Wird die Landwirtschaft für TRIPS geopfert?
     
 


Interview mit Jost Ettlin
Jost Ettlin ist Mitbegründer des «Gatt-Forums», das 1991 als Forum der Gegner und Gegnerinnen der aktuellen, einseitig wirtschaftsfreundlichen Verhandlungsziele gegründet wurde. Das Interview mit ihm geht auf die allgemeine Geschichte des GATT ein, versucht auszumachen, weshalb die Entwicklungsländer auch im GATT sind, erklärt, weshalb TRIPS für die Wirtschaft wichtiger sind als die Landwirtschaft und endet bei Fragen des Widerstands.

 
Jost Ettlin, wer bist du? Wie kamst du dazu, dich mit Gatt überhaupt zu beschäftigen? 

Ich komme aus der lnnerschweiz und lernte Bauer wie mein Grossvater. Nach der landwirtschaftlichen Schule war ich ein halbes Jahr in Peru und Kolumbien. Dort wurde ich auf entwicklungspolitische Hintergründe aufmerksam und lernte von den Kleinbauern und -bäuerinnen, ökologische Gesichtspunkte miteinzubeziehen. Ich kam auch nicht mehr darum herum zu fragen, wie funktioniert eigentlich die Wirtschaft. Wer kontrolliert denn den Kaffee, der von den Kleinbauern produziert wird? Aha, da geht es um Marktanteile, um Interessen und Machtkämpfe!
Es folgten dann später 2 Jahre entwicklungsländerbezogene Arbeit an der Informationsstelle für ökologischen Landbau am Ökozentrum Langenbruck, und ich begann mich intensiver mit den internationalen Verflechtungen auseinanderzusetzen (Saatgutbereich, Bio- und Gentechnologie). Und es war für mich selbstverständlich und notwendig zugleich, mich auch in die wirtschaftlichen und juristischen Zusammenhänge zu vertiefen. Dann machte ich Praktika an Forschungsstellen, bei einem Konzern, auf einem Biobetrieb, um Einblick zu erhalten und den praktischen Hintergrund nicht zu verlieren. Parallel dazu verfolgte ich verschiedene internationale Verhandlungen, zum Teil hautnah.
 

 

 
GATT scheint ziemlich abgehoben, abstrakt, eine Ansammlungen von Abkürzungen in den Zeitungen. Was steckt dahinter?
  Auf den ersten Blick. Aber die GATT-Dossiers sind nicht nur diplomatisches Blabla, wie es auf den ersten Blick erscheint, sondern schon einzelne Wörter können eine ganz neue Politik bedeuten, die unseren Alltag bestimmt. Bei GATT geht es um über 90% des Welthandels, wo um jedes Promille des 3 Trillionen Dollarmarktes gekämpft wird. Die Schweiz — wo 2/3 des Geldes durch Export verdient werden — ist sehr stark betroffen und beim Feilschen zuvorderst beteiligt. Mir geht es darum, dass es für die GATT- und Wirtschaftsverhandlungen endlich eine Öffentlichkeit gibt, der Vorhang gezogen und Transparenz geschaffen wird. Bis anhin war die Öffentlichkeit einfach ausgeschlossen aus dem ganzen Bereich der Schweizer Aussenhandelspolitik. Alles lief hinter einem Vorhang ab.
Das Sagen bei der Position der Schweiz in den GATT-Verhandlungen hat das Bundesamt für Aussenwirtschaft und der Vorort. Das heisst, dass andere Interessen klar zu kurz kommen. Es geht primär um den Wirtschafts- und Industriestandort Schweiz. Die Ideologie ist nach wie vor die vom sogenannt «freien» Markt. Obwohl wir doch alle wissen, dass das, was wir in der Marktlehre lernen, sei es an der landwirtschaftlichen Schule oder an der Uni, zu 90% gar nicht stattfindet. Die ökonomische Theorie kommt in der wirtschaftlichen Realität kaum vor. Schon gar nicht Überlegungen zu Interessen oder gar Interessengleichgewicht.
 
