La Neira erzählt
     
 

Bin die Älteste hieroben...

von M. M.
 

Juraweide
Foto: Res Keller 
 
 

           Bin von uns Braunen die dunkelste, drum halt mein Name.
Heute darf ich’s schon sagen: Bin eine Leitkuh, meist die Schönste, gewesen. Hab am meisten Milch gegeben, Prachtskälber geboren und Tumasch, mein Pur, liebt mich mehr als die andern. – Ich ihn auch,.. fest. Ist ein lieber Mensch mit uns Tieren.
Hab grosse Erfahrung. Sag das einfach so. Plagiere nicht, warum auch. S’ist halt so. Schon lange geh ich hier z‘Alp. Bin die Älteste hier oben. Kenne den Laden. Hab viel zu erzählen. Zum Beispiel...

           Die Sennen:
           Vor Jahren hab ich ihn auf die Hörner genommen, den «Tschasper». Spitalreif. Er kam dann nicht wieder. Er verstand uns nicht. Verstand seine Hirten nicht, und er verstand sich selbst grad auch nicht. Er verstand auch den Chäs nicht. War ein Schnorri, brachte alle und alles durcheinander. Vor allem, er schlug alle, sogar den Schitstock, wenn er wütend war. – Vor mir hatte er Respekt.
Ich schaute lange zu. Bis er meine kleine Kollegin, die Mira, wieder mal so brutal schlug, weil sie das Milchkessi umstiess. Sie machte es natürlich zu oft; war halt eben jung und schon ein wenig ein Luuschaib. Sie machte es extra, um diesen «dummen Lööli» zu ärgern, wie sie mir sagte. Tschasper schlug aber zu hart und zu lang, – mit dem Stecken. Nachher trieb er uns aus dem Stall und haute wieder auf die Mira ein, ohne Grund. Da langte es mir. – Eben. Er kam dann nicht wieder. Scheints lag er lange im Spital.

           Ich hatte ihn ja gewarnt. Er aber verstand es nicht. Mein Pur verstand mich, seine Kinder, viele konnten mich verstehen, wenn ich ein Zeichen gab. Er aber war eben dumm, dümmer als sein schlecht gemachter Chäs. – Was blieb mir da anders übrig.
Viele Sennen waren so durchschnittlich. Profillos. Sie machten alles halt so recht und schlecht. Das Nötigste eben. Konnte sie irgendwie verstehen, hatten alle ihre Sorgen, keine rechte Freude am Leben. Sogar in der Freizeit führten sie nur ihre Traurigkeit spazieren. Wenn die Sonne schien, alles herrlich duftete, die Gräslein, Kräutlein, merkten sie es nicht. Wenn es regnete, schimpften, fluchten sie. Das war ihr Seelenleben. Flach eben. Der Herrgott hätte ihnen persönlich erscheinen können, sie hätten’s nicht gemerkt. Meist sprachen sie eh nur vom Tüfel... «soll’s hole, verdammte Siech..., huara Chaib». Was wir da alles mitanhören mussten, den ganzen Tag.

           Einige Sennerinnen waren da nicht viel besser. Vielleicht etwas fiiner, teils aber noch gröber, ohoohh!! Die eine, die «Lisa», war aber der bare Engel. Mit der konnte ich sogar schwätzen. Sie war zu allen lieb, sehr lieb. Verweilte viel bei dieser oder jener Kollegin; längere Zeit, und sie hatten Zwiegespräch. Viel und lange halt auch mit mir. Sie streichelte uns lieb, anders als die andern. Wir spürten ihr Herz dabei...so schön und ruhig klopfen. – Als wir im September hinunter mussten, und sie noch zurückblieb, hatten viele von uns Tränen. Ich selbst trolte einige Male fast um, weil es mich richtig schüttelte, weil ich das Brieggen verklemmen wollte, und dann vor lauter Augenwasser die Löcher und Steine des Weges nicht dort sah, wo sie wirklich waren. Lisa heiratete dann und kam nicht mehr. Der Bläss sagte mir, sie sei in Kanadien oder so. Hoffentlich hat sie einen lieben Mann, die Hübsche. – Ja, das war sie. Hübsch! Und unter uns: Sie hatte so warme, weiche Hände, schöne. Nicht so steife, dreckige. Und wenn sie mich küsste...oh wie das wohltat. Ihr aber sicher auch, sie drückte mich nämlich immer so lange und schloss dabei ihre lustigen Augen. Manchmal tat es mir sogar weh, hatte kaum mehr Schnuuf. Nahm das aber gerne in Kauf, und wie.
Es gab natürlich noch einen Senn, den ich sehr liebte. Davon vielleicht ein andermal.

