Alpweide, Pflege und Nutzung
     
 


Am 5. Mai trafen sich ca. 25 Älplerinnen und Älpler im Restaurant Cooperativo in Zürich zu dem vom "Alparchiv" organisierten Vortrag mit Diskussion über Pflege und Nutzung von Alpweiden. Der Vortrag wurde von Walter Dietl von der Eidgen. Forschungsanstalt für landwirtschaftlichen Pflanzenbau, Zürich Reckenholz gehalten, dem wir an dieser Stelle herzlich danken.

für das Alparchiv: Gudrun Hoppe
 

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Walter Dietl schilderte anhand von Dias, wie eine landschaftsgerechte und langfristige Nutzung der Alpen aussehen kann, die auf die natürlichen Kreisläufe Rücksicht nimmt. Er gab auch einige Hinweise dazu, was wir Älplerinnen und Älpler im Sommer auf der Alp zur Weidepflege beitragen können. Nachfolgend nun eine Zusammenfassung des sehr interessanten und anregenden Vortrages mit einigen Zusatzinformationen von uns. Am Schluss folgen Literaturhinweise für jene, die sich noch weiter und ausführlicher informieren möchten.

Alpen planvoll nutzen
Regelmässig und „pfleglich“ genutzte, Alpweiden bilden die Grundlage für eine funktionierende, alpine Kulturlandschaft, wie sie schon seit ca. 2000 Jahren besteht. Ohne die regelmässige Bestossung in den Sommermonaten würden die Alpweiden mit hohen Gräsern, Stauden, Gebüschen und z. T. auch Bäumen verganden.

Der natürliche Pflanzenwuchs wird durch ein Zusammenspiel der am jeweiligen Standort gegebenen Klima-, Boden- und Vegetationsfaktoren und der bestehenden Geländeform gebildet. So gibt es von Natur aus fruchtbare und unfruchtbare Standorte und somit Flächen, die sich intensiv als Weiden nutzen lassen, Flächen die sich nur für eine extensive Nutzung eignen und für jegliche Weidenutzung ungeeignete Flächen. Die Pflege und Düngung der Alpweiden sollte immer im Zusammenhang mit der gesamten Alpnutzung gesehen werden. Es wäre sinnvoll, für jede Alp eine Nutzungs- und Weideplanung aufstellen zu lassen.

(Die Forschungsanstalt Reckenholz berechnet ca. Fr. 4000.-- für einen Weideplan, was ja z. B. im Verhältnis zu Meliorationskosten ein verschwindend geringer Betrag ist.. Der Weideplan kann von der Gemeinde über das Meliorationsamt in Auftrag gegeben werden.)

Welche Weiden sind verbesserungsfähig?
Auf Grund der unterschiedlichen natürlichen Wachstumsbedingungen muss man folgende Bereiche unterscheiden:

  1. Ertragreiche, richtig genutzte Weiden, z. B. Milchkrautweiden
  2. Verbesserungswürdige Weiden; durch richtige Nutzung, Pflege und eventuell auch massvolle Düngung (nie Stickstoff), z. B. über- oder unternutzte Weiden
  3. nicht verbesserungsfähige Weiden, z. B. reine Borstgrasweiden
  4. als Weide ungeeignete Bereiche wie Sümpfe, sehr steile Hänge, steinige,
    flachgründige Böden und dichtes Strauchgebüsch

Bei letzteren ist jeder Verbesserungsversuch früher oder später vergebliche Liebesmüh, da von den natürlichen Gegebenheiten her gar keine nutzbaren Weidepflanzen vorkommen können, bzw. Nutzungen nicht sinnvoll sind:

- Sümpfe sind sehr quell- bzw. grundwasserbeeinflusst und es liegen extrem saure Bodenverhältnisse vor, die keine Weidepflanzen zulassen. Auch Entwässerungsversuche ändern daran nichts und sind ausserdem nach Naturschutzgesetz verboten. Zusätzlich ist es für die schweren Tiere extrem mühsam, sich in solchem nicht tragfähigen Gelände fortzubewegen.

- Sehr steile Hänge sind erosionsanfällig, was durch eine Düngung noch verstärkt würde. Dünger vergrössern einseitig das oberirdische Wachstum, nicht aber das Wurzelwachstum.

- Auf steinigen, flachgründigen Böden kann gar nicht viel (Fressbares) wachsen.

Weidepflege
Die beste und sinnvollste Weidepflege ist auf jeden Fall eine massvolle, standortgemässe und geregelte Nutzung. Sowohl unsachgemässe Düngung (vor allem Stickstoff), als auch Über- und Unterbeweidung fördern die Verunkrautung der Flächen. Besonders gefährdet sind nasse, überdüngte, sowie magere Weiden auf saurem Boden.