 
 
Das GATT gibt es schon lange. Die Schweiz ist 1966 beigetreten. Eine Abstimmung darüber gab es nie, im Gegensatz etwa zum Beitritt der Schweiz zum IWF. Wer zieht da hintenherum die Fäden an der Öffentlichkeit vorbei?
  1966 war eine ganz andere Zeit. Der Beitritt zum GATT war in der Expansionsphase des schweizerischen Aussenhandels eine Selbstverständlichkeit. Zuerst wirtschaftlich Entwicklung, zuerst müssen wir viel Geld verdienen, und erst dann können wir uns um Gerechtigkeit und Umwelt kümmern. Diese veraltete Denkweise ist auch heute noch prägend. Natürlich ging es immer schon um Macht, was auch in der Uruguay-Runde besonders sichtbar wird.
 
 
 
GATT gibt es seit 1947, seit 86 läuft die Uruguay-Runde. Der alte Vertrag genügte scheinbar nicht mehr. Was führte dazu, dass neue Verhandlungen geführt werden? Welche neuen Interessen sollen jetzt durchgedrückt werden?
 

Die 7 Verhandlungsrunden seit 47 beinhalteten ausschliesslich zollbezogene Aspekten des Welthandels. Es ging um die Verringerung der Zollauflagen. Alle Länder sollten auf eine gemeinsame Berechnungsbasis gebracht werden, um dann bei einem Produkt nach dem anderen die Zölle abzubauen.
Bei der Uruguay-Runde geht es um ganz neue Fragen, nicht mehr nur um Zollfragen. Das ist eine ganz neue Dimension. 3 neue Dossiers wurden von den 3 grossen Industrieblöcken, allen voran den USA, reingedrückt: die handelsbezogenen Aspekte des geistigen Eigentums, Patentwesen (TRIPS), die handelsbezogenen Investitionen (RIMS) und den Dienstleistungssektor (GATS) also Banken, Versicherungen, Verkehr, Telekommunikation. Etwa 80% dieser drei Bereiche werden von 12 Industrieländern kontrolliert. Dazu gehört auch die Schweiz, die in diesen Bereichen immer zu den Top10 bis 15 gehört.
 

 
 
... sie sitzt also in den Verhandlungen neben den USA, Japan, Deutschland ...
  Ja. Zum Beispiel im Bereich des geistigen Eigentums, wo es unter anderem auch um Gen- und Biotechnologie geht, war sie in den Verhandlungen immer im 5-er oder 6-er-Ausschuss. Das widerspricht sich mit den offiziellen Verlautbarungen in der Öffentlichkeit, dass die Schweiz ja so klein sei und nichts ausrichten könne. Da die Schweiz in einzelnen GATT-Dossiers, zum Beispiel im Patent-, Finanz- und Dienstleistungsbereich etwa dasselbe Gewicht hat wie der ganze afrikanische Kontinent zusammen, stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit. Und nicht nur im GATT, auch in anderen wichtigen internationalen Organisationen sitzen immer wieder an zentralen Stellen Schweizer. Der Generalsekretär des GATT, Arthur Dunkel, ist ja auch ein Schweizer.
 
 
 
... Das vergisst man allerdings, wenn man in den Zeitungen die Klagen liest, wir seien so ein kleines Land und könnten halt nichts machen. ...
 
 

Neu wird in der Uruguay-Runde auch das erste Mal umfassend über die weltweite Agrarpolitik verhandelt, nicht mehr nur um Zölle auf einzelne Produkte wie Soja oder Weizen.

 

 
 
Im Rahmen der UNO gibt es die Unterorganisation UNCTAD, die sich mit Wirtschafts-, Handels- und Entwicklungsfragen befasst. Es wäre denkbar, dass alle diese Fragen, statt im Rahmen des GATT, in diesem Rahmen diskutiert würden. Dort wären alle Länder dabei, mit einer Stimme je Land. Wie gelingt es den GATT-lern, die UNCTAD auszumanöverieren?
 

