Stell dir vor, du bist auf der Alp und siehst keine Kuh
     
 


Zum Beispiel in einigen Gegenden des Berner Oberlands verbringen die Kühe und Rinder auf der Alp den ganzen Tag angebunden im Stall. Ist das bloss ein alter Zopf oder sprechen Gründe für diese Art Alpwirtschaft? – Aufmüpfige Gedanken einer Älplerin.

Regula Wehrli
 

 
der Stall voll Kühe, die Weide unbenutzt
 
 
Foto: Regula Wehrli
 
 
 

            Touristen und Touristinnen aus aller Welt flanieren durch Gstaad. Sie sehen, hier im Berner Oberland ist die Welt noch in Ordnung: Berge, Kühe, Milch und Käse. Das wird ihnen in jedem Schaufenster gezeigt, egal, ob teure Spitzen-Dessous, Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald (!), oder Schokolade angeboten werden, es tummeln sich überall lustige Kühe und Geisslein zwischen den Produkten.
Ein spätsommerlicher Tag Ende August, eine Gruppe wackerer Wandersleute aus Japan will das Alpleben einmal echt erleben. Es ist bewölkt und es geht eine frische Brise, angenehm zum Wandern. Der Film im Photoapparat ist eingespannt: Los geht’s, wir photographieren echte Schweizer Kühe auf der Alp. Aber was ist los? Wo sind all die Kühe? Keine einzige Kuh weit und breit, da nützt auch der Feldstecher nichts. Die Gruppe trifft auf einen Älpler: «Wo sind denn die Kühe?» Die seien «dänk» im Stall, murmelt er. – «Warum?» – «He, das ist halt Tradition bei uns».

            Es gibt sie zuhauf, die Alpen, wo die Kühe und auch die Rinder den Tag angebunden im Stall verbringen, bis sie am Abend nach dem Melken ausgelassen werden – und das nicht nur an den heissesten Tagen. Ich habe den letzten Sommer auf einer solchen Alp (auf 2000 m.ü.M!) in der Nähe von Gstaad verbracht und wollte verstehen, warum dort so gewirtschaftet wird. Denn unsere Alp ist zum Beispiel im Saanenland kein Einzelfall. Fragte ich die Nachbarälpler, bekam ich die Standard-Antwort, das sei Tradition. Ich wollte es genauer wissen, und fragte an der Bergbauernschule Inforama Berner Oberland, Hondrich nach. Ich wurde mehrmals weitergeleitet, niemand war zuständig für diese Frage. Beim Schulleiter (und Sekretär des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands) Peter Wäfler angelangt, bekam ich schliesslich von der Sekretärin die ernüchternde Antwort ausgerichtet, das müsse ich die Bauern und Bäuerinnen selber fragen. Handelt es sich da um ein goldenes Kalb, das niemand schlachten will?

            Nein. Ausgerechnet im Kanton Graubünden, wo die Kühe auf der Alp normalerweise nur schnell zum Melken gestallt werden, und für die Rinder in der Regel gar kein Stall zur Verfügung steht, kann man meine Fragen beantworten. Leonhard Hug von der Landwirtschaftlichen Schule Plantahof erklärt mir Punkte, die für das Stallen auf der Alp sprechen:

            «Je tiefer eine Alp liegt, desto eher macht das Stallen tagsüber Sinn und das nicht nur wegen der Hitze. Das Futter ist dort üppiger als auf hohen Alpen. Das heisst, die Kühe fressen nach dem Melken vielleicht bis gegen Ende Vormittag, dann sind sie bereits satt und liegen bis fast zum Abendmelken. Die Auswirkungen auf die Weiden, dort wo die Kühe bevorzugt liegen, sind bekannt: Vermehrte Verunkrautung (Stichwort Blacke) und einseitige Überdüngung, um nur die wichtigsten Stichworte zu erwähnen. Hinzu kommt, dass sie auch viel Futter vertrampen, wenn sie eigentlich schon satt sind, aber auf der Suche nach Delikatessen noch auf der Weide herumziehen.»

            Ein weiterer Faktor sind die Fliegen und Bremsen, die ebenfalls vor allem auf tiefer gelegenen Alpen zu einer wahren Plage für das Rindvieh werden, zeigt Hug auf. Auf meinen Einwand, der Stall ziehe doch wegen dem Mist-Duft erst recht Fliegen und Bremsen an, und dort angebunden seien die Kühe den kleinen Plaggeistern viel mehr ausgeliefert, schränkt Hug ein, die Ställe böten schon einen gewissen Schutz, da diese Insekten das Dunkle meiden würden.

            So weit so gut, aber warum werden denn nicht überall und seit jeher die Kühe auf der Alp tagsüber gestallt? Laut Hug hat das einerseits auch mit Mentalität und Tradition zu tun. Anderseits verdeutlicht er, dass wie bereits eingangs erwähnt, auf höher gelegenen Alpen die Sache anders aussehe. So seien wegen dem weniger üppigen Futterangebot auf hohen Weiden die Kühe praktisch den ganzen Tag mit fressen beschäftigt. Entscheidend sind für Leonhard Hug auch die Platzverhältnisse. Je kleiner die Alpfläche ist, desto weniger kann man Verunkrautung oder Lägerbestände mit Blacken in kauf nehmen.
In diesem Zusammenhang muss auch die Düngung erwähnt werden. Sind die Tiere den ganzen Tag im Stall, kann Mist und Gülle gezielt und gleichmässig auf den Alpweiden verteilt werden.

            Nach diesen Ausführungen sehe ich, dass das Stallen auch Vorteile bringen kann. Und doch, da tauchen in meinen Erinnerungen die Bilder auf: Die Luft im Stall war stickig, das Klima feucht-warm. Die Kühe waren meistens recht stark verdreckt. Kein Wunder, die Alpställe sind verglichen mit den Ställen im Tal eng und einfach eingerichtet. Da hat alles misten nicht verhindert, dass die Kühe im Dreck lagen, oder die Kuh auf dem Läger gegenüber gelegentlich auch was ab bekam. Bei so ungünstigen Verhältnissen war es auch schwierig, eine einwandfreie Milchqualität zu gewährleisten.

            Meine Erfahrungen hinterlassen kein gutes Gefühl. Da wurde rund eine Tonne Stroh auf den Berg geführt. Es ist, wie ich gesehen habe, auch nicht unüblich, dass im Spätsommer ergänzend täglich Heu zugefüttert wird (verbotenerweise notabene), weil die Kühe nun nur über Nacht nicht mehr genügend Futter aufnehmen können. Ein Augenschein auf den Weiden zeigte mir aber, dass das Futterangebot gereicht hätte, wenn die Tiere genügend Zeit zum Fressen gehabt hätten. Einige Älpler trugen dem Rechnung und liessen die Kühe in den letzten Alpwochen nach dem Melken nochmals bis zum Mittag aus.

            Versuche ich, die Alpwirtschaft im Saanenland zu be-urteilen, statt einfach zu ver-urteilen, sehe ich Vorteile des Stallens. Ich verstehe, dass es auch darum geht den Berg zu hegen. Aber warum nicht etwas mehr Flexibilität? Warum nicht anfangs Sommer tagsüber stallen, damit die fettesten, wüchsigsten Weiden schöner gefressen werden und man dort düngen kann. Später wird dann je nach Wetter eingestallt, so wie es den Tieren am wohlsten ist.
Schliesslich hängt die Leistung der Tiere auch stark von ihrem Wohlbefinden ab.

 


Home | mail@zalp.ch