Wichtig ist eine Unterteilung der Weideflächen in mehrere kleine Schläge. Für Rinder dürfen diese nie parallel zu den Höhenlinien angelegt werden, sondern vertikal. Schafe hingegen haben die Tendenz immer oben am Zaun zu weiden. Daher sollte man diese Weideeinteilungen parallel zum Hang legen.

Zu Beginn der Alpzeit sollen alle Weiden auf einer Höhenstufe innerhalb von 3 Wochen in einem ersten Rundgang nicht zu gründlich abgeweidet werden, da die Pflanzen im Vorsommer noch besser nachwachsen. Im Zweiten Durchgang sollte dann gründlich abgeweidet werden.

Alpen unter 1800 m sollen im Frühjahr früh genug bestossen werden, da sonst die Gefahr von überständigem Futter besteht, das nicht mehr gut abgeweidet wird. Im Herbst hingegen sollte man nicht zu lange auf der Alp bleiben, da die Pflanzen auch eine Regenerationsphase brauchen. Sie wachsen nur bis Ende August und können bei zu langer Beweidung keine Reserven mehr anlegen. Aus diesem Grund ist es auch ganz schlecht, Kuh- und Rinderalpen im Herbst noch mit Schafen nachzuweiden.

Borstgras weiden sollten, im Frühjahr früh beweidet werden, da junges Borstgras noch gefressen wird, und die Borstgrasbestände so etwas zurückgedrängt werden können, 10 bis 20 Prozent Borstgrasanteil in der Weide sind sogar gut, da es ein sehr trittfestes Gras ist.

Heidekraut und Wachholder gedeihen meist auf Flächen, die sehr exponiert und im Winter oft schneefrei sind. Auf solchen Kuppen können keine anderen Pflanzen gedeihen, daher ist an solchen Standorten das Bekämpfen nicht sinnvoll.

Es ist nicht sinnvoll auf der Alp jede Ecke nutzen zu wollen. Bereiche ohne direkten landwirtschaftlichen Nutzen sind für ein stabiles Lebensverbundsystem ebenso wichtig. Ausserdem erfreut man sich ja gerade an solchen Bereichen, diese machen einen grossen Teil der Arbeitsqualität auf den Alpen aus.

Alle Pflegemassnahmen bedürfen einer gewissen Kontinuität, Zeit und Geduld sind angesagt, es dauert meist einige Jahre, bis Verbesserungen sichtbar werden.

Tips zu einigen unerwünschten Weideunkräutern
Alpenblacke. Sie ist ein Bestandteil der Viehlägerstellen und wächst nur auf überdüngten Flächen, da sie sehr nährstoffbedürftig ist. Die Bekämpfung direkt bei der Hütte ist nicht sinnvoll, da dort durch die starke Beanspruchung keine guten Futtergräser gedeihen können. Blacken sollten jedoch an der Verbreitung auf den Weideflächen gehindert werden. Man kann sie vor der Versamung abschneiden (auch als Schweinefutter verwendbar). Einzelstöcke auf der Weide können ausgestochen werden (Blackenstecher).

Alpenkreuzkraut. Es ist ebenfalls eine Viehlägerpflanze und ist sowohl frisch als auch getrocknet, tödlich giftig für die Kühe und Rinder. Auf der Weide wird es nicht gefressen, Schnittgut muss jedoch entfernt werden! Eine Bekämpfung ist hier ebenfalls nur ausserhalb der Lägerstellen sinnvoll (abschneiden). Das Alpenkreuzkraut ist in den Nordalpen beheimatet, im Bündnerland ist es eher selten.

Weisser Germer. Er ist ein Zeichen für zu wenig und zu spät genutzte Alpweiden. Zur Bekämpfung müssen die Pflanzen über mehrere Jahre hinweg zweimal jährlich geschnitten werden. Das Schnittgut sollte zusammengenommen werden, da der Germer giftig ist. Bei blühenden Pflanzen kann man sich das Abschneiden sparen, da der Germer ca. 8 Jahre wächst, dann blüht und abstirbt.

Gutes Futter
Muttern. Das ist eine hocharomatische Pflanze und wohl die beste Futterpflanze. Sie kommt erst in höheren Lagen ab ca. 1600 m vor, vor allem in Schneemulden. Sie hat einen massigen Nährstoffbedarf.

Alpenrispengras. Es ist ein sehr gutes Futtergras. Gräser werden allgemein lieber gefressen, wenn sie noch jung sind. Wenn sie Halme bilden werden sie schnell zu zäh und dann gemieden.