UNCTAD ist zu einer anderen Zeit entstanden und auch von andere Ideen als der des freien Marktes geprägt. Die Entwicklungsländer sind stärker vertreten. An der jüngsten UNCTAD-Konferenz wurde ja auch wieder klar, dass die Industrieländer gar nicht wollen, dass UNCTAD gestärkt wird. Ihnen geht es eher darum, UNCTAD umzupolen und zu einem Instrument von GATT zu machen. Man kann zwar sagen, dass die UN-Organisationen demokratischer kontrolliert sind und transparenter arbeiten als GATT, aber auch da ist einiges zu reformieren. Trotzdem lassen sie eher neue Ansätze zu, wie etwa bei der UNO-Umwelt- und Entwicklungskonferenz (UNCED) vom Juni in Rio, wo ein wichtiges Stichwort «nachhaltige Entwicklung» ist. Und im Gegensatz zu GATT die Widersprüche etwa zwischen Umwelt und Wirtschaft offener diskutiert wurden. GATT sagt ja im Bericht vom Februar 92 zu Handel und Umwelt, dass die Wirtschaft schon jetzt umwelt- und sozialverträglich sei, und das Wachstum des Handels erst noch zur Verbesserung der Umwelt beitrage.

 
 
(Der Alpentransit lässt grüssen!) ... Gatt also als Instrument der reichen Industrienationen, das sie nicht aus der Hand geben ...
 

Grundsätzlich ist es so, dass im GATT Länderdelegationen verhandeln, die Wirtschaft aber von Konzernen kontrolliert ist, die die Landesgrenzen längst gesprengt haben. Man spricht von freiem Welthandel, von Markt. Wer ist denn der Markt? Den gibt es nämlich gar nicht. Was es gibt sind Akteure, und nach denen muss man fragen und nach deren Interessen. Und beachten, wie sie die einzelnen Länder unter Druck setzen können.
 

 
 
Weshalb sind Entwicklungsländer überhaupt im GATT?
  Es sind schon über 100 Länder im GATT, und es kommen immer mehr dazu. Von den Entwicklungsländern kamen viele nach ihrer «Befreiung» in den 60-er und 70-er Jahren dazu, um überhaupt am Weltmarkt teilnehmen zu können. Zugleich wurde das dem GATT zugrundeliegende Wirtschaftsmodell von vielen Regierungsverantwortlichen als Lösung übernommen. Viele von ihnen waren in den Industrieländern ausgebildet worden. Oft bestehen enge Zusammenhänge zwischen ihren Partikularinteressen und den Interessen der Industrienationen. Und es stehen auch selten die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung im Vordergrund. Dann muss man auch den Zusammenhang mit der Verschuldung sehen, die viele Länder dazu zwingt, Agrarprodukte und Rohstoffe für den Weltmarkt zu produzieren, um mit den Devisen dann überhaupt die Zinsen bezahlen zu können.
Um die laufenden GATT-Verhandlungen zu verstehen, muss man auch die koloniale Prägung der Entwicklungsländer und die Entwicklung der letzten 20 Jahre berücksichtigen. Die meisten Entwicklungsländer sind von 1 bis 3 Produkten abhängig. Ghana etwa vom Kakao, Bolivien vom Erz. Diese Länder müssen versuchen, Anteile für ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu erhalten, in den Bereichen eben, wo sie überhaupt etwas haben. Kommt dazu, dass die 80-er Jahre für die Entwicklungsländer generell Verlustjahre waren. Ghana verdient am Kakaoexport trotz höherer Produktion heute 50% weniger als noch vor 10 Jahren. Dann gibt es die sogenannten Schwellenländer wie Brasilien oder Indien, die wirtschaftlich schon weiter entwickelt sind, und die unter den Entwicklungsländern eine Sprecherrolle einnehmen, ihrerseits aber nicht nur an der Vermarktung von Rohstoffen und Agrarprodukten, sondern auch an technischem know how Interesse haben, an das sie nur über GATT herankommen.
 
