Protestaktion  auf der Alp Flix
     
 


Die Tourismuszentren versuchen mit immer verrückteren Events den gelangweilten Ferienbenützer bei der Stange zu halten. An wanderfreudigen Naturliebhaber ist nicht viel Geld zu verdienen, da möchte man die Alpen lieber als Rummelplatz für Gaga-Tourismus nutzen. Mit Widerstand von Alppersonal und Bauern ist glücklicherweise zu rechnen.

Giorgio Hösli
 

Die Kulturlandschaft Flix ist keine Kilbi
Foto: Wiebke Schlichte 
 
 

Nichts wie hin ...

           Die Alp Flix wird vom Tourismusverband «Tourismus Surses» als «eine der schönsten Alpenterrassen der Schweiz» bezeichnet. Also nichts wie hin. Und alle kommen. Freunde von Flora und Fauna, Freunde der roten Socken und weissen Hüte, die Alpkäseliebhaber, Gemsjäger, Moor- und Grillenthusiasten und vor allem Ruhesucher. Wenige sind bereits dort: eine Handvoll Einheimische, der Esel Jeanette und eine Kachel voll Gäste, die sich aneinander gewöhnt und Flix zur gemeinsamen Heimat gemacht haben. Als Sömmerungsgäste sind 33 Milchkühe, 30 Mutterkühe, 90 Stück Jungvieh, 200 Milch- und gut 160 Fleischschafe saisonal anwesend, die vom Alppersonal betreut die kräuterreichen Weiden nutzen.

           Die Idylle verlangt nach Organisation. Pro Natura hat bewirkt, dass im Winter weder Raupenfahrzeuge noch Langlaufskis über die Hochmoore fahren. Die Agentur Locher, Brauchbar & Partner ist von der «Tourismus Surses» beauftragt worden eine Besucherlenkung in der einzigartigen Moorlandschaft durchzuführen. Mit Infotafeln, Wegführung, Abfallkonzept und Begleitbroschüre wird versucht, «die Besucherströme mit gezielter Information und geschickter Wegführung in geordnete Bahnen zu lenken». Am 3. Juni 2000 waren dies 70 Fachleute mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung und universitärem Lupenblick, die auf Initiative von der Zeitschrift GEO und der Schweizer Naturmuseen innerhalb von 24 Stunden 2092 Tier- und Pflanzenarten fanden, darunter mehrere in der Schweiz noch unbenannte Spezies. Begeistert über diesen Erfolg werden nun dieses Jahr weitere Wissenschaftler die Alp Flix durchstreifen und in einer Langzeitstudie laut Jürg Paul Müller, Direktor des Museums in Chur, 10 ooo verschiedene Arten katalogisieren. Sponsoren sind die Gemeinde Sur, die Ricola AG und das Magazin GEO. Das Projekt trägt den Namen «Schatzinsel Alp Flix», es wird das Gebiet in den Rang eines europäischen Biodiversitäts-Zentrums heben, vielleicht einen weitergehenden Naturschutz vor Ort begünstigen und sicherlich noch mehr Touristen anziehen.


...zum Alpengaudi.

           Auf die Touris freut sich der «Tourismus Surses», der auch bis anhin auf der Alp Flix nicht untätig war. Letzten Sommer am 23. Juli hat «Savognin Tourismus» mit Hauptsponsor Metzgerei Peduzzi zum 5. Alpfest ausgerufen. Neben dem obligaten Gottesdienst waren Erlebnistouren zu den Geheimnissen der Hochmoorlandschaft und ein Alpenlabyrinth geplant. Als weitere Attraktionen waren die «Schweizer Meisterschaften im Rahmschlagen» und Kirschsteinspucken angesagt. Für ein heimatliches Gaudi auf der Alp sollten auch die Ländlerkapelle Grischuna und die Volksschlagergruppe Soranos mitverantwortlich sein, unterstützt von peduzzinischen Bratwürsten mit Polenta, runtergespült mit calandasischem Bier. Für jene unter der Alkoholaltersgrenze wurde ein «Pinocchio Kinderprogramm» zusammengestellt mit Tipilager, Bogenschiesskurs, Kriegsbemalungen und Stafettenlaufen. Für müde Beine und überpromillte Gäste war ein Shuttle-Dienst vorgesehen.
Eine Mega-Alpchilbi mit rundum Sorglospaket – doch zu den Attraktionen gesellte sich eine Aktion der Einheimischen der Alp Flix, die dem Chilbitreiben die Chilbi austrieb.