Milchkrautweide. Sie ist eine gute, ertragreiche Alpweide und enthält unter anderem Kleearten, Löwenzahn, Goldpippau und Frauenmantel.

Es gibt noch viele andere ..........

Düngung der Alpweiden
Stalldünger. Mist und Gülle fallen auf der Alp selber an, ihre Verwendung ist daher am Naheliegendsten und auch ökologisch am Sinnvollsten.

Gülle. Sie darf nur auf intensiv genutzten Weiden, z. B. Nachtweiden ausgebracht werden. Am besten geeignet ist eine gut belüftete und gerührte Gülle mit Zusatz von Strohmehl, um die aerobe Gärung zu fördern. Die Gülle muss immer gut mit Wasser verdünnt werden: 1 Teil Gülle und 2 bis 3 Teile Wasser. Die gleiche Fläche sollte nicht 2 mal pro Saison gedüngt werden. Nach dem Güllen sind mindestens 3 Wochen Wartezeit erforderlich. Gülle wirkt relativ aggressiv und ist nur gut verdünnt anzuwenden.

Mist. Er ist der geeignetste Dünger auf den Alpen. Mist wirkt indirekt, da bodenverbessernd. Er wirkt weniger aggressiv als Gülle. Ein Strohanteil im Mist ist wegen der Belüftung wichtig. Mist ohne Stroh wirkt wie Gülle. Am besten ist es, erst zweijährigen Mist auf die Weide zu bringen.

Problematik. Bei der jetzt noch gängigen Subventionierungspraxis werden auf den Alpen Güllekästen vorgeschrieben, obwohl die Gülle erwiesenermassen nur sehr bedingt zur Düngung geeignet ist. Hier wäre es wichtig, dass auch wir zur Änderung dieser Praxis beitragen! Zudem gibt es ja sicher genug Alpen, auf denen die Güllekästen einfach überlaufen, oder die Gülle mehr oder weniger direkt in den nächsten Bach abgelassen wird, was saublöd, da extrem wasserverschmutzend, ist. Da wir nun schon bei den Schweinen sind, ist noch anzumerken, dass es durch die anfallende Schotte auf den Kuhalpen ebenfalls grosse Probleme mit der Wasserverschmutzung gibt. Daher ist es wichtig, genügend Schweine auf der Alp zu haben, die die Schotte verwerten können. Ausserdem gibt es dann im Herbst feines Fleisch.

Handelsdünger. Es sollen allerhöchstens Phosphor und Kali ausgebracht werden und zwar in grossen Zeitabständen (alle 8 Jahre). Diese fördern Kleearten, die auch nach dem Blühen von den Tieren noch gefressen werden. Im Gegensatz zu Gräsern (die Stickstoff lieben) werden, Kleearten nicht überständig. Stickstoff darf niemals eingesetzt werden, da dieser erstens natürlicherweise schon genügend vorhanden ist und zweitens nur zu einem schnelleren Graswachstum führt, wodurch dieses schnell überständig und nicht mehr gefressen wird. Daraus folgt eine Verschlechterung der Weidequalität.

Alpen, sollen nur mit Mist, allenfalls mit Gülle gedüngt werden und nur auf intensiv genutzten Flächen. Hierzu gibt es eine positive Meldung aus dem Kanton Glarus, wo die Landsgemeinde im Mai 1990 gegen die Empfehlung von Regierung und Kantonsparlament eine Verschärfung des neuen Alpgesetzes gutgeheissen hat, wonach keine alpfremden Dünger (Kunstdünger und Klärschlamm) mehr verwendet werden dürfen.

Diesen Sommer auf der Alp
Im Hinblick auf diese Alpsaison scheint uns das Gespräch über diese Fragen mit den Bauern und Verantwortlichen wichtig, damit wir gemeinsam in den nächsten Jahren eine alpgerechte Verbesserung der Weiden erreichen. Damit leisten wir einen Beitrag zur Erhaltung der Alpen als wertvollen Kulturraum.

Literatur:
• im Mai/Juni erscheint eine Sondernummer der Zeitschrift DER LANDFREUND zum Thema
• W. Dietl. standortgemässe Verbesserung und Bewirtschaftung von Alpweiden, 1979 Birkhäuser Verlag
• W. Dietl/Leo Lienert, Alpwirtschaft und Landschaftspflege im Gebiet Glaubenbüelen, Herausgegeben vom Oberforstamt Obwalden, Sarnen 1972
• Hans Weiss, Die friedliche Zerstörung der Landschaft
 

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