 
 
Zur Schweiz. Was würde passieren, wenn sie nicht mitmachen würde?
  Die jetzigen Vertreter der Schweiz haben natürlich grosses Interesse daran, mitzumachen bei GATT, um sich innerhalb der Industrieländer ein grösseres Stück vom Kuchen abschneiden zu können. Man muss zu GATT allgemein sagen, dass es ja nicht in erster Linie um den Nord-Süd-Konflikt geht. Es ist vielmehr das Schlachtfeld der grossen Industrienationen.
Wenn die Schweiz nicht mitmachen würde? Das ist nicht die richtige Frage. Es machen sowieso alle Länder mit. Man müsste eher fragen, was für eine Haltung, was für Interessen vertritt sie. Setzt sie sich konkret dafür ein, dass ihre offiziell verkündeten entwicklungspolitischen oder umweltpolitischen Grundsätze - Bereiche, wo sich die Schweiz als fortschrittlich definiert - Platz finden? In der Praxis ist das nicht so. Nur die Wirtschaftsinteressen werden vertreten. Zwar versucht GATT, seit die Verhandlungen nicht mehr recht vorankommen, ein grünes Mäntelchen anzuziehen, um die Kritik der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen aufzufangen. Denn man hat gemerkt, dass das ihr schwaches Bein ist. GATT versucht also unter dem Stichwort «Handel und Umwelt», dieses Thema für sich zu besetzen. Gleichzeitig wird versprochen, die nächste GATT-Runde nach der Uruguay-Runde dann zu Umweltfragen zu machen. Nur würde es mindestens 10 Jahre gehen, bis das «Dunkel-Dokument» überhaupt zu greifen begänne, und eine nächste Runde wäre frühestens in 10 Jahren denkbar, und bis diese dann wieder Folgen hätte ...
 
 
 
... Wirklich dunkel ...
  Wortspiele gibt es natürlich noch mehr, mit all diesen Abkürzugen. Etwa «GATS», fast wie «cats», «Katzen». Büsi oder Tiger? Tiger, die auch Druck ausüben ...
Interessant ist es, die diplomatischen Reisen von Carla HilIs, der Handelsbeauftragten der USA, zu vergleichen mit dem Zeitpunkt, zu dem Entwicklungsländer eigene Positionen im Bereich des geistigen Eigentums und des Patenzschutzes aufgeben mussten. Das deckt sich ziemlich, weil die USA - GATT-widrig zwar - Druck ausüben auf einzelne Länder.
 
 
 
