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Megalithe,
Schalensteine und Menhire sind die ältesten Zeugen menschlicher Orientierung
in Raum und Zeit und vorchristlicher kultischer Glaubensvorstellung. Nicht
selten heissen sie Erdmannlistein, Teufelstisch, Hexenstein, die grossen
Steinblöcke, die uns auf Wiesen, Hügelkuppen und Passübergängen
begegnen und uns aufgrund ihrer Grösse, ihrer Formen oder Einritzungen
interessieren und faszinieren. |
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Die Wissenschaft nennt sie Megalithe, Schalensteine, Menhire, Opfersteine und stellt sie uns vor als die letzten Zeugen einer längst versunkenen, jungstein- und bronzezeitlichen Kultur in den Bündner Alpentälern. Sie erinnern mit ihren Rillen und Gravuren an die Zeit, als der Mensch begann, sich mit dem ihn überspannenden Himmel in Zusammenhang zu sehen. Er entwickelte die Astrologie, um die kosmischen Abläufe zu verstehen und errichtete Steinreihen und Steinkreise, um die periodischen Saat- und Erntezeiten mit der kosmischen Ordnung in Zusammenhang bringen zu können. Es ist dies eine Zeit, in der der Mensch versucht, das labile Gleichgewicht zwischen schützenden, heilbringenden und schädigenden, unheilbringenden Energien aufrechtzuerhalten. Er tut dies in Achtung und Verehrung der ihn umgebenden Naturelemente, er ehrt die Berg-, Sturm-, Wasser-, und Feuerkräfte und bittet und dankt ihnen mit Opferritualen und Fruchtbarkeitsgebeten auf Bergplateaus, an Quellen und in Höhlen. Er bearbeitet Felskuppen und Steine zu Kulttierfiguren, gibt ihnen Gestalt und Namen und achtete die Kräfte, die in ihnen ruhen. So verehrt er den Stier der Fruchtbarkeit wegen (Stierstein bei Flims) und die Schlange der Heilkraft wegen (Schlangenstein unterhalb Pleiv, im Peiltal usw.) und stellt diese magischen Objekte zum Schutze des Feldes, der Siedlung, des Weges hin, wie heute noch Hörner unsere Ställe schützend zieren und Fruchtbarkeit wahren.
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Auch wenn durch Erdbewegungen im Laufe der Jahrtausende Steine verkippt oder abgestürzt sind, und laufend im Zuge der Urbarmachung landwirtschaftlichen Bodens Steine gesprengt oder weggeschleift werden, sind uns heute viele Einzelsteine und ganze Plätze erhalten geblieben. In Falera (welches an der frühest begangenen Nord-Süd-Traverse von der Nordsee zum Mittelmeer, über Niederurnen, Schwanden, Panixerpass, Pignium Rueun, Ilanz, Uors, Vals, Valserberg, Rheinwald, San Bernardino, Valle Mesolcina liegt) befindet sich ein grosses, bronzezeitliches Himmelsobservatorium, das sich in seiner Bedeutung und Ausmass mit Orten wie Stonehenge (Südengland) oder Carnac (Bretagne) vergleichen lässt. Eine grosse Anzahl behauener und naturbelassener Blöcke verschiedener Gesteinsart, herbeigeschafft und aufgestellt zu mehreren Steinkreisen und -reihen ermöglichten es, Sonnen-, Mond- und Gestirnsaufgänge am Horizont vorherzusagen, sodass ein genauer Jahreskalender errechnet werden konnte. Die auf den grossen Opfersteinen eingravierten Schalen dienten neben ihrer kultischen Bedeutung ebenfalls der Bestimmung der genauen Daten der rituellen Feste, damit der Kontakt zu den Sternbildern, und der damit verbundenen Götter- und Mythenwelt aufrechterhalten werden konnte. So hat der Mensch, lange bevor die Schrift in Gebrauch kam, sich in Symbolen, Bildern und geometrischen Sinnbildern ausgedrückt, deren Geheimnisse und Bedeutungen wir erst heute wieder zu entschlüsseln beginnen und noch lange nicht vollumfassend verstehen können. So wissen wir zum Beispiel, dass ein Opferstein aus Ilanzer Verrucano, der am Nordende des Megalithzentrums in Falera steht, und eine Grundfläche von 40 m2 aufweist, mehrere von Menschenhand eingeritzte Schlangen und Schalen aufweist. Eine Schlange misst 3,4 m und berührt mit dem Kopf und dem Schwanz je eine Schale. Verbindet man diese Schalen mit einer Linie, weist sie mit Azimut 143° auf den Punkt am Horizont, wo die Sonne an Wintersonnwende (21.12.) aufgeht, und die Verbindungslinie der Köpfe der zwei kleinen Schlangen ergibt Azimut 62° und weist auf den Sonnenaufgangspunkt am Calanda, am 21. Mai, dem Tag der Songa Margriata (die christl. Umbenennung der