Mit Kinder auf die Alp
     
 


Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder in einer gesunden, natürlichen Umgebung aufwachsen, in der sie ihre Fantasie frei ausleben können. Die Alp bietet reichlich davon. Wieviele Kinder «gesömmert» werden, weiss niemand. Zwei Mütter und ein Vater sprachen über ihre Erfahrung mit Kindern auf der Alp, den Alltag, die Schwierigkeiten.

Magnus Furrer
 

Die Alp, die Freude, das Leben
Zeichnung: Andrea Flury
 
 

Als Stadtfamilie ...

             «Die Kinder waren nie krank, uns allen ging es viel besser auf der Alp.» Gabriela Steffen kommt ins Schwärmen, wenn sie von der Alpzeit mit ihrem Mann Werner und den beiden Buben Aron und Uriel berichtet. Drei Sömmer gingen sie im Bündnerland auf verschiedene Rinderalpen. Im letzten Alpsommer waren die Kinder drei und fünf Jahre alt. «Sie lernten einen gesunden Umgang mit den Tieren, spürten viel mehr die Natur. Einer von uns war für die Buben da, nicht als Arbeitskraft im Alpbetrieb.» So teilten sich Gabriela und Werner die Alparbeiten. «Der Alpmeister ging wohl davon aus, dass Werner der Hirt sei. Darum hat er uns die Alp gegeben.»
Beim letzten Alpsommer reichte eine Arbeitskraft nicht mehr. So kam die erste Zeit eine Freundin mit ihren Kindern, später ein Hütemädchen aus dem Tal.
            «Wir mussten Geld sparen, um uns die Alp leisten zu können. Die Fixkosten im Tal laufen weiter, der Alplohn reichte nicht, um sie zu decken. So konnten wir nur jeden zweiten Sommer auf die Alp.» Darauf angesprochen, warum sie nicht mehr z’Alp gehen, tönt es ernüchternd. «Ich hoffte, dass wir bald wieder gehen würden, auf der anderen Seite sah ich, wie die Kinder zu Hause immer mehr in einen Alltag eingebunden waren, mit der Schule erst recht. Dazu kam das finanzielle Risiko. Ich litt darunter. Es ist frustrierend: Als Familie, die ein Leben ausserhalb der Landwirtschaft führt, hast du keine Chance, regelmässig auf die Alp zu gehen, obwohl es für die Kinder so toll wäre. Wir haben nun entschieden, dass wir die nächsten zehn Jahre nicht mehr alpen. Ein trauriger, aber realistischer Entscheid. Immerhin, seither geht es mir wieder besser.»


als Bauernfamilie ...

            «Das ist unser Leben. Für uns ist das selbstverständlich – und so ist es auch für unsere Kinder. Sie sind immer gerne mit auf die Alp gekommen.» Für Elfriede Aebersold stellt sich die Frage nicht, ob sie und ihr Mann Werner mit ihren Kindern dieses Jahr wieder auf die Alp ziehen. Ihr kleiner Bauernbetrieb im Berner Oberland ist zu klein, um eine sechsköpfige Familie zu ernähren. Auf der Alp erarbeiten sie den Hauptteil ihres Einkommens – seit über fünfzehn Jahren. «Hanni, die älteste Tochter hat dieses Jahr extra Ferien genommen, um beim Alpaufzug dabei sein zu können.» Inzwischen in der Lehre hat Hanni mit ihren 17 Jahren fast soviele Alpsommer Ðauf dem Buckelð. Zu Beginn der Schulferien ging sie jeweils wie ihr Bruder Daniel (15) und Schwester Vroni (10) z’Alp, die jüngste, Lydia, ist erst ein Jahr alt. Erst nach den Herbstferien hiess es wieder die Schulbank drücken. «Eine Lehrerin haben wir immer gefunden, obwohl wir neben Kost und Logis nur ein besseres Sackgeld bezahlen können.» Ein Problem sei es nicht, die Schuldispens zu bekommen, als Eltern tragen sie die Verantwortung, dass die Kinder den Stoff vermittelt bekommen. Einzig für die Sekundarstufe gibt es keine Dispens. Für Hanni die Wahl der Qual. Entweder Sek oder Alp. Sie hatte sich für letzteres entschieden.
«Die Kinder gehen drei Wochen zur Schule, in denen sie den vorgegebenen Stoff in den Hauptfächern erarbeiten müssen. Klar sind sie lieber bei den Tieren als bei der Lehrerin. Jetzt ist es besser. Da wir zwei Stafel bewirtschaften, haben sie einen Schulweg. Wir sind mit den Tieren auf dem oberen Stafel, die Lehrerin erteilt den Unterricht im unteren. Mit der Seilbahn schicke ich ihnen das Mittagessen. Am Abend laufen sie wieder hoch.»
            Die Kinder müssen im Stall mithelfen die neun Kühe und zwölf Ziegen melken, dazu tagsüber das Jungvieh zählen. «Manchmal jammern sie schon ein bisschen, wenn sie mithelfen müssen. Aber kaum ist mein Mann einmal kurz im Tal, sagen sie schon, ihnen sei es langweilig.»
Früher, als die Kinder noch klein waren, legten sie die Eltern während dem Melken in die Futterkrippe oder die Kleinen schauten vom Laufgitter beim Käsen zu. «Irgendwie ging es immer», betont Elfriede Aebersold. Krank seien die Kinder nie gewesen, manchmal «e chly de Schnoderi». Daniel spürt auf der Alp sein Asthma kaum. Auf die Frage, warum sie kein Ganzjahresbetrieb suchen, kam die Antwort prompt: «Mein Mann geht schon seit er aus der Schule ist z’Alp. Drei Jahre hatten wir einen Ganzjahresbetrieb. Er wurde krank.»