Was wären in deinen Augen wichtige Gesichtspunkte für eine Auseinandersetzung mit GATT? Was sollten wir bedenken als Korrektur zu dem, was in den Medien verbreitet wird?
  In den letzten 40 Jahren war die schweizerische Landwirtschaftspolitik immer schon abhängig von der Wirtschaftspolitik und der Exportindustrie. Das müsste aufgedeckt werden. Ein weiterer Verknüpfungspunkt: die Prioritäten der Schweiz in den Verhandlungen waren intern immer TRIPS, TRIMS, dann GATS, und nicht die Landwirtschaft. Im TRIPS-Bereich ist die Schweiz federführend zusammen mit den USA, der EG und Japan, um die Patentierbarkeit von Pflanzen und Tieren durchzusetzen, was die Landwirtschaft direkt betreffen würde. Wollen wir überhaupt eine Monopolisierung zum Beispiel beim Saatgut zementieren? Wollen wir patentiertes Saatgut? Wollen wir patentierte Tiere? Lassen wir uns ein auf die bisherigen, schönfärberischen Versprechungen der Bio- und Gen-Technologie? Wer würde dann realistischerweise davon profitieren in der Landwirtschaft? Doch wohl nur die Grossbetriebe mit industrieller Produktionsweise. Was passiert mit Regionen, die von klimatischen oder anderen Bedingungen her «benachteiligt» sind, etwa mit den Berggebieten? Was passiert mit der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern? Die patentierte Kuh, die ein Medikament herstellen soll, wird sicher in einem Labor in einem Konzern stehen und nicht bei einem Bergbauern in Graubünden oder in einem nepalesischen Dorf. In der Realität werden die Ergebnisse der neuen Technologien in den Händen von ganz wenigen sein und nicht wie verkündet allen zur Verfügung stehen. Man muss auch die Volkswirtschaft als Ganzes anschauen, nicht nur die Landwirtschaft. Alle sprechen von der Internalisierung externer Kosten. Im Transportbereich, im Energiebereich, da müsste genauso eine Umorientierung stattfinden. So wie Pestizide und Kunstdünger verteuert werden müssten, weil ihre Anwendung etwa für die Mitzerstörung der Bodenfruchtbarkeit verantwortlich ist. Oder es wird nie aufgerechnet, wieviel denn die Industrie an indirekter Unterstützung vom Staat bekommt. Gerechnet wird immer nur bei der Landwirtschaft. Es wird nicht gerechnet, was es ökologisch und sozial kosten würde, wenn in 20 oder 30 Jahren die Hälfte der Bergtäler sich geleert hat, auch alle Gewerbebetriebe keine Existenz mehr haben und schliessen müssen.
Natürlich gibt es jetzt neue Schlagworte wie ressourcen- und verursacherorientiertes Preissystem. Aber wir müssen gesellschaftlichen Druck ausüben, um diese Worte mit Inhalten zufüllen und diese dann in die Realität umsetzen: dass alle Kosten im Kreislauf Rohstoffe - Produkte - Entsorgung auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit und mit Rücksicht auf die Rechte der Arbeitnehmerlnnen eingerechnet werden. All diese neuen Überlegungen finden im GATT keinen Platz. Da wird nur von den «komparativen Kostenvorteilen» gesprochen. Wo kann ich weltweit am billigsten produzieren? Es reden zwar alle Politiker vom Vorsorgeprinzip. Wenn es ihnen ernst ist, dann würden sie zumindest das Verursacherprinzip endlich überall konsequent anwenden. Das Umweltschutzgesetz in der Schweiz oder viele der landwirtschaftlichen Bestimmungen, die wir eigentlich hätten, müssten im Wortlaut nur punktuell angepasst, dann aber umgesetzt werden. Der Vollzug harzt. Um so dringender brauchen wir eine grundsätzliche Reform der Zielsetzungen wirtschaftlichen Handelns. Was heisst das für unsere Arbeit konkret? Wir müssen zuerst den Vorhang aufziehen, fragen, wer denn eigentlich die schweizerische Wirtschafts- und Aussenpolitik bestimmt. Daher müssen wir versuchen, Druck zu machen. Die Bauerndemos sind ein wichtiges Zeichen. Zugleich geht es darum, parallel nach Möglichkeiten zu suchen, wo in den Regionen selber Aktionen möglich sind, um die lokale Politik und lokale Politiker unter Druck zu setzen. Bei allen Aktionen muss es darum gehen, dass im Kern Konsumentlnnen und ArbeiterInnen den Zusammenhang sehen, dass sie gemeinsam betroffen sind. Die Menschen werden sonst gegeneinander ausgespielt. Die Steuerzahlerseite sagt dann einfach, wir wollen das nicht bezahlen, diese Subventionen. Es gibt ja Modelle für neue Handelsformen, nicht nur im Bezug zur dritten Welt, sondern auch hier, wie etwa die Konsumenten-Produzenten Zusammenschlüsse. Die müssen wir unterstützen und weiterentwickeln. Das müssen wir aber immer verbinden mit dem Gedanken, Kreislaufsysteme und das Verursacherprinzip durchzusetzen. Und dass die Aussenhandelspolitik die sozialen und ökologischen Kosten berücksichtigen muss. Es geht nicht nur darum, kurzfristig zu reagieren und zu einzelnen Sachen «nein» zu sagen, sondern auch darum festzulegen, was wollen wir, du und ich, in 5 Jahren erreicht haben. Das heisst, dass wir uns selber neue Werkzeuge kreieren müssen, mit denen wir auch positiv eingreifen können. Von ihrer Grössenordnung her kann man natürlich gewisse Entwicklungen nicht radikal stoppen. Aber trotzdem müssen wir Aktionen machen die bestehenden Freiräume nutzen, damit solche Verträge nicht unterschrieben werden, wenn nicht gleichzeitig grundsätzliche Verpflichtungen eingegangen werden. Da muss Druck gemacht werden. Wir müssen uns zusammensetzen mit Ökonomen und Soziologinnen und Bäuerinnen und Bauern, um neue Formen zu entwickeln.
 
