirtschaft. Alle
sprechen von der Internalisierung externer Kosten. Im Transportbereich,
im Energiebereich, da müsste genauso eine Umorientierung stattfinden. So
wie Pestizide und Kunstdünger verteuert werden müssten, weil ihre Anwendung
etwa für die Mitzerstörung der Bodenfruchtbarkeit verantwortlich ist. Oder
es wird nie aufgerechnet, wieviel denn die Industrie an indirekter Unterstützung
vom Staat bekommt. Gerechnet wird immer nur bei der Landwirtschaft. Es wird
nicht gerechnet, was es ökologisch und sozial kosten würde, wenn in 20 oder
30 Jahren die Hälfte der Bergtäler sich geleert hat, auch alle Gewerbebetriebe
keine Existenz mehr haben und schliessen müssen. Natürlich gibt es jetzt neue Schlagworte wie ressourcen- und verursacherorientiertes Preissystem. Aber wir müssen gesellschaftlichen Druck ausüben, um diese Worte mit Inhalten zufüllen und diese dann in die Realität umsetzen: dass alle Kosten im Kreislauf Rohstoffe - Produkte - Entsorgung auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit und mit Rücksicht auf die Rechte der Arbeitnehmerlnnen eingerechnet werden. All diese neuen Überlegungen finden im GATT keinen Platz. Da wird nur von den «komparativen Kostenvorteilen» gesprochen. Wo kann ich weltweit am billigsten produzieren? Es reden zwar alle Politiker vom Vorsorgeprinzip. Wenn es ihnen ernst ist, dann würden sie zumindest das Verursacherprinzip endlich überall konsequent anwenden. Das Umweltschutzgesetz in der Schweiz oder viele der landwirtschaftlichen Bestimmungen, die wir eigentlich hätten, müssten im Wortlaut nur punktuell angepasst, dann aber umgesetzt werden. Der Vollzug harzt. Um so dringender brauchen wir eine grundsätzliche Reform der Zielsetzungen wirtschaftlichen Handelns. Was heisst das für unsere Arbeit konkret? Wir müssen zuerst den Vorhang aufziehen, fragen, wer denn eigentlich die schweizerische Wirtschafts- und Aussenpolitik bestimmt. Daher müssen wir versuchen, Druck zu machen. Die Bauerndemos sind ein wichtiges Zeichen. Zugleich geht es darum, parallel nach Möglichkeiten zu suchen, wo in den Regionen selber Aktionen möglich sind, um die lokale Politik und lokale Politiker unter Druck zu setzen. Bei allen Aktionen muss es darum gehen, dass im Kern Konsumentlnnen und ArbeiterInnen den Zusammenhang sehen, dass sie gemeinsam betroffen sind. Die Menschen werden sonst gegeneinander ausgespielt. Die Steuerzahlerseite sagt dann einfach, wir wollen das nicht bezahlen, diese Subventionen. Es gibt ja Modelle für neue Handelsformen, nicht nur im Bezug zur dritten Welt, sondern auch hier, wie etwa die Konsumenten-Produzenten Zusammenschlüsse. Die müssen wir unterstützen und weiterentwickeln. Das müssen wir aber immer verbinden mit dem Gedanken, Kreislaufsysteme und das Verursacherprinzip durchzusetzen. Und dass die Aussenhandelspolitik die sozialen und ökologischen Kosten berücksichtigen muss. Es geht nicht nur darum, kurzfristig zu reagieren und zu einzelnen Sachen «nein» zu sagen, sondern auch darum festzulegen, was wollen wir, du und ich, in 5 Jahren erreicht haben. Das heisst, dass wir uns selber neue Werkzeuge kreieren müssen, mit denen wir auch positiv eingreifen können. Von ihrer Grössenordnung her kann man natürlich gewisse Entwicklungen nicht radikal stoppen. Aber trotzdem müssen wir Aktionen machen die bestehenden Freiräume nutzen, damit solche Verträge nicht unterschrieben werden, wenn nicht gleichzeitig grundsätzliche Verpflichtungen eingegangen werden. Da muss Druck gemacht werden. Wir müssen uns zusammensetzen mit Ökonomen und Soziologinnen und Bäuerinnen und Bauern, um neue Formen zu entwickeln. |
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Gibt
es denn schon neue Formen?