Motorsägelärm ...

           Zu den nach dem Gottesdienst eintröpfelnden FestgängerInnen gesellten sich auf dem Gelände die 33 Milchkühe vom Alpsenn Roland Ott. Was anfangs noch als Alpenidylle empfunden, wurde doch ärgerlich, als die dicken Kuhbäuche keinen Platz zwischen den Festbänken fanden. Auf einem Einachser nahte Rettung von fachspezifischer Seite, endlich ein wackerer Älpler zur Hilfe gegen gefährliche Kühe und bestens geeignet für ein wunderbares Sujets im Ferienfotobuch. Im Sucher störte nur das Transparent mit der Aufschrift «Die Kulturlandschaft Flix ist keine Kilbi». Wie war das wohl gemeint? Ein von den Bäuerinnen, Bauern und Älpler der Flix verfasstes Flugblatt klärte die allmählich etwas verunsicherten Touristen auf:
 

 
Bun de!
Sie befinden sich auf der Alp Flix in einer Kulturlandschaft von grosser Bedeutung mit einmaliger Artenvielfalt! Wir, die Bauern von der Alp sind stolz auf unseren Lebens- und Arbeitsort, zu dem wir Sorge tragen und auch stolz auf unsere Naturprodukte, die hier entstehen!
Ausgerechnet wir Bäuerinnen und Bauern der Alp Flix sind bei der Alpfest-Organisation vergessen worden!
Wir fühlen uns verletzt ob soviel Arroganz der Savogniner Touristiker! Wir und unsere Gäste lassen uns nicht vom Tourismusverband melken, wir wollen Taten sehen, die uns Bauern miteinbeziehen!
Mit unserem Protest wollen wir erreichen, dass die Savogniner Touristiker uns und unsere Produkte in Zukunft nicht vergessen!
Wir hoffen es und wünschen trotzdem ein schönes Fest!
Die Bäuerinnen und Bauern der Alp Flix!

  
 

           Am Nachmittag um zwei Uhr kamen die Bauern und Bäuerinnen der Alp Flix und der Senn mit einem Baumstamm zum Festgelände, packten je eine Motorsäge und begannen den Stamm zu einen Mahnmal zurecht zu sägen, was beinahe eine Stunde dauerte.
Die Festschar, die mittlerweile auf 300 Personen angewachsen war, konnte sich jedoch für die klingenden Sägen nicht richtig begeistern. Die Ländlerkapelle verlor ihren Takt und sogar die Bratwürste rochen irgendwie anders. Verärgerte Gäste machten sich auf zur Shuttle-Station, interessierte begannen zu diskutieren, engagierte bekundeten Solidarität mit den drei Protestierenden. Nicht mehr aufzufinden war die Festleitung aus Savognin. Mitsäger Roland Ott erklärt im Nachhinein: «Es hat wahnsinnig Spass gemacht und hat uns Flixer zusammengeschweisst, keiner bereut den Tag.»


...für mehr Ruhe.

           Die Protestaktion führte zum «pur suveran», einem Verein, dessen Ziel die Erhaltung der Alp Flix als Kulturlandschaft mitsamt ihrer Artenvielfalt ist. Zudem soll die ökologische Bewirtschaftung der Flix gefördert und ein umweltbewusster Tourismus erlaubt werden. Auf der Internetseite kann nachgelesen werden, was der Verein will: «Bauern, Hirten und Sennen mit Ihren Familien prägten und prägen diese Kulturlandschaft. Kitsch aller Art, Disneyfikation und Fremdbestimmung bekämpfen wir. In dieser erhabenen Bergwelt soll Gelassenheit, Inspiration und Harmonie weiter bestehen.»

           Die Protestaktion hat dem «pur suveran» gezeigt, dass wer nicht bestimmt, über den wird bestimmt. Als Folgerung bleibt ihm keine Wahl: Er macht sich selber zum Tourismusanbieter und will auf der Flix Workshops und Bildungswochen anbieten. Vorerst können das Töpferkurse, Älplerzmorgen, Wiesenexkursionen und Annäherungskurse an die Landwirtschaft sein, später vielleicht auch wieder ein Alpfest – jedoch immer organisiert und/oder durchgeführt von den Einwohnern der Alp Flix. Als Tourist achte man auf das Mahnmal am Eingang zur schönsten Alpenterrasse der Schweiz.

 


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