 
 
Gibt es denn schon neue Formen?
  Es gibt gemeinsame Schritte, Prozesse, die neue Formen entstehen lassen. Ich hatte Gelegenheit, an einem kleinen Entstehungsprozess in Vorarlberg teilzunehmen. Oder der Gohlgraben im Emmental. Da haben sich alle Betroffenen aus dem Tal zusammengesetzt und haben sich überlegt: Was können wir lokal machen, welche Probleme sind uns bewusst? Welche Probleme können wir lokal selber mit unseren Fähigkeiten anpacken? Sie müssen sich trotz verschiedenen Lebenssituationen oder Werteinstellungen gemeinsam fragen: Was für eine Entwicklung wollen wir in diesem Tal, in dieser Region in den nächsten Jahren? Mit solch einem Positivkonzept ist es dann möglich, an die Gemeindeversammlung zu gehen und zugleich bei Kantons- oder Nationalräten Druck aufzusetzen, durch ganz konkrete Vorschläge. Das muss man probieren.
 
 
 
Der Bauernverband fordert eine multifunktionale «Landwirtschaft». Stichworte sind: die Bodenfruchtbarkeit langfristig erhalten, Landwirtschaft in den Händen von bäuerlichen Familienbetrieben, keine Entleerung des ländlichen Raumes. Wie realistisch schätzt du diese Forderungen ein?
 
  Verhandlungspolitisch, auch international, muss man das als Teilfortschritt werten. Bei gewissen Aparatschiks ist das aber nur alter Wein in neuen Schläuchen. Eine Umorientierung ist im Gang. Allerdings müssen die Begriffe noch mit verlässlichen Inhalten gefüllt werden. Das braucht noch mehr Druck von unten.  
  Seit 91 gibt es in der Schweiz das GATT-Forum, das die GATT-Opposition zu sammeln versucht. Mittlerweile sind auch grössere Verbände und Organisationen drin wie der Bauernverband oder Konsumentenorganisationen.   Die Schwierigkeiten im GATT-Forum liegen darin, dass es teils noch mangelt an Kenntnissen zu den internationalen Verhandlungen. Und dann gibt es grosse Differenzen zwischen einzelnen landwirtschaftlichen Organisationen (gerechte Preise) und den Konsumentenorganisationen (so billig wie möglich). Wir mussten die punktuellen Differenzen zwischen Umweltverbänden und einzelnen Landwirtschaftsverbänden in den Hintergrund rücken, nicht um sie zu begraben, sondern um die gemeinsame Betroffenheit und die gemeinsamen übergeordneten Anliegen aufzudecken, damit man eine gemeinsame Plattform hat und merkt: Aha, die Details sind zwar wichtig, aber einige übergeordnete Anliegen können wir trotzdem gemeinsam anpacken. Der Prozess hat erst begonnen.
 
 
 
Wieweit vertreten die Verbände die Interessen der Leute?
  Da ist sicher eine Schwierigkeit, weil es oft am inneren Dialog in den Verbänden fehlt. Wichtig ist, dass von der Basis Druck auf die «Funktionäre» gemacht wird. Also nicht nur Briefaktionen an das Bundesamt für Aussenwirtschaft, sondern auch innerhalb der Verbände. Und telefonieren: Haltla, was macht ihr da? Allerdings sehe ich schon, wenn ihr auf der Alp 10 bis 12 Stunden arbeitet, 7 Tage in der Woche, da ist man einfach müde, das kenne ich selber. Aber trotzdem muss man sehen, was man auslösen kann, jede und jeder an seinem Platz mit seinen Fähigkeiten! Grössere Aktionen liegen natürlich im Aufgabenbereich der Verbände, aber man muss sie dazu bringen, die Aktionen auch zu starten. Vielfach reicht es, den Leuten hinter den Schreibtischen etwas mehr Mut zuzusprechen, damit etwas in Gang kommt. Die andere Frage ist: Wie können wir uns selber stärken im Alltag.
 