Sagengestalt Madrisa), beides rituelle Festtage im keltischen Kalenderjahr. Der Körper der grossen Schlange weist erstaunlicherweise genau die gleiche Linie auf wie die Horizontlinie im Bereich des Sonnenaufganges zur Wintersonnwende, und die Schale am Kopf der Schlange wird als Symbol für die Sonne gedeutet. Auch die Sonnenaufgangspunkte von Sylvester und 6. Januar sind in den Kalendersteinen ablesbar, waren dies doch ganz wichtige Daten zur Orakellegung und Durchführung von Bräuchen der alten Hirtenkulturen, deren Überreste heute noch vorhanden sind, und, teils sinnentleert, heute noch durchgeführt werden (Bleigiessen, 12 Zwiebeln mit Salz bestreuen, Peitschenknallen, Hörnerblasen, Maskentreiben, schellen und jodeln). Aber, was die Schlange noch bedeutet haben mag, zu welchen rituellen Zwecken die Schalen sonst noch dienten, wie die Madrisa, die vorchristliche Frau der Alpenfruchtbarkeit wohl verehrt wurde, werden wir mit unseren heutigen, naturwissenschaftlichen Methoden wohl kaum mehr erarbeiten können. Dass in den Ritualen Segnungen für die Gaben der Natur enthalten waren nehmen wir an, aber ob in den Schalen Lichter brannten, ob Getreide hineingelegt wurde, ob Milch über die Rinnen floss um das Orakel zu befragen, oder ob die Schalenanordnungen Urformen einer lesbaren Schrift sind, oder Vorlagen für Tonfolgen, um die Steine zum klingen zu bringen, wissen wir nicht, wir ahnen es und spüren gleichzeitig, dass unsere Vorfahren mit diesen genial einfachen Zeichen noch viel mehr ausdrückten und tradierten. Mit den gesetzten Steinen, wie sie heute noch in grosser Zahl vorhanden und noch lange nicht wissenschaftlich vermessen und gesichtet sind, markierten sie Kraftlinien der Gestirne und erdmagnetische Felder; säulenartige Einzelsteine ergaben sichtbare Verbindungslinien in die Täler, Liniennetze von Kultort zu Kultort (wie es die heutigen Kirchtürme tun, die im Zuge der Christianisierung oft auf die alten Ritualorte gestellt wurden). Zwischen Ausmessung von Raum und Zeit und der Anbetung von übersinnlichen Mächten bestanden keine trennenden Grenzen, Kalendersteine waren gleichzeitig Kultsteine, Grabmale und Götterbilder, und waren Ausdruck der menschlichen Bezogenheit mit Natur, Religion und Kosmos. Bei den Steinen verehrte der jungsteinzeitliche Mensch seine Gottheiten, bei den Steinen zündete er seine Feuer an, bei den Steinen schlief er wenn er eine Vision suchte, bei den Steinen holte er Schutz und Kraft und hielt er Gericht. Bis ins Mittelalter brannten bei den Steinen in Falera die Kultfeuer und noch heute sind Steine mit geheimnisvollen Namen und Sagen verbunden, die vom Kampf zwischen den dunklen und den lichten Mächten erzählen und das uralte Wissen von der Messung des Sonnenlaufs an Wintersonnwende und von Licht- und Feuerkult am Tag der Wiedergeburt der Sonne enthalten. Und obwohl wir heute noch Steinrituale begehen, die an die vorchristliche Kulte erinnern, (setzen von Steinmenschen auf Passhöhen, setzen von Steinen auf Gräbern, setzen von Steinen auf Grenzen, taufen von Kindern auf Steinen usw.) haben wir deren magische Bedeutungen weitgehend vergessen. Aber wir können, wenn wir wollen, uns den Bedeutungen annähern, wir können ins Peiltal gehen, die Schalen auf dem Teufelstisch auf uns wirken lassen, können den Schlangenstein mit unseren Stimmen zum klingen bringen, können in der Dämmerung die Katzensteinfrau betrachten, wir können uns in eine Schale legen, damit uns die Schlange einen Gedanken, eine Vision ins Ohr gibt. Wir können heute noch den alten Toten- oder Seelenweg von Uors nach Pleiv gehen, können die Stimmungen bei den drei Steinekreisen von Il Crap da treis Siarps auf uns wirken lassen, können uns auf die Steine setzen und uns fragen, was sie uns lehren wollen. Wir erkennen die Steine, weil sie uns auf sie aufmerksam machen, und wir erkennen die Orte, weil sie alte Flurnamen tragen wie Sonnenkreis (Bedien), Altarplatz (La), Schlangenstein (Flims). Und wir folgen der alten Tradition unserer Urahnen, wenn wir am 11.8. zu den Steinen auf der Alphöhe gehen und uns mit unseren Mahnfeuern den Mächten stellen, das Helle gegen das Dunkle setzen. Marianne Schneider
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