           Die HirtInnen:
           Buntes Volk. Wirklich. Erlebte so von allem etwas. Am liebsten hatte ich natürlich die ruhigen, älteren, erfahrenen. – Die Hunde waren immer so wie ihre Alten, die Hirten. Es gab davon ganz feine. Am meisten hasste ich, – jaa, es waren nur , in allen Jahren, etwa drei solche –, Wiber, die so hoch krächzten, wenn sie schrien. Das wäre noch gegangen. Aber sie schrien dauernd... und wurden nie heiser. Ich war da immer völlig zusammengezuckt und sehr verspannt, und wir Kolleginnen mussten uns dann gegenseitig lang und fest lecken, die Muskeln weich massieren. Das fiel aber diesen Wibern nicht auf... wie ihr Krächzen uns im Kopf weh tat und wie wir litten. Sie schreikrächzten auch ihre Hunde an, die dann richtig Grimassen schnieden und den Schwanz einzogen – nicht aus Angst. Aus purem Ekel nämlich.

           Ein Hirt war ein besonders lieber Kerl. Gross, dünn, feinnervig, auch in der Seele. Weisse Haut, grosse, ängstliche Augen, zarte Finger, wie so ein Künstler. – Ein Städter. Studierte Medizin; aber nicht für Tiere, von diesen hatte er Angst. Er wollte z’Alp gehen um fit und stark zu werden, Kondition oder sowas. Wenn ihr mich fragt, wollte er ein Mann werden. Wegen ihm hatte ich auch schon Tränen, weil es mich so rührte oder ich lachen musste. Er gab sich soo Mühe, rannte bergauf, bergab, fiel querhin, vornüber, verlor den Stecken, kotzte halb und hatte die Herde trotzdem nie beisammen. Abends half ihm amigs der Bläss, sonst wäre da wohl nichts gegangen. Dann hatte er nur noch Durst, keinen Hunger. Er wurde noch mägerer und ging dann, nach einer Woche, nach Hause. – Der Bläss sagte mir neulich, der sei jetzt Arzt in der Stadt, und zwar ein sehr guter. Ich werd ihn nie vergessen. Er war so ein lieber Kerl. Wir haben alle viel Rücksicht auf ihn genommen. Aber er seckelte einfach immer drauflos. Wir konnten da noch lange extra stehenbleiben. – Ja, er war wirklich ein ganz lieber Kerl. Hat uns nie, nie geschlagen und, vor allem, nie gekrächzt, so schrillhoch und andauernd, wie das Wib nach ihm.
Der Bläss war übrigens auch ein ganz lieber Kerl. Wusste immer über alles Bscheid. Wir waren viel zusammen und schwätzten viel miteinander.

           Ja, so war’s halt, und ist’s heute noch. Viele liebe Menschen erlebte ich, und einige ganz liebe, und einige wenige habe ich halt vergessen; die, die halt einfach keinen gscheiten Eindruck hinterliessen.
Früher, als ich noch den Karren ziehen konnte, ging ich im Herbst öfter mal mit Tumasch, meinem Bauern, Mist ausführen; vorbei an der Alphütte, die zum Herbst bereits ihre Augen geschlossen hatte. Und es fiel mir auf, dass sie im einen Jahr friedlich, im andern eher traurig dreinschaute, je nach dem, welcher Mensch mit wieviel Herz die Hütte aufgeräumt und zugemacht, und sich auf diese oder andere Art, – oder gar nicht nett, von ihr verabschiedet hatte. Die Lieben liessen eben amig’s einen Teil ihrer Seele dort oben, bei der Hütte. Das merkte ich immer, wenn die Hütte dann nicht ganz alleine war, zum Winter hin.

           Vielleicht kann ich nächsten Sommer nicht mehr hinauf. Mag nicht mehr so. Und die Sennen und HirtInnen hab ich auch nicht mehr so im Griff wie früher, bin nur noch «die Alte». Meine Kolleginnen haben mir schon gesagt, sie würden dann aber auch nicht mehr gehen. Ich sei halt schon so etwas wie ihre grosse Mutter. Und wenn nächstes Jahr wieder diese lieblosen Menschen kommen würden, dann würden sie ganz sicher nicht mehr hingehen. Ich habe ihnen dann schon zugeredet. Und ich werde meinem Tumasch auch zureden, dass unbedingt dann die vom vorletzten Jahr wieder kommen müssten, oder die, die vor 4 Jahren da waren, die waren wirklich lieb. Nur die vom letzten Jahr nicht. – Er wird’s schon richten. Er hört auf mich und ist schliesslich Alpmeister und überhaupt sehr geachtet im Dorf.

           Vielleicht gehe ich dann doch nochmals hinauf, wenn ich mag, ... und es wirklich sein muss.

(Alle Namen wurden geändert)

 


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