 
 
Wenn ich die Zeitungen lese, habe ich den Eindruck, aus dem Vertrag wird nichts, die Widersprüche zwischen den Interessen sind zu gross.
  Die Verhandlungen der Uruguay-Runde sind seit der ersten Verlängerung im Dezember 1990 im Hintergrund weitergelaufen. Mehrere Termine wurden nicht eingehalten. So auch der geplante Zeitpunkt für einen Abschluss Mitte April nicht, und für den Juni sieht es auch nicht anders aus. Nicht nur die Grundkonflikt zwischen der EG und den USA im Landwirtschaftsbereich, sondern auch grosse Differenzen beim Dienstleistungs- und Investitionsbereich lassen keinen raschen Abschluss erwarten. Da aber die drei Blöcke Japan-USA-EG bei einem Scheitern dank ihren Freihandelszonen weniger verlieren würden als die meisten Entwicklungsländer, sind sie am wenigsten kompromissbereit.
 
 
 
Wen müssten wir in der Schweiz unterstützen, damit der Vertrag scheitert, oder wenigstens korrigiert wird? Bauernverband oder KAG? An welchen Stellen müssten wir intervenieren?
 

Wichtig ist für mich: Es reicht nicht, wenn wir einfach gegen das jetzige GATT und seine Machtspiele sind. Noch weniger dürfen wir uns zum Trugschluss führen lassen, mit einer Ablehnung oder einem Nein zu multilateralen Organisationen oder dem Scheitern der GATT-Verhandlungen seien die Probleme gelöst. Aber selbst ein qualifiziertes Nein zu GATT und seinen jetzigen Praktiken reicht nicht aus, wenn wir nicht zugleich ein zukünftiges, positives Forderungskonzept erarbeiten und in die politische Diskussion einbringen. Es ginge darum, dass wir eine «internationale Organisation für fairen Handel» fordern und formulieren, wie ein sozial gerechtes und ökologisch ausgerichtetes Handelssystem aussehen müsste, wo zum Beispiel auch die Berglandwirtschaft ihren Platz hat. Das müssen wir zustande bringen, bevor die andere Seite das GATT in eine umfassende Organisation verwandelt hat. Wenn wir mittelfristig Erfolg haben wollen, dann geht es nicht darum zu fragen, welches Vorgehen das einzig richtige ist. Es braucht alle zugleich. VKMB, KAG, Bundesamt für Landwirtschaft, Konsumentlnnenorganisationen, usw. Bei den Bauern müssen wir verhindern, dass sie gegeneinander ausgespielt werden. EG-Bauern gegen Schweizerbauern, norwegische Bauern gegen philippinische Bauern. Der nigerianische Kleinbauer hat vieles gemeinsam mit hiesigen Kleinbauern. Und uns selber darf es nicht passieren, dass wir uns gegeneinander ausspielen lassen. Es ist wichtig, dass in Zeitschriften von Entwicklungsorganisationen Gespräche mit Kleinbauern von hier gedruckt werden. Dass lokale Märkte gestärkt werden, dass neue Produkte auf den Märkten auftauchen. Dass es viele Leute gibt, die in der täglichen Arbeit versuchen, progressive Aspekte durchzusetzen. Dass Leute Projekte wie das im Gohlgraben an die Hand nehmen. Das darf man nicht gegeneinander ausspielen. Der Wandel der weltwirtschaftlichen Struktur hat erst begonnen. Es braucht viele Hände an vielen Orten.
 

 

Home | mail@zalp.ch