Job gekündigt und mit den Kindern zalp

            «Die Sozialkompetenz, Verantwortung übernehmen, das haben sie zu einem grossen Teil auf der Alp gelernt. Es war eine ganz wichtige Zeit für meine Kinder.» So umschreibt Martin Tschümperlin, der drei Jahre mit seinen beiden Töchtern Simone und Eliane auf einer Alp im Entlebuch war. «Ich war selber mehrere Jahre z’Alp und fand es eine tolle Idee, dies meinen Kindern zu ermöglichen.» So kündigte er seine Anstellung als Sozalpädagoge, nahm die Kindern von der Schule und zog mit 30 Rindern, 10 Ziegen, mit Ratten, Hund, Schaf, Maultier, Hühnern und Kaninchen auf die Alp. «Die Schule zeigte sich sehr kooperativ; die Klasse selber besuchte die Alp. Für die Schulkinder war es spannend, ein Gschpänli auf der Alp zu wissen.» Seine Kinder wurden von seiner Frau unterrichtet. Sie kam jeweils am Wochenende hoch. «Die Kinder lernten sehr gut auf der Alp, für meine Frau war es schwieriger. Sie wollte lieber mithelfen als Lehrerin spielen.»
Mit der Ziegenmilch stellte Martin Käse her, während die Kinder draussen den Rindern nachgingen und sich um die Ziegen kümmerten. «Käsen interessierte sie nicht, vielleicht mal mithelfen. Ich würde, obwohl es keine richtige Käsealp war, nicht mehr mit Kindern auf eine Alp mit Milchverarbeitung. Als Erwachsener bist du zu stark angebunden und für die Kinder ist es viel spannender, draussen in der Natur zu sein. Sie hatten auch nie den Alpkoller, es konnte noch so schlechtes Wetter sein. Wichtig war dann die Stube, die wir heizen konnten.»
            «Der Lohn war niedrig, wir gönnten uns die Alp. Es war Luxus. Aber wenn ich sehe, wie die Kinder mit den Lebensmittel umgehen, Zusammenhänge der Natur verstehen, hat es sich mehr als gelohnt. Sie sprechen heute, zwei Jahre nach dem letzten Alpsommer, immer wieder von dieser Zeit.»

 

 
 
Kinderzulagen
 
 

Als ÄlplerIn mit Kindern hat mensch Anrecht auf Kinderzulagen. Wenn die Alpmeister nicht selber aktiv werden, müssen sie darauf hingewiesen werden. Ebenfalls können selbständige ÄlplerInnen Kinderzulagen beantragen. Die AHV-Kasse, wo er/sie als SelbständigeR angemeldet ist, verschickt bei entsprechender Anfrage die notwendigen Formulare. Es reicht, dies nach der Alpzeit zu erledigen, das Geld kommt halt etwas später. Viel Glück, ansonsten hilft das Alpofon weiter!

 


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