Der Jura ist viel härter als man denkt
     
 


Wer meint, der Jura sei eine sanfte Hügelzone und die «echten» Bergbetriebe finde man nur in den Alpen, irrt. Das Klima ist viel härter als man denkt, trotzdem werden viele ehemalige Sömmerungsbetriebe heute das ganze Jahr bewirtschaftet.

Regula Wehrli

 

Juraweide
Foto: Regula Wehrli  
 
 

           Welche Älplerin, welcher Älpler ist nicht schon dem Traum nachgehangen, wie’s wär, das ganze Jahr auf der Alp zu leben. Roger Meier hat den Traum wahrgemacht. «Ich habe 1981 mit meiner Partnerin im Berner Jura eine Sömmerung übernommen. Wir hatten rund 50 Rinder unter unserer Obhut.» Am Anfang sei es nur eine verrückte Idee gewesen, auf dem «Tscharner» einen Ganzjahresbetrieb aufzubauen. Trotzdem hat das junge Paar mit der Burgergemeinde Biel, der Eigentümerin, Verhandlungen aufgenommen. «Sie haben uns tatsächlich grünes Licht gegeben, das ganze Jahr auf dem Berg zu leben und es wurde ein Pachtvertrag ausgehandelt.» Meier schmunzelt: «Wahrscheinlich hat niemand wirklich daran geglaubt, dass wir's packen. Wir hatten kein Geld, wenig Erfahrung und unser Berg war sehr hart, weil er schattseits gelegen war. Der Tscharner liegt zwar nur auf 1030 m. ü. M., trotzdem wurde er in die Bergzone 3 eingeteilt», verdeutlicht er die harten Bedingungen. Über die Jahre sei es gelungen, einen rentablen Ganzjahresbetrieb aufzubauen. Roger Meier hatte später keine Rinder mehr zur Sömmerung dafür eine eigene Mutterkuhherde. «Der Jura wird vielfach unterschätzt, das Klima ist hart, die Winter sind lang», gibt Meier zu bedenken. Typisch für den Jura sei auch, dass die Zufahrtswege zu den Höfen sehr weit seien. Im Winter musste er (gemeinsam mit dem Nachbarn) auf rund 10 km Naturstrasse den Schnee räumen. «Das hiess bei starkem Schneefall in der Nacht aufstehen und den Weg öffnen, sonst hätte ich am Morgen die Schneemassen nicht rechtzeitig räumen können, um die Kinder in die Schule zu bringen.»

           Diese Erfahrungen sind für Daniel Geiser vom CFVA Jura bernois (Landwirtschaftliches Bildungs- und Beratungszentrum) typisch. Der Jura wirkt sanfter als die Alpen, aber das Klima ist hart. «Während in den Alpen die Waldgrenze oft über 2000 m liegt, ist sie im Jura etwa bei 1300 m, das gibt einen Vergleich, wie unwirtlich das Klima ist», erklärt Geiser und fügt an, viele Gebiete seien auch stark dem Wind ausgesetzt. Hinzu kommt, dass die Wasserversorgung oft problematisch ist, da Quellen rar sind. Das Wasser wird in Zisternen gesammelt, trotzdem ist die Menge oft knapp und die Wasserqualität kann ungenügend sein. Heute ist das Chasseralgebiet zwar am Wasserleitungsnetz angeschlossen, aber die Kosten für das Trinkwasser sind natürlich hoch.

           Ursprünglich ist im Jura fast ausschliesslich Jungvieh gesömmert worden, nur im Waadtländer Jura ist man auch mit den Kühen auf den Berg gezogen. In der Regel wurden die Kühe in der Nähe vom Dorf auf Gemeinschaftsweiden gehalten, am Abend trieb man sie zum Melken wieder nach Hause, beschreibt Geiser die traditionelle Bewirtschaftung.»

           Auch heute noch werden hauptsächlich Rinder gesömmert, aber in den vergangen Jahrzehnten wurden viele ehemalige Sömmerungsbetriebe zu Ganzjahresbetrieben umstrukturiert. Entsprechend trifft man auch mehr Kühe an», beschreibt der Fachmann die aktuelle Situation. Er präzisiert, im Sommer würden oft zusätzlich zum Ganzjahresbetrieb noch Sömmerungsrinder gehalten. Aber Geiser sieht in der aktuellen Entwicklung Anzeichen dafür, dass künftig im Jura Bergbetriebe wegen den harten Bedingungen eher wieder nur als Sömmerungsbetriebe genutzt werden, wenn nicht entsprechende Massnahmen getroffen würden.

           Es gibt viele Unterschiede zwischen den Berggebieten im Jura und dem Oberland, setzt Geiser auseinander. «Charakteristisch für den Jura sind die bewaldeten Weiden, man spricht von sogenannten Wytweiden. Diese sind dem Forstgesetz unterstellt. Das heisst für die Bewirtschaftung, dass Dünger, Herbizide und Schädlingsbekämpfungsmittel untersagt sind.» Das würde laut Geiser mehr Arbeitskräfte nötig machen, was aber finanziell kaum tragbar ist. So zeichnen sich zwei Tendenzen ab: «Einerseits werden die Weiden in Hausnähe immer mehr übernutzt und der Jungwuchs verschwindet. Dagegen verbuschen entlegenere Weiden zusehends. So werden die ökologisch wertvollen Wytweiden immer seltener.»

           Die Bergbetriebe im Jura werden »Métairie» genannt und traditionell führten die «Älplerinnen und Älpler» neben der Hirtung eine einfache Berggastwirtschaft. Geiser ergänzt, der Begriff «Métairie» komme von «Métayer» (la moitié, die Hälfte), da die Bergler etwas zwischen Pächter und Angestellten waren und der Ertrag der Sömmerung mit dem Besitzer zur Hälfte aufgeteilt wurde. Zum Stichwort «Besitzer»: «Das ist ein weiterer wichtiger Unterschied. Während im Oberland oft Alpkooperationen oder private Besitzer Eigentümer der Bergbetriebe sind, sind das fast in allen Gebieten im Jura meistens Burgergemeinden. Diese Burgergemeinden sind oft relativ weit vom Berg entfernt.»

           Auf die Zukunftsperspektiven für die Bergbetriebe im Jura angesprochen, weist Daniel Geiser auf die stetig sinkenden Rinderzahlen hin. Man müsse damit rechnen, dass dieser Trend noch weiter anhalte. «Ich glaube, es ist wichtig, dass wir nicht einfach Einzelmassnahmen in die Wege leiten, sondern regional denken und verschiedene Ressourcen vernetzen.» Dass das nicht einfach Wunschdenken ist, zeigt sich in der Chasseral-Region. «Es ist ein Projekt in die Wege geleitet, dass ein sogenannter «Parc régional» aufgezogen wird. Das heisst, dass im Chasseralgebiet Gemeinden und Fördervereine gemeinsame Wege suchen, und Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus Hand in Hand arbeiten. Der Parc régional soll neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen und gleichzeitig naturschützerischen Gesichtspunkten Rechnung tragen.»

            Roger Meier sitzt in der Frühlingssonne auf einer Juraweide. Er blickt in die Weite, alles ist gelb, die wilden Osterglocken bedecken Ende April die Hänge. «Im Sommer siehst Du nichts mehr davon, dafür blüht dann der gelbe Enzian. Wir Bauern dürfen zur Weidepflege Enzian ausgraben, obwohl er geschützt ist. Im Winter brennt dann jeder auf dem eingeschneiten Hof sein Quantum Enzianenschnaps aus den Wurzeln.» Obwohl Meier nicht im Jura aufgewachsen ist, kann er sich keine andere Heimat mehr vorstellen. «Früher hat man manchmal Scharlatane als Alternative zum Gefängnis in den Jura abgeschoben. Dort wollte niemand leben, weil's zu hart war. Oder die Täufer: Sie sind in den Jura geflüchtet.» Verschmitzt fügt er an: «Du siehst, wir waren schon immer ein besonderes Völkli hier...»

 


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