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Es gibt gemeinsame Schritte, Prozesse,
die neue Formen entstehen lassen. Ich hatte Gelegenheit, an einem kleinen
Entstehungsprozess in Vorarlberg teilzunehmen. Oder der Gohlgraben im Emmental.
Da haben sich alle Betroffenen aus dem Tal zusammengesetzt und haben sich
überlegt: Was können wir lokal machen, welche Probleme sind uns bewusst?
Welche Probleme können wir lokal selber mit unseren Fähigkeiten anpacken?
Sie müssen sich trotz verschiedenen Lebenssituationen oder Werteinstellungen
gemeinsam fragen: Was für eine Entwicklung wollen wir in diesem Tal, in
dieser Region in den nächsten Jahren? Mit solch einem Positivkonzept ist
es dann möglich, an die Gemeindeversammlung zu gehen und zugleich bei Kantons-
oder Nationalräten Druck aufzusetzen, durch ganz konkrete Vorschläge. Das
muss man probieren. |
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Der
Bauernverband fordert eine multifunktionale «Landwirtschaft». Stichworte
sind: die Bodenfruchtbarkeit langfristig erhalten, Landwirtschaft in den
Händen von bäuerlichen Familienbetrieben, keine Entleerung des ländlichen
Raumes. Wie realistisch schätzt du diese Forderungen ein?
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Verhandlungspolitisch, auch international, muss man das als Teilfortschritt werten. Bei gewissen Aparatschiks ist das aber nur alter Wein in neuen Schläuchen. Eine Umorientierung ist im Gang. Allerdings müssen die Begriffe noch mit verlässlichen Inhalten gefüllt werden. Das braucht noch mehr Druck von unten. | |||
| Seit 91 gibt es in der Schweiz das GATT-Forum, das die GATT-Opposition zu sammeln versucht. Mittlerweile sind auch grössere Verbände und Organisationen drin wie der Bauernverband oder Konsumentenorganisationen. | Die Schwierigkeiten im GATT-Forum
liegen darin, dass es teils noch mangelt an Kenntnissen zu den internationalen
Verhandlungen. Und dann gibt es grosse Differenzen zwischen einzelnen landwirtschaftlichen
Organisationen (gerechte Preise) und den Konsumentenorganisationen (so billig
wie möglich). Wir mussten die punktuellen Differenzen zwischen Umweltverbänden
und einzelnen Landwirtschaftsverbänden in den Hintergrund rücken, nicht
um sie zu begraben, sondern um die gemeinsame Betroffenheit und die gemeinsamen
übergeordneten Anliegen aufzudecken, damit man eine gemeinsame Plattform
hat und merkt: Aha, die Details sind zwar wichtig, aber einige übergeordnete
Anliegen können wir trotzdem gemeinsam anpacken. Der Prozess hat erst begonnen. |
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Wieweit
vertreten die Verbände die Interessen der Leute?
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Da ist sicher eine Schwierigkeit,
weil es oft am inneren Dialog in den Verbänden fehlt. Wichtig ist, dass
von der Basis Druck auf die «Funktionäre» gemacht wird. Also nicht nur Briefaktionen
an das Bundesamt für Aussenwirtschaft, sondern auch innerhalb der Verbände.
Und telefonieren: Haltla, was macht ihr da? Allerdings sehe ich schon, wenn
ihr auf der Alp 10 bis 12 Stunden arbeitet, 7 Tage in der Woche, da ist
man einfach müde, das kenne ich selber. Aber trotzdem muss man sehen, was
man auslösen kann, jede und jeder an seinem Platz mit seinen Fähigkeiten!
Grössere Aktionen liegen natürlich im Aufgabenbereich der Verbände, aber
man muss sie dazu bringen, die Aktionen auch zu starten. Vielfach reicht
es, den Leuten hinter den Schreibtischen etwas mehr Mut zuzusprechen, damit
etwas in Gang kommt. Die andere Frage ist: Wie können wir uns selber stärken
im Alltag. |
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Wenn
ich die Zeitungen lese, habe ich den Eindruck, aus dem Vertrag wird nichts,
die Widersprüche zwischen den Interessen sind zu gross.
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Die Verhandlungen der Uruguay-Runde
sind seit der ersten Verlängerung im Dezember 1990 im Hintergrund weitergelaufen.
Mehrere Termine wurden nicht eingehalten. So auch der geplante Zeitpunkt
für einen Abschluss Mitte April nicht, und für den Juni sieht es auch nicht
anders aus. Nicht nur die Grundkonflikt zwischen der EG und den USA im Landwirtschaftsbereich,
sondern auch grosse Differenzen beim Dienstleistungs- und Investitionsbereich
lassen keinen raschen Abschluss erwarten. Da aber die drei Blöcke Japan-USA-EG
bei einem Scheitern dank ihren Freihandelszonen weniger verlieren würden
als die meisten Entwicklungsländer, sind sie am wenigsten kompromissbereit. |
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Wen
müssten wir in der Schweiz unterstützen, damit der Vertrag scheitert,
oder wenigstens korrigiert wird? Bauernverband oder KAG? An welchen Stellen
müssten wir intervenieren?
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Wichtig ist für mich: Es reicht nicht, wenn wir einfach gegen das jetzige
GATT und seine Machtspiele sind. Noch weniger dürfen wir uns zum Trugschluss
führen lassen, mit einer Ablehnung oder einem Nein zu multilateralen Organisationen
oder dem Scheitern der GATT-Verhandlungen seien die Probleme gelöst. Aber
selbst ein qualifiziertes Nein zu GATT und seinen jetzigen Praktiken reicht
nicht aus, wenn wir nicht zugleich ein zukünftiges, positives Forderungskonzept
erarbeiten und in die politische Diskussion einbringen. Es ginge darum,
dass wir eine «internationale Organisation für fairen Handel» fordern
und formulieren, wie ein sozial gerechtes und ökologisch ausgerichtetes
Handelssystem aussehen müsste, wo zum Beispiel auch die Berglandwirtschaft
ihren Platz hat. Das müssen wir zustande bringen, bevor die andere Seite
das GATT in eine umfassende Organisation verwandelt hat. Wenn wir mittelfristig
Erfolg haben wollen, dann geht es nicht darum zu fragen, welches Vorgehen
das einzig richtige ist. Es braucht alle zugleich. VKMB, KAG, Bundesamt
für Landwirtschaft, Konsumentlnnenorganisationen, usw. Bei den Bauern
müssen wir verhindern, dass sie gegeneinander ausgespielt werden. EG-Bauern
gegen Schweizerbauern, norwegische Bauern gegen philippinische Bauern.
Der nigerianische Kleinbauer hat vieles gemeinsam mit hiesigen Kleinbauern.
Und uns selber darf es nicht passieren, dass wir uns gegeneinander ausspielen
lassen. Es ist wichtig, dass in Zeitschriften von Entwicklungsorganisationen
Gespräche mit Kleinbauern von hier gedruckt werden. Dass lokale Märkte
gestärkt werden, dass neue Produkte auf den Märkten auftauchen. Dass es
viele Leute gibt, die in der täglichen Arbeit versuchen, progressive Aspekte
durchzusetzen. Dass Leute Projekte wie das im Gohlgraben an die Hand nehmen.
Das darf man nicht gegeneinander ausspielen. Der Wandel der weltwirtschaftlichen
Struktur hat erst begonnen. Es braucht viele Hände an vielen